Vorschlag eines hegelianischen Marxismus - I. Politische Ökonomie - Text

De Carlos Pérez Soto
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I. Politische Ökonomie

1. Erkenntnistheoretische Differenzierungen

a. Der Kontext

Ein (marxistischer) VWL-Professor hat mich bei einer Gelegenheit, nicht ohne eine gewisse Vehemenz, zurechtgewiesen: „Marx hat keine Politische Ökonomie geschrieben, was er gemacht hat ist eine Kritik der Politischen Ökonomie“. In dem, was seine Behauptung an Wahrem enthält, sowie in dem enormen Maß, in dem sie verschweigt (und auch in seiner Vehemenz), ist sehr viel wichtiger Inhalt zu entfalten.


Einerseits ist es, strikt gesehen, wahr, dass Marx eine Kritik der Politischen Ökonomie entwickelt hat. Andererseits ist es ebenso wahr, dass sich die Art und Weise und – mehr noch – das Fundament und der Zweck seiner Kritik sehr von der unterscheiden, die in der gleichen Epoche von Theoretikern wie Say, Cournot oder Stuart Mill getätigt wurde, ebenso wie von jener, die Historiographen der von Schumpeter scholarisierten und disziplinierten Wirtschaftstheorie anerkennen oder anerkennen wollten.[1]


Die Wirtschaftswissenschaften sind unter den Sozialwissenschaften, vielleicht wegen ihres Anspruchs, den „harten“ Wissenschaften zu ähneln, diejenigen gewesen, die ihre Konstituierung als Disziplin seit Mitte des XIX. Jahrhunderts am wenigsten gewürdigt haben. Unter den Ökonomen und selbst unter ihren Historiographen herrscht eine Atmosphäre, die jener unter Physikern oder Chemikern gleicht, für die der Weg von Lavoisier zu Prigogine einfach ist, mehr oder weniger linear und ausschließlich kumulativ. Auf diese Weise wären die Überlegungen eines Quesnay oder eines Smith der Ursprung einer Tradition, die sich – ohne größere Bruchstellen und desto weniger epistemologische Sprünge – darauf beschränkt hätte, ihr empirisches Spektrum zu erweitern, ihr analytisches Werkzeug zu entwickeln und ihre zeitweiligen Grenzen und Mängel selbst zu korrigieren. Das geht so weit, dass die an den ökonomischen Fakultäten vorherrschenden Denkströmungen sich darin gefallen, sich selbst als „neoklassisch“ oder „neoliberal“ zu bezeichnen.[2]


Das große philosophische und methodologische Problem, das unter diesem künstlichen Anspruch auf Kontinuität verborgen wird, ist die große Bedeutung der damaligen Umwandlung des modernen Wissens über die Gesellschaft in wissenschaftliche Disziplinen, die als Gesellschaftswissenschaften zusammengefasst werden.


Es handelt sich hierbei um eine Umwandlung, die in der Soziologie und der Psychologie nicht nur von deren eigenen Theoretikern klar hervorgehoben, sondern auch mit einem gewissen Stolz verkündet wird, wobei man ihr einen Gründungscharakter zuspricht. Es handelt sich um den Unterschied zwischen einer möglicherweise bei Machiavelli, Hobbes oder Hume existierenden Soziologie, die als „philosophisch“ stigmatisiert wird, und der „wirklich wissenschaftlichen“, bei der es sich um die von Durkheim, Weber oder Merton handeln soll; oder um den vollkommen analogen Unterschied zwischen der Psychologie eines Descartes, Kant (seine Anthropologie) oder Spinoza (seine Ethik) und, auch hier, jenen anderen, welche doch dem Modus genügen und den Status wissenschaftlicher Forschung innehaben würden, nämlich bei Pawlow, Watson, Hebb oder Skinner.


Wenn wir die scheinbare Kontinuität der akademischen Ökonomie mit diesen wahren Feiern des Bruchs und der Neugründung vergleichen, können wir nicht umhin, zum Schluss zu gelangen, dass es sich bei der Ökonomie um die am stärksten naturalisierte Disziplin des bürgerlichen sozialen Wissens handelt. Bis zu dem Extrem naturalisiert, dass es seit Ende des XVII. Jahrhunderts keinerlei andere Weiterentwicklung in ihre gibt, als ihre empirische Anwendung oder die formelle Verfeinerung ihrer Aussagen.


Der erkenntnistheoretische Mittelpunkt der Umwandlung des Wissens in einen Beruf, der mit den Disziplinen der Sozialwissenschaften entsteht[3] besteht in der Verdrängung des Kommentators, der sich auf verschiedenen Feldern auskennt, mit ziemlich informellem Beobachtungswerkzeug ausgerüstet ist, sich aktiv und ausdrücklich auf breit angelegte philosophische Begrifflichkeiten stützt und sich als unmittelbar Teilnehmender der kommentierten Realität fühlt und in ihr involviert ist (wie Machiavelli, Locke, Hobbes, Burke oder Hume), durch den Wissenschaftler, der zu einem Spezialisten wird, der Anstrengungen unternimmt, um sein methodologisches Instrumentarium explizit anzugeben und zu formalisieren, der damit prahlt, sich von der „Metaphysik“ unabhängig gemacht zu haben und der verkündet, er stehe als schlichter Techniker, in einer ethisch neutralen Stellung vor der von ihm beschriebenen gesellschaftlichen Realität (wie es bei Cournot, Durkheim, Wundt, Saussure, Walras oder Schumpeter der Fall ist).


In der Praxis verdecken diese Verdrängungen nur die Sicht auf das philosophische Fundament des modernen Wissens über die Gesellschaft, sie naturalisieren diese bis zu einem Punkt, an dem sie zu Feldern von Fakten werden, welche angeblich auf rein objektive Weise erkannt werden können, und proklamieren dieses neue Wissen, das „jetzt wirklich“ authentisch wissenschaftlich sei, als technische Quelle für die praktische Intervention, welche bezüglich der Konflikte, auf die sie einwirken, in reinster Form neutral seien.


Vielleicht ist es gerade diese Auslassungsoperation, dieses Inklammernsetzen der Grundlagen, die, zu Sebstverständlichkeiten erhoben, damit auch aus der Schusslinie des Kontroversen, des Infragestellbaren entfernt werden, was die Ökonomen luxuriös dazu befähigt, ihre Annahmen stets unbedeckt zu halten. Schließlich gilt es, die patriarchalischen, eurozentrischen, individualistischen Inhalte, die in der Grundlagen der Psychologie, der Soziologie oder der Linguistik allgegenwärtig sind, auf zweckmäßige Weise in der angeblichen ethischen Neutralität zu verdunkeln, weil sie in der gesellschaftlichen Realität unmittelbar angefochten werden. Der Gesellschaftswissenschaftler vermeidet es, sich ausdrücklich zu diesen Konnotationen zu äußern, indem er sich in seinen Charakter als „neutraler“ reiner Techniker flüchtet, und bekräftigt sie gleichzeitig, er folgt ihren Konsequenzen und nimmt sie in Schutz, in der scheinbaren Selbstverständlichkeit des Angenommenen.


Auf dem Gebiet der ökonomischen Realität behält die Hegemonie des bürgerlichen Gedankenguts auf praktischem Gebiet ihre volle Wirksamkeit bei und wird ohne Scham im Bereich der Theorie als Selbstverständlichkeit dargestellt. Niemand kann sich in der Psychologie, Soziologie oder Anthropologie ausdrücklich als Hobbesianer, Malthusianer oder Utilitarist bezeichnen, ohne hinsichtlich seines „neutralen“ professionellen Image irgendwelche Kosten einzustecken. Aber keinem Wirtschaftswissenschaftler ist es unbequem, ganz im Gegenteil, von „menschlicher Natur“ zu reden, oder dieser vermeintlichen Natur egoistische, aggressive, auf Konkurrenz orientierte, individualistische oder patriarchale Charakterzüge zuzuweisen. Für die Wirtschaftswissenschaftler haben Kant, oder Hegel, haben Wittgenstein, Heidegger, Schopenhauer, Schiller, Freud ... nie existiert, um nur einige der Denker zu nennen, die über solche Annahmen hinausgegangen sind.


Im Rahmen der vorherrschenden Disziplin der Wirtschaftswissenschaften spielt die Verdrängung des philosophisch gebildeten Beobachters, der im Kontext der von ihm beschriebenen Realitäten Partei ergreift, nicht so sehr den Charakter einer abrupten Unsichtbarkeit oder Auslassung (wie es bei Parson, Luhmann oder Kelsen der Fall ist), sondern eher den einer Verdichtung auf die zwei, drei Anfangsseiten jedes wirtschaftswissenschaftlichen Traktats, auf denen die „Selbstverständlichkeiten“ aufgezählt werden, über die danach an keiner Stelle eine Diskussion geführt wird: die Menschen haben natürliche Bedürfnisse und verhalten sich auf individualistische und utilitaristische Art und Weise, um diese zu befriedigen..., usw. Das Ergebnis dieser philosophischen Schamlosigkeit ist dasselbe wie das der in anderen Gesellschaftswissenschaften betriebenen Verdunkelung: wesentliche und substantielle Teile der theoretischen Annahmen verlassen das Feld dessen, was zur Diskussion gestellt werden kann.


In Anbetracht dieser erkenntnistheoretischen Verlagerungen, durch die das klassische philosophische Fundament der Moderne beibehalten wird, könnte man ausgehend von Marx' Werk sagen, dass der Zyklus von Ökonomen, der mit Say und Cournot beginnt und sich dann mit Jevons und Walras fortsetzt, ebenfalls eine „Kritik der Politischen Ökonomie“ darstellt, die sich freilich sehr von der unterscheidet, die Marx anstellt.


Vor Marx und Cournot bezeichnete der Ausdruck „Politische Ökonomie“ die Tradition wirtschaftswissenschaftlicher Überlegungen, an der, seit William Petty, Briten, Franzosen und einige Deutsche beteiligt gewesen waren. Darunter die wichtigsten: Francois Quesnay und Jean Charles Leonard, Graf von Sismondi unter den Franzosen, Adam Smith, Thomas Malthus und David Ricardo unter den Briten, sowie noch Georg Friedrich List und Adolph Wagner unter den Deutschen.


Aus dem Blickwinkel der sozialwissenschaftlichen Disziplinen vollführen die Werke von Say, Cournot und Jevons einen authentischen Übergang von einer Politischen Ökonomie zu einer Wissenschaftlichen Ökonomie. Einen Übergang, der sie in die vielleicht „wissenschaftlichste“ dieser Disziplinen verwandelt, wäre es nicht um andere Extreme, wie der radikale Behaviorismus in der Psychologie, der soziologische Formalismus Luhmanns, oder der Strukturalismus in der Linguistik. Niemand scheint in Zweifel zu ziehen, dass ein zur Schau gestellter Einsatz ausgeklügelter mathematischer Techniken und ein angeblich neutraler technischer Jargon dazu führen, dass eine Wissenschaft zur „harten Wissenschaft“ wird, trotz der pompösen Ineffektivität solcher Techniken, um weder die minimalsten Preisschwankungen vorherzusagen, noch die katastrophalsten globalen Krisen, sowie der seltsamen Leere des technischen Jargons, der aussagt, was alle wissen, in einer Weise, die niemand versteht.


Was wir in dieser Wissenschaftlichen Ökonomie vorfinden, ist eine Kritik der Klassischen Politischen Ökonomie, die das aussetzt und auslässt, was diese an „Politischem“ an sich hatte und so die theoretischen Grundlagen und ihre ausdrücklichen Verbindungen mit der Welt der Politik, welche alle und jeder einzelne der klassischen Ökonomen für wesentlich hielt, aus der kritischen Diskussion heraus retten. Über Ökonomie zu diskutieren, ohne dabei über Politik zu diskutieren, das hätte gerade Adam Smith für Unsinn gehalten, der nicht zuletzt seine Überlegungen zum Reichtum der Nationen als eine Abhandlung über Ethik einstufte. Und begehen wir nicht den Fehler, das als „Politik“ zu bezeichnen, was die Finanzminister „Wirtschaftspolitik“ nennen, wo es doch gerade sie sind, die immer wieder unterstreichen, dass sich der gesamte Inhalt ihres Ressorts auf „technische und nicht politische“ Probleme bezieht.


Die fälschlicherweise unter den ideologischen Voraussetzungen der Wissenschaftlichkeit der Disziplinen entpolitisierte Wissenschaftliche Ökonomie erfüllt ihren Zweck, bei dem es sich um nichts anderes handelt, als um die Erhaltung, die Ermächtigung, die Protektion der Hegemonie der bürgerlichen Interessen auf diesem Wissensgebiet. Im Vergleich zu ihr, behält Marx' Kritik der Politischen Ökonomie den zutiefst und ausdrücklich politischen Geist der klassischen Ökonomie gerade bei, aber indem sie ihn radikal ob ihrer Inhalte anficht. Und aus dieser Anfechtung entspringen epistemologische Differenzen, die ich zu erklären versuchen werde.


Aus diesem Theoriespektrum geht also die Unterscheidung dreier Termini hervor: die Klassische Politische Ökonomie (die in den Fundamenten der gegenwärtigen Disziplin vollkommen präsent ist), die von Marx formulierte Politische Ökonomie, sowie die Ökonomie, die ich „Wissenschaftlich“ nennen werde, weil sie es streng gesehen tatsächlich ist, oder „Konventionell“, weil sie es ist, die normalerweise an den Fakultäten für Wirtschaftswissenschaften gelehrt wird.


In Zusammenhang mit dieser Triangulierung werde ich die grundsätzlichen Probleme der Klassischen Politischen Ökonomie erst unter den philosophischen Betrachtungen angehen, die ich in Kapitel IV den Begriffen von Wert, Wunsch und Bedürfnis widme. Daher bezeichnet von hier an der Ausdruck „Politische Ökonomie“ immer die Marxsche und jedes Mal wenn es notwendig sein sollte, sich auf deren Vorläufer zu beziehen, werde ich das Adjektiv „Klassisch“ hinzufügen.


Was mich in diesem Abschnitt, aus politischen Gründen, am meisten interessiert, ist der Vergleich zwischen den erkenntnistheoretischen Grundlagen der von Marx vorgeschlagenen Ökonomie und denen der konventionellen Wirtschaftswissenschaft, die meistens so gelehrt wird, als ob es sich um die einzig mögliche handeln würde.


b. Die Differenzen

Es gibt grundsätzliche erkenntnistheoretische Differenzen, welche die allgemeine philosophische Herangehensweise betreffen, mit der das Thema der Ökonomie angegangen wird, und andere, davon abgeleitete, die sich in besonderen methodologischen Differenzen niederschlagen, in der Art und Weise, besondere Probleme zu formulieren und anzugehen.


Unter den ersteren sticht, als erster großer Unterschied, die komplette Historisierung des menschlichen Handelns hervor, die sich der Naturalisierung der Ursachen des Handelns der Wirtschaftsakteure direkt entgegenstellt. In Marx' Gedankengang gibt es schlicht und einfach keine „menschliche Natur“, die auf dem klassischen metaphysischen Hintergrund zu berücksichtigen wäre, oder unter der Form irgendwelcher „biologischer Grundlagen des Verhaltens“, wie in der Psychiatrie gebräuchlich, oder wie es in der Ökonomie selbst geschieht, wo an die Drift in der natürlichen Auslese appelliert wird, oder an die Ethologie, um die grundlegenden Verhaltensweisen der Verbraucher zu erklären. All die empirischen Situationen, die von den wissenschaftlichen Ökonomen immer wieder auf rituelle und dämliche Weise wiederholt werden, der Egoismus, die Genusssucht, das Konkurrenzdenken und der utilitäre Geist sind, für Marx, eher Folgen als Ursachen der Situation, die sie zu erklären versuchen, und können bei Veränderungen der sie bedingenden geschichtlichen Umstände verschwinden.


Eine zweite Serie von Differenzen leitet sich daraus ab, dass die marxistische Ökonomie eine globale, auf der Idee des Tauschwerts fußende Analyse darstellt, die bezüglich des kapitalistischen Gesamtsystems starke historistische Züge aufweist. Marx ist daran interessiert, das Phänomen der kapitalistischen Ausbeutung zu verstehen, wofür er Überlegungen anstellt, die sich auf den Bereich der Warenproduktion und die historischen Subjekte, die sozialen Klassen, beziehen, welche einander auf diesem Gebiet gegenüberstehen. Die wissenschaftliche Ökonomie hat stattdessen, in ihrer Fixierung auf die Idee des Preises, wirtschaftliche Berechnungen zum Ziel und Zweck, wofür sie sich auf die Prozesse der Warenzirkulation konzentriert und dabei ständig zwischen zwei analytischen Ebenen unterscheidet, der Mikro- und der Makro-Ökonomie, welche zu keinem Zeitpunkt zu einer globalen Analyse zusammenkommen. Für diese Analyse sind die ökonomischen Agenten schlicht individuell, oder solche Kollektive, die nie als authentisch historische Subjekte anerkannt werden. Die Geschichte ist reduziert worden, auf ihre einfache Form einer zeitlichen Abfolge, es Ablaufs, als unabhängige Variable und die widersprüchlichen Effekte von lokaler Handlung und globalen Resultaten, die sich Marx unter „Entfremdung“ zu behandeln bemühte, werden einfach nicht berücksichtigt, oder als bezüglich des Wirtschaftssystems externe Variablen gesehen.


Dieser tiefgreifende Unterschied, was die allgemeine Herangehensweise betrifft, enthält seinerseits einen dritten, der nun unmittelbar das Fundament und die Projektionen betrifft, die ausgehend von der jeweiligen Position getroffen werden können. Während die wissenschaftliche Ökonomie sich nach einem strikten methodologischen Individualismus richtet, für den die „gesellschaftliche“ Aktion nichts weiter ist, als das Resultat einer Menge von Handlungen vieler Individuen, geht die marxistische Ökonomie von ganzen Gesellschaftsgruppen, den Klassen, aus, die sie als Subjekte betrachtet und untersucht. Und das bedeutet, in ersterer ist das Individuum, wenn auch strikt eingeschränkt durch die Bestimmungen der „menschlichen Natur“, das Subjekt der Freiheit. In letzterer sind es dagegen die sozialen Klassen, die das Subjekt einer historisch bedeutsamen Freiheit sind, nur eingeschränkt durch die Vergegenständlichung der von ihnen selbst erzeugten gesellschaftlichen Beziehungen, während die individuelle Freiheit eher ein Projekt ist, eine große historische Aufgabe, deren Inangriffnahme zwar unter bürgerlicher Hegemonie begonnen wurde, die aber unter der Herrschaft der Bourgeoisie nicht voll und ganz realisiert werden kann.


Die wichtigste politische Konsequenz dieser Grundlagen ist, dass es Marx nicht so sehr um eine Kritik der Bereicherung oder des Missbrauchs durch bestimmte ökonomische Akteure geht. Sein Argument richtet sich auf globale Weise gegen die Aneignung von Mehrwert, die von der Bourgeoisie als Ganzes, als Klasse, gegen das Proletariat als Klasse ausgeübt wird. Die kapitalistische Ausbeutung ist, in Marx' Begriff, nicht eigentliche eine zwischenmenschliche Beziehung, sondern, im wahrsten Sinne des Wortes, ein gesellschaftliches Verhältnis, eine Beziehung zwischen historisch bestimmten gesellschaftlichen Subjekten.


Auf methodologischem Gebiet wirken sich diese Differenzen vor allem bei der Untersuchung von Wert und Preis aus. Für Marx ist der Wert eine empirische Variable, aber eine globale und historische. Ihre Größe muss unter Betrachtung sehr umfangreicher Produktserien, oder ganzer Produktionszweige untersucht werden und kann nur mittels einer statistischen Gewichtung der darin eingehenden Produktionsfaktoren bestimmt werden. Der Preis ist stattdessen eine empirische Variable, aber eine örtlich und zeitlich bestimmte und seine Untersuchung erfordert keine größeren Anstrengungen als die einfachen Statistiken, die mit seinen unmittelbaren Größen auf dem Markt zu jedem beliebigen Zeitpunkt angestellt werden können. Wie ich später noch genauer formulieren werde, dreht sich Marx' gesamter Gedankengang um die Idee des Werts, die ihm seine formelle Validierung verleiht, sowie um die historischen Konsequenzen von dessen Bewegung, weswegen für seine globale argumentative Gültigkeit eine Schritt für Schritt erfolgende Konvertierung der Werte in die Preise nicht erforderlich ist, als die sie sich im alltäglichen Wirtschaftsleben äußern.


Die Situation und das methodologische Muss sind in der konventionellen Ökonomie gänzlich unterschiedlich. Einerseits benötigt sie, in dem Maße wie sie sich pragmatischen Wirtschaftsberechnungen widmet, eine unmittelbare empirische Beobachtung der Preise und steht unter dem Zwang, Regeln und Gesetze über diese zu formulieren. Andererseits und insoweit wie sie jegliche politische Betrachtung zur Ausbeutung unterlässt, braucht sie nicht über die Relativität und die Bewegung des Werts nachzudenken, um ihre Ziele zu erreichen. Deshalb ist es gängige Praxis in der konventionellen Ökonomie, schlicht und einfach beide Variablen zu identifizieren (der Preis sei dasselbe wie der Wert), ohne sich deren erkenntnistheoretischen Unterschied einzugestehen.


In Anbetracht dieser Praktiken, welche die zentrale methodologische Frage komplett vom Bereich der Produktion in den Bereich der Warenzirkulation verlagert, gibt es eine lange Tradition marxistischer Ökonomen, die unter dem Druck, ihre Legitimation gegenüber der „wissenschaftlichen“ Ökonomie zu verbessern, versucht haben, Formeln zu finden, die es gestatten könnten, die (orts- und zeitgebundenen) Preise aus dem Wert (einer historischen und globalen Variable) zu berechnen. Dieses Problem der „Konvertierung des Werts in Preise“ ist von einigen gar als das zentrale Problem der marxistischen Ökonomie bezeichnet worden. Meine Meinung, die ich weiter unten ausführlicher darlegen werde, ist, dass es sich um ein fiktives, oder zumindest unnötiges Problem handelt. Einerseits ist es ein erfundenes Problem, denn es entsteht daraus, den erkenntnistheoretischen Unterschied zwischen beiden Variablen nicht anzuerkennen (wie es die bürgerlichen Ökonomen tun). Andererseits ist es unnötig, denn die globale und historische Gültigkeit der Marxschen Argumente hängen nicht davon ab, ob eine solche Konvertierungsformel gefunden werden kann.


Ebenfalls auf der methodologischen Ebene ist eine zentrale Konsequenz dieser tiefgreifenden Unterschiede, was die Fundamente betrifft, dass die marxistische Ökonomie eine überzeugende theoretische Erklärung der zyklischen kapitalistischen Krisen anbieten kann, eine Erklärung mit großer Vorhersagekraft auf historischem Niveau.


Es ist offenkundig, dass die wissenschaftliche Ökonomie systematische Schwierigkeiten damit gehabt hat, das Problem der allgemeinen Krise anzugehen. Es handelt sich um ein Thema, das bis vor nur etwa zwanzig Jahren von der Hauptströmung der Disziplin vor sich her geschoben wurde. Eine bemerkenswerte und seltsame Angelegenheit: während es empirisch feststellbar ist, dass die zyklischen Krisen des Kapitalismus unter seinen Systemeigenschaften diejenige ist, die auf allen Ebenen die größten Auswirkungen hat, verschob die diesem Thema gewidmete Wissenschaft ihre Untersuchung um historische Zeiträume, bis sie die Häufigkeit und die Schwere der Finanzkrisen erreicht hatten. Bis heute gibt es jedoch keine einzige Theorie, die diese Krise aufgrund rein interner Mechanismen erklärt. Ihre Ursachen werden immer als extern und kontingent hinsichtlich des Systems als Ganzem gesehen. Trockenheit, Stürme, eine konjunkturelle Rohstoffknappheit, Panik der Investoren. Immer wieder konzentrieren die wissenschaftlichen Ökonomen ihre Analyse auf die Peripherie.


Ganz im Gegenteil ist der Ausgangspunkt von Marx die Idee, dass das globale Wirtschaftssystem historisch instabil ist. Und seine Instabilität rührt aus seinen tieferen strukturellen Bedingungen: sie ist das Resultat eines Prozesses, in dem individuelle, ursprünglich ungleiche Wirtschaftsakteure untereinander auf einem Markt konkurrieren, der für jeden Einzelnen undurchsichtig ist und auf dem jeder, aufgrund der Konkurrenz, daran interessiert ist, diese Undurchsichtigkeit zu verewigen.


Während die wissenschaftlichen ökonomischen Theorien sich darauf versteifen, das Dogma des Gleichgewichts in ihr Fundament einzubinden, bezüglich dessen Verlust sie nur externe Erklärungen anbieten können (nie ist das System selbst für seine Krisen verantwortlich), oder rein deskriptive (man erklärt einfach nichts), ohne irgendwelche Fähigkeit zur Vorhersage, weder lokal, noch auf historischer Ebene, kann Marx' Theorie, in der das Ungleichgewicht eine anfängliche Gegebenheit ist, einen internen, strukturellen Erklärungsmechanismus anbieten, aus dem eine klare Projektion bezüglich des globalen Schicksals des Kapitalismus folgt.


Ich vertrete die Meinung, dass Marx' Theorie der zyklischen Krisen bis heute nicht widerlegt worden ist, möglicherweise wegen des traurigsten aller möglichen Gründe. Ganz einfach weil sich niemand in ihrem eigenen Rahmen mit ihr auseinandergesetzt hat. Die Werttheorie ist ausgehend von einer unterschiedlichen erkenntnistheoretischen Basis kritisiert worden, als der, in deren Rahmen sie entstand. Es wurden externe und kontingente Verantwortliche aller Art für das gesucht, was offenkundige Realität ist. Es wurde sogar auf die Chaostheorie zurückgegriffen um zusammenfassen zu behaupten: die Realität chaotisiert von sich aus und für sich, es bricht irrational das Irrationale ein. Ohne es zu keinem Zeitpunkt zu wagen, anzuerkennen, was für Marx fast axiomatischen Charakter besaß: eine Wirtschaft der individuellen Akteure, in Konkurrenz, auf einem undurchsichtigen Markt und ursprünglich ungleich, das kann nur zum Ungleichgewicht führen. Das Ungleichgewicht muss eine strukturelle Eigenschaft dieses Systems sein.


Hinsichtlich der Theorieentwicklung beider Perspektiven führt uns dies zu einem weiteren bemerkenswerten Unterschied. Bei keiner Gelegenheit greift Marx auf Modelle einer perfekten Konkurrenz, oder überhaupt auf allgemeine und abstrakte Modelle jeglicher Art zurück. Seine Politische Ökonomie ist positioniertes Wissen. Sein Ausgangspunkt ist eine bestimmte Menge empirischer, historisch realer Situationen und nur auf dieser Basis steigt er auf zur Abstraktion.


Die ursprüngliche Kapitalakkumulation, die ungleiche Entwicklung der Technik, der einzelnen Nationalökonomien, der Unternehmen ein und desselben Produktionszweigs, die Notwendigkeit der technologischen Entwicklung als inneres Element der Konkurrenz, das sind für Marx alles Ausgangspunkte. Selbst das Machogehabe, als real vorherrschendes kulturelles Element, ist für Marx eine interne Variable, womit es ihm gelingt, die Integration der Frauen in die industrielle Arbeitskraft zu erklären, mit dem Ziel, den Mehrwert auf absolutem Weg zu erhöhen.


Man kann feststellen, dass bei Marx immer historisch-kulturelle Ursachen am Wirken sind, während die wissenschaftliche Ökonomie nicht nur den Ursachen und Erklärungen ausweicht und dabei dazu tendiert, auf einer beschreibenden Ebene zu verharren, sondern dass sich dann, wenn sie sich auf eine erklärende Ebene vorwagt, die benannten Ursachen immer auf dem Gebiet der Natur zu finden, oder aber rein konjunkturell sind.


Geradezu im Gegensatz zu Marx' historistischem Vorgehen, geht die wissenschaftliche Ökonomie, wie die Physik, von abstrakten und allgemeinen Modellen aus und fügt erst danach die Variablen, die „Unvollkommenheiten“ hinzu, die dazu führen, dass die Kapitalisten nie so untereinander konkurrieren, wie es die ästhetisch anspruchsvollen Konkurrenzmodelle vorsehen und als wünschenswert darstellen. Die Tatsache, dass die gegenwärtige wissenschaftliche Ökonomie auf Chaostheorien zurückgreift, ist in gewisser Hinsicht das Extrem dieser aufgeklärten Entfremdung, für welche die Realität ausschließlich mit mathematischen Zeichen beschrieben werden muss. Wie zeitgenössische Physiker und Meteorologen bereits sehr wohl erkannt haben, existieren solche mathematischen Formeln vielleicht, aber sie übertreffen um ein Vielfaches alles, was die raffinierteste Mathematik und die komplexesten Computersysteme erreichen können. Und wenn dies täglich für komplexe Systeme wie Klima, Erdbeben oder Herzinfarkte bestätigt wird, dann erscheint es nur plausibel, die um so mehr für solche Systeme anzunehmen, in denen die Freiheit des Menschen mit eingreift, wie es par excellence im System der Ökonomie der Fall ist. Dies, was Hegel bereits wusste, ist, ausgehend von rein philosophischen Voraussetzungen, für Marx selbstverständlich. Die globale und historische Komplexität des Wirtschaftssystems kann nur auf globale und historische Weise angegangen werden. Hierin besteht der zentrale methodologische Unterschied zwischen beiden Versuchen.


Wenn wir nach dem historischen Hintergrund für diese Unterschiede suchen, finden wir eine wissenschaftliche Ökonomie, die nichts anderes ist, als eine aufgeklärte Rationalisierung der Moderne oder, höchstens und unter dem Druck der Offenkundigkeit der Krise, eine neu-aufgeklärte Chaostheorie als erklärendem Faktor für das Drama des menschlichen Verhaltens. Ich vertrete die Meinung, dass man in der marxistischen Ökonomie demgegenüber eine post-aufgeklärte Theorie sehen sollte, in welcher das Wissen mit dem politischen Willen übereinstimmt, mit einem revolutionären Willen. Es ist nicht dasselbe, die Wirtschaftspolitik als ein Bündel mikro- und makroökonomischer Techniken zu betrachten, in dessen Rahmen die Meinung des „Experten“ sich über die des „Laien“ durchsetzen wird, anstatt sie als die Aufgabe zu verstehen, die sozialen Subjekte zum Bewusstsein ihrer eigenen Lage zu bewegen, ihrer strukturellen Entfremdung, und zu einer tiefen Umgestaltung ihres Lebens.


Oft haben die marxistischen Ökonomen, unter dem Antrieb der Reduktion des Marxismus zu einer einfachen Wissenschaft, versucht, sich den von der konventionellen Ökonomie diktierten Wissens- und Konkurrenzstandards anzupassen. Meiner Meinung nach handelt es sich dabei nicht nur um Versuche, die im Wesentlichen zum Scheitern verurteilt sind, sondern die damit außerdem gerade das Besondere und Wertvolle an Marx' Analyse verschmähen.


Angesichts der bestehenden, lang anhaltenden und tief gehenden Vorurteile ist es nicht unnütz, darauf hinzuweisen, dass ich beide Herangehensweisen nicht als vollständig antagonistisch einschätze. Wahrscheinlich täte es den Marxisten sehr gut, die wissenschaftliche Ökonomie mit aller Aufmerksamkeit zu studieren. Die Kunst der Wirtschaftsberechnungen zu beherrschen, bis an die von den Mythen der Disziplin gesteckten Grenzen. Ich vertrete die Meinung, dass es den konventionellen Ökonomen stattdessen sehr gut tun würde, sich danach zu fragen, ob eine unterschiedliche erkenntnistheoretische Grundlage nicht ihre eigenen Analysen verbessern helfen würde, unabhängig davon, ob sie gewillt sind, die Absicht zu teilen, die für die Formulierung jener Epistemologie ausschlaggebend war.


Und natürlich täte es den marxistischen Ökonomen, in diesen harten und grauen Zeiten voller Skepsis und Projektaufgaben, ausgesprochen gut, die spezifische, in der Politischen Ökonomie enthaltene politische Substanz anzuerkennen und weiter zu entwickeln.


Aber den komplementären Charakter der für die wissenschaftliche Vernunft typischen Analysen und jenen, die der marxistischen Argumentation eigen sind, zu unterstreichen, wie ich es bis hier getan habe, erscheint mit von einer verdächtigen Neutralität. In den bis hier getätigten Vergleichen erscheinen ein „politischer“ und ein anderer „wissenschaftlicher“, im Sinne von „technischer“ Pol. Jedem das Seine zuzusprechen, die Bereiche abzugrenzen, die Möglichkeit einer Komplementarität zu erklären, natürlich ihre gegenseitige Unabhängigkeit zu unterstreichen, das alles ist eine Übung in liberaler Toleranz, die möglicherweise jene Menschen guten Willens zufrieden stellt, die sich wahrscheinlich darüber freuen werden, zu erfahren, dass der Marxismus nicht auf die Wissenschaft verzichten kann und dass diese, ihrerseits, sehr wohl in der Lage ist, auf den Marxismus zu verzichten. Die Wissenschaft wäre dann, in dieser optimistischen Sichtweise, ein Werkzeug allgemeinen Charakters und in der Lage, vielen möglichen Anliegen zu dienen, während der Marxismus eine besondere rein wertemäßige Option sei. Es ist an der Zeit, die authentischen Unterschiede zu benennen.


Die erste Frage ist natürlich die des angeblichen Unterschieds zwischen dem „Politischen“ und dem „Technischen“. Abgesehen von ihrer möglichen Wirksamkeit, oder gar einer realen Wirksamkeit, ist der Anspruch, ein Wissen sei rein technischer Natur, nichts anderes als eine ideologische Operation. Die Angelegenheit ist eigentlich nicht, in wessen „Dienst“ eine Technik steht, das ist nicht der wichtigste Ort des Ideologismus, sondern was aus dieser Idee geschlossen werden soll. Der Gedanke von etwas „rein technischem“ beruht einerseits auf der Idee, dass es aus einen neutralen Wissen abgeleitet wurde (welches für dies oder jenes „verwendet“ werden kann) und andererseits auf der Idee, dass die Wirksamkeit aus dem Wissen entspringt, oder auch, der Idee vom Vorrang des des Wissens über die Macht (um Macht zu erlangen, müsse man zuerst über das adäquate Wissen verfügen).


Die Diskussionen in der zeitgenössischen Wissenschaftsphilosophie zeigen, dass es keine ausreichende erkenntnistheoretische Begründung dafür gibt, die Externalität des Wissens bezüglich des Kontexts der Entdeckung zu verteidigen und mit ihr, jeglichen Anspruch auf Neutralität. Nicht nur die soziologischen Beziehungen innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft habe eine tiefen Einfluss wenn es darum geht, was als wissenschaftliches Wissen akzeptiert wird, wie Kuhn, Lakatos oder Bourdieu[4] gezeigt haben, sondern die Abhängigkeit des wissenschaftlichen Wissens von den kulturellen Variablen und vom philosophischen Hintergrund, die dem historischen Umfeld eigen sind, in dem es sich entwickelt, ist auch wiederholt dargelegt worden.[5] Das wissenschaftliche Wissen entbehrt, wegen seines Ursprungs, schon vor seiner Anwendung jeglicher Neutralität. Es ist müßig, hinzuzufügen, dass diese Schlussfolgerung mit einer marxistischen Perspektive vollkommen übereinstimmt und dass sie in vielfältigen Abschnitten aus Marx' Werk angekündigt wird.


2. Werttheorie

Die marxistische Politische Ökonomie ist auf der Idee des Tauschwerts begründet, und auf der Theorie des Arbeitswerts, aus der sie hervorgeht. In diesem Abschnitt werde ich diese Begriffe ausführlicher behandeln, sowie einige Konsequenzen, die mir zur Erklärung der Marxschen Kritik an der kapitalistischen Ausbeutung wichtig erscheinen. Was das historische Wesen des Werts im Allgemeinen betrifft, so schlage ich in Abschnitt 1 von Kapitel V eine radikal anti-naturalistische und anti-utilitaristische Konzeption vor. Hier werde ich diese Grundlage voraussetzen, um mich allein auf die ökonomische Kritik an sich und deren eher politische Konsequenzen zu konzentrieren.


Bis heute haben die menschlichen Gesellschaften Dinge mit sehr unterschiedlichen materiellen Eigenschaften, Funktionen und Nutzen gegeneinander ausgetauscht (ein Schaf für einen Sack Weizen, zwei Stück Vieh für eine Ehefrau, ein Stück Land für einen Treueschwur), womit diese Gegenstände über gesellschaftlich und historisch etablierte Äquivalenz-Fiktionen[6] miteinander vergleichbar gemacht wurden.


Strikt gesehen besitzt kein ausgetauschter Gegenstand, der damit den Charakter einer Ware annimmt, einen dem Wert eines anderen, mit ihm selbst nicht identischen, äquivalenten Wert. Es existiert kein System, das die Feststellung solcher Äquivalenzen auf natürliche, objektive, von der menschlichen Geschichte unabhängige Art und Weise gestatten würde. Der Wert eines beliebigen Gegenstands ist, von sich aus, ganz einfach mit dem Wert eines anderen unvergleichbar.


Marx hat seinerzeit die Theorie geklärt und weiterentwickelt, welche festlegt, wie die Äquivalenz-Fiktion entsteht, die im Verlauf der Geschichte auf dem kapitalistischen Markt gewaltet hat, und welche Eigenschaften sie besitzt. Der Grundgedanke, der von Adam Smith stammt und Marx über David Ricardo erreichte, besteht darin, dass der Tauschwert, das heißt, der Wert eines Guts auf dem kapitalistischen Markt, von der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit bestimmt wird, die zu seiner Herstellung benötigt wird. Diese Feststellung ist, was man im klassischen Sinn als „Theorie des Arbeitswerts“ bezeichnet.


Der Schlüssel zu diesem Mechanismus liegt in einer außergewöhnlichen Abstraktion, die faktisch, gesellschaftlich durchgeführt wird, ohne dass ihr Wirken niemandem ausdrücklich bewusst ist. Von den zahlreichen und vielfältigen realen Qualitäten einer Ware wird abstrahiert; sie werden auf etwas reduziert, was im Prinzip eine einfache Quantität ist: eine Zeitdauer.


Natürlich kann ein und dieselbe Ware (ein Bleistift, ein Schaf) auf verschiedene Art und Weise produziert werden, die jeweils unterschiedliche Zeitspannen zu ihrer Fertigstellung erfordern. Das geschieht im Wesentlichen weil sie mittels unterschiedlicher technischer Mittel (Werkzeuge, Maschinen) hergestellt werden kann, durch Personen, die ein unterschiedliches Maß an Fertigkeiten aufbringen. Diese verschiedenen Zeitspannen müssen in Betracht gezogen werden, um eine gesellschaftlich notwendige Zeitspanne zu erhalten. Aber die Verwendung dieser verschiedenen Techniken kann in einer Gesellschaft unterschiedlich stark vertreten sein: mit einer von ihnen, sagen wir mit der schnellsten und produktivsten, wird 20% der Gesamtproduktion zu einem gegebenen Zeitpunkt hergestellt, mit einer anderen, langsameren, die restlichen 80%.


Der Ausdruck „gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit“ bezieht sich also eher auf eine Gewichtung der verschiedenen Geschwindigkeiten und deren Anteile an der Gesamtproduktion, die die einzelnen Techniken ermöglichen und tatsächlich auch aufweisen. Daher ändert sich der so etablierte Tauschwert im Zuge des technischen Fortschritts, sowie der Änderungen bezüglich des Anteils der verwendeten Techniken an der gesellschaftlichen Gesamtproduktion.


Eine außerordentlich wichtige Folge hiervon ist, worauf ich bereits im letzten Abschnitt hingewiesen habe, dass der Tauschwert in Wirklichkeit eine historische Variable ist, die dadurch ermittelt werden kann, dass man eine statistische Gewichtung dieser zeitlichen Variationen über einen bestimmten konkreten Produktionszweig anstellt, wobei jedes einzelne Produkt in diesem Zweig, jedes individuelle Exemplar, sich über oder unter diesem gewichteten Resultat einordnen kann.


Aus diesem Grund ist es notwendig, den Tauschwert prinzipiell vom Preis einer bestimmten Ware zu unterscheiden. Während der Tauschwert, wie bereits gesagt, eine empirische, aber globale und historische Variable darstellt, deren näherungsweise Bestimmung eine Gesamtuntersuchung über einen beträchtlichen Zeitraum der Art und Weise erfordert, eine bestimmte Ware herzustellen, ist der Preis eine lokale und zeitlich eingegrenzte Variable, die für jede einzelne Ware zu jedem Zeitpunkt auf direkte empirische Weise mittels einer direkten Marktumfrage festgestellt werden kann.


Aber im Wesentlichen gibt es viel mehr als dies. Wesentlich ist, dass es einerseits viele Möglichkeiten dafür gibt, dass die Preise sich ändern: Variationen in Angebot und Nachfrage (die relative Knappheit), die „Bewertung“ durch ideologische Faktoren (die Fähigkeit einer Ware, sozialen Status zu produzieren), die Manipulation der Erwartungen oder der Bedürfnisse des Konsumenten (die Werbung), oder sogar die einfache Spekulation mit der relativen Knappheit oder dem relativen Überfluss (wie in den sogenannten „Future-Märkten“). Aber, andererseits, gibt es stattdessen nur eine einzige Art und Weise, den Tauschwert zu erhöhen: die Menge der in eine Ware integrierten Arbeit zu erhöhen, wie sie in der Gewichtung gemessen wird, die sich gesellschaftlich notwendige Arbeit nennt.


Zwei Bestimmungen sind erforderlich, um diesen Gedanken abzurunden. Bei der ersten handelt es sich um die Unterscheidung zwischen integrierter Arbeit und Arbeitszeit. Die Substanz des Werts ist nichts anderes, als die integrierte menschliche Arbeit. Es mag vielerlei Quellen für Preisänderungen geben. Aber die einzige Quelle realen Werts ist die menschliche Arbeit. Die Art und Weise, wie diese Arbeit auf dem kapitalistischen Markt gemessen wird, ist die Arbeitszeit. Über diese Variable wird dann die Fiktion eingeführt, es handle sich um einen Austausch von Äquivalenten.


Die zweite Bestimmung ist, dass die in eine Ware integrierte Arbeit zu einem Teil von dem Arbeitenden geleistet wird, der unmittelbar herstellt (aktuale oder „lebendige“ Arbeit), und andererseits aus der in die Produktionsmittel (Rohstoffe, Werkzeuge) integrierten Arbeit stammen, die bei dieser Aufgabe verwendet werden (akkumulierte oder „tote“ Arbeit).


Also besteht die Theorie des Arbeitswerts aus drei Komponenten. Eine davon ist ihr Fundament: die einzige Art und Weise, einer Ware Wert hinzuzufügen, ist durch menschliche Arbeit. Eine weitere ist ihre konkrete Funktionsweise: der Tauschwert einer Ware entspricht der zu ihrer Herstellung erforderlichen gesellschaftlich notwendigen Arbeit. Schließlich kommt eine erkenntnistheoretische Konsequenz hinzu: der Tauschwert und seine Variationen folgt einem prinzipiell anderen Gesetz, als der Preis und seine Variationsmechanismen.


Die Anerkennung dieser dritten Komponente hat der Mehrheit der marxistischen Ökonomen über ein Jahrhundert lang ständige Kopfschmerzen bereitet. Bis zum Extrem, zu erklären, bei der Entsprechung zwischen Wert und Preis handle es sich um das Hauptproblem der marxistischen Ökonomie, nämlich die Auffindung von Regeln, die eine Berechnung der Wareneinzelpreise aus deren Tauschwert, oder des Tauschwerts aus empirischen Preisserien gestatten.


Wie bereits ausgeführt, bin ich der Ansicht, dass es sich um ein falsches Problem handelt. Um ein Problem, das sich aus dem Bestreben der Ökonomen ableitet, die Politische Ökonomie als wissenschaftliche Ökonomie zu verstehen, ohne weder auf deren erkenntnistheoretische Unterschiede einzugehen, noch auf den radikalen Unterschied ihrer jeweiligen Absicht.


Aber außerdem handelt es sich um eine Operation, die für die Aufrechterhaltung von Logik und Sinn des marxschen Arguments völlig unnötig ist. Bezüglich Marx' Absicht, eine strukturelle Kritik des Kapitalismus durchzuführen, die die Notwendigkeit und die objektive Möglichkeit seiner Überwindung aufzeigt, ist der Umweg über die Logik der Preisschwankungen unnötig. Sein ganzer Gedankengang kann perfekt konsistent und vollständig beibehalten werden, ohne die Ebene der Dynamik des Tauschwerts in den Prozessen der Produktion und Reproduktion des Kapitals zu verlassen.


Für Marx ist es relevant, eine globale und historische Kritik am Kapitalismus zu leisten. Das ist die Kritik, welche es gestattet, die Perspektive der Revolution aufzustellen. Bezüglich dieser Perspektive ist es irrelevant, ob die internationalen Konzerne die Kupferpreise künstlich auf niedrigem Niveau halten, oder ob sie die Erdölpreise künstlich in die Höhe treiben, unabhängig davon, dass dies für den unmittelbaren politischen Kampf bestimmter Völker durchaus wichtig ist. Es ist nicht dasselbe, die katastrophalen Folgen der Finanzspekulation zu kritisieren, oder den Kapitalismus einer strukturellen Kritik zu unterziehen. Marx hält sich nicht bei den „Exzessen“ oder dem „Missbrauch“ auf; was er aufzeigen will, ist, dass solche Exzesse und missbräuchliche Handlungen das Produkt einer objektiven Dynamik sind, die den Willen der einzelnen Kapitalisten übersteigt.[7]


Was die Grundlagen betrifft, kann das Problem des Unterschieds zwischen Tauschwert und Preisen mittels einer allgemeinen Hypothese entschieden werden: die lokalen, zeitlich begrenzten Schwankungen der Preise tendieren, global und historisch, zum betreffenden Tauschwert.


Preciovalor.png Bild 1: Werte und Einzelpreise


Preciovalorglobal.png Bild 2: Werte und globale Preise


In Bild 1 sinkt der Tauschwert eines Produkts auf historischem Maßstab infolge des technischen Fortschritts, der Steigerung der Produktivität. Die lokalen und zeitlich begrenzten Preise oszillieren auf asymptotische Weise und nähern sich im historischen Maßstab an der realen Wert an.


In Bild 2 steigt die globale Quantität des angeeigneten Mehrwerts mit der Entwicklung der Produktivkräfte. Aber ihr Anstieg wird infolge des Sinkens der Profitrate immer langsamer. Die nicht von Produktion tatsächlichen Tauschwerts gestützte Profitmenge schwankt asymptotisch und nähert sich auf historischem Maßstab der globalen Quantität des real angeeigneten Mehrwerts.


Die wichtigste Konsequenz dieser Hypothese ist, dass während der eine oder andere Kapitalist auf individuelle und lokale Art und Weise reich werden mag, indem er es vermag, den Preisschwankungen mit Einfallsreichtum zu folgen, sich stattdessen die Bourgeoisie als Ganzes, als Klasse, nur dadurch bereichern kann, indem die sich Tauschwert aneignet. Für jeden Kapitalisten, der sich zeitweilig auf diese Weise bereichert, gibt es andere, die Konkurs anmelden oder ihren Reichtum verlieren. Oder auch, der von den Preisschwankungen erzeugte, lokale und zeitlich beschränkte Reichtum gleicht sich auf globaler und historischer Ebene aus, so dass das einzig Bedeutsame für die Zukunft des Kapitalismus darin besteht, was mit der Dynamik der Tauschwerte geschieht.


Auf der Ebene der Politischen Soziologie, dem Gebiet der Klassen und des Klassenkampfes, weist diese Konsequenz auf etwas hin, das Marx' Kritik zutiefst von jener vieler, wenn nicht der meisten Kapitalismuskritiker unterscheidet. Der Gegenstand der marxschen Kritik sind weder „die Reichen“ im Allgemeinen, noch die Vorgehensweise eines oder einer Gruppe oder Fraktion von Kapitalisten. Gegenstand seiner Kritik sind der Kapitalismus als System und die Bourgeoisie als Klasse. Kapitalistische Ausbeutung ist bei Marx nicht die mehr oder weniger umfangreiche, mehr oder weniger rücksichtslose Aneignung von Mehrwert seitens der Unternehmer, keine zwischenmenschliche Beziehung mit gesellschaftlichen Zwischentönen, sonder die globale Aneignung von Mehrwert durch eine Klasse zum Nachteil einer anderen. Für Marx' Gedankengang ist es nicht relevant, ob dieser oder jener Kapitalist gute Löhne zahlt, mehr oder weniger großzügig ist. Gegenstand seiner Kritik ist die globale Wirkung der Handlungen der Bourgeoisie als Klasse für die gesamte Menschheit.


Aber diese Hypothese, welche die Preisschwankungen mit der Entwicklung des Tauschwerts in Verbindung setzt, erlaubt es uns auch, genauer zu spezifizieren, was man als realen, materiellen Reichtum betrachten kann, im Gegensatz zum fiktiven[8], spekulativen Reichtum. Realer Reichtum ist der, der im Tauschwert zum Ausdruck kommt, das heißt, jener, der aus der Anwendung menschlicher Arbeit auf die Warenproduktion entsteht. Und das ist die einzige, die zählt, wenn es darum geht, den Charakter und die Überlebensfähigkeit des Kapitalismus als Gesellschaftsformation zu beurteilen.


Zu Marx' grundlegenden Beiträgen zählt die Feststellung, dass es eine besondere Ware gibt, die allgemein zu ihrem Tauschwert bezahlt wird, die Arbeitskraft. Wie ich im nächsten Abschnitt detailliert ausführen werde, entsteht die kapitalistische Ausbeutung dadurch, dass der Arbeitende für den von ihm abgegebenen Wert (ein Quantum der Ware hinzugefügte Arbeit) nicht das preisliche Äquivalent (in Geld, Lohn) dieses Werts bekommt, sondern das Äquivalent der Kosten (Tauschwert) der Produktion und Reproduktion seiner Arbeitskraft. Das Geheimnis der kapitalistischen Ausbeutung ist dies: Arbeitskraft zu produzieren und zu reproduzieren ist billiger als der von ihre geschaffene Wert. Die Differenz wird Mehrwert genannt und seine Aneignung ist die Quelle des kapitalistischen Reichtums.


Diese Tatsache kann auch wie folgt zum Ausdruck gebracht werden: im Kapitalismus ist die Arbeitskraft eine Ware.[9] Und dies ist dermaßen wichtig, dass Marx die Auffassung vertrat, dass die Existenz eines (freien) Arbeitsmarkts ein bestimmendes Merkmal des Kapitalismus darstellt. Ein weiteres ist das Privateigentum an den Produktionsmitteln.


Bis zu dieser Stelle könnte alles, was ich über den Tauschwert festgehalten habe, von einem konventionellen Marxisten mit mehr oder weniger Präzisierungen mit unterzeichnet werden.[10] Aber ich habe dieses Buch nicht für konventionelle Marxisten geschrieben, sondern für jene, die neue Ideen diskutieren möchten, die dazu beitragen, die Gegenwart besser zu verstehen und für die Zukunft zu projizieren, und sich nicht darauf beschränken wollen, ein Erbe zu pflegen und anzuwenden. Bei den nun folgenden Thesen wird versucht, Marx' Logik anzuwenden, auch wenn sie merkbar von dem abweichen, was bisher als Modus und Credo der marxistischen Tradition galt.


Der entscheidende Punkt ist dieser: ich vertrete die Meinung, dass es Waren gibt, die gängigerweise auf dem kapitalistischen Markt gehandelt werden, deren Preise sich aber praktisch nie der Logik des Tauschwerts annähern und allgemein weder um ihn schwanken, noch sich ihm annähern. Das heißt, Waren, die nicht einmal auf globaler und historischer Ebene im Einklang mit der für ihre Herstellung gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit ausgetauscht werden.


Der offenkundigste Fall ist der des Gelds, das in der Logik des Finanzkapitals nichts weniger ist, als die Hauptware. Aber die gegenwärtigen Verzerrungen und die riesenhaften Ausmaße, die diese besondere Form des Austauschs angenommen hat, führen dazu, dass es sich hierbei weder um das klarste, noch um das allgemeinste Beispiel handelt.


Ich halte andere Beispiele für klarer und nützlicher, hinsichtlich des doktrinären Punkts, den ich vorschlagen möchte, um deren ökonomische und politische Konsequenzen zu ziehen: die Dienstleistungen im Bildungswesen; die Kunstwerke; die berufsmäßige Ausübung einer Sportart, der Rechtsberatung, der Medizin. Die Preise der Dienstleistungen im Bildungswesen, beispielsweise, leiten sich, im Kontext der Verwandlung der Bildung in eine Ware, ganz und gar nicht weder von den gesellschaftlichen Kosten der Lehrerausbildung, noch von der verwendeten Infrastruktur ab[11]; niemand könnte sich vorstellen, dass der progressive und Aufsehen erregende Anstieg des Preises eines Bilds von Van Gogh den Kosten der darauf verwendeten Arbeit oder der zu seiner Herstellung verwendeten Materialien entspricht; ebenso wenig die dramatische Differenz zwischen den Kosten eines Postgraduiertenstudiums und dessen Leistung, was das erweiterte Wissen betrifft, oder auch nur die Verbesserung der Jobchancen.


Diese Tätigkeiten haben gemeinsam, dass die ausgezahlten Gehälter sich einerseits zwar nach den Kosten der Produktion und Reproduktion der Arbeitskraft richten, während die für die hergestellten Waren bezahlten Preise sich im Allgemeinen nicht nach deren Herstellungskosten richten, was die Produktionsmittel und die verwendete Arbeitskraft betrifft. In diesen Fällen ist es der Fall, dass die Preise stark von ideologischen Faktoren beeinflusst werden, und zwar nicht nur auf lokaler und zeitlich begrenzter Ebene, sondern auf globale und historische Weise, das heißt, außerhalb der rein kapitalistischen Logik, die in der Manufaktur vorherrscht.


Die Tatsache, dass diese Differenzen existieren und dass solche Tätigkeiten sehr wohl ein sehr gutes Geschäft darstellen können, stellt einen guten Grund dar, um zwischen Mehrwert und Profit oder Gewinn genauer zu unterscheiden.[12] Ich werde nur jene globale und historische Nutznießung als Mehrwert bezeichnen, den die Bourgeoisie als Klasse mittels der Ausbeutung von Arbeitsprozessen erwirtschaftet, in denen Tauschwert produziert wird. Mit Profit oder Gewinn werde ich stattdessen einerseits den lokalen und zeitlich begrenzten Ausdruck des Mehrwerts (wo sich dieser als Preis äußert, als Geldmaß) und andererseits die lokale und zeitlich begrenzte Nutznießung, die bei Tätigkeiten erwirtschaftet wird, die keinen realen materiellen Reichtum produzieren, sondern nur die Differenz zwischen Investition und Erlös darstellt.


Die strategische ökonomische Bedeutung dieses Unterschieds entsteht aus der Spezifikation der allgemeinen These, die ich bezüglich der historischen Beziehung zwischen Wert und Preis formuliert habe (siehe Bild 1). Die These ist nun, dass der Profit aus der Kommodifizierung der Dienstleistungen[13], in globaler und historischer Hinsicht, um den globalen Tauschwert schwankt und schließlich annulliert wird, vor allem durch seine zyklische Zerstörung im Rahmen der Krisen des spekulativen Kapitals.


Und diese These bedeutet gleichzeitig auch, dass die Bourgeoisie als Klasse ihren Reichtum durch die Produktion von Dienstleistungen nicht vergrößert, so spektakuläre uns die dabei zeitweilig erzielten Gewinne auch erscheinen mögen. Oder es kann sogar im Gegenteil der Fall sein, dass die zu erwartende Bereicherung infolge der Stagnation der Produktivkräfte als Auswirkung der von maßlosen Operationen des Finanzkapitals beim Produktivkapital hervorgerufenen Lähmung zurückgeht. So gesehen, kann man den spekulativen Reichtum auch als einen weiteren Fall von „verarmenden Wachstum“ betrachten, wie es auch bei dem Wachstum der Fall ist, der auf der Grundlage des Raubbaus an den Naturressourcen erfolgt.[14]


Die psychologische Wichtigkeit dieser globalen These besteht in der Möglichkeit, zwischen jenen Arbeitenden zu unterscheiden, die Mehrwert produzieren (der sich, als Geldbetrag, als Profit oder Gewinn darstellt), und jenen, die nur Profit oder Gewinn erzeugen, ohne dass dabei ein Prozess realer Mehrwerterzeugung im Spiel ist. Obwohl dies die Gefühle jener Gewerkschafter verletzen könnte, die sich anlässlich der Prozesse dieser zweiten Art organisieren[15], ist diese Unterscheidung in theoretischer Hinsicht relevant, um auf materielle, objektive zu bestimmen, welches im Kern die gesellschaftliche Gruppierung ist, die imstande ist, ein effektives revolutionäres Subjekt zu sein (auf die sich maximale politische Anstrengungen konzentrieren sollten), und welches, gestaffelt und in ihrer ganzen Vielfalt, deren nächste Verbündeten sind. Das ist selbstverständlich im Kontext der strategischen kommunistischen Politik relevant, die in der Einleitungvorgetragen wurde, sowie im Rahmen aller Projektionen, die davon ausgehend, auf das Gebiet der unmittelbaren politischen Auseinandersetzung angestellt werden.


Die Vorstellung, dass jeglicher Gewinn, der nicht aus der Produktion realen Tauschwerts (und seiner Aneignung als Mehrwert) stammt, bei den Finanzkrisen zerstört und in historischer Hinsicht annulliert wird, ist auf abweichende Art und Weise wichtig, sowohl für die theoretische Arbeit, wie auch für die unmittelbare politische Tätigkeit, weil sie dazu beiträgt, das Spektakuläre der Finanzspekulationen und ihrer katastrophalen Folgen in ein realistischeres Licht zu setzen, was die Finanzkrise und die Lähmung des produktiven Kapitals betrifft.


Bei der theoretischen Arbeit hilft diese Vorstellung dabei, uns daran zu erinnern, dass für den Sozialkritiker mit revolutionärem Hintergrund die wichtigsten und schwerwiegendsten Probleme nicht jene sind, die die Fernsehnachrichten bestimmen, oder die Alarmstufen und die Komplizenschaft von Bankern und Politikern, sondern solche, die in den historischen und strukturellen Zügen des Kapitalismus enthalten sind. In der anderen Richtung, auf dem Gebiet den politischen Auseinandersetzung, hilft sie uns, eine bestimmte Hierarchie unserer unmittelbaren Feinde aufzustellen, in der man an oberster Stelle den Finanzkapitalisten einordnen muss, den, der die Dienstleistungen in Waren verwandelt, der eine unproduktive Rente genießt, sowie die staatlichen und privaten Bürokraten der obersten Ebene, die aus ihrer vermittelnden Tätigkeit Nutzen ziehen. Die Aufgabe des Theoretikers ist es, für diese beiden Ebenen der Analyse und der praktischen politischen Tätigkeit einen gemeinsamen Argumentationsrahmen zu bieten.


Um den Vortrag zu den Mechanismen der Ausbeutung im nächsten Abschnitt verständlicher zu machen, ist mir daran gelegen, die hier dargelegte globale These zusammen zu fassen. Es gibt drei Zusammenhänge, in denen kapitalistischer Profit erzeugt werden kann, ohne dass er aus der Produktion und der Aneignung realen Mehrwerts zu stammen braucht: die Finanzspekulation; der aus der Zirkulationssphäre stammende „Reichtum“ (Handel, Mietzins); die Dienstleistungen (Bildung, Verwaltung, Gesundheit, die Produktion von Kunst oder Wissen). Oder umgekehrt, es gibt nur einen einzigen Bereich, in dem Mehrwert als realer und effektiver Reichtum produziert und angeeignet wird: die Herstellung handfester materieller Güter (Manufaktur, Gewinnung und Weiterverarbeitung von Rohstoffen) und die unmittelbaren Dienstleistungen, die für deren Durchführbarkeit erforderlich sind.


3. Theorie der kapitalistischen Ausbeutung

a. Die Aneignung von Mehrwert

Eine bestimmte Gesellschaftsbeziehung kann im Allgemeinen als Ausbeutung bezeichnet werden, wenn es in ihrem Rahmen zu ungleichem Austausch von Werten kommt. Der Begriff macht dann Sinn, wenn es sich mindestens bei einer der ausgetauschten Waren um menschliche Arbeit handelt. Dies festzustellen ist wichtig, weil beide Begriffe nicht übereinstimmen, wenngleich die Bereicherung einer Klasse auf Ausbeutung beruht. Es kann vielfältige Faktoren geben, welche die lokale, räumlich und zeitlich begrenzte Bereicherung einzelner ökonomischer Agenten ermöglichen, während allein die menschliche Arbeit, in globaler und historischer Hinsicht, die wirkliche Bereicherung einer ganzen Klasse ermöglicht. Auf diese Weise schaffen, streng genommen, ausschließlich die Arbeitenden realen, materiellen Tauschwert, sie werden ausgebeutet.


Im weiteren Sinne kann man sagen, dass auch jene ausgebeutet werden, deren Arbeitskraft wie eine Ware entgolten wird (das heißt, gemäß ihrer Produktions- und Reproduktionskosten), selbst wenn das Produkt dieser Arbeit nicht auf diese Weise bezahlt wird (wie es beispielsweise, wie im vorangegangenen Abschnitt ausgeführt, bei den Dienstleistungen der Fall ist).


Somit kann der (als Preis ausgedrückte, lokale und zeitweilige) kapitalistische Gewinn der Ausbeutung (der Aneignung realen Mehrwerts) zu verdanken sein, oder der Nutznießung (aufgrund lokaler und zeitweiliger Preisdifferenzen) aus dem Ankauf der Arbeitskraft zu ihrem objektiven Tauschwert, bei Veräußerung ihrer Produkte zu Preisen, die von ideologischen (subjektiven) Variablen bestimmt sind. Natürlich ist an dritter Stelle auch ein lokal und zeitweilig erhaltener Gewinn (Nutznießung) allein aufgrund der Warenzirkulation ohne weiteres möglich (wie im Handel oder den Finanzspekulationen).


Im Einklang mit der These zum Verhältnis zwischen Tauschwert und Preis aus dem vorangegangenen Kapitel gleicht sich die Nutznießung aus Dienstleistungen oder Warenzirkulation global und historisch zu Null aus, sie wird im Zuge der kapitalistischen Krisen zerstört. Aus diesem Grund werde ich die Analyse in diesem Abschnitt auf die Ausbeutung im engeren Sinn beschränken, das heißt, auf die Aneignung von realem Mehrwert.


Aus eben diesem Grund, da allein die menschliche Arbeit realen Wert erzeugt, werde ich solche Ausdrücke wie „Ausbeutung der Natur“ als unangebracht abtun. Es gibt keinen „natürlichen“ Wert. Jeglicher Wert ist historisch durch menschliche Arbeit geschaffen. Nur in einem sehr erweiterten Sinn und eigentlich einfach nur als Metapher, wird weiter unten von „Ausbeutung der Natur“ die Rede sein, um den räuberischen Kapitalisten, der die natürliche und soziale Umgebung verarmt, deren Nutznießer er durch die Grundrente (Bergbau, Fischerei, Landwirtschaft) ist, vom klassischen Unternehmer zu unterscheiden, der in der Lage ist, ein relativ nachhaltiges Verhältnis zu seiner Umgebung an den Tag zu legen.[16]


Im Kapitalismus ist die Ausbeutung ein ungleicher Austausch von Tauschwert, bei dem es sich bei einem der Termini um Lohnarbeit handelt. Der kritische Beigeschmack des Wortes Ausbeutung, noch viel früher als dass diese Kritik zu einem moralischen Urteil wird, stammt in diesem Zusammenhang aus der Tatsache, dass es sich um einen Austausch handelt, der die Fiktion[17]

Also ist das objektive Urteil „dies ist ausgebeutete Arbeit“ ein inneres Urteil, bezüglich der eigenen Regeln des bürgerlichen Austauschs. Der Logik des Arbeitsvertrags zufolge, wird dem Arbeitenden „seine Arbeit“ bezahlt werden wird. Was man sich also fragen muss, ist welcher der Tauschwert der Arbeit ist, die er ausführen wird. Dieser entspricht dem Tauschwert, der den vom Kapitalisten gestellten Produktionsmitteln durch seine Arbeit hinzugefügt wurde. Diesen durch die Arbeitskraft hinzugefügten Wert werde ich „Zusatzwert“ nennen. Der Kapitalist hat seinerseits die Rohstoffe, das Werkzeug, die Infrastruktur gestellt, um diese Verwertungsaufgabe in die Tat umzusetzen. Das sind die „Produktionsmittel“.


Nach einem Produktionszyklus wird der Kapitalist das Produkt auf dem Markt verkaufen und die von ihm dort erzielten Preise werden den im Verlauf der Produktion hinzugefügten Tauschwert als „Pluswert“ (lebendige oder aktuelle Arbeit) widerspiegeln, sowie den Tauschwert der verbrauchten Produktionsmittel (die ihnen von ihren Produzenten hinzugefügte Arbeit oder „tote“ Arbeit). Wenn dieser Verkauf erfolgreich ist, sagt man, die Ware sei „realisiert“ worden.[18]


Zurück zum Arbeitsvertrag, sollte der Kapitalist aus dem erzielten Preis den von ihm in Produktionsmittel investierten Tauschwert erstattet bekommen. Der gesamte restliche, aus dem unmittelbaren Verwertungsprozess stammende Betrag sollte dem Arbeitenden ausgezahlt werden, denn er entspricht dem „Pluswert“, das heißt, dem Wert dessen, was „seine Arbeit“ gewesen ist. Wenn wir dem Kapitalisten in diesem vermeintlichen Austausch von Äquivalenten eine bestimmte Entschädigung für die einfache, eigentlich zweitrangige Tatsache zuweisen, diese Faktoren untereinander in Kontakt gebracht zu haben, woher stammt dann der wirkliche kapitalistische Profit und woher sollte sich dieser als der Mühe wert erweisen?


In Anbetracht der historischen Situation und global gesehen ist es einleuchtend, dass die Bourgeoisie für ihre Beteiligung an diesem Zyklus etwas erhält, das weit über eine Aufwandsentschädigung hinausgeht. Und es ist ebenso offensichtlich, dass sie ihre eigene Beteiligung in diesem Prozess als wesentlich bedeutender einschätzt, als die einfache Tatsache, „diese Faktoren miteinander in Kontakt gebracht zu haben“. Einerseits lässt sich der globale Profit der Bourgeoisie keinesfalls aus diesem Spiel mit Äquivalenten erklären. Andererseits weicht ihre Rationalisierung dieses ganzen Prozesses und des darin enthaltenen Bruchs mit dem Austausch von Äquivalenten weit von dem ab, was sie für gerecht hält, wenn sie in ihren eigenen Reihen gewöhnliche Waren austauscht.


Ein Kohlekumpel lebt sein ganzes Leben lang in Armut und er stirbt, ohne nach Jahrzehnten größter Anstrengungen irgendwelche Güter akkumuliert zu haben; der Eigentümer des Bergwerks wird in diesen selben Jahrzehnten reich, unabhängig davon, ob er nun bei dessen Verwaltung besonders angestrengt hat oder nicht.


Angesichts der Äquivalenz-Rethorik und der vermeintlichen Gerechtigkeit, die den Arbeitsvertrag umgeben, könnte man denken, dem Arbeitenden sei „seine Arbeit“ bezahlt worden. Auf der Ebene eines humanen Austauschs könnte dies bedeuten: „für seine Anstrengungen und seine Loyalität“. Aber es sollte auch, auf etwas objektivere Art und Weise bedeuten: „anteilig zum Produzierten“. Die Ansprachen der Unternehmer zu jedem Ersten Mai enthalten in der Regel dieser Art Anerkennung bis zur Überschwenglichkeit.[19]


Alles scheint zu geschehen, als ob der Bourgeois beim Austausch des einen gegenständlichen Guts gegen ein anderes sagen würde „für dies, das ein Gegenstand ist, zahle ich nicht mehr als seine Produktionskosten (unter Berücksichtigung seines relativen Überflusses oder seiner relativen Knappheit)“, während er beim Kauf von „Arbeit“ sagt „für dies, das etwas ist, das ein Mensch tut, zahle ich was seine Anstrengungen und seine Fähigkeiten verdienen“. Es scheint sich um zweierlei Maß zu handeln: ein gegenständliches Gut bezahlt er entsprechend seines Tauschwerts, „die Arbeit“ bezahlt er nach ethischen Gesichtspunkten irgendwelcher Art. Es ist sehr wichtig, zu erkennen, dass Überlegungen dieser Art tatsächlich auf mehr oder weniger effektive Weise das Vorgehen des Bourgeois bestimmen, wenn es darum geht, Werke der von ihm bevorzugten Künstler oder Kunsthandwerk Treibenden zu kaufen, die Lehrenden oder Akademiker, die er für weise hält, die Ärzte, von denen er meint, sie könnten ihn retten oder bei Gesundheit halten, oder die loyalen Verwalter, die ihn ein Leben lang direkt begleiten.


Trotz allen Enthusiasmus der bürgerlichen Rhetorik ist es jedoch ein riesiges Verdienst von Karl Marx, die Tatsache enthüllt zu haben, dass sich die Kapitalisten beim Ankauf von „Arbeit“ für die Manufaktur in ihren Fabriken nicht von solchen „humanistischen“ Wertschätzungen leiten lassen und auch nicht einmal von der in den Verträgen verkündeten Entgelt-Fiktion. Sie kaufen „Arbeit“ gemäß der gleichen erbarmungslosen Logik, mit der sie ein Schaf kaufen: je nachdem wie viel seine Herstellung kostet. Sie kaufen „Arbeit“ für die Manufaktur, als ob es sich um eine weitere Ware handeln würde.


Um diesen Gedanken zu präzisieren, unterschied Marx „Arbeit“ von „Arbeitskraft“. Wenn dem Arbeitenden der Wert dessen bezahlt werden sollte, „was er gearbeitet hat“, müsste ihm der gesamte „Pluswert“ ausgezahlt werden, den er den Produktionsmitteln hinzugefügt hat, und der Bourgeois dürfte nur eine solche „Entschädigung“ für seine Koordinationstätigkeit abziehen, die etwa einem beliebigen Lohn entspricht oder ihn jedenfalls nicht übersteigt. Stattdessen bezahlt der Bourgeois nur die „Arbeitskraft“, was nach Marx' gleichzeitig poetischer, wie unerhört präziser Feststellung der dabei stattgefundenen „Verausgabung von Muskeln und Nerven“ entspricht, welche genau wie irgendein Schaf oder ein Sack Weizen nach ihren Produktionskosten bewertet wird. Die Differenz entsteht dadurch, dass die Arbeitskraft in der Lage ist, mehr Wert zu schaffen als sie selbst kostet. Diese Differenz kann im eigentlichen Sinn als Mehrwert bezeichnet werden. Der Bourgeois wird reich, weil er sich den von den Arbeitenden geschaffenen Mehrwert aneignet und ihn akkumuliert.


Unter der Voraussetzung, dass allein menschliche Arbeit Warenwert schafft, das heißt, dass der einzige wirkliche Reichtum, in globalem und historischem Sinn, aus der materielle Güter produzierenden Arbeit stammt, beginnt der Zyklus der Bereicherung des Kapitalisten zu dem Zeitpunkt, da er zum Ankauf von Produktionsmitteln und Arbeitskraft Geld investiert. Im Verlauf eines Produktionszyklus fügt der Arbeitende den Produktionsmitteln Wert hinzu und verwandelt sie in ein Produkt. Der Kapitalist realisiert dieses Produkt, indem er es auf dem Markt verkauft. In dem von ihm erzielten Preis sind enthalten: der Tauschwert der Produktionsmittel und der von der Arbeitskraft hinzugefügte „Pluswert“. Aus diesem „Pluswert“ erstattet er sich seine Investition in Arbeitskraft (seine Lohnkosten) und behält die Differenz (den Mehrwert), die seinem realen Profit entspricht.


Da die Produktionsmittel im Verlauf dieses Prozesses dem Produkt keinen Wert hinzufügen (nur aktuelle Arbeit ist dazu in der Lage), nennt Marx das darin investierte Geld konstantes Kapital (kK) und dessen Projektion auf den Endwert der Ware übertragenen Wert (üW). Da die Arbeitskraft aber dem Produkt sehr wohl Wert hinzufügt, nennt er das hierin investierte Geld variables Kapital (vK) und dessen Projektion auf den Endwert der Ware entspricht dem Lohn (L). All diese Begriffe und der zugehörige Prozess sind in nachstehender Graphik zusammengefasst.


Valorplusvalor.png


Es ist wichtig, zu erkennen, das auch hier wie bei jeglichem kapitalistischen Warenaustausch die Zeit eine Schlüsselrolle spielt: die Waren werden gemäß der zu ihrer Herstellung gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit ausgetauscht. Der Kapitalist zahlt dem Arbeitenden nicht die gesamte Arbeitszeit, während der dieser „Pluswert“ erzeugt hat, sondern nur die Zeit, während der er damit beschäftigt war, einen den Kosten seiner eigenen Arbeitskraft entsprechenden Wert zu produzieren. Eine offensichtliche Folge daraus ist, dass der Arbeitende selbst seinen eigenen Lohn produziert. Der Bourgeois wird den gesamten in Lohn investierten Betrag beim Realisieren der Ware zurück erlangen.


Aus diesem Grund ist es für Marx wichtig, innerhalb dieses generischen Arbeitstags die bezahlte Zeit (bZ), während welcher der Arbeitende einen Wert in Höhe seines eigenen Lohns produziert, von der nicht bezahlten Zeit (nbZ) zu unterscheiden, während welcher der produzierte Wert ganz und gar als Mehrwert angeeignet wird. Beide werden in der Graphik in der Nähe des Punktes A unterschieden, wo die Kurve der progressiven Verwertung das Lohnniveau schneidet, und dessen Projektion auf die Zeitachse.


Nach dieser Feststellung definiert Marx zwei Relationen, die bei der Formulierung und Entwicklung seiner Kritik eine Schlüsselrolle einnehmen und die Klarheit und Tiefe seiner Überlegungen aufzeigen.


Einerseits definiert er eine Ausbeutungsrate als Verhältnis von nicht bezahlter und bezahlter Zeit. Eine einfache Anwendung des Satzes von Tales zeigt, dass dies dem Verhältnis zwischen Mehrwert und Lohn entspricht.


Tasasexploganan.png


Andererseits definiert er eine Profitrate, und zwar als das Verhältnis zwischen dem Mehrwert und der Summe von konstantem Kapital und veränderlichem Kapital. Gemäß seiner Gewohnheit, hegelsche Formeln zu benutzen, nennt Marx diese Summe die Organische Zusammensetzung des Kapitals (kK + vK).


Von einer erkenntnistheoretischen Warte aus betrachtet, sind beide Definitionen von herausragender Bedeutung, sowohl wegen ihres Charakters, als auch wegen ihrer politischen Konsequenzen.


Einerseits arbeitet Marx mit Raten oder Verhältnissen, nicht mit absoluten Werten. Es sollte auch daran erinnert werden, dass er im Allgemeinen mit globalen Gewichtungen und Werten arbeitet, weder mit punktuellen empirischen Werten noch mit einfachen statistischen Serien lokaler Werte. Man könnte sagen, dass für Marx' Überlegungen die absolute Bereicherung (der Profit) nicht relevant ist, wobei es sich um das handelt, was in der Geschichte die Anarchisten und utopischen Sozialisten (und ihn selbst) auf die Palme getrieben hat, sondern das Verhältnis zwischen dem, was der Kapitalist investiert, und dem, was er gewinnt, das heißt, nicht wie viel Geld er mittels eines konkreten Geschäfts verdient (die Profitmasse), sondern wie gut dieses Geschäft gewesen ist (die Profitrate). Wir können diesen Unterschied mittels eines scheinbaren Paradoxons erkennen, das in folgender Tabelle 1 zusammengefasst ist:


Tabelle 1 - Vergleich zweier Profitraten
0 1 2 3 4 5 6 7 8
Unternehmer KK (Produktionsmittel) VK (Lohn) KK+VK (1+2) Anzahl Einheiten Einzelpreis Erlös (4*5) Mehrwert (6-3) Profitrate (7/3)
1 100 100 200 100 5 500 300 300/200=1,5
2 50 50 100 100 3 300 200 200/100=2,0
Vergleich Unternehmer 2 investiert weniger Investitionen Aber verkauft besser Unternehmer 2 hat weniger Profit Aber macht ein besseres Geschäft


Wir erkennen, dass der zweite Unternehmer zwar weniger Gewinn gemacht hat (Profitmasse), aber sein Geschäft besser gelaufen ist (Profitrate). Aus den Zahlen in dieser Tabelle, die nur ein abstraktes und punktuelles Beispiel darstellt, geht hervor, dass der Effekt (in diesem Fall) dadurch hervorgerufen wird, dass der zweite Unternehmer, trotzdem er nur die Hälfte der Investition des Ersten investiert, mehr als die Hälfte der Erlöse des Ersten erzielt (er verkauft zu 3, nicht zu 2,5). Wenn er jede Einheit zu 2,5 verkauft hätte, wären alle alle Faktoren einförmig auf die Hälfte zurückgegangen und die Profitrate wäre dieselbe gewesen. Sein Vorteil ist (in diesem Fall) dass er es ihm geglückt ist, relativ teurer zu verkaufen als der Erste.


Diese Situation und die von Marx ausgewählte Art und Weise, an sie heranzugehen, haben enorme Konsequenzen, wie ich weiter unter ausführen werde, wenn man nicht nur den punktuellen Vorfall der Aneignung von Mehrwert untersucht, wie ich es bis hierher gezeigt habe, sondern das Geschehen im Verlauf zahlreicher Zyklen der Warenproduktion, das heißt, wenn man die Reproduktion des Kapitals in ihrer historischen Dimension betrachtet.


Auf gleiche Wiese und ebenfalls entgegen der sofortigen Entrüstung von Anarchisten und Sozialisten (und seiner eigenen selbst), stellt Marx keine Überlegungen auf der Grundlage des absoluten Lohns an, das heißt, auf der Grundlage der materiellen Armut der Arbeitenden, als Folge des kapitalistischen Missbrauchs, sondern ausgehend vom Verhältnis zwischen Lohn und Profit.


In einem, wiederum abstrakten, Extremfall und nur um diesen Punkt darzustellen, können wir folgenden Vergleich betrachten, der in Tabelle 2 zusammengefasst ist:


Tabelle 2 - Vergleich zweier Ausbeutungsraten
0 1 2 3 4 5 6 7 8
Arbeiter KK (Produktionsmittel) VK (Lohn) KK+VK (1+2) Anzahl Einheiten Einzelpreis Erlös (4*5) Mehrwert (6-3) Ausbeutungsrate (7/2)
1 300 100 400 100 5 500 100 100/100=1,0
2 600 200 800 1000 1,2 1200 400 400/200=2,0
Vergleich Arbeiter 2 verdient das Doppelte Unternehmer 2 produziert 10 mal mehr Aber seine Preise liegen 10 mal tiefer Unternehmer 2 verdient 4 mal mehr Arbeiter 2 wird doppelt zu stark ausgebeutet


Hier lassen sich Aspekte erkennen, die auch eine enorme Tragweite besitzen. Einerseits investiert der zweite Bourgeois doppelt so viel wie der erste, wobei es ihm aber gelingt, zehn Mal mehr zu produzieren. Diese Produktivitätssteigerung ist wahrscheinlich eine Folge von Investitionen in Werkzeug und Maschinen, die den vom Ersten Unternehmer eingesetzten technologisch haushoch überlegen sind. Diese Produktivitätssteigerung ermöglichst es ihm, seine Profitmasse zu steigern trotzdem er die Einheitspreise herabgesetzt hat: er verkauft billiger, aber er verkauft viel mehr. Aber damit nicht genug. Die Produktivitätssteigerung hat es ihm erlaubt, die Löhne seiner Arbeitenden zu erhöhen, was in seiner historischen Projektion große politische Wirkungen hat. Jedoch werden diese Arbeitenden in paradoxer Weise nach Marx' Kriterien stärker ausgebeutet. Die für sie errechnete Ausbeutungsrate ist schlicht doppelt so hoch. Das ist eine Situation, die sich in der Geschichte der kapitalistischen technologischen Entwicklung immer wieder wiederholen wird: Produktivitätssteigerungen ermöglichen gleichzeitig höhere Löhne und höhere Ausbeutungsraten.


Es spricht von Marx' großer Scharfsicht, die Ausbeutungsrate als Faden weiterverfolgt zu haben, um ihre Konsequenzen für die weitere Entwicklung des Kapitalismus zu untersuchen, anstatt sich bei einem anderen, sehr viel eher sichtbaren empörenden Thema aufzuhalten, nämlich der Frage des Lohns als absoluter Größe, der Frage der sichtbaren Armut, wie es die anderen linken Kapitalismuskritiker taten und wie es üblicherweise bis heute selbst die Mehrheit der marxistischen Politiker tun.


In begrifflicher Hinsicht ist dieser Punkt, wie bereits gesagt, von besonderer Wichtigkeit. Hier zeigt sich, dass sich Marx' Plädoyer, trotzdem es sich bei der Armut um etwas empörendes und dringendes handelt, nicht gegen eben diese Armut richtet, sondern gegen die Ausbeutung.


In Marx' Logik werden die Reichen tatsächlich immer reicher und die Armen immer ärmer, wie Anarchisten und utopische Sozialisten auf empirische Weise und treffend festgestellt haben. Was dagegen nicht der Wahrheit entspricht, ist dass die arbeitenden Menschen, die Mehrwertproduzenten, zwingend immer ärmer werden. Die Zunahme der Produktivität ermöglicht es dem Kapitalisten nicht nur in historischem Maßstab die Reallöhne zu erhöhen, sondern sie wird außerdem eine Reihe von Spannungen hervorrufen, zum Teil der kapitalistischen Konkurrenz innewohnende (strukturelle) sowie andere (historische) Spannungen, die sich aus den von dieser Konkurrenz ausgelösten, die Entwicklung des Kapitalismus beeinflussenden Prozessen ableiten, welche solche Lohnerhöhungen notwendig machen.


Diese zunehmende Verteuerung der Arbeitskraft wird, nach Marx' Gedankengang, zu einem der Schlüsselfaktoren der tatsächlichen Evolution des Kapitalismus. In dieser, seiner Theorie innewohnenden Logik findet man die Wurzel einer Erscheinung, die heute auf empirischem Wege eine auffällige Bestätigung findet, die aber von der Mehrheit der Marxisten mit Argumenten im reinsten Stil der utopischen Sozialisten auf das Ausdauerndste geleugnet wird, oft mit Zeichen der Empörung und Aufregung: dass die Reallöhne, die effektiven, als Kaufkraft betrachteten Einkommen in historischem Maßstab unter den effektiv in die kapitalistische Produktion integrierten Werktätigen ständig zugenommen hat. Und dies ist nichts weniger als der Ursprung der massiven „Mittelschichten“, die im Verlauf des XX. Jahrhunderts entstanden sind. Dabei handelt es sich um eine idiotische Bezeichnung, die aus dem Unverständnis dieses Aspekts der marxschen Logik, sowie daher rührt, dass die arbeitenden Menschen nicht mehr als soziale Klasse (als die unmittelbaren Produzenten) begriffen werden, sondern als eine Reihe von Schichten (die sich bezüglich ihres Lohnniveaus unterscheiden).


Sicherlich wird es an dieser Stelle Menschen geben, die sich bemühen, Berechnungen vorzulegen, aus denen hervorgeht, das die Löhne der arbeitenden Menschen in historischem Maßstab global gesunken sind. Die gängigste und meist unbemerkte „Mogelei“ bei solchen Berechnungen besteht darin, die riesige Masse der potentiellen Arbeitskräfte mit in die Durchschnittslöhne einzurechnen, die in der Tat nicht einmal als Reservearmee in die kapitalistische Produktion integriert sind, das heißt, die Hunderten Millionen Menschen, die nicht nur keine prekären Arbeitsverhältnisse haben, sondern die einfach absolut über keinerlei Anstellung verfügen. Es ist nur natürlich dass, wenn wir diese enorme Masse, die aus dem einfachen Grund keinen realen Mehrwert produziert, weil sie arbeitslos ist, in den Fonds der tatsächlich bezahlten Löhne mit einrechnen, der errechnete Durchschnitt nicht nur sehr niedrig sein muss, sondern infolge der Tendenz zur strukturellen Arbeitslosigkeit sehr wohl abnehmen kann. In Marx' Logik gibt es, wie ich weiter unten darlegen werde, eine konsistente Art und Weise, diese überwältigende Realität der Marginalisierung in Rechnung zu stellen. Eine Art und Weise, die es unnötig macht, ihre Kritik mir derart zweifelhaften Durchschittsberechnungen zu begründen.


Ein weiterer bemerkenswerter Unterschied zwischen Marx' Überlegungen und denen anderer anti-kapitalistischer linker Kritiker, der mit dem vorhergehenden eng verbunden ist, besteht auf dem Gebiet der Komplexität der Variablen Lohn.


Im Prinzip, die Arbeitskraft als Ware betrachtet, entspricht der Lohn ihren Produktionskosten. Dies entspricht wortwörtlich dem, was es kostet, einen arbeitenden Menschen am produzieren zu halten, das heißt, den Lebensmittel-, Kleidungs-, Wohnungs- und anderen Kosten, die er zu decken hat, um sich am Leben und arbeitsfähig zu halten, oder auch, was er benötigt, um die von ihm in einem Produktionszyklus verausgabte Arbeitskraft zu ersetzen und um für den darauf folgenden wieder bereit zu stehen. Die kritische Literatur nennt die von diesen Faktoren erzeugten Kosten traditionsgemäß „Subsistenzlohn“.


Im Verlauf der Entwicklung des Kapitalismus kommt es jedoch zu zwei entscheidenden Reproduktionen. Eine davon ist die Reproduktion des Kapitals selbst, die ich bis hier nach Einheiten und isoliert beschrieben habe. Damit der Kapitalismus zeitlich Bestand hat, muss sich die Situation der Mehrwertaneignung eins ums andere Mal erweitert wiederholen. Wenn ich bis hier den Produktionszyklus des Kapitals beschrieben habe, das heißt, wie es der Bourgeois vermag, sich nach einer initialen Investition Mehrwert anzueignen, wird es hernach erforderlich sein, den Zyklus der Reproduktion des Kapitals zu beschreiben, das heißt, wie sich das Ganze immer erneut wiederholt und erweitert, bis der Kapitalismus zu einem Gesellschaftssystem geworden ist.


Aber an zweiter Stelle und in genau entsprechender Weise muss die Arbeitskraft selbst re-produziert werden, damit diese Reproduktion des Kapitals möglich wird. Dies bedeutet, an erster Stelle und auf triviale Weise, dass die arbeitenden Menschen Kinder haben und diese als zukünftige Arbeitende ausbilden müssen, sowie auch auf subtilere Weise, dass die neuen Generationen von Werktätigen darauf vorbereitet werden müssen, die neuen Techniken und Arbeitsformen anzugehen, die infolge der kapitalistischen Konkurrenz in Erscheinung treten werden.


Die ökonomische Konsequenz dieser Notwendigkeit besteht darin, dass die Kosten der Arbeitskraft zwei Bestandteile aufweisen. Bei einem davon handelt es sich um die Kosten ihrer Produktion, bei dem anderen, weitaus komplexeren, um die ihrer Re-Produktion. Die erste Komponente, der Subsistenzlohn, ist in historischem Maßstab rückläufig, infolge der Entwicklung von Technologie und Produktivität, sowie der dementsprechenden historischen Tendenz zum Verfall der Einheitspreise für Fertigerzeugnisse. Es erfordert immer weniger Aufwand, die Arbeitsfähigkeit jedes Produzierenden aufrecht zu erhalten. Die zweite, dagegen, steigt in historischem Maßstab an, infolge der sie bestimmenden vielfachen Faktoren. Die progressive Verteuerung der Arbeitskraft in historischem Maßstab wird durch die Tatsache verursacht, dass dieser zweite Faktor viel mehr und viel schneller ansteigt, als der erste abnimmt. Ein herausragender Aspekt von Marx' vielfältigen Beiträgen besteht darin, dass er, entgegen allen anderen linken Kritikern, in der Lage gewesen ist, dieses Phänomen vorherzusagen und es vollkommen und auf konsistente Weise in seine Erklärung des Mechanismus der zyklischen Krisen, sowie in seine Vorhersagen hinsichtlich der Notwendigkeit der Expansion des kapitalistischen Systems zu integrieren.


Die Reproduktionskosten der Arbeitskraft stellen eine komplexe Veränderliche dar, die von sozialen und historischen Aspekten stark beeinflusst wird. Einerseits muss der Kapitalist davon ausgehen, dass in dem von ihm gezahlten Lohn die Bedürfnisse der Familie des Arbeiters berücksichtigt sein müssen (seine Reproduktion im wortwörtlichen Sinn), die seiner Ehefrau, wenn sie nicht selbst arbeitet, die seiner Kinder. Eine der Ursachen für die gewachsene Bedeutung der modernen (auf Vater, Mutter und Kinder reduzierten) Kernfamilie ist, dass kein Bourgeois es über diese einfache Reproduktion hinaus für notwendig gehalten hat, seinen Arbeitern ausreichend zu zahlen, damit sie ihre Großeltern, Onkel und Tanten, oder Ziehkinder versorgen könnten, was er jedoch sehr wohl für sich in Anspruch zu nehmen pflegt.


Ein zweiter Aspekt besteht darin, dass die Bourgeoisie auf eine oder andere Weise die Kosten für die technische Ausbildung tragen muss, die für eine effiziente Ausführung der industriellen Arbeit erforderlich ist. Dies kann direkt erfolgen, als technische Ausbildung am Arbeitsplatz, oder indirekt, über die Sozialausgaben für Bildung, zu denen er mit seinen Steuern beitragen muss.[20]


Wenn schon der erste Kostenfaktor, die unmittelbare Reproduktion, nichts anderes ist, als eine Erweiterung des Subsistenzlohns und als solche historisch tendenziell sinkt, so wächst dieser zweite Faktor stattdessen, infolge de steigenden technischen Komplexität der Produktion, ständig an. Wenn der Übergang von den Zunftsberufen zum Taylorismus und zum Fordismus als Versuche gewertet werden können, eben diese Kosten zu verringern, indem Arbeiter mit komplexen Berufen durch solche mit sehr geringer Qualifikation ersetzt werden, so hat die historische Tendenz aber gezeigt, dass sie als Maßnahmen nur partielle und zeitweilige Wirkungen hervorgebracht haben. Wenngleich einerseits die Kosten der Berufsqualifizierung der unmittelbar Produzierenden drastisch gesunken ist, so sind doch die globalen Kosten der Qualifizierung, bei denen man Industriedesigner, Koordinatoren und Verwalter berücksichtigen muss, beträchtlich gestiegen. Bei der post-fordistischen Organisation, schließlich, führte der Versuch, die Kosten für diese zweite Art qualifizierten Personals durch unmittelbare Qualifizierung der Angehörigen des ersten Typs zu verringern, zu nichts anderem als zu einer weiteren Erhöhung der globalen Kosten.


Aber, abgesehen von diesen beiden Hauptfaktoren, wird die Reproduktion der Arbeitskraft im Wesentlichen durch soziale und politische Variablen beeinflusst. An erster Stelle steht dabei der ständige von der Gewerkschaftsbewegung ausgeübte Druck zur Verbesserung des Lohnniveaus. Aber auch der vom kapitalistischen Fortschritt selbst hervorgerufene Horizont materiellen Wohlstands, der als solcher die Erwartungen der Gewerkschaftsbewegung beeinflusst. Andererseits die wachsende, rein ideologisch fundierte Selbstvalidierung der dienstleistenden Berufe (Ärzte, Hochschullehrer, Verwaltungsfachleute, Künstler), die es ihnen gestattet, ihr Angebot über die Reproduktionskosten ihrer Fertigkeiten hinaus zu verteuern, was dann wiederum als Vorbild für die Erwartungen der restlichen Werktätigen eine Rolle spielt.


Eine auffallende und nur in gewissem Sinne extreme Erscheinung, die sich aus diesen Variablen ableitet, lässt sich in den Industrieländern in Zeiten relativer Stabilität beobachten, wo die Werktätigen schlicht und einfach keine Jobs unter einem bestimmten "sozial akzeptablen Mindestlohn" annehmen und den weniger legitimierten, geringer entlohnten Aufgaben gegenüber die Arbeitslosigkeit vorziehen. Letztendlich wurde hierdurch der Strom der Arbeitsmigranten in Gang gesetzt, in deren Ursprungsländern das mittlere Lohnniveau noch viel niedriger ist und die sich nach ihrer Ankunft den einfachsten Dienstleistungen widmen, der Arbeit im Haushalt, oder der am schlechtesten bezahlten Fabrikarbeit. Hierdurch konnte man in Europa bis vor Kurzem, vor der aktuellen Krise, das kuriose Schauspiel mit Millionen Arbeitsmigranten und gleichzeitig einer ähnlichen Menge von Millionen europäischen Arbeitslosen beobachten. Selbstverständlich gab es nach dieser anfänglichen Tendenz zwei starke Kräfte, die zu ihrer Umwandlung in die enorme demographische Revolution beitrugen, bei der es sich um eines der sichtbarsten Merkmale der post-fordistischen Arbeitswelt handelt. Einerseits, die ständige Gier des Kapitalisten nach billigerer Arbeitskraft. Andererseits das Trugbild, welches die Migranten dazu antreibt, ihre Länder unter dem Versprechen der Gelegenheit zum sozialen Aufstieg zu verlassen. Die historische Tragödie dieser Migrationen in Richtung der kapitalistischen Paradiese besteht darin, das eben dieser soziale Aufstieg auch zur globalen Verteuerung der Arbeitskraft beiträgt, weshalb die Kapitalisten letztlich ihren eigenen Ländern den Rücken kehren, ihre Fabriken schließen und sie in solchen Ländern wieder aufmachen, wo die Lohnkosten noch niedriger sind… und dabei eine dramatische und riesige Spur von frustrierter Migration und sozialer Gewalt hinterlassen.


Wichtig ist hier die Tatsache, dass es der kapitalistische Fortschritt selbst und die von ihm ermöglichte fortschreitende Erhöhung des Lebensstandards selbst sind, welche eine historische Tendenz zur Verteuerung der Arbeitskraft hervorrufen. Marx hat, auf prophetische Weise, diese Tendenz als einen der konkreten gesellschaftlichen Faktoren betrachtet, welche die Entwicklung des Kapitalismus und seine strukturelle Krisentendenz bestimmen.


b. Die Reproduktion des Kapitals

Wenn wir den Wirtschaftszyklus, durch den aus der von der Arbeitskraft ausgeübten Wertschöpfung Mehrwert entnommen wird, auf allgemeiner Ebene untersuchen und ihn im Rahmen der allgemeinen Logik des Kapitalismus betrachten, stellen wir fest, dass der wirkliche Sinn, den all diese Bewegung für den Kapitalisten besitzt, NICHT darin besteht, irgendwelche Bedürfnisse zu befriedigen, ja nicht einmal irgendwelche realen Güter zu produzieren, die dazu in der Lage wären, sondern das Ziel, am Ende des Zyklus über eine neue, idealerweise gewachsene Kapitalquote, zu verfügen, um sie erneut zu investieren. Es ist kein Zufall, dass wir in der Lage gewesen sind, den gesamten Zyklus unter Anspielung auf “eine Ware” zu beschreiben, ohne festzulegen, ob es sich dabei um Schulhefte, Lebensmittel, Waffen oder Kokain handelt.[21]


Wenn man den Gesamtprozess betrachtet, von der initialen Investition konstanten und variablen Kapitals bis zum Verkauf der Ware, dann ist darin, aus der Warte des Kapitalisten, in der Tat Kapital produziert worden und die konkrete Ware, wie auch das Agieren der Arbeitskraft erscheinen als bloße Mittel zum Zweck. Daher kann man diesen gesamten Prozess als Produktionszyklus des Kapitals bezeichnen und nicht etwa als Arbeitszyklus oder Warenproduktion, wenngleich es sich gleichzeitig auch darum handelt.


Die reale Situation ist aber so, dass der Kapitalist dies immer wieder durchführen muss und viele Kapitalisten es gleichzeitig tun, ihre Handlungen sich über viele Zyklen hinziehen und sich historisch und gesellschaftlich ausbreiten. Dieser Ausbreitung und diesen notwendigen Wiederholungen müssen wir jetzt eine Bezeichnung erteilen, indem wir ihrem Namen, der sich auf einen einzelnen Moment bezieht, zwei Komponenten hinzufügen. Wir müssen jetzt den Prozess (nicht den Zyklus) der Re- (immer wieder) Produktion des Kapitals angehen.


Der Produktionszyklus des Kapitals hat uns dazu gedient, auf fokussierte und vorläufig nach analytische Art und Weise zu verstehen, wie die Aneignung von Mehrwert, die kapitalistische Ausbeutung, in ihrer besonderen Zelle vonstatten geht. Der Reproduktionsprozess des Kapitals soll uns dazu dienen, die Gesamtdynamik des Kapitalismus zu verstehen, seine “Gesetzmäßigkeiten”, um die Aneignung von Mehrwert in einem konkreteren und bestimmteren Rahmen zu betrachten. Vom erkenntnistheoretischer Standpunkt aus handelt es sich um den Übergang vom Einzelnen und Abstrakten zu dem, was der marxistischen Analyse am eigensten ist, der globalen und historischen Betrachtung.


Marx widmete dieser globalen und historischen Analyse des Kapitalismus vierzig Jahre Forschung und Systematisierung. Seine vielfachen Versuche und deren Resultate können in vier seiner wichtigen Werke eingesehen werden. Zur Kritik der politischen Ökonomie (1859); der erste Band von Das Kapital (1867); eine lange Reihe vorbereitender Manuskripte, die erst 1939 unter dem Titel Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie herausgegeben, zwischen 1857 und 1859 geschrieben wurden; der zweite und der dritte Band von Das Kapital, die von Friedrich Engels 1884 und 1894 geordnet und herausgegeben wurden. Hinzu kommen hunderte Seiten mit Notizen, Anmerkungen und ganze Texte, die seit seinem Tod veröffentlicht wurden, wie die 1905 von Karl Kautsky veröffentlichten Theorien über den Mehrwert; das Kapitel VI aus dem ersten Band von Das Kapital, das fast hundert Jahre unveröffentlicht geblieben war, und mehrere hundert Seiten, die - kaum zu glauben - bis zum heutigen Tag nicht veröffentlicht worden sind.[22]


Von all diesem umfangreichen Material, das mehrere Semester dedizierter Studien bedarf und das Anlass für mehrere Dutzend erklärender Texte geben könnte, interessieren mich in diesem Buch nur die wesentlichsten Elemente der darin enthaltenen Argumentation. Und mir bleibt nichts anderes übrig, als den Leser zu bitten, die Adäquatheit dieser minimalen Zusammenfassung mittels der entsprechenden Studien zu kontrastieren (und zu überprüfen), welche sich mit Sicherheit als voller bedeutsamer Details, Varianten und lebhafter Kontroversen erweisen werden, die ich hier unmöglich wiederzugeben vermag. Der von mir angestrebte Zweck besteht nur darin, auf allgemeine Weise das für die Erarbeitung von Marx' Argumentation erforderliche Verfahren zu verzeichnen, seine wichtigsten Ergebnisse aufzuzählen und vor allem, seine politischen Konsequenzen aufzuzeigen.


Von einem empirischen Standpunkt aus betrachtet, erfordert Marx' Aufgabe die Untersuchung dessen, was über viele Produktionszyklen einer konkreten Ware geschieht (sagen wir, Tomaten oder Stühle) unter Berücksichtigung der Konkurrenz zwischen verschiedenen Produzenten, die unterschiedlich weit entwickelte Technologie anwenden. Weiter erfordert sie, die Analyse zu erweitern und die Auswirkungen der Konkurrenz und der Technik in einem gesamten Produktionszweig mit einzubeziehen (zum Beispiel, die Lebensmittelherstellung oder die Möbelindustrie). Marx' Schlussfolgerung, nach dieser Analyse, ist dass die interne Logik des Kapitalismus in jeder Branche zu zyklischen Überproduktionskrisen führt, mit einer Reihe weiterer Auswirkungen, die ich anschließend aufzählen werde.


Aber das genügt nicht. Im folgenden Schritt muss überprüft werden, wie diese Krisenlogik die gesamte Produktion von Fertigwaren in Mitleidenschaft ziehen wird. Aber dafür, wiederum, hat Marx dasselbe Phänomen parallel in drei grundlegenden Bereichen betrachtet, die er dann miteinander interagieren lässt. Das sind die Produktion von Fertigwaren, die Produktion von Rohstoffen (oder, allgemeiner, die sogenannte "Grundrente": Fischerei, Bergbau, Landwirtschaft), sowie die Produktion von Produktionsmitteln. Nachdem er aufzeigt, dass die zyklische Tendenz zu Überproduktionskrisen sich in jedem einzelnen dieser Bereiche wiederholt, gelang es ihm, zu zeigen, dass deren Komposition und Wechselwirkung in ebenso zyklischer und struktureller Weise zu allgemeinen Krisen des Kapitalismus als Ganzes führt.


Diese innerliche und strukturelle Neigung zur Krise kann man verstehen, wenn man von einem der herausragendsten erkenntnistheoretischen Wesenszüge ausgeht, der darin enthalten ist, selbst wenn dies weder die Terminologie, noch die Art und Weise ist, in der Marx seine Theorie formulierte: er entwickelte eine situierte, historische Wirtschaftsanalyse; er nahm eine reale Situation als Ausgangspunkt (und nicht ein abstraktes Konkurrenzmodell).


Die effektive historische Situation ist die, dass die kapitalistische Wirtschaft auf "individuelle, in Konkurrenz zueinander stehende Wirtschaftsakteure gründet, die ursprünglich Unterschiede aufweisen und die auf einem strukturell undurchsichtigen Markt agieren".


Einerseits waren sie nie gleich, diese Akteure hatten weder dieselben Fertigkeiten, noch dieselben Mittel zu ihrer Verfügung, noch denselben Zugang zu Quellen für Startkapital. Andererseits können sie den Gesamtzustand der Wirtschaft weder erfahren, noch berechnen, nicht nur wegen deren Komplexität, sondern weil sie untereinander in Konkurrenz stehen und dieses sie dazu zwingt, ihre Absichten und Vorteile zu verheimlichen, bis zum Zeitpunkt an dem sie diese effektiv durchzusetzen imstande sind. Der kapitalistische Markt ist nicht nur undurchsichtig, kann nicht nur niemals transparent werden, sondern er ist dergestalt konstituiert, dass er es nicht sein kann. Das globale Resultat dieser Undurchsichtigkeit ist, dass jedem Einzelkapitalisten, sofern er als solcher überleben will, keine andere Alternative offen bleibt, als Konkurrenzvorteile zu nutzen und als Teil dieses Versuchs ist er geradezu bemüht, seine Absichten zu verbergen, bis es an deren Umsetzung geht.


Selbstverständlich kann man auf vielfältige Art und Weise Vorteile erlangen. Mit Gewalt, durch Korruption (beispielsweise indem man sich privilegierte Informationen besorgt), durch offenen Missbrauch (indem man beispielsweise die arbeitenden Menschen einer Überausbeutung unterzieht). Und jede einzelne dieser Formen kann im realen Kapitalismus massenhaft dokumentiert werden; sie sind nicht nur von linken Kritikern angeprangert und angefochten worden, sondern auch von fortschrittlicheren Liberalen. Auch hier ist es aber Marx' übergroßes Verdienst, sich nicht bei diesen Figuren kapitalistischer "Übergriffe" aufgehalten und dazu moralisiert zu haben, wie es fast alle anderen linken Oppositionellen taten und tun (und auch er selbst), sondern mit seiner Analyse auf den "bestmöglichen" Kapitalisten zu zielen[23], auf den, der die Technik voranschreiten lässt, der die relativ besseren Löhne zahlt, um von dieser Ausgangsbasis nicht nur zu zeigen, dass unter seiner Leitung die Tendenz zur Krise fortbesteht (und sich in gewissem Sinne verschärft), sondern dass die vermeintlichen "Übergriffe" in Wirklichkeit notwendige Schritte sind, die über ihren moralischen Inhalt hinaus zur Logik des historisch betrachteten Gesamtkapitals dazu gehören.


Marx' Kritik erweist sich auf diese Weise als substantiell mächtiger, als die jeglichen anderen linken Kritikers. Die "Übergriffe" des Kapitals werden nicht verursacht (oder brauchen nicht verursacht zu werden) durch irgendwelches Übelwollen oder moralische Disposition (wie Gewinnsucht, schrankenloser Egoismus oder Geiz), sondern sind, unter Nutzung jener bemerkenswerten weberschen Formulierung, "rationelle Aktionen", im Kontext einer unschwer zu verstehenden objektiven Logik.


Aber, darüber hinaus besteht seine Kritik andererseits darin, dass man aufzeigen kann, dass alle anderen Handlungsvarianten, die man, nunmehr wertmäßig, als "rationell" bezeichnen kann, wie beispielsweise de Aufruf, zum technologischen Fortschritt beizutragen, um die Produktivität zu erhöhen, gleichwohl zur Krise führen, mit allen negativen moralischen Konnotationen, die sich die Kritiker aufzuführen befleißigen. Das bedeutet: selbst der "beste" Kapitalismus ist hinsichtlich seiner Struktur kritikwürdig oder auch, die allgemeinen Krisen erscheinen letztendlich nicht als ein Manko des Kapitals, sondern geradezu, unter ihren gegebenen historischen Bedingungen, sein hauptsächlichstes Resultat. Wie Hegel behauptete, "der Widerspruch ist die Seele des Werdens": einzelne, perfekt rationelle Handlungen kombinieren sich dergestalt, dass das globale Ergebnis irrational ist.


Folgen wir also diesem Weg. Versuchen wir, ausgehend von den Handlungen bestimmter "guter" Kapitalisten, zu verstehen, weshalb von dieser Ausgangsbasis sich ebendiese Akteure gezwungen sehen, sich in "schlechte" Kapitalisten zu verwandeln und wie, bei Betrachtung des Prozesses als Ganzes, diese moralisierenden Adjektive, "gute", "schlechte", "rationelle", "irrationelle", jegliche Bedeutung verlieren und uns, sobald sie sich zerstreuen, das Panorama einer eigens widersprüchlichen und katastrophischen Gesellschaft zurücklassen.


Diesen Gedankengang weiterführend besteht die allgemeine Frage darin, ob die "rationelle" Handlungsweise eines jeden Kapitalisten auf einem konkurrenzbehafteten Markt etwas anderes sein kann, als der Versuch, bei der Konkurrenz im Vorteil zu sein. Bestenfalls kann er dies erlangen, indem er besser und billiger produziert, wodurch er seine Konkurrenten in den Ruin treibt. Die beste Strategie hierfür ist möglicherweise der Versuch, den Profit zu maximieren, um danach, von dieser Ausgangsbasis aus, auf eine Teil davon zu "verzichten", indem man die Preise reduziert.


Unter dieser Logik sind Anstrengungen, den Gewinn zu maximieren, weder dem Geiz geschuldet, noch der Profitgier, ebenso wie die Preisreduzierung umgekehrt nicht auf einen Anfall von Großzügigkeit zurückzuführen ist, sondern beide können als Mittel verstanden werden für einen perfekt rationelle Zweck. Oder auch die Feststellung, um weiter auf diesen Punkt einzugehen, der mir von besonderer Bedeutung erscheint, dass Marx' Argument es nicht bedarf, den Kapitalisten irgendwelche anderen moralischen Eigenschaften zuzuschreiben, als ihren eigen Vorteil zu suchen und den ihrer Leute. Das Argument kann ohne weiteres auf der objektiven (und objektivierenden) Ebene der ausschließlich ökonomischen Handlungen und Zwecke fortbestehen. Wenn wir das Wert/Zeit-Diagramm betrachten, das wir zur Beschreibung der Aneignung von Mehrwert benutzt haben, wird ersichtlich, dass es grundlegend zwei Möglichkeiten gibt, wie der Profit oder der angeeignete Mehrwert anwachsen können. Um die erste dieser Möglichkeiten zu verdeutlichen, habe ich im gleichen Diagramm zwei Situationen dargestellt, um sie zu vergleichen:


Valorplusvalía.png

Die Situationen unterscheiden sich insofern, dass die Arbeitszeit bei B (tB) größer ist als bei A (tA). Da die von der Arbeitskraft ausgeübte Verwertung de Produktionsmittel grundlegend von der Zeit abhängt, besteht die unmittelbare Wirkung dieses Unterschieds darin, dass der Mehrwert bei B (PB) größer ist als bei A (PA).


Es ist wichtig zu bemerken (wenngleich dies nicht in diesem Diagram eingezeichnet wurde), dass man dieselbe Wirkung hätte erhalten können (PB > PA), wenn man beim Übergang von A nach B den Lohn gekürzt hätte. (Das wird durch die breiteren Pfeile dargestellt).


Diese beiden Mechanismen, eine Verlängerung der Arbeitszeit oder Lohnkürzungen zum Zweck der Profiterhöhung, sind das, was Marx als "Mechanismen zur Erhöhung des Mehrwerts auf absolutem Wege" bezeichnet und oft beziehen sich die Marxisten darauf unter der verkürzten Bezeichnung "absoluter Mehrwert".[24]


Angesichts dieser Möglichkeit erhält die Existenz von Tagesarbeitszeiten von zehn, zwölf oder vierzehn Stunden ihren ganzen Sinn (deren Existenz in der Geschichte des Kapitalismus umfassend dokumentiert ist), oder die der Mechanismen zur Reduzierung der Löhne (wie weniger Lohn für Frauen, Kinderarbeit, oder Unterdrückung der Rechte der arbeitenden Menschen). Das sind Praktiken, deren Bezeichnung als "wilder Kapitalismus", oder auch als "schlechter Kapitalismus", vollkommen berechtigt ist. In dem Maße, in dem es sich um außerordentlich sichtbare Praktiken handelt, auf die oft zurückgegriffen wird und die natürlich unmittelbare Auswirkungen auf das Leben der arbeitenden Bevölkerung haben, hat sich die Mehrheit der linken Kritiker berechtigterweise schon immer auf sie konzentriert.


Aber gerade und wie schon gesagt: es ist NICHT von dieser Ausgangsposition, von wo aus Marx seine Kritik organisiert. Es gibt eine andere, ganz unterschiedliche Art, den Mehrwert zu erhöhen, wie man auf dem nächsten Diagramm erkennen kann, in dem ich wiederum zwei Situationen zum Vergleich zusammengeführt habe.


ValorProductividad.png

Nun ist es so, dass der Verwertungsrhytmus in jedem Fall unterschiedlich ist. In der Situation B gelingt es, innerhalb derselben Arbeitszeit, den Produktionsmitteln mehr Wert hinzuzufügen, als bei A. Dies ist möglich, weil die Produktivität der Arbeit erhöht wurde. Diese Verfahren bezeichnet Marx als "Mechanismen zur Erhöhung des Mehrwerts auf relativem Weg" und man pflegt unter der Bezeichnung "relativer Mehrwert" darauf Bezug zu nehmen.


Unter Verwendung gegenwärtiger Ausdrucksweisen könnte man sagen, es gäbe einen "Hardwaremodus" zur Erhöhung der Produktivität, der darin bestünde, über bessere Maschinen und Werkzeuge zu verfügen, sowie einen "Softwaremodus", bei dem es mit denselben Maschinen darum ginge, die Anordnung der Schritte zu verbessern, in denen die einzelnen konkreten Operationen im Verlauf der Produktionsaufgabe durchgeführt werden. In diesem zweiten Fall und soweit die Tagesarbeitszeit beibehalten wird, führt die Optimierung des Arbeitsablaufs dazu, dass der Anteil jener Arbeitszeit zunimmt, in der die Rohstoffe real und unmittelbar bearbeitet und verwandelt werden. Deshalb kann man von einer Intensivierung der Arbeitszeit sprechen.[25]


Im Verlauf des XX. Jahrhunderts hat diese Optimierung der Reihenfolge und der Art und Weise, in der die Produktionsprozesse organisiert werden, derart an Bedeutung gewonnen, dass sie für bestimmte Modi der kapitalistischen Akkumulation als maßgeblich betrachtet werden muss, welche an ihrem Einsatz dieser Techniken erkannt werden können, sowie an ihren unzähligen Auswirkungen auf die sozialen Beziehungen. Bei diesen Modi, deren Ursprung und Charakter in der industriellen Arbeitsorganisation wurzelt, handelt es sich um den Taylorismus, den Fordismus und den Postfordismus.[26] Hier finden wir einen weiteren prophetischen Aspekt der Untersuchungen von Marx, dem es gelang, jede einzelne dieser Formen, sowie deren Auswirkungen auf die kapitalistische Entwicklung vorherzusagen.


Gewinnmaximierung kann also auf dem Weg des absoluten Mehrwerts, oder auf dem des relativen Mehrwerts erlangt werden. Bevor wir auf deren Auswirkungen und die in der Entwicklung des Wettbewerbs gespielte Rolle eingehen, wollen wir sie zunächst unmittelbar miteinander vergleichen.


Eine erste und entscheidende Art des Vergleichs besteht darin, ihre unmittelbare Wirkung auf die Ausbeutung zu untersuchen. Da Lohnkürzungen im Spiel sind, erhöht der absolute Mehrwert selbstverständlich das, was wir gewöhnlich unter Ausbeutung verstehen. Und da die Produktivitätssteigerungen prinzipiell Lohnerhöhungen ermöglichen könnten, scheint der relative Mehrwert umgekehrt die Ausbeutung zu verringern.


Das Ergebnis einer Untersuchung der Ausbeutungsrate ist jedoch das genaue Gegenteil. Wenn wir im Fall des absoluten Mehrwerts (siehe Graphik) die bezahlte Arbeitszeit mit der nicht bezahlten vergleichen, so erhalten wir:


tpA = tpB aber tnpA < tnpB. Da die Ausbeutungsrate Texp = tnp / tp ist,


erhält man dagegen: TexpA = tnpA / tpA < TexpB = tnpB / tpB


Das heißt, trotzdem der Lohn sinkt, sinkt auch die Ausbeutungsrate.


Im Fall des relativen Mehrwerts, stattdessen:


tpA > tpB und, da die Gesamtarbeitszeit gleich bleibt, tnpA < tnpB, womit sich beide Faktoren bei der Berechnung der Ausbeutungsrate in die gleiche Richtung auswirken man erhält:


tnpA / tpA < tnpB / tpB[27]


Das heißt, trotzdem der Lohn steigt, steigt auch die Ausbeutungsrate.


Dieser hier angesprochene Unterschied zwischen Ausbeutung und Ausbeutungsrate besitzt enorme politische Konsequenzen, auf die ich in den folgenden Kapiteln eingehen werde. Vorläufig sind wir in Folgendem vorangekommen: wenngleich sich linke Kritik am häufigsten gegen den Rückgriff auf den absoluten Mehrwert wendet, da dieser das erhöht, was man gewöhnlich unter Ausbeutung versteht, handelt es sich hierbei nicht um die wesentlichste und tiefgreifende Auswirkung kapitalistischer Unterdrückung.


Bei der aus dem Rückgriff auf den relativen Mehrwert resultierende Steigerung der Ausbeutungsrate handelt es sich nicht nur um eine numerische Berechnung oder einen relativen Indikator, sondern in Wirklichkeit um den Faktor, der die wachsende Entfremdung des Proletariats als Gesellschaftsklasse zu erklären imstande ist. Wenn wir diese Entfremdung wortwörtlich verstehen, als von etwas eigenem beraubt werden (dass nämlich das Eigene zu etwas fremden wird), dann ist die Ausbeutungsrate ein besserer Indikator als das absolute Lohnniveau für diese Aneignung, für das Verhältnis zwischen dem, was der Arbeiter als Anstrengung in seiner Arbeit beiträgt, und dem, was er als Lohn empfängt, vor allem in solchen Fällen, in denen das absolute Lohnniveau real ansteigt.


Während der absolute Mehrwert mit der Entfremdung, die die physische Armut mit sich bringt, einhergeht, ist der relative Mehrwert einen Indikator für die Entfremdung, die im Überfluss stattfindet. Und selbstverständlich ist dies nicht nur ein Zahlenspiel. Wenn wir von diesen scheinbar abstrakten Faktoren auf die Ebene des Alltagslebens heruntersteigen und sie als Existenzbedingungen betrachten, dann bringt die Formulierung "Anstieg der Ausbeutungsrate" eine Situation zum Ausdruck, in welcher der Arbeiter für immer größere Produktmengen verantwortlich ist, auf die er über immer komplexere Schnittstellen einzuwirken hat, wobei seine möglichen Fehler bei der Ausführung seiner Arbeitstätigkeit für den Unternehmer immer kostenträchtiger werden. Die extreme technische Arbeitsteilung, die für den Erhalt und die Kontrolle dieser Situation erforderlich ist (Taylorismus, Fordismus), wirken sich wiederum unmittelbar auf seinen Körper, seine sensorischen Fähigkeiten, auf seine Aufmerksamkeit und Fähigkeit zu disziplinierten Reaktionen aus. Damit ändert sich selbst die Form der Müdigkeit. Vom eher durch Muskelermüdung geprägten langen Arbeitstag findet ein Übergang zur neuromuskulären und psychologischen Ermüdung statt, von der eher die Feinmotorik und die geistige Aktivität betroffen sind. Entsprechend werden neue und intensivere Formen der Wiederherstellung der Arbeitskraft erforderlich, was im gesamten System zur Tendenz führt, die "Freizeit" zu kolonisieren, um diese Wiederherstellung sicherzustellen, um zu erreichen, dass der Werktätige Mensch am nächsten Tag in der Lage ist, weiter ausgebeutet zu werden.


All diese Entmenschlichung ist in der scheinbar harmlosen Formel "Steigerung der Ausbeutungsrate" enthalten. Und es ist bemerkenswert, dass all diese möglichen, ökonomischen und existentiellen Komponenten in Marx' Kalkül eingehen, wobei er sie ständig miteinander kombiniert. Hierin erkennen wir einmal mehr den tiefen Sinn der Bedeutung einer "politischen Ökonomie", das heißt, eines Wirtschaftskalküls, in dem das menschliche Leiden ständig im Mittelpunkt steht. Und das sollte auch immer dann berücksichtigt werden, wenn vereinfachende Einschätzungen in den vom relativen Mehrwert ermöglichten eventuellen Lohnsteigerungen die "gute" Seite des Kapitalismus sehen wollen.


Eine andere Form des Vergleichs beider Arten der Mehrwertsteigerung berücksichtigt deren soziale Folgen. Während der Rückgriff auf absoluten Mehrwert einen Nettorückschritt in der Lage der Werktätigen mit sich bringt (weniger Lohn, ein längerer Arbeitstag), ermöglicht es die Inanspruchnahme des relativen Mehrwerts sowohl direkte Lohnsteigerungen, aber auch, infolge der niedrigeren Einheitskosten der Fertigwaren, indirekte Lohnverbesserungen, das heißt, eine Erhöhung der Kaufkraft.


Es gibt jedoch Elemente, welche die Komplexität dieser scheinbaren Dichotomie noch erhöhen. Zunächst ist zu berücksichtigen, dass der "wilde" Kapitalismus, sozial gesehen, in ein und derselben Gesellschaft nicht über einen längeren Zeitraum lebensfähig ist. Er ist politisch instabil. Seit dem Augenblick, in dem die Industrialisierung verallgemeinert wurde, traten vielfältige Widerstands- und Organisationsformen sowie politische Druckmittel der arbeitenden Menschen in Erscheinung. Wenn man das Jahrhundert Arbeiterkämpfe zwischen 1830 und 1930 betrachtet und es in die Perspektive des vorangegangenen Jahrtausends setzt, so wird jeder Beobachter erstaunt sein, ob der unzähligen errungenen Rechte, vor allem in den zentralen kapitalistischen Ländern. Das Recht als solches, sich zu organisieren, die Ausweitung der staatlich anerkannten politischen Rechte und Garantien, der auf die Staaten ausgeübte Druck, Maßnahmen in der Bildungs- und Gesundheitspolitik, im Städte- und Wohnungsbau zu ergreifen. Und, vor allem, hinsichtlich der der beiden Rechte, die sich gegen den absoluten Mehrwert richten: die Begrenzung der Tagesarbeitszeit auf höchstens acht Stunden und der anhaltende Druck hinsichtlich der Festlegung von Mindestlöhnen, sowie der Aufrechterhaltung und Verbesserung des mittleren Lohnniveaus. Die bürgerlichen Staaten selbst, auch gestoßen durch die von der allgemeinen Krise erzeugten Bedürfnisse, sahen sich gezwungen, sich dieser Forderungen anzunehmen und diese Errungenschaften zu erweitern, bis zur Errichtung dessen, was seinerzeit als "Sozialstaat" bezeichnet wurde. Zumindest für eine Zeitspanne (1935-1985) und wenigstens in einem Teil der Welt (Europa, USA, Japan) schien der "wilde" Kapitalismus nicht lebensfähig zu sein.


Heute wissen wir, dass er sehr wohl weiter lebensfähig sein kann und dass er in der Folge tatsächlich vollkommen machbar und real gewesen ist. Einerseits wurde der Wohlstand dieser Ersten Welt durch die systematische Plünderung des größten Teils der Erde aufrechterhalten. Und andererseits erwies es sich, im Einklang mit Marx' düstersten Vorhersagen, dass es in diesem Wohlstand absolut nichts heiliges, nichts unantastbares gab, und dass ab Anfang der 80er Jahre nicht nur in der Ersten Welt selbst eine umfassende Sozialdemontage einsetzte, sondern, als Erscheinung mit weit größerer historischer Bedeutung, die Kapitalisten ohne jegliche "Vaterlandsliebe" zur Entindustrialisierung ihrer eigenen zentralen Länder übergingen und den Großteil der industriellen Fertigung in jene "Dritte" Welt überführten, die bis dahin von der herrschenden Ideologie als "unfähig zur Entwicklung" stigmatisiert worden war. [28] Und sie taten dies, nicht mehr und nicht weniger, in ihrem Streben nach dem ”grausamen” und ”bösen” absoluten Mehrwert. Ebenso wie beim berühmten Ausspruch des Don Vito Corleone: “in Wirklichkeit, nichts persönliches, nur ein geschäftliches Problem…”.


Wenn wir uns, andererseits, den ”vorteilhaften” und hoch gepriesenen Verfahren zur Erhöhung des relativen Mehrwerts zuwenden, stoßen wir erneut auf einen Widerspruch. Der außerordentliche technologische Fortschritt gestattet es nämlich, das Produktionsvolumen enorm zu steigern und dabei immer weniger Arbeiter zu beschäftigen. Hierbei handelt es sich um einen Effekt, der oft als “Tendenz zur strukturellen Arbeitslosigkeit“ oder direkt als “strukturelle Arbeitslosigkeit“ bezeichnet wird. Aber eben diese Werktätigen sind zur gleichen Zeit die wichtigsten potentiellen Konsumenten. Es kann nicht immer mehr verfügbare Waren geben und gleichzeitig immer weniger arbeitende Menschen. Hiermit spitzt sich die Tendenz zur allgemeinen Überproduktionskrise zu.


Wie allgemein bekannt ist, versuchten die “Sozialstaaten“ und selbst solche, die es nicht wirklich waren, diesen Widerspruch dadurch zu lösen, dass sie eine intensive Tertiarisierung der Wirtschaft förderten. Selbst in einem entwickelten Industrieland wie den USA waren, in ihrem goldenen Zeitalter, bis zu 70% der Beschäftigten mit der Produktion von Dienstleistungen befasst, während 25% die Gesamtheit der Fertigwaren herstellten und sich nur 5% der Produktion aller Lebensmittel für die gesamte Bevölkerung widmeten. Es ist außerordentlich bemerkenswert, dass nur einhundert Jahre zuvor das Verhältnis zwischen Landwirtschaft und Dienstleistungssektor noch genau umgekehrt gewesen war. Diese sogenannte Politik der ”Vollbeschäftigung” bestand historisch gesehen in nichts anderem, als in der Umsetzung des Ideals, dass alle Menschen irgendeinen Lohn empfangen, unabhängig von der Nützlichkeit oder der Sinnlosigkeit der von ihnen auszuübenden Tätigkeit, wenn sie ihn nur zum Kauf der Erzeugnisse verwenden, die der Markt unaufhörlich anbietet.


Aber damit nicht genug. Die Politik zur Eindämmung der Krisentendenzen griffen ein um das andere Mal zurück auf Kriege, auf vorprogrammierten Warenverfall, auf offene Verschwendung (wie die Entsendung von Menschen zum Mond oder die Erbauung riesiger Teilchenbeschleuniger), kurzum, auf die unmittelbare und irrationale Zerstörung der Erzeugnisse der produktiven Anstrengungen der gesamten Gesellschaft, nur um Raum zu schaffen für den Verkauf neuer Waren.


Und hier, erneut, der Widerspruch. Damit all dies funktionieren konnte, mussten die kapitalistischen Großunternehmen die Löhne erhöhen und, vor allem, einen beträchtlichen Teil ihres Gewinns in Steuern abführen. Und die Folgen, nunmehr auf diesem Weg des Überflusses und der Verschwendung, tendierten ebenfalls in dieselbe nur zwei Absätze zuvor genannte Richtung: Ausplünderung der Dritten und Entindustrialisierung der Ersten Welt.


c. Die kapitalistische Krise

Das große Gespenst, das in der kapitalistischen Welt umgeht, eher als wiederkehrender apokalyptischer Reiter, ist die allgemeine Krise, die Überproduktionskrise.


Wie bereits angeführt, konzentrierte sich Marx, um ein Verständnis ihrer Funktionsweise zu erlangen, auf eine Analyse des “bestmöglichen“ Kapitalismus, welcher auf die relativen Mechanismen zur Steigerung des angeeigneten Mehrwerts zurückgreift.


Wir können seine Argumentation auch mittels der Graphiken verdichten, die ich bisher verwendet habe, aber ich werde die Erklärung nun auch mit Zahlenbeispielen unterstützen, die ich in mehreren Etappen beschreiben werde.


Die Klärung der allgemeinen Frage kann beginnen, indem wir erkennen, dass das Diagramm, auf dem ich den relativen Mehrwert verdeutlicht habe, indem ich aus rein didaktischen Gründen die beiden Situationen A und B zusammengeführt habe, in Wirklichkeit etwas wesentliches verschweigt, was es jetzt hinzuzufügen gilt.


Den Unterschied kann man erkennen, wenn man beide Situationen in zwei parallele Diagramme auftrennt:

AumentoCC.png


Tatsächlich geschieht folgendes: für den Übergang von der Situation A zur Situation B, für eine Steigerung der Produktivität, ist es erforderlich, die Investition an Konstantem Kapital zu erhöhen (KK), das heißt, komplexere Maschinen zu kaufen, fortgeschrittenere Techniken zu entwickeln oder zu erstehen. Es muss außerdem daran erinnert werden, dass der wirtschaftlichen Sinn dieses Schritts in einem eventuellen “Verzicht“ auf einen Teil des Einheitsprofits besteht (des Profits für jede Produkteinheit), mit dem Ziel einer Preissenkung.


Da aber der Einheitsprofit beschränkt und gleichzeitig die Investition an Konstantem Kapital erhöht wird, sinkt die Profitrate. Der (bei Preissenkung) erwirtschaftete Mehrwert (M) ist mehr oder weniger derselbe, aber das investierte Kapital (KK+VK) ist größer:[29] DisminuyeTasaGanancia.png


Es sei darauf hingewiesen, dass die Verringerung noch viel drastischer ausfallen würde, wenn nicht nur das Konstante Kapital (KK) steigt, sondern auch die Löhne (VK).


Gehen wir hier mehr ins Detail, anhand eines Zahlenbeispiels, das ich in mehreren Etappen entwickeln werde. In dieses beispiel habe ich außerdem zwei Elemente eingegliedert, die den ganzen Prozess etwas realistischer gestalten. Zunächst handelt es sich hierbei um die effektive Tatsache, dass der Kapitalist immer einen Teil des erwirtschafteten Mehrwerts seinem Eigenkonsum widmet, womit er diesen Teil dem Prozess der Re-Produktion des Kapitals entzieht. Weiterhin handelt es sich um einen Re-Produktionsprozess, der viele einzelne Produktionszyklen umfasst, weshalb es erforderlich ist, dass der Kapitalist einen Teil seines Gewinns dem Ersatz des progressiven Verschleißes seiner Machinen und seines Werkzeugs widmet, sei es durch Wartung oder Reparaturen, oder mittels Anlage eines Kapitalfonds für deren Ersatz. Hiermit wird die Verwendung des erwirtschafteten Mehrwerts wie folgt bestimmt: 1. Reproduktion des investierten Kapitals, das heißt, erneute Investitionen in KK und VK, sowie Ersatz des Verschleißes an Produktionsmitteln; 2. Abtrennung eines Teils für den Eigenkonsum; 3. Investition eines zusätzlichen Betrags in KK und VK, zwecks Erweiterung des gesamten Zyklus. Und aufgrund dieser drei verfolgten Ziele kann all dies als ”Prozess der erweiterten Re-Produktion des Kapitals” bezeichnet werden: Produktion – Reproduktion – Erweiterung.


In Tabelle 1 habe ich, mit relativ willkürlichen Zahlen, den ersten Schritt dargestellt, nur die Produktion neuen Kapitals ausgehend von einer initialen Investition:


Tabelle 1 - Die Produktion des Kapitals
1 2 3 4 5 6 7 8 9
KK (Produktionsmittel) VK (Löhne) KK+VK
(1+2)
Einheiten Einzelpreis Erlös
(4*5)
Mehrwert
(6-3)
Profitrate
(7/3)
Ausbeutungsrate
(7/2)
100 100 200 100 5 500 300 300/200=1,5 300/100=3,0
KK 100
VK 100
Ersetzen 20
80 Konsum KK' 100
VK' 100
Sowohl die Reinvestition, wie Ersatz und Konsum werden dem Mehrwert entnommen.
44 Einheiten 220 80 200
Minimaler Umsatz Wiederbeschaffung
Ersatz
Konsum Reinvestition


Es ist auffallend - und keineswegs zufällig, dass in dieser Tabelle von einer bestimmten Anzahl Einheiten “eines Produkts“ die Rede sein kann, ohne sich darauf festzulegen, worum es sich handelt (Stühle, Schuhe, Hefte, usw.). Dies rührt daher, dass - wie vorher schon gesagt, der kapitalistische Sinn dieser gesamten Operation in der Produktion (dem Wachstum) des Kapitals selbst besteht, ohne dass es dabei von Bedeutung ist, durch welche Produkte (Waffen, Kokain, Tabak) dieses Ziel erreicht wird.


Damit diese Operation aber abgeschlossen wird, ist es erforderlich, die Ware zu “realisieren“, das heißt, sie zu verkaufen. Deshalb habe ich den Einheitspreis aufgeführt, sowie den Umsatz, der bei Verkauf der Gesamtproduktion erzielt wird. Aber es ist natürlich erforderlich, diese Profitmasse (den bei Verkauf der Gesamtproduktion erzielten Betrag) vom Mehrwert zu unterscheiden, den man aus der Profitmasse erst nach Abzug der Initialinvestition, das heißt der Summe von Konstantem und Variablem Kapital, erhält. Und dieser muss wiederum von der Profitrate unterschieden werden, die man aus der Division dieses Mehrwerts durch die Initialinvestition erhält. Für ihre anschließende weitere Betrachtung aufgeführt habe ich auch die Ausbeutungsrate, die man in Form einer Division des Mehrwerts (des Profits) durch das variable Kapital (die Löhne) berechnet. Schließlich bin ich daran interessiert (und hierbei weiche ich zum xten Mal von der pädagogischen Orthodoxie auf diesem Gebiet ab), eine gewisse “Verkaufsanstrengung” zu berücksichtigen, welche der minimalen Anzahl von Einheiten entspricht, die der Kapitalist zwangsweise verkaufen muss, um zumindest die Gesamtinvestition (KK + VK + Ersatzkosten) wieder zu beschaffen. Was ich mit dieser heterodoxen Abwandlung zu zeigen beabsichtige, ist dass die minimale zwangsweise zu verkaufende Anzahl Einheiten in dem Maße merklich ansteigt, in dem der Prozess voranschreitet, bis zu dem Punkt, an dem die Kaufkraft des Marktes erschöpft sein wird, das heißt, sich eine Überproduktionskrise einstellt, durch die das gesamte bis dahin erzielte Wachstum zum Einsturz gebracht wird.


In Tabelle 2 habe ich einen Produktionszyklus wiedergegeben, in dem nichts anderes geschehen ist, als eine Verdoppelung aller Faktoren.[30]



Tabelle 2 - Die einfache erweiterte Reproduktion
1 2 3 4 5 6 7 8 9
KK (Produktionsmittel) VK (Löhne) KK+VK
(1+2)
Einheiten Einzelpreis Erlös
(4*5)
Mehrwert
(6-3)
Profitrate
(7/3)
Ausbeutungsrate
(7/2)
200 200 400 200 5 1000 600 600/400=1,5 600/200=3,0
KK 200
VK 200
Ersetzen 40
160 Konsum KK' 200
VK' 200
Sowohl die Reinvestition wie auch Ersatz und Konsum stammen aus dem Mehrwert.
88 Einheiten 440 160 400
Minimaler Umsatz Wiederbeschaffung
Ersatz
Konsum Reinvestition


Man muss ausdrücklich darauf hinweisen, dass diese erfolgte Verdoppelung nur deshalb möglich ist, weil im ersten Zyklus dafür, selbst nach Abzug von Konsum und Wiederbeschaffungskosten für Maschinen und Werkzeug, genügend Mehrwert produziert worden war. Es wurden dasselbe technologische Niveau und dieselben Löhne beibehalten. Und nachdem der doppelte Betrag investiert wurde, ist auch einfach der doppelte Ertrag erhalten worden. Wie diese Zahlen zeigen, ist dies ein hervorragendes Geschäft gewesen und es gelang jedes Mal, die Gesamtheit der Produktion zu verkaufen.


Trotzdem es sich hierbei um einen seltenen Fall handeln mag, gibt es in ihm bereits einen interessanten Aspekt von ganz allgemeiner Tragweite hervorzuheben: die Erhöhung der Investition stammt vollständig aus dem erwirtschafteten Profit, oder, anders gesagt, sie stammt weder aus Ersparnissen, noch aus irgendeiner anderen Art von Einschränkung der Quote, die der Kapitalist für seinen eigenen Konsum beiseite legt.


Die Erweiterung der kapitalistischen Reproduktion entstammt keinerlei Ethik bezüglich Anstrengung, Produktivität oder Sparsamkeit, wie Max Weber in einer berühmten These behauptete, die nicht nur empirisch falsch ist, sondern darüber hinaus eine rassistische Begrifflichkeit widerspiegelt.[31] Wenn alles gut läuft, entstammt das kapitalistische Wachstum ganz einfach dem Profit und, wie ich etwas später ausführen werde, es stammt ganz einfach aus der Plünderung, wenn es dann weniger gut läuft. Die kapitalistische Ethik ist, wie jede Ethik, in seinen Taten enthalten, nicht in den von der bürgerlichen Kultur verkündeten Idealen.


Andererseits wollen wir auch darauf hinweisen, dass der kapitalistische Konsum und Genuss ebenfalls verdoppelt werden kann, wenn das Geschäft so gut gelaufen ist wie bisher, ohne dass dabei die Logik seiner Erweiterung in Mitleidenschaft gezogen würde. Und natürlich stammt dann auch diese Verdoppelung aus dem Profit und nicht aus Einsparungen oder anderen erbrachten Opfern. Die zahllosen Beispiele unflätiger und hochtönender Verschwendung durch englische, deutsche und nordamerikanische Neureiche ab Beginn des kapitalistischen Aufschwungs in ihren Ländern (denken wir an die riesigen Anwesen der deutschen Junker, oder an zwanghafte Verbraucher und Exhibitionisten wie Randolph Hearst oder Nelson Rockefeller), machen erneut den Gedanken zunichte, dass dieser Reichtum durch irgendeine Art von Askese oder einer Ethik der Mühe und Selbstaufopferung zu erklären wäre. Fügen wir außerdem erschwerend hinzu, dass Max Weber unmittelbarer Zeuge und gelegentlich selbst ein Kritiker solcher pompöser Gesten war.


In Tabelle 3 habe ich zwei Dinge verzeichnet. Eines davon ist, dass das Geschäft dermaßen gut ist, dass der Kapitalist es einfach verfünffachen kann. Aber gleichzeitig und angesichts des Auftretens von Konkurrenten, dass er das Produktionsvolumen und das Volumen der erwirtschafteten Profitmasse dazu nutzen kann, um die Einheitskosten zu verringern und auf diese Weise eine “vorteilhafte Wettbewerbsposition“ einnehmen kann, ohne dafür bedeutende Abweichungen von seinem bis dahin verfolgten Weg hinnehmen zu müssen.


Tabelle 3 - Die erweiterte Reproduktion und die Konkurrenz
1 2 3 4 5 6 7 8 9
KK (Produktionsmittel) VK (Löhne) KK+VK
(1+2)
Einheiten Einzelpreis Erlös
(4*5)
Mehrwert
(6-3)
Profitrate
(7/3)
Ausbeutungsrate
(7/2)
1000 1000 2000 1000 5 5000 3000 3000/2000=1,5 3000/1000=3,0
Preissenkung 4 4000 2000 2000/2000=1,0 2000/1000=2,0
KK 1000
VK 1000
Wiederbeschaffung 100
200 Konsum KK' 800
VK' 800
Sowohl die Reinvestition wie auch Ersatz und Konsum entstammen dem Mehrwert.
550 Einheiten 2200 200 1000
Minimaler Umsatz Wiederbeschaffung
Ersatz
Konsum Reinvestition


Mit demselben Technologie- (KK) und demselben Lohnniveau (VK), aber bei Investition des fünffachen im Vergleich zum ersten Zyklus, wird ausreichend Profitmasse erwirtschaftet (siehe dritte Zeile), um den Einheitspreis zu senken (siehe vierte Zeile) und trotzdem weiter eine solche Profitmasse zu erhalten, die es gestattet, den Eigenkonsum beizubehalten oder zu steigern, während gleichzeitig erneut in die Erweiterung des Kapital investiert werden kann.


Aber diese (von der Konkurrenz erzwungene) Preissenkung hat einen entscheidenden Effekt: sie führt zu einem Fall der Profitrate.[32] Sehen wir auch, erneut und diesmal infolge der Senkung des Einheitspreises, die bemerkenswerte Steigerung der erforderlichen “Verkaufsanstrengung”.


Tabelle 4 enthält einen regelrechten Sprung vorwärts, wobei alle bisherigen Variationen ins Spiel kommen. Das Geschäft ist dermaßen gut gewesen und die Konkurrenz möglicherweise gerade deshalb dermaßen aktiv, dass unser Kapitalist sich entschlossen hat, sich viel mehr Kapital zu “besorgen“ und in ganz großem Stil zu investieren, um die Produktivität mittels neuer Maschinen und Technologien drastisch zu erhöhen. Er investiert zehnmal mehr als in der vorangegangenen Tabelle (hundertmal mehr als in der ersten) um ausgeklügelte Maschinen zu erstehen, die es ihm ermöglichen pro Einheit investierten Kapitals das Doppelte zu produzieren.[33]


Tabelle 4 - Die erweiterte Reproduktion: der Große Sprung Vorwärts
1 2 3 4 5 6 7 8 9
KK (Produktionsmittel) VK (Löhne) KK+VK
(1+2)
Einheiten Einzelpreis Erlös
(4*5)
Mehrwert
(6-3)
Profitrate
(7/3)
Ausbeutungsrate
(7/2)
10.000 1000 11.000 20.000 1 20.000 9.000 9.000/11.000=0,81 9000/1000=9,0
Ursprüngliche Akkumulation Einzellohn steigt KK 10.000
VK 1000
Wiederbeschaffung 500
500 Konsum 8.000
Rücklagen
Reinvestition
Große Kapitalerweiterung
“Ursprüngliche Akkumulation”
Steigerung der Ausbeutungsrate
Steigerung des Verkaufsdrucks
Überproduktionskrise
Tendenz zur Überproduktionskrise 11.500
Minimaler Umsatz
11.500
Wiederbeschaffung
Ersatz 500
500 Konsum 8.000
Rücklagen
Reinvestition
Der Große Sprung Vorwärts: Großinvestition an konstantem Kapital
Starker Fall der Profitrate - Starker Anstieg der Ausbeutungsrate


Aber diese Maschinen erlauben es ihm auch, für das gleiche Produktionsvolumen, weniger Arbeiter einzustellen, das heißt, es entsteht der Effekt eines Beitrags zur “strukturellen Arbeitslosigkeit“, von der ich weiter oben gesprochen hatte. Aber gleichzeitig, und ungeachtet des Missgeschicks der verzichtbar gewordenen Arbeiter, ermöglicht dies eine Steigerung der Einzellöhne, selbst unter Beibehaltung der in Variablem Kapital investierten Gesamtbetrags.


Unter Berücksichtigung des Investitionsvolumens und der Produktivitätssteigerung wächst das Produktionsvolumen enorm an. Dadurch wird auch, im Prinzip, eine enorme Profitmasse ermöglicht. Aber bei solchen Volumina besteht die rationellste Strategie darin, den Einheitspreis radikal zu senken und so all jene Mitbewerber ganz einfach in den Konkurs zu stürzen, die über keinen solchen technologischen Vorteil verfügen. Die Auswirkungen dieser Senkung des Einheitspreises ist in der ersten Zeile der Tabelle 4 dargestellt; sie ist mit den in Tabelle 3 erreichten Verhältnissen zu vergleichen.


Dieser Vergleich zeigt an erster Stelle, dass es die erwirtschaftete Profitmasse weiterhin ermöglicht: 1. das in diesem Zyklus verausgabte Kapital wieder zu beschaffen und zu reinvestieren; 2. den durch die Produktionsmittel erlittenen Verschleiß zu ersetzen; 3. einen Teil des Profits zu konsumieren (einen größeren Betrag, wenngleich der Anteil geringer ist); 4. darüber hinaus, einen zusätzlichen, neuen Kapitalbetrag zu erlangen, um den Zyklus zu erweitern oder als Vorsorge für zukünftige Herausforderungen beiseite zu legen.


Aber diese gute Nachricht und der Erfolg einer solchen Strategie hängen entscheidend davon ab, dass sich die Ware tatsächlich verkaufen lässt. Wenn wir die minimale Anzahl an Einheiten betrachten, die es zu verkaufen gilt, um überhaupt einen Nettogewinn einzufahren, so stellen wir fest, dass diese auch enorm angestiegen ist (von 550 auf 11500), das heißt, die “Verkaufsanstrengungen” nehmen beträchtlich an Bedeutung zu, womit ihrer ökonomischer Sinn ans Tageslicht gelangt: es handelt sich im Grunde um ein Maß für das Risiko, welches der Kapitalist auf dem Markt eingeht. Bei den riesigen Investitionen in konstantem Kapital wächst das Risiko, diese Investition nicht wieder einzubringen, ganz einfach weil der Verkauf eines genügend großen Teils der Produkte nicht gelingt.


Eine kanonischere Art und Weise, denselben Punkt vorzutragen, besteht darin, die beständige Verringerung der Profitrate zu beobachten, die bei jedem dieser Schritte vonstatten gegangen ist und die sich jetzt zuspitzt. Umgekehrt ausgelesen zeigt diese Tendenz, dass die wirtschaftlichen Anstrengungen, welche der Kapitalismus als Ganzes unternehmen muss, um mit größeren Investitionen Erfolg zu haben, ebenfalls viel größer sind. Und sie zeigt, dass die einzige Art und Weise, einen Ausgleich für diese Anstrengungen zu bekommen, darin besteht, viel mehr Produkteinheiten zu verkaufen, oder auch, einen immer größeren Anteil dessen, was hergestellt wird.


Aber der Vergleich zeigt auch, dass die wirtschaftlichen Anstrengungen nicht allein durch den Kapitalisten unternommen werden, sondern dass im Grunde vor allem und auf erweiterter Stufenleiter die Gesamtheit der arbeitenden Menschen darunter leidet: die Ausbeutungsrate steigt beträchtlich an. Und mit ihrem Anstieg spitzen sich die physischen und existentiellen Folgen einer absurden Situation zu, in welcher die Löhne steigen und gleichzeitig die Lebensqualität sinkt: das ganze, sich langsam drehende Rad der Entfremdung, des standardisierten Lebens, der subjektiven und körperlichen Disziplinierung, das mit den tayloristischen und fordistischen Produktionstechniken und ihrem ebenfalls absurden globalen Ergebnis einhergeht: nicht einmal der Kapitalist kann sich wirklich der Anstrengungen aller bedienen… denn an jeder Ecke lauert auf ihn die Überproduktionskrise.


In Tabelle 5 habe ich die Grenze aufgeführt, an der die Preise im Rahmen der Konkurrenz ganz einfach nicht weiter gesenkt werden können, weil sonst die Investitionen nicht wieder eingebracht werden können. An dieser Grenze, auf einem Markt, in dem mehr als ein Kapitalist versucht hat, seinen großen Wurf zu tätigen, wird die Produktion die Kaufkraft der Gesellschaft übersteigen, die Produkte werden nicht mehr in dem Maß realisiert werden können, wie es für die Rückgewinnung der getätigten Investitionen erforderlich wäre, und sie können nicht einmal mehr verschenkt werden (weil dies nur einen weiteren Preisverfall bewirken würde): sie müssen dann zerstört werden. Verbrennung agrarischer Überschüsse in Gesellschaften, in denen chronischer Hunger herrscht, Kriege, unter denen alle leiden und die nur dazu geführt werden, neuen Produkten “Raum zu schaffen“ und den Wiederaufbau dessen, was nur zur Schaffung dieser Gelegenheit zerstört wurde,in ein lukratives Geschäft zu verwandeln, die Einführung der absichtlichen geplanten Obsoleszenz, damit sich die Produkte vor Ablauf der bei gegebener Technik eigentlich möglichen Zeitspanne abnutzen, alles Irrationalitäten, die keinen anderen Hintergrund haben, als die von der Konkurrenz erzeugte Überproduktion.


Dabei ist es erforderlich, noch kurz auf eine andere Möglichkeit einzugehen. Die Kapitalisten könnten versuchen, den Produktionsüberschuss dadurch zu kompensieren, dass sie die Kaufkraft der Werktätigen vergrößern, das heißt, den Lebensstandard der Gesamtgesellschaft ansteigen lassen. Eine wunderschöne Illusion, die über mehr als fünfzig Jahre hinweg als “Sozialstaat” bezeichnet wurde. Die Kehrseite solcher Großzügigkeit (einer “Großzügigkeit“, natürlich, nur um des Profits Willen) besteht darin, dass bei Lohnerhöhungen mit dem Ziel einer Kaufkraftsteigerung, erneut und nunmehr infolge dieses Faktors, die Profitrate fällt und damit das Risiko eines jeden Kapitalisten steigt, nicht genügend verkaufen zu können, um seine Investitionen wieder einzufahren. Der Ausweg aus diesem neuen Absurdum, dessen Zeuge wir heute, zu Anfang des XXI. Jahrhunderts, alltäglich werden, besteht darin, dass die Kapitalisten die Industrie aus jenen Ländern, in denen die Löhne ein "zu hohes" Niveau erreicht haben, in andere Länder verschieben und damit den hochgepriesenen "Sozialstaat" allein aufgrund ihrer unmittelbaren Interessen in die Tonne treten, ungeachtet der fünfzig oder sechzig Jahre, während derer er das große Modell eines produktiven, unternehmerischen und wohltätigen Kapitalismus zu sein schien.


Tabelle 5 - Die erweiterte Re-Produktion: an der Grenze
1 2 3 4 5 6 7 8 9
KK (Produktionsmittel) VK (Lohn) KK+VK (1+2) Einheiten Einzelpreis Erlös (4*5) Mehrwert (6-3) Profitrate (7/3) Ausbeutungsrate (7/2)
10.000 1000 11.000 20.000 0,6 12.000 1.000 1.000/11.000=0,09 1000/1000=1.0
Ursprüngliche Akkumulation Einzellohn steigt CC 10.000
CV 1000
Ersatz 500
500 Konsum 0
Rücklagen
Reinvestition
Große Erweiterung des Kapitals
Extremer Preisrückgang
Grenze des Verkaufsdrucks
Erzielt kein Kapital für Erweiterung
Minimale Profitrate
Überproduktionskrise
Tendenz zur Überproduktionskrise 19.167
Minimaler Umsatz
11.500
Amortisation
Ersatz
500 Konsum 0
Rücklage
Reinvestition
Der Große Sprung: die Grenzen der Großinvestition an Konstantem Kapital
Minimierte Profitrate - Gefahr der Überproduktion


Der gesamte rote Faden des Komplotts, welches von Marx hinsichtlich der “bestmöglichen“ Kapitalismus entziffert wurde, liegt nun offen dar. Die Konkurrenz erzwingt den Versuch, die Einzelpreise zu senken. Zu diesem Zweck werden Großinvestitionen an konstantem Kapital getätigt, aber dies zwingt zur Steigerung die Produktmenge, die zwangsweise realisiert werden muss. Aber der Effekt beider Initiativen ist eine anhaltende Tendenz zum Fall der Profitrate. Der Zwang, eine Erlösmasse zu erzielen, die es ermöglicht, die Investitionen wieder einzufahren, die verschlissenen Produktionsmittel zu ersetzen und den Zyklus zu erweitern, verstärkt die Notwendigkeit, das zu realisierende Warenvolumen zu vergrößern. Wenn zwei oder mehr Konkurrenten ein ums andere Mal diese Versuche durchführen, eskaliert ihre Situation bis sie den Markt einfach sättigen, wo es dann keiner von ihnen vermag, die erforderlichen Umsätze zu tätigen, und sie melden massenhaft Konkurs an. Dies ist es, was wir als "Überproduktionskrise" genannt haben. Und Marx war in der Lage, ihre Notwendigkeit und ihre Wiederholung nach Produktionszweigen aufzuzeigen, nach Produktionsbereichen (Rohstoffe, Fertigprodukte, Produktionsmittel) und schließlich, die zyklische Konvergenz all dieser Krisen in "allgemeinen Krisen des Kapitalismus".


Die allgemeinen Krisen des Kapitalismus sind die irrational zerstörerischsten Katastrophen der Menschheitsgeschichte. Die Menschen haben wegen ihrer technologischen Unbeholfenheit Jahrtausende lang Hungersnöte, Pestepidemien und Not erlitten, sie haben grausame Kriege unternommen, um sich über ihre Ohnmacht, der Natur und ihrer eigenen Unwissenheit gegenüber, hinwegzusetzen. Und darin gab es etwas an tragischer Notwendigkeit. Aber im Verlauf des modernen Zeitalters ist diese objektive Hinfälligkeit bei weitem überwunden worden und es wurden spektakuläre Volumina und Wirkungsgrade in der Produktion von Gütern und Dienstleistungen erzielt, womit es absolut überflüssig wird, weiter an Krise und Krieg zu hängen. Und es ist gerade inmitten dieser Wirksamkeit und dieses Überflusses wo diese enormen Mengen an Gütern zerstört und verschwendet werden müssen, nur damit die Logik des kapitalistischen Profits beibehalten werden kann, sowie die armselige Freiheit, die darin besteht, zur Entfremdung der Erzeugnisse unserer Arbeit verdammt zu sein. Dies ist die zentrale Anklage in der marxschen Argumentation, in einem globalen Sinn. Nachdem er gezeigt hat, dass die Krisen weder durch natürliche Gegebenheiten verursacht werden, noch durch eine unveränderliche Natur des Menschen, sondern durch ohne Weiteres identifizierbare und vermeidbare historische Umstände, wird Marx' Werk zu einer tiefen politischen Anklage gegen Wurzel und Wesen des kapitalistischen Systems.


Wie ich bereits ausgeführt habe, ist die allgemeine Krise eine derart irrationale Situation, dass die auf den Markt geworfenen überschüssigen Produkte einfach zerstört werden müssen, damit sie ihren Preis teilweise wieder erreichen, was es dann gestattet, einen Teil des investierten Kapitals zu retten. Im gegebenen Rahmen der Konkurrenz und der Schwankungen bei Angebot und Nachfrage würden ein Verkauf unter Produktionskosten, oder schlimmer noch, eine Verschenkung, nichts anderes tun, als die Krise zu vertiefen. Riesige Mengen menschlicher Anstrengung werden zerstört und verschwendet, allein wegen einer historisch vermeidbaren Logik.


Trotzdem muss der Kapitalismus überleben: ein Ausweg aus der Krise muss gefunden werden. Dies geschieht, historisch gesehen, durch große Veränderungen der technologischen Basis des Kapitals, das heißt, gerade auf der Grundlage massiver Investitionen in konstantem Kapital, welche das gesamte Gewebe der Produktionszweige umfassen und sie auf neuem Niveau neu zusammenfügen.


Dies ist seit den 80er Jahren weltweit so vor sich gegangen. Ganze Produktionssysteme, die als Ruinen enden, als Schrott verkauft werden, wie man in der Trostlosigkeit der ehemaligen Detroiter Automobil-Produktionsstätten beobachten kann, oder bei den großen verlassenen Fabriken auf dem Gebiet der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik. Systeme, die unter Verwendung anderer Techniken und bei niedrigeren Löhnen in anderen Teilen der Welt wieder zusammengefügt werden, wie es in China, Indien oder im Norden Mexikos geschieht.


Aber dies erinnert uns an ein “kleines Detail“ in unserem Beispiel, in der Tabelle 4. Unser Kapitalist hat sich zur Erweiterung seines Unternehmens eine große Masse Kapital "besorgt". Ausgehend von der Logik von Marx' Überlegungen ist es nicht relevant, wo dieser oder jener Unternehmer sich solche Ressourcen "besorgen", sondern wie sich auf historischer Ebene die Bourgeoisie als Klasse die entsprechenden Mittel besorgte.


Die Antwort auf diese Frage ist jedem Geschichtswissenschaftler bekannt: die Mittel stammten aus der kolonialen Plünderung Lateinamerikas. Die Überausbeutung und Ausrottung der Indios, bis zum Extrem, sie durch zig Millionen afrikanischer Sklaven ersetzen zu müssen, das ist der blutige historische Ursprung des Wohlstands in Europa. Und niemand streitet dies ab, ungeachtet der Tatsache, dass die soziologische Theorie gerne auf die seltsame Idee Webers zurückgreift, dieser Wohlstand sei dem sparsamen und arbeitsamen Charakter der (weißen, europäischen, patriarchalischen) protestantischen Bourgeois zu verdanken.


Niemand hat den europäischen Kolonialismus für diese Verbrechen und Plünderungen entschuldigt, die selbst von Marx feinfühlig als "ursprüngliche Akkumulation des Kapitals" bezeichnet werden.[34] Niemand hat auch nur den Versuch gewagt, es sei denn auf offen rassistischer und totalitärer Grundlage.[35] Der Kapitalismus kann in flagranter Weise wegen des blutigen Charakters seiner Ursprünge angeklagt werden.


Um solch einen Skandal zu lindern, und gar unter Umgehung seiner sowohl unter ethischen wie auch empirischen Gesichtspunkten zweifelhaften Logik, könnte man argumentieren, dass sich diese initiale Plünderung vielleicht damit rechtfertigen lässt, wenn wir in Betracht ziehen, dass sie den heutigen Überfluss als Auswirkung hat. Solch ein Zynismus ist nicht so selten zu finden, wie man denken könnte, und er lässt sich bei vielen konventionellen Wirtschaftswissenschaftlern und Verteidigung des Systems finden.


Dagegen können aber zwei grundlegende Überlegungen vorgebracht werden. Die erste davon ist, dass die Logik, die zu solchem Überfluss geführt hat, dieselbe ist, die verhindert, dass dieser Überfluss auf gerechte Art und Weise allen Menschen zugute kommt, insbesondere durch seine eigenen unmittelbaren Produzenten, den arbeitenden Menschen. Der zweite Punkt, dessen Hervorhebung mich hier interessiert, besteht darin, dass die famose "ursprüngliche Akkumulation" weit davon entfernt ist, ein einmaliger und weit zurückliegender Prozess ist.


Tatsächlich ist es so, dass ebenso wie die allgemeinen Krisen des Kapitalismus zyklisch sind, auch die Notwendigkeit einer außerordentlichen Kapitalakkumulation zyklisch auftritt und jedesmal mittels derselben "wenig zimperlichen" Methoden vonstatten geht wie bei der ursprünglichen Plünderung, ungeachtet der Tatsache, dass sie nach und nach etwas "eleganter" umhüllt wird.


Die "ursprüngliche" Kapitalakkumulation muss aus theoretischen Gründen als zyklisch erachtet werden und sie ist durch empirische Daten aller Art breit dokumentiert. Einmal ums andere findet sie auf zwei grundlegenden Wegen statt, obwohl die kulturellen und politischen Formen sich durchaus verändern können: auf dem Weg der systematischen Plünderung der Peripherie oder auf dem des absoluten Mehrwerts in den Metropolen.


Die politischen Veränderungen, was die Formen der Plünderung der Dritten Welt betrifft, bestehen eben genau im Übergang vom Banditentum und der ursprünglichen kolonialen Aneignung zur Komplizenschaft der örtlichen herrschenden Klassen, gestützt auf Armeen, die ihr eigenes Volk brutal niederhalten, anstatt dies mit Invasionsarmeen zu tun.


Der Rückgriff auf den absoluten Mehrwert in den Metropolen besteht im periodischen Rückschritt hinsichtlich der hart erkämpften Errungenschaften der arbeitenden Menschen, jedesmal wenn die Erfordernisse des Kapitals es so benötigen. Das sind Rückschritte, die selbstverständlich auch nur unter Einsatz brutaler Gewalt durchgesetzt werden kann.


Von einem rein empirischen Gesichtspunkt aus, ist somit unschwer festzustellen, dass das kapitalistische System nicht nur einen kriminellen Ursprung, sondern auch eine kriminelle Geschichte besitzt. Dies ist eine Geschichte, der gegenüber es einfach ein Übermaß an Zynismus ist, ihren "Erfolg" bestimmten lutherischen Werte oder rationalistischen Idealen zuzuschreiben. England schuf seinen Wohlstand auf der Grundlage der Piraterie, des Sklavenhandels und des Drogenhandels. Die Tatsachen, dass es in den fortgeschrittensten kapitalistischen Ländern bis weit ins XIX. Jahrhundert Sklaverei gab, dass die Arbeiterbewegung dadurch eingedämmt wurde, dass sie auf brutale Weise in zwei Weltkriege gestürzt wurde, dass Lateinamerika mit Militärdiktaturen bedeckt und seine Linke bis vor nur dreißig Jahren mit Folter, Mord und Verschleppungen dezimiert wurde, dass auch die Völker Iraks und Afghanistans dezimiert wurden, nur der Stabilität der Ölpreise wegen, zeigen unter zahllosen anderen Beispielen, dass sich der kapitalistische Fortschritt nicht auf der Feinheit und Eleganz eines Steve Jobs oder George Soros gründet und es nie getan hat.


Aber, über solche flagranten empirischen Feststellungen hinaus, die von irgendeinem Heuchler immer noch als "bedauernswerte Auswüchse" bezeichnet werden könnten, besteht das Grundproblem in der Beziehung zwischen solcher Gewalt und der strukturellen Logik, die zur allgemeinen Krise führt. Zum Teil besteht die enormen Kraft von Marx' Argumentation darin, dass er in der Lage war, in seinen letzten Schriften die Verbindung zwischen der wiederholten Plünderung und der wiederkehrenden Krise zu zeigen, oder auch die strukturelle Verknüpfung zwischen dem relativen Mehrwert und der periodischen Erfordernis, auf den absoluten Mehrwert zurückzugreifen. Damit löst sich der Unterschied zwischen "guten" Kapitalisten und "schlechten" oder "wilden", den wir bisher (aus rein pädagogischen Gründen) aufrechterhalten haben, objektiv auf. Deswegen habe ich ihn auch immer in Anführungsstriche gesetzt.


Es gibt keine solchen "guten" und "schlechten" Kapitalisten. Die ständige Oszillation zwischen relativem und absolutem Mehrwert ist für die Logik des Kapitalismus ebenso wesentlich, wie die Konkurrenz selbst, oder der undurchsichtige Charakter des Markts und, als solche, übersteigt sie den guten oder bösen Willen jedes einzelnen Kapitalisten.


4. Die verschiedenen Ansätze der Kapitalismuskritik

a. Erkenntnistheoretische Vorteile

All die Argumentation der vorangegangenen Abschnitte, die in Wirklichkeit nichts anderes sind, als eine dürre pädagogische Zusammenfassung des riesigen und komplexen Werks von Marx, dient dem Zweck dieses Buchs, bei dem es sich schlicht darum handelt, die Logik seiner Argumente darzulegen, mehr als die zahllosen Details, die ohne Frage in einem anderen Zusammenhang auch sehr wichtig sind.


Was ich gezeigt habe, ist dass unter diesen Argumenten die Konkurrenz, der undurchsichtige Charakter des Markts, die technologische Entwicklung (und ihre Kosten), sowie eine ursprünglich bereits ungleiche Position der konkurrierenden Einzelakteure die entscheidenden Faktoren sind. Ich habe gezeigt, dass die Kombination dieser Faktoren zu einer globalen und historischen Tendenz zur Verringerung der Profitrate führt und dass die Versuche, die Wirkung dieser Tendenz umzukehren, zu den zyklischen Überproduktionskrisen führen. Ich habe in diesem Kontext auch den inneren, strukturellen Zusammenhang zwischen dem Rückgriff auf den relativen Mehrwert und dem Rückgriff auf den absoluten Mehrwert als Aneignungsformen aufgezeigt.


Daher ist dies der geeignete Moment, auf die erkenntnistheoretischen Eigenschaften der Marxschen Kritik hinzuweisen, die ihr Kraft und Stimmigkeit geben, und sie davon ausgehend mit den anderen existierenden Typen der Kapitalismuskritik zu vergleichen.


Der erste bemerkenswerte Aspekt der Marxschen Kritik besteht darin, dass sie einzig und allein von inneren und wesentlichen Faktoren der kapitalistischen Aktivitäten ausgeht. Damit erzielt seine Beweisführung einen demonstrativen Charakter, das heißt, sie hängt weder von Eventualitäten ab (es gab eine Dürre, Investorenpanik, chaotische Zustände), noch von unmittelbaren, nur psychologischen oder soziologischen Faktoren (die Profitgier, die „Produktivitätsethik“, der Ehrgeiz, der Wucher).


Es handelt sich natürlich um eine bestimmte historische Situation, aber ihre Bewegung und Auswirkungen hängen nicht von den guten oder bösen Absichten ihrer einzelnen Akteure ab, ja nicht einmal von deren mehr oder weniger guten Fähigkeiten für das Geschäft. Ausgehend von der Konkurrenz zwischen Einzelakteuren, deren einziges Ziel es ist, ihr Kapital zu reproduzieren und zu erweitern, wofür sie an einem undurchsichtigen Markt teilnehmen, sind die Tendenzen der Minderung der Profitrate und des Eintretens allgemeiner Überproduktionskrisen strukturell notwendig. Die einzige Art und Weise, sie zu vermeiden, besteht dementsprechend darin, den Mechanismus zu beseitigen, der sie hervorbringt.


In dieser Hinsicht ist es offenkundig, dass die konventionelle Ökonomie, die ich im ersten Abschnitt als „wissenschaftliche Ökonomie“ bezeichnet habe, bis zum heutigen Tag keine Krisentheorie mit diesen Eigenschaften aufweisen kann, und dass ihre größte Annäherung an dieses Problem in der seltsamen Idee besteht, das Wirtschaftssystem „tendiere“ wie alle komplexen Systeme von sich aus zu chaotischen Entgleisungen und dass zur Auslösung solcher Katastrophen der Flügelschlag eines Schmetterlings genüge.


Dies ist auch der geeignete Ort, um auf einem anderen bemerkenswerten und kennzeichnenden erkenntnistheoretischen Merkmal zu bestehen. Es handelt sich um ein Argument, das in einer globalen und historischen Analyse wurzelt und darin seine höchste Stimmigkeit erreicht, ungeachtet der Gegentendenzen, die es auf lokaler und zeitweiliger Ebene geben mag.


Die berühmteste Polemik in diesem Zusammenhang ist wahrscheinlich jene, die von Eduard Bernstein wenige Jahre vor dem Ersten Weltkrieg angezettelt wurde, nachdem er nicht ohne Bestürzung feststellte, dass die globale Profitrate des Kapitalismus zunahm (!), anstatt diszipliniert den Diktaten des Meisters zu folgen. Bernstein schlug vor, man müsse Marx' Analyse revidieren und wahrscheinlich korrigieren. Karl Kautsky, damals der oberste Hüter der Orthodoxie, widersprach entschieden dem Gedanken, Der Meister könne sich geirrt haben und bezichtigte Bernstein des Revisionismus! Dabei handelt es sich um einen Terminus, der von der marxistischen Tradition des XX. Jahrhunderts weiter in gleichfalls idiotischer Weise viele Jahrzehnte lang verwendet wurde.[36]


Jedoch hatte Kautsky seltsamerweise und trotz seiner Argumente Recht. Und die Angelegenheit wird nicht nur empirisch entschieden mit dem Krisenzyklus, der 1915 beginnt und 1929 seinen Höhepunkt findet, sondern sie kann auf eine tiefgreifendere Art und Wiese entschieden werden.


In der Tat ist es so, dass jedes Mal, wenn wichtige technologische Veränderungen und bevor ein „Preiskrieg“ einsetzt, die Profitrate steigt. Und dies geschieht nicht nur in jeder Produktionsbranche und in jedem Bereich, sondern auch auf der Ebene des kapitalistischen Gesamtsystems, jedes Mal wenn ist aus der Asche seiner allgemeinen Krisen neu geboren wird.


Es ist nicht relevant, ob die Profitrate in der Elektronikindustrie steigt oder fällt, oder ob es in drei oder in fünf Jahren eine allgemeine Krise geben wird. Das sind Angaben, die vielleicht dazu dienen können, Aktien zu kaufen oder zu verkaufen, aber nicht dazu, Überlegungen zur globalen Praktikabilität des Kapitalismus anzustellen. Relevant sind die Diagnose und das historische Urteil zum Charakter und zum eventuellen Ausgang des Ganzen als System. Und auf dieser Ebene ist Marx' Analyse nicht nur kohärent und überzeugend, sondern sie ist auch in zunehmendem Maße immer offensichtlicher von der kapitalistischen Entwicklung bestätigt worden.


Eine innere, demonstrative, kohärente und umfassend von den Tatsachen bestätigte Theorie; eine Theorie über ein ganzes Gesellschaftssystem, das über ausgedehnte historische Zeiträume beobachtet wird. Das alles ist in den Gesellschaftswissenschaften nicht häufig anzutreffen.[37]


b. Konservative Kritik

Aber das moderne Gedankengut geht heute, wie in seiner Geschichte, in seiner Breite weit über die Armseligkeiten der Gesellschaftswissenschaften hinaus. Es ist angebracht, hier eine kurze Aufzählung der diversen Argumente anzustellen, die im verlauf seiner Entwicklung gegen den Kapitalismus vorgebracht wurden.


Zunächst hat es jahrhundertelang und praktisch seit seinem Ursprung eine nachdrückliche konservative Kritik am Kapitalismus gegeben. Von den hasserfüllten Predigten eines Bernhard von Clairvaux (1090-1153), die als sehr viel subtiler und tiefgründiger angesehen werden sollten, als der darin enthaltene schlichte religiöse Fanatismus, und die oft einen überraschend prophetischen Charakter haben, bis zur Raffinesse der Kritik von Martin Heidegger (1889-1976), hat sich das konservative Denken in mehr als berechtigter Weise gegen den zersetzenden Individualismus gewandt, gegen das antisoziale Chaos des Marktes, gegen die Vulgarität der bürgerlichen Emporkömmlinge, gegen den als Sparsamkeit ausgegebenen armseligen Egoismus, die Amoralität des ökonomischen Kalküls, die Unsittlichkeit des Profitstrebens.


Natürlich sollte ein Marxist einerseits mit diesen Einschätzungen als Diagnose und Kritik vollkommen einverstanden sein, ungeachtet dessen, dass er weder mit deren Motiven übereinstimmt, noch mit dem Ort, von dem aus sie formuliert werden, noch mit den Prinzipien, nach denen sie organisiert werden, noch mit den vorgeschlagenen Auswegen und Lösungen. Es gibt viele und wesentliche Differenzen, das ist klar. Aber die Bereiche der Übereinstimmung sollten ernsthaft berücksichtigt werden, als eine Quelle der Bereicherung linker Kritik.


Von einer marxistischen Warte aus betrachtet, zielt die konservative Kritik nur auf die Auswirkungen, nicht auf die realen Ursachen, und agieren sowohl bei der Diagnose, als auch hinsichtlich der vorgeschlagenen Lösungen auf der Grundlage rein moralischer Überlegungen, die die materielle Wurzel nicht berühren, aus der die reale Ethik erwächst, die in realen Handlungen, mehr als in Erklärungen zu finden ist. Oder auch, es geht hier um Kritik im Bereich der Kultur, die auf Auswirkungen abzielt, von denen man glaubt, dass sie auch mit kulturellen Mitteln rückgängig gemacht werden können, auch hier ohne auf die verursachenden materiellen Widersprüche einzugehen.


Natürlich können Marxisten nicht mit dem Rückgriff auf das Authoritätsprinzip oder auf die Tradition einverstanden sein, die von den Konservativen als prinzipielle Ansätze für mögliche Lösungen angesehen werden. Diese Tradition und diese Autorität ist für die Marxisten nichts anderes als eine Ritualisierung und nostalgische Verherrlichung der traditionellen Unterdrückung und die ihnen zugeschriebenen Tugenden sind nichts anderes als Mythen, die auf falsche Weise beschönigen was nichts anderes war als Gewalt und Obskurantismus.


Im Rahmen dieser Polemik möchte ich auf zwei Aspekte hinweisen, um Vereinfachungen und Dichotomien zu vermeiden. Eines ist die Leichtigkeit, mit der viele Marxisten dem rein liberalen Gegenstandpunkt zu den konservativen Argumenten beizupflichten pflegen. Das andere ist die Sorglosigkeit, mit der angenommen wird, dass die konservativen Werte auf die Feudalepoche verweisen, was sie angeblich selbst hinsichtlich des Kapitalismus zu Anachronismen macht.


Tatsächlich sollten sich die Marxisten angesichts dieser Anrufung der Tradition, der Autorität, sowie religiöser Gefühle in eine eher demokratische, laizistische (bis zum Atheismus reichende) Perspektive einreihen, die auf substantielle Weise die Veränderung und das Neue hoch einschätzt. Dagegen entspricht es nicht der Wahrheit, dass solche Werte ausschließlich dem liberalen Erbe angehören, obschon sie in deren Kreis entstanden sind. Und um das sichtbar zu machen genügt es, den Versuch zu unternehmen, das, was wir in diesem Fall unterstützen (das Prinzip der Demokratie, das Neue und die Veränderung, eine laizistische und atheistische Gesellschaft) mit dem zu verbinden, was die Konservativen kritisieren (dem Individualismus, dem Karrierismus, der Kommerzialisierung, dem Profitstreben), um zu entdecken, dass beide Werteserien keineswegs widersprüchlich sind. Und vor allem, dass die konservative Linie der Kritik durchaus angerufen werden kann gegen die gesellschaftliche Realität, die dem Liberalismus seinen Ursprung und seine Argumente verschafft.


Es gibt außerdem einen entscheidenden Punkt, bezüglich dessen Konservative und Marxisten vollkommen übereinstimmen könnten, was den Bereich der Lösungen betrifft: die Notwendigkeit, die menschliche Gesellschaft eher auf dem Gemeinschaftsgefühl zu gründen, als auf dem Ermessen der individuellen Freiheit. Unsere Meinungsverschiedenheiten mit den Konservativen auf diesem Gebiet haben eher mit den materiellen Bedingungen zu tun, die die Erlangung solch eines Ziels ermöglichen könnten, sowie mit der inneren, eher demokratischen Organisationsweise solch einer Situation, als mit der Idee von Gemeinschaft an sich, die den Liberalen offensichtlich fremd ist.


Die konservative Rhetorik verweist ständig als Referenz auf ein feudales Europa, welches angeblich ritterlich und aristokratisch gewesen sei, und auf ein mittelalterliches Christentum, das einen starken Gemeinschaftssinn aufrecht erhalten habe.


Kurioserweise hat die liberale Tradition mit ihren Angriffen ebenso effizient zur Beibehaltung dieser Mythen beigetragen, wie die konservative Tradition mit ihrer Verteidigung derselben. Was beide mit symmetrischen Interessen dadurch verschleiern, ist nicht nur die Tatsache dass es sich hierbei um reine Mythen handelt, sondern die kulturelle Komplexität des Kapitalismus.


Es hat in Europa nie so etwas wie Gemeinschaftssinn gegeben, und schon gar nicht in den bewussten Jahrhunderten (vom XI. bis zum XV. J.), welche voll sind von Ketzerverbrennungen, feudalen Kriegen, sowie der gerade im Entstehen begriffenen und maßlosen kapitalistischen Gefräßigkeit. Es gab in dieser Beziehung nichts mehr als den schlichten Anspruch bestimmter Intellektueller im Dienst ziemlich brutaler Herren (wie Bernhard von Clairvaux selbst). Der Anspruch, es gäbe und es gelte das beizubehalten, was alle Welt unmittelbar als nicht existent bestätigen konnte, oder was, auf den ersten Versuch, nur gewalttätiger Zerstörung anheim fiel.


Der frische Wind des Kapitalismus, aus dem Europa geboren wurde, war seit Anbeginn katastrophal und zerstörerisch. Vor seiner Aktivwerdung (vor dem XII. J.) gab es keine Gemeinschaft, sondern nur Armut und feudale Unterdrückung. Seitdem wurde jede neue Epoche, oder um es auf eine realistischere Weise auszudrücken, wurde jede erneute Wiederherstellung des Kapitals nach grausamem Krieg, Pest oder Krise, praktisch bis heute begleitet von einem nostalgischen Pol, an dem die nun von neuen, im Besitz einer neuen technologischen Basis befindlichen Schichten besiegten und künstlich aristokratisierten Bourgeois sich eine glorreiche harmonische Vergangenheit erfinden, deren berechnender Hintergrund nur darin besteht, diese Erfindung als Kulturkapital an die neuen Bürger zu veräußern, welche auf eine neue Adelung erpicht sind, die es vermag, ihre unmittelbare Vergangenheit als Kettenschmiede, Viehdiebe oder Waffenproduzenten zu verheimlichen.


Dieser romantische Pol der Irreführung, Beschönigung und des falschen Adels ist für die bürgerliche Kultur ebenso wesentlich wie ihr aufklärerischer, rationalistischer und Irreführungen aufdeckender Pol. Deswegen genügt es nicht, ihn allein auf liberale Weise zu kritisieren. Für Marxisten muss die Kritik über beide Pole hinausgehen, dabei ihre gegenläufige Substanz mit einbeziehen und das zurückweisen, was sie an symmetrische Falschem beinhalten, als Anschein, der dazu bestimmt ist, Privilegien und Ansprüche zu legitimieren, bei denen es sich auf beiden Seiten um nichts anderes handelt, als und die Privilegien und Ansprüche der Bourgeoisie.


Das Interessante an der konservativen Kritik ist, wie sie den Aspekt des inneren kulturellen Widerspruchs des Kapitalismus rationalisiert. Damit weist sie auf eine tiefe Faltung diese zutiefst konfliktgeladenen und widersprüchlichen Kultur hin. Ihre Grenze besteht, von einem marxistischen Gesichtspunkt aus betrachtet, darin, dass sie nicht zu erkennen in der Lage ist, dass die dunklen Aspekte, auf die sie hinweist, keine Folge schlechter kultureller Praktiken ist, sondern Folge der inneren Logik eines Systems, dem der Konservativismus selbst als Teil angehört, trotz all seiner Nostalgien und Ansprüche.


c. Liberale Kritik[38]

Es gibt auch liberale Kapitalismuskritik. Dabei geht es natürlich nicht um den Kapitalismus als System, doch aber um ziemlich tief gehende Aspekte seiner gängigen Funktionsweise. Das sind Kritiken, die sich aus dem aufrechten Glauben seiner klassischen Theoretiker an ein System ableiten, in dem eine unmittelbare und enge Beziehung zwischen einem ökonomischen Modell und einer Reihe sozialer und politischer Ideale vorherrschte. Die grundlegende Verbindung zwischen diesen beiden von ihnen verfochtenen und verkündeten Sphären ermöglichte es ihnen, solche Exzesse zu kritisieren, die, ausgehend von irgendeiner dieser Sphären, der anderen nachhaltigen Schaden zufügten und so ihr Gleichgewicht störten. Deshalb kritisierten sie nicht nur das exzessive Eingreifen des Staats, durch das die Freiheit und die ökonomische Effizienz beeinträchtigt werden konnte, sondern auch, auf symmetrische Weise, das Monopol, das, ausgehend vom Bereich der Wirtschaft, zu einem Hemmschuh für die wirkliche politische Freiheit werden konnte.


Diese doppelte kritische Linie befindet sich bei klassischen Theoretikern wie Locke, Hume und Smith noch im Stadium einer Andeutung, wenngleich deren Schriften noch heute sehr wohl dafür verwendet werden können, aber sie tritt bereits offen auf bei Bentham, Stuart Mill, sowie im XX. Jahrhundert mit besonderer Klarheit bei John Kenneth Galbraith oder Michael J. Sandel.[39]


Als unerschütterliche Parteigänger der Autonomie des Bürgers und der demokratischen Transparenz, waren die Liberalen schon immer Gegner der Zensur und des Monopols im Bereich des Eigentums der Medien. Ihre systematische praktische Ineffizienz in dieser Hinsicht lässt sich natürlich nicht als Argument gegen die Ehrlichkeit ihrer Überzeugungen verwenden. Aufgrund dieser könnten sie ohne Weiteres für eine Einschränkung der kapitalistischen Willkür auf diesem besonderen Geschäftsgebiet eintreten, aber dabei sind sie immer auf die Schwierigkeit gestoßen, dass ihnen die möglichen Lösungen zur Umsetzung solcher Einschränkungen fast ebenso schlimm erscheinen wie das Problem selbst. Den Punkt zu bestimmen, an dem durch diese Unentschlossenheit ihre Aufrichtigkeit in Zynismus umschlägt, ist natürlich schon immer sehr schwierig gewesen, obwohl seine praktischen Auswirkungen in der Regel leicht festgestellt werden können.


Aus rein ökonomischen Gründen gibt es in der liberalen Tradition andererseits eine ganze Argumentationslinie gegen die Kommerzialisierung von Dienstleistungen wie der Gesundheit, der Bildung, der Kultur und zum Teil sogar des Transport- und Wohnungswesens. Das grundlegende ökonomische Argument ist, dass die Kommerzialisierung die Qualität dieser Dienstleistungen derart in Mitleidenschaft zieht, dass die sozialen Kosten dieses Verlusts den Privatgewinn weit übersteigt, aus dem sie eventuell auf indirekte Weise ausgeglichen werden könnten.


Allgemein wird in diesen Argumentationen versucht, den „Markt“ vom Superlativ der „Kommerzialisierung“ zu unterscheiden und eine bestimmte reale soziale Autonomie sowohl gegen den Staat, als auch gegen den Markt zu verteidigen. Es handelt sich um einen Bereich, der manchmal als „das Öffentliche“ unterschieden wird und der eigene Spezifika und eigene Erfordernisse aufweist.


Ebenfalls aus ökonomischen Gründen lehnen die Liberalen oftmals unproduktives Profitstreben ab, sowie die Exzesse des Zinswuchers und die Überausbeutung. In all diesen Fällen versucht die Argumentation zu zeigen, dass es sich um Praktiken handelt, die die technologische Entwicklung behindern (da sie „schnelle Gewinne“ fördern, die Konkurrenz verzerren und die Erweiterung der allgemeinen Konsumfähigkeit bremsen, die als einzige ein flüssiges Fortschreiten der kapitalistischen Produktion sicherstellen kann).


Ebenso wie im Fall der Konservativen, steckt steckt viel an empirischer Wahrheit und an Prinzipien in all diesen Kritiken. Schon allein ihre Aufzählung könnte im Milieu des neoliberalen ökonomischen Fundamentalismus, der trotz Krise immer noch die Welt beherrscht, als Brandstiftung gelten. Gegen Monopole, insbesondere im Bereich der Medien, gegen die Kommerzialisierung der Dienstleistungen, gegen Wucher und unproduktives Gewinnstreben. Unter den gegenwärtigen Bedingungen handelt es sich hierbei um ein schlicht aufrührerisches Programm.


Auch hier hätten Marxisten natürlich keinen Grund, weder mit den zu dieser Kritik angerufenen Grundlagen, noch mit den vorgeschlagenen Lösungen einverstanden zu sein.


Was die Grundlagen betrifft, so zielen diese, von einem marxistischen Standpunkt aus betrachtet all eher auf die Auswirkungen, als auf die realen Ursachen. Sie zielen auf Züge, die eher als Mängel oder Abweichungen gesehen werden und nicht in ihrer Beziehung zu strukturellen Aspekten, die zur Wiederholung ihres Auftretens führen. Und aus diesem Grund wird ihre Verursachung bestimmten Werteverzerrungen (Egoismus, Geiz) zugeschrieben, als einer objektiven globalen Situation. Darüber hinaus zieht, der liberalen Sichtweise zufolge, die letztendliche Möglichkeit dieser Abweichungen, bei der es sich um nichts anderes handelt, als um eine von sich aus egoistische und hedonistische Natur des Menschen, einen schwerwiegenden Skeptizismus nach sich, was die Machbarkeit ihrer realen und tief greifenden Verhinderung betrifft.


Alle von den verschiedenen Spielarten des Liberalismus vorgeschlagenen Lösungswege werden von diesem Skeptizismus in Mitleidenschaft gezogen und gehen somit über den Bereich von Reformen nicht hinaus, die sich nur auf juristische Garantien oder Moralpredigten stützen können. Einige sind Befürworter einer moderaten Intervention seitens einer regulierenden Staatsmacht, andere ziehen die Stärkung der Zivilgesellschaft vor. Einige setzen ihren Fokus auf die Entwicklung der Fähigkeiten und der politischen Rechte der Bürger. Andere auf die organisierte Verteidigung der Konsumenten.


Sicherlich können und müssen die Marxisten mit dieser Kritik übereinstimmen, trotz und ungeachtet ihres nur reformorientierten Charakters und ihrer beschränkten Reichweite. Wie ich weiter unter ausführen werde, gibt es für einen Marxismus, der in der Lage ist, sich in eine große und diverse Linke einzureihen, zwischen Reform und Revolution keine Alternative, sondern eine unterschiedliche historische Reichweite. Außerdem muss berücksichtigt werden, dass man heute, angesichts des theoretischen und praktischen Abgleitens des Liberalismus in den räuberischen und aggressiven Neoliberalismus, wie gesagt nur dann konsequent liberal sein kann, wenn man bezüglich vieler Aspekte der vorherrschenden Unterdrückung einen radikal subversiven Standpunkt einnimmt.


Kraft und Größe des Liberalismus als Systemkritik bestehen darin, dass seine Einwände im Bereich der Ökonomie selbst wurzeln und von ihm eine gewisse Konsistenz zwischen dem geschichtlichen Projekt der Bourgeoisie und ihrer realen Praxis gefordert wird. Seine Grenzen bestehen dagegen darin, dass er nicht in der Lage ist, zu erkennen, dass eine solche Konsistenz von sich aus unmöglich ist, dass es sich bei den Exzessen nicht um schlechte wirtschaftliche Praktiken handelt, die mit größerer Markttransparenz korrigiert werden könnten, sondern dass sie letztendlich seiner strukturellen Logik entspringen.


d. Sozialistische Kritik

Von einigen utopischen Sozialisten und von den Vertretern des Anarchismus im Allgemeinen wurde die liberale Kritik bis zu ihrem revolutionären Extrem fortgeführt. Während sie deren Diagnose und sogar die Grundlagen (Individualismus, Natur des Menschen) teilen, haben die Anarchisten das Verdienst, die liberale Idee, schuld an den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verzerrungen seien vornehmlich der Staat als artikulierendes Zentrum und die Institutionen als allgemeine Erscheinung, zu einem realen politischen Programm gemacht zu haben.


Die utopischen Sozialisten unternahmen als erste den Versuch, glaubhafte Gesellschaftsmodelle aufzustellen, in denen Selbstbestimmung der Bürger und Markttransparenz tatsächlich möglich seien. Auf realistische und klare Art und Weise erkannten sie, dass die Freiheit und die Transparenz in diesem Sinne nur in kleinen autarken Gesellschaftseinheiten möglich sind, wo die Direktvertretung und horizontale Wirtschaftsverwaltung machbar sind. Die Anarchisten folgen dieser Vorschlagslinie bis zum heutigen Tag.


Damit gingen beide Strömungen über die bloße Verkündung von Werten hinaus (ohne darauf zu verzichten) und gingen über auf das Gebiet effektiver politischer Vorschläge, dabei davon ausgehend, dass deren Schwierigkeitsgrad sie zu einer revolutionären Politik machen würde, das heißt, zu Vorschlägen, die ohne die wesentlichen Aspekte der bürgerlichen Moderne aufzugeben (Privateigentum, politische Demokratie), doch eine derart umstürzlerische Umgestaltung der herrschenden Mächte implizierten, dass sie nur mittels der politischen Radikalität eines revolutionären Willens angegangen werden könnte.


Gegner des Großeigentums, aber nicht des Eigentums im Allgemeinen; der Kommodifizierung, aber nicht des Marktes; des zentralistischen Staats, aber im Namen eines emanzipatorischen bürgerlichen Individualismus; der Unwissenheit und des Aberglaubens, aber im Namen einer fortschrittlichen Aufklärung. Das revolutionäre Prinzip, welches Anarchisten und utopische Sozialisten antreibt, wendet sich gegen die unterdrückende Form der Moderne, nicht gegen deren Prinzipien, die als ein Befreiungshorizont gesehen werden. Es handelt sich um eine Revolution aus dem System heraus, gegen seine Verdinglichung. Es geht darum, die alten Versprechen zu erfüllen, nicht darum, sie abzuschaffen oder zu überwinden.


Diese im Namen von deren eigenem verlorenen utopischen Horizont an die Adresse der Bourgeoisie gerichtete Herausforderung hatte, dank ihrer Konsistenz und Radikalität, eine enorme historische Bedeutung: die Anarchisten sind die wahren Lehrer der Arbeiterbewegung. Sie waren es, die als erste (noch in der Form utopischer Sozialisten) und am klarsten (nach Erreichen der Form des Anarchosyndikalismus) die Arbeiterbewegung auf die Möglichkeit eines revolutionären Willens hinweisen. Die Menschheit hatte bis dahin, nicht einmal der Gewalttätigkeit der französischen Revolution, ein gleichwertiges und sich derart kraftvoll ausbreitendes Prinzip gekannt. Wir Marxisten werden nie Teil einer wirklich vielfältigen Linken sein können, wenn wir nicht zuvor und ohne Abstriche diesen enormen Beitrag anerkennen.


Aber es ist erst die sozialistische Kritik als solche, die als erste über die Logik des Systems selbst hinausgeht, indem sie auf das Privateigentum als dem kern hinweist, der seine Verzerrungen möglich macht. Was ich hier als sozialistische Kritik bezeichne ist etwas, das ich ausdrücklich von der marxistischen Kritik unterscheiden werde, trotzdem beide sich seit über einem Jahrhundert ständig gegenseitig austauschen und überlagern.


Als sozialistisch bezeichne ich vor allem die sozialdemokratische Tradition, die sich selbst als ""marxistisch" bezeichnete und die Zweite Internationale als ihren Mittelpunkt betrachtete. Mein Interesse gilt der Möglichkeit, aufzuzeigen, dass sie in verschiedenen wesentlichen Aspekten Argumentationen und Schlussfolgerungen enthält, die sich von denen unterscheiden, die con Marx entwickelt wurden.


In der sozialistischen Kritik vereinigen und erweitern sich alle vorangegangenen Arten der Kritik, sie vergrößern sich angesichts des im Zuge der europäischen Industrialisierung erreichten Ausmaßes der Armut unter den arbeitenden Menschen. Kritik an der Armut, der Wucher, der Unwissenheit, der Gewinnsucht, die sich nun aber auf einen neuen Begriff stützt, der zu einem neuen Bewusstsein führt: der Begriff der Ausbeutung.


Das sich hier äußernde Bewusstsein besagt, dass es die unmittelbaren Produzenten sind, welche ein vorrangiges Anrecht auf den von ihnen produzierten Reichtum besitzen und dass der Hinderungsgrund für die effektive Ausübung dieses Rechts im Privateigentum an den Produktionsmitteln besteht. Dieser Gedanke wird durch eine der klassischen Formulierungen zum Ausdruck gebracht, mit denen die Widersprüche des Kapitalismus vorgetragen werden: "der Widerspruch zwischen dem gesellschaftlichen Charakter der Produktion und der privaten Charakter der Aneignung". Und auch in einer anderen, die denselben Inhalt über einen anderen Aspekt anspricht: "die soziale Produktion ist nicht von den Bedürfnissen und vom Konsum geleitet, sondern vom Profit und der Gewinnsucht". Die sozialistische Tradition war imstande, hierin die Tendenz zur Kommodifizierung aller Lebensaspekte zu erkennen, zur Ausplünderung der Naturressourcen, zur systematischen Brandschatzung der Peripherie.


Ein bedeutsames Verdienst ihrer Kritik ist, dass sie systemischen Charakter hat, das heißt, dass sie auf wesentliche Aspekte der historischen Formation des Kapitalismus abzielt und dabei in der Lage ist, den Gedanken, es gehe um ein Bündel schlechter ökonomischer Praktiken, in den Rahmen einer tiefgreifenderen Vorstellung einzubetten, nämlich dass das Hintergrundproblem in Wirklichkeit bei schlechten Gesellschaftspraktiken zu suchen ist, deren Ausrottung eine radikale Veränderung der Gesellschaft als Ganzes erfordert.


Wenn wir uns nun den Lösungsvorschlägen zuwenden, so bestand der große Vorschlag in der Vergesellschaftung der Produktionsmittel und deren gesellschaftliche Verwaltung durch den Staatsapparat. Historisch gesehen ist die sozialistische Tradition zutiefst mit zweierlei Zuversichten verbunden, die wir heute weitgehend in Frage stellen würden. Das sind einerseits die Zuversicht hinsichtlich der emanzipatorischen Möglichkeiten der klassischen Industrialisierung (der Kohle, der Elektrizität, der Großmaschinen und des Stahls), sowie ein ebenso großes Vertrauen in die Möglichkeiten einer wirksamen Verwaltung und einer gerechten Verteilung des Sozialprodukts durch einen zentralisierten Staatsapparat.


Abgesehen von den anekdotischen und tragikomischen Auseinandersetzungen zwischen Marx' und Bakunins Egos, wurzelt der wahre Gegensatz zwischen Anarchisten und Sozialisten (welche sich als Marxisten bezeichneten) in ihrer diametral entgegengesetzten Herangehensweise an diese beiden Punkte. Die Mehrheit der Anarchisten misstraute der nivellierenden und entfremdenden Macht der industriellen Produktion und predigte gegen diese ein Zurück zur Natur. Und sie misstrauten umso mehr dem staatlichen Zentralismus, dem sie den Föderalismus und die Aufteilung aller großen Institutionen entgegensetzten.


Als übermäßig vereinfachtes und vollkommen unnützes Gedankenexperiment auf dem Gebiet der Geschichte und der Polit-Fiktion können wir uns eine humanistische, nicht entfremdende Industrialisierung vorstellen, die die Umwelt nicht zerstört, sowie eine demokratische staatliche Verwaltung, die nicht zum Totalitarismus führt. Aber hierbei kann es sich nur um eine sinnlose, ahistorische Übung handeln, die nicht nur eine einfache Projizierung von Werten und Wünschen darstellt, sondern es ist, schlimmer noch, in den letzten hundert Jahren ausreichendes und ziemlich dramatisches empirisches Material darüber angesammelt worden, dass dieses sozialistische Vertrauen unbegründet und historisch nicht realisierbar war.


Aber dies gibt den Anarchisten nicht in entscheidendem Maße Recht. Ich vertrete die Ansicht, dass die Schwächen beider Parteien einander entsprechen: keine der beiden ist zu einer wirklich grundlegenden Kritik der Moderne als Ganzes vorgedrungen. Stattdessen haben sie einfach Anstrengungen unternommen, die im modernen Horizont selbst enthaltenen Versprechen zu erfüllen. In diesem Sinne sind beides Spielarten des Reformismus, trotz ihrer eventuellen Radikalität und trotz ihres manifesten revolutionären Willens. Ihr Horizont ist kein anderer, als auf revolutionärem Weg das zu verwirklichen, was die moderne Ordnung verspricht und halten kann.


Aber beim Tätigen dieser Einschätzung bin ich dabei, eine Voraussetzung ins Spiel zu bringen, die auf keinen Fall implizit bleiben sollte. Es handelt sich um die Annahme, dass die Logik der Moderne sich nicht allein auf ihre eng gefasste kapitalistische Form beschränkt, im präzisen Sinn eines Rechtsstaats, in dem das Privateigentum der Produktionsmittel herrscht und eines allgemeinen Mechanismus, der die Löhne von der Existenz eines Arbeitsmarkts abhängig macht. Was ich bereits in meinen früher erschienenen Büchern behauptet habe und auch hier auf systematische Weise verfechten werde, ist dass unter eben dieser selben Rationalität noch andere Klassengesellschaften möglich sind, in denen die Ausbeutung der unmittelbaren Produzenten unter anderen Formen aufrechterhalten wird, eine Gesellschaft, in der die Bürokratie als hegemonisch herrschende Klasse ihren Vorteil aus dieser Ausbeutung zieht und aus der damit einhergehenden entfremdenden Entmenschlichung.


Meiner Auffassung nach gibt es reichlich empirische Daten, die es gestatten, diese Idee zu formulieren und nur ausgehend von der von Marx entwickelten Klassenanalyse ist es möglich, diese empirischen Daten auf kohärente Weise in theoretischer Form aufzuarbeiten. Und dieser Punkt ist zweifellos entscheidend, um die Besonderheit der marxistischen Kritik und deren eventuelle Überlegenheit im Vergleich zu anderen Herangehensweisen festzustellen.


Unter diesem Gesichtspunkt sind die anarchistische und die sozialistische Kritik selbstverständlich revolutionär, aber was wir heutzutage wissen und zum Teil auch ihnen verdanken ist, dass eine Revolution, die effektiv auf den Kommunismus abzielt, auf das Ende des Klassenkampfes, nicht mehr nur allein antikapitalistisch sein kann. Wenn sie nicht auch radikal antibürokratisch ist, dann ist sie, ungeachtet ihrer möglicherweise radikalen Form, nicht imstande gewesen, die Grenzen des Reformismus zu überschreiten.


e. Marx

Kurzum, all dieser Formen der Kapitalismuskritik, konservative, liberale, anarchistische und sozialistische, haben das Werk von Karl Marx ermöglicht, aber umgekehrt sind alle und jede einzelne davon ohne weiteres auch ohne dessen beitrag möglich.


Dass Marx die Kapitalismuskritik nicht erfunden hat, braucht selbstverständlich nicht wiederholt zu werden. Woran ich hier interessiert bin, ist etwas anderes. Mich interessiert die Feststellung, worin das Originelle besteht, das Marx hinzufügt, was also als das eigentlich "marxistische" an jenen bezeichnet werden kann, die nicht nur Revolutionäre sein wollen (es gibt vielerlei Formen, es zu sein), nicht nur Linke (es gibt vielerlei mögliche Linken), sogar nicht nur "Marxisten" im rein empirischen und geschichtlichen Sinne des Wortes (viele reale Marxisten haben Karl Marx nie gelesen und brauchen es auch nicht zu tun), sondern Marxisten im ursprünglichen und eigentlichen Sinn, nämlich gemeinsam mit viele anderen gerade dessen Argumente anzunehmen und weiter zu verfolgen, weil diesen irgendwie ein entscheidender Wert zugesprochen worden ist.


Wenn wir also die Argumente betrachten, die als Marx' eigene erachtet werden können, dann finden wir zuallererst, dass ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal seiner Kritik darin besteht, dass sich diese auf eine objektivierende Analyse stützt, die unter der Ebene der Werte oder der Absichtserklärungen der von ihm untersuchten Akteure stattfindet. Eine Objektivität, in der diese Akteure als Gesellschaftsklassen betrachtet (nicht als Einzelpersonen oder als einfache Gruppe von Individuen) und bezüglich ihrer Logik untersucht werden, auf der Suche nach der Logik, die ihre Handlungen gliedert (mehr als eine schlichte empirische Aufzählung von deren Auswirkungen). Eine Objektivität, in der diese Logik in ein effektives, bestimmtes historisches Umfeld gesetzt wird, wo sie als Schlüssel zum Verständnis des Sinngehalts dient, den die menschliche Geschichte unter solchen Bedingungen besitzt, des Sinns ihrer Widersprüche und Katastrophen. Eine Erkenntnis des Sinns, die es ihm gestattet, die in dieser Geschichte enthaltenen Möglichkeiten aufzuzeigen.


An zweiter Stelle behaupte ich, dass es Marx' Kritik gelungen ist, zum Verständnis der Ursachen vorzudringen, ohne sich bei der Aufzählung der schwerwiegenden Folgen aufzuhalten; es gelang ihm, für diese Ursachen vereinigende Prinzipien struktureller Art zu finden, anstatt sie "schlechten Praktiken", Abweichungen bei der Ausübung der Werte oder der bewussten bösen Absicht der Mitwirkenden zuzuschreiben.


Diese Ursachen und diese strukturellen Prinzipien sind die, welche von der Kritik der politischen Ökonomie geliefert werden: die historische Tendenz zum Fall der Profitrate, die von der Konkurrenz auf einem innerlich undurchsichtigen Markt verursacht wird, die zyklischen und allgemeinen Überproduktionskrisen, die infolge der Versuche auftreten, sie zu vermeiden, der wiederkehrende Rückgriff auf Plünderung und absoluten Mehrwert als Ressourcen, die allgemeine Krise zu überwinden. Alle von allen früheren Kritikern genannten Desaster finden Sinn und Erklärung in diesen strukturellen Wesenszügen.


Schließlich behaupte ich, an dritter Stelle, dass allein Marx wirklich mit einer entscheidenden Idee über den modernen Horizont hinausgezielt hat: nämlich dass das Ende des Klassenkampfes zeitlich übereinstimmen muss mit der Überwindung der gesellschaftlichen Arbeitsteilung, das heißt, mit dem Ende der entfremdeten Arbeit. Nicht nur mit dem Ende des Privateigentums, nicht nur mit dem Ende des Lohns, sondern mit dem Aufbau solcher materiellen Bedingungen, die sowohl die Ausbeutung, wie auch die Institutionen entbehrlich werden lassen, durch die letztere verlängern und schützen.


Die kritische Analyse der kapitalistischen Wirtschaft, die Klassenanalyse und die damit verbundene Vorstellung von der Menschheitsgeschichte, sowie die Formulierung des kommunistischen Horizonts, das sind, meiner Meinung nach, die kennzeichnenden Wesenszüge dessen, was man als Marxismus bezeichnen kann, weil es sich um Elemente handelt, die im Werk von Karl Marx enthalten sind.


f. Antikapitalistische Kritik nach Marx

Man braucht Karl Marx nicht gelesen zu haben, um zu verstehen, dass der kapitalistische Markt nicht besonders lebensfähig ist, wenn seine potentiellen Konsumenten arm sind, oder wenn immer mehr von ihnen arbeitslos werden. Viele, nicht unbedingt besonders intelligente Personen, ja selbst einige Wirtschaftswissenschaftler, haben seinerzeit darauf hingewiesen, insbesondere nach der Großen Krise von 1929.


Einerseits wurde die aus den frühesten Zeiten des Kapitalismus geerbte Armut der Arbeiter (seit nicht mehr und nicht weniger als fünfhundert Jahren) zu einem Hemmschuh für die notwendige Realisierung des enormen Warenstroms, den die sich entwickelnde industrielle Revolution auswarf. Andererseits benötigten die neuen Produktionsmittel relativ weniger Arbeiter oder, um es anders zu sagen, sie schufen eine Situation, in der das Bevölkerungswachstum viel schneller vor sich ging, als das Wachstum der tatsächlich eingestellten Belegschaften. Dieser Tatsache, die unter der Bezeichnung "strukturelle Arbeitslosigkeit" bekannt ist und von technologischen Fortschritt verursacht wird, muss man noch die große demographische Explosion hinzufügen, die von den Fortschritten der wissenschaftlichen Medizin und des öffentlichen Gesundheitswesens hervorgebracht wurde.


Trotz einiger klarer Stimmen erfolgten die Veränderungen in Wirklichkeit nicht im Rahmen von irgendeiner bewussten Planung; wenn es diese schließlich dann doch gab, so war es nur um die bereits in Gang befindlichen Tendenzen fortzuführen.


Die erste transzendentale Veränderung, die heute von aller Welt vergessen wird, war das Auftreten der Überflusses: erstmalig in der Menschheitsgeschichte überstieg das Produktionsvolumen in allen Zweigen die Grundbedürfnisse der gesamten Menschheit. In jeder Gesellschaft vor dem XX. Jahrhundert hatte Mangel geherrscht: wären alle Güter der Gesellschaft gleichmäßig verteilt worden, so wäre es zu einer Nivellierung aller Menschen unter ihrem Bedürfnisniveau gekommen, alle wären in Armut gestürzt worden. Jetzt aber ist es zum ersten Mal so, dass bei gleichmäßiger Verteilung aller Güter alle Menschen ein würdiges Subsistenzniveau erreichen würden. Das große Argument der bürgerlichen Ideologie, die vom Mangel erzwungenen gesellschaftlichen Notwendigkeiten, verlor sein reales empirisches Fundament.


Bis Anfang des XX. Jahrhunderts war der Hauptteil der kapitalistischen Produktion jenen Gesellschaftsgruppen gewidmet, die bereits eine bestimmte Kaufkraft hatten. Das waren die herrschenden Klassen, sowie die besser gestellten Mittelschichten. Wir nutzen die Gelegenheit, um festzustellen, dass kommerzielle Werbung deshalb unnötig war. Wenn sich diese Kaufkraft in den Ländern des Zentrums als Absatzmarkt erschöpfte, dann versuchten die Unternehmer ihre Produkte in der Peripherie der Welt zu verkaufen und zielten auch hier auf bereits vorhandene Kaufkraft unter den lokal herrschenden Klassen. Daher wuchs im verlauf des XVIII. und des XIX. Jahrhunderts ein aktiver "Kampf um die Märkte" unter den kapitalistischen Mächten, nicht zuerst mit dem Zweck der Sicherung von Rohstoffen (einer Angelegenheit, die von der kolonialen Aufteilung bereits geregelt worden war), sondern im Hinblick auf Absatz für ihre Produkte.


Der revolutionäre Anstieg der physikalischen Produktionsmengen, infolge des technologischen Fortschritte und der Taylorisierung der Arbeit, schuf stattdessen eine Situation mit enormen sozialen und politischen Auswirkungen, die uns bis heute bedingt. Zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte begannen die Arbeiter selbst die wichtigsten Empfänger der Fertigungsprodukte zu sein. Abgesehen von aller brutalen Ungleichheit, wurde hiermit etwas ins Leben gerufen, das man auch strikt als "Konsumgesellschaft" bezeichnen kann: nie zuvor hatte ein derart großer Teil der Weltbevölkerung eine derart große Menge an Gütern konsumiert und einen derart großen Anteil der Gesamtproduktion. Die Klarheit der kapitalistischen Logik, die von Marx in derart schlagender Weise ergründet worden war, wurde so auf eine Art und Weise und mit solchen Auswirkungen abgewandelt, die es weiter zu kommentieren gilt.


Der Zeitabschitt zwischen 1932 und 1974, in vielerlei Hinsicht die goldene Epoche des Kapitalismus, zeigte auf schlagende Weise dass der Massenkonsum ein mächtiges Regulierungswerkzeug für die strukturelle Tendenz zur Überproduktion sein kann.


Die nordamerikanische Industrialisierung nach der Krise von 1929, die Industrialisierung Deutschlands und Japans unter dem Faschismus ab 1930, der Wiederaufbau Europas nach 1945, die Industrialisierungsprozesse einiger Länder in Lateinamerika und sogar, unter sehr unterschiedlichen politischen Zeichen, die riesenhafte Wirtschaftsentwicklung der Sowjetunion und der sozialistischen Staatengemeinschaft, zeigten umfassend, dass eine Überflussgesellschaft ohne weiteres möglich ist.


Diese Industrialisierungsprozesse führten zur Entstehung riesiger aus angestellten Akademikern und Industriearbeitern bestehenden Mittelschichten, sie wurden von massiven staatlichen Infrastrukturinvestitionen begleitet, im Bildungs-, Gesundheits- und Wohnungswesen, sowie im Kulturbetrieb erzeugten sie große Staatsapparate, die in der Lage waren, Arbeitskräfte zu absorbieren und auf diesem Weg die allgemeine Kaufkraft zu erhöhen. Diese Staatsapparate wurden zu einer billigen Kreditquelle und zu den wichtigsten "Arbeitgebern" und Konsumenten auf Weltebene.


Aber diese Formeln, die als "Sozialstaat" bekannt geworden sind, vermochten es, trotz ihrer Erfolge, zu keiner Zeit, die strukturellen Tendenzen des Systems zu umgehen oder rückgängig zu machen und erzeugten sogar neue Widersprüche, wenngleich sie diese auch zu regulieren und zu vertuschen vermochten.


Historisch gesehen bewirkte die progressive Erhöhung der Löhne nichts anderes, als eine Verschärfung der globalen Tendenz zum Fall der Profitrate. Derselbe Effekt wurde dadurch erzeugt, dass man die Last der Schaffung von Arbeitsplätzen und Kaufkraft vornehmlich dem Staat aufbürdete: dies konnte nur mittels erhöhter Unternehmenssteuern geschehen… auf Kosten der Gewinne.


Andererseits ist ein allzu bedeutender Anteil des scheinbaren Wirtschaftserfolgs der Länder des Zentrums ganz einfach einem außerordentlichen Anstieg der Plünderung an Rohstoffen aus den Ländern der Peripherie zu verdanken. Der hoch gepriesene "Erfolg" des Sozialstaats war über einen langen Zeitraum von mehr als achtzig Jahren durch praktisch geschenkte Rohstoffe hoch subventioniert worden: Salpeter, Erdöl, Kautschuk, Kupfer, Eisen, Kohle, Aluminium… Sie wurden alle von den lokal herrschenden Klassen zu lächerlichen Preisen abgegeben, entgegen den Interessen ihrer eigenen Völker.


Aber der enorme Umfang dieser Plünderung oder, umgekehrt, ihre außerordentliche Notwendigkeit für die Lebensfähigkeit des Kapitalismus, schufen eine besonders empfindliche Situation hinsichtlich der territorialen Kontrolle. Einerseits musste man formell unabhängigen örtlichen herrschenden Klassen umgehen, deren politische Loyalität sehr wechselhaft sein konnte, andererseits bedeutete das Wachstum des sozialistischen Lagers eine ständige Bedrohung mit dem Verlust strategischer rohstoffreicher Gebiete. Der Konflikt mit den arabischen Ländern, der sich seit Ende der 50er Jahre hinzog und der mit der Nationalisierung und dem Anstieg der Erdölpreise im Jahr 1974 gipfelte, ist beispielhaft für diese allgemeine Situation.


Die kapitalistische kommt immer unter konkreten historischen Bedingungen zum Tragen. Die politische Ökonomie besitzt den Verdienst, das wirtschaftliche Geschehen immer unter diesen realen, gesetzten Bedingungen zu untersuchen. Und umgekehrt, alles trug im XX. Jahrhundert dazu bei, diese Logik empirisch zu belegen und durch sie zum Ausdruck zu kommen.


Einerseits führte die gleichzeitig politische und wirtschaftliche strategische Auseinandersetzung um die Rohstoffquellen zu einem riesigen Rüstungswettlauf. Auf halbem Wege jedoch, unter den Bedingungen des nuklearen Patts, wurde das scheinbar militärische und politische angebliche Ziel dieses Wettlaufs zu einer einfachen Frage des Geschäfts.


Die Rüstungsindustrie wurde zum Zentrum der Industrialisierung, bei der es sich um einen globalen Krieg drehte, von dem alle Welt wusste, dass er nicht ausbrechen könnte, ohne eine ominöse Gefahr für die gesamte Menschheit heraufzubeschwören. Hemmungslos Waffen herstellen für einen Krieg, der nie stattfinden wird, oder für weit entfernte lokale Kriege, die es von sich aus nicht wert sind, gewonnen zu werden[40]: ein hervorragendes Geschäft!


Bereits seit den napoleonischen Kriegen ist die Industrialisierung des Krieges ständig ein hervorragendes kapitalistisches Geschäft gewesen. Selbst die Verwüstungen und der Horror beider Weltkriege sind von diesem merkantilen Charakter geprägt. Der Punkt ist aber nun, dass diese Industrie zum Hauptpfeiler der Wirtschaft wird.


Die rein wirtschaftlichen Nachteile der Rüstungsindustrie sind häufig aufgezählt worden. Es handelt sich um einen Sektor, der relativ gesehen äußerst wenige Arbeitsplätze schafft, der riesige Investitionen erfordert, wobei Militär- und Industriegeheimnis den technologischen Fortschritt aufhalten, der nur zur Verschwendung produziert, der seine militärische und wirtschaftliche Macht dazu nutzen kann, Preisaufschläge zu kassieren, der sich mittels Korruption unverhältnismäßig umfangreiche Ressourcen verschafft und so die vermeintlichen Vorzüge des Wettbewerbs auf dem Markt zunichte macht.


Die Gesamtheit dieser "Mängel" stellen jedoch aus Sicht des Kapitals gerade "Vorzüge" dar: sie ermöglichen eine außerordentliche Profitrate, die bei keiner wirklich von Konkurrenz geprägten Aktivität erzielt werden kann. Aber, nun ja, niemand behauptet ja, dass die Kapitalisten aus reiner Lust an der Konkurrenz im Wettbewerb stehen, woran sie interessiert sind ist der Profit und, besser noch, Profit ohne Wettbewerb!


Unter der Anziehungskraft eines leichten Profits wurden in jedem Hauptbereich der Industrie (Flugzeugbau, Schiffe und U-Boote, Satelliten und Radarnetze) riesige Monopole gegründet und, um diese herum, ausgedehnte Netzwerke von Zulieferern und Subunternehmen für Teile und Zubehör, kleinere Waffensysteme, Forschung und Entwicklung, sowie die zugehörigen Dienstleistungen. Seit den 40er Jahren haben alle großen klassischen Konzerne, wie General Motors, Ford, ATT, RCA, IBM, Fiat, ihre Haupteinkünfte aus der Rüstungsproduktion bezogen.


Die wichtigste durch den Rüstungswettlauf verursachte Verzerrung der globalen Wirtschaft war jedoch die Anhäufung eines riesigen Haushaltsdefizits in den USA. Die Industrie der Verschwendung un Zerstörung war bis zu einem Punkt gewachsen, wo sie nicht einmal von den mächtigsten Staaten der Erde finanziert werden konnte.


Die durch die Privilegien der Rüstungsindustrie eingeschleppte allgemeine wirtschaftliche Ineffizienz führte die Sowjetunion in den Bankrott. In den USA gab sie jedoch Anlass zu einem neuen Geschäft, das noch schlimmer war, als das erstere… dem Staat zur Finanzierung seines Defizits Geld zu leihen. Hierdurch wurde eine weitere katastrophale Eigenschaft des fortgeschrittenen Kapitalismus ins Leben gerufen: die Tendenz zur Finanzspekulation in großem Maßstab.


Das US-amerikanische Haushaltsdefizit und die von der Steigerung der Erdölpreise nach ihrer Nationalisierung hervorgerufene außerordentlich große Liquidität erzeugten einen mächtigen Strom rein monetärer Spekulation, der die kapitalistische Logik ins Extrem des Absurden führte. Wenn die Erwirtschaftung von Profit ohne jegliche Konkurrenz bereits ein hervorragendes Geschäft war, so ging es diesmal um das viel bessere Geschäft, solche Profite zu erzielen, ohne absolut nichts zu produzieren!


Das Gespenst der Desaster des unproduktiven Gewinns, welches selbst von Liberalen wie John Kenneth Galbraith angekündigt worden war und mit aller Klarheit in Marx' Schriften vorhergesagt wurde, begann real zu werden. Das sind Operationen, wie die Erteilung von Krediten zu Wucherzinsen an abhängige Länder, die sie nicht zurückzahlen können, mit kompletter Zustimmung der örtlichen herrschenden Klassen. Dabei geht es um Gelder, die oft nur zur Finanzierung der in jenen Ländern niedergelassenen transnationalen Unternehmen dienen. Es handelt sich um unbezahlbare Schulden, deren Tilgung den Völkern gnadenlos aufgezwungen wurde, wobei der geringfügige und mängelbehaftete Sozialstaat vollständig zerstört wurde, den sie bis dahin hatten aufbauen können.


Aber selbst in den pompösen zentralen "Demokratien" nahm das brutale Beinstellen unter den Ländern bei Kompromittierung der eigenen Völker ständig zu. Die Eröffnung unbezahlbarer Kreditlinien für arbeitende Menschen im Gegenzug für Konsumexzesse, die Kreditangebote mit ebenfalls unbezahlbaren Staatsbürgschaften, um danach von eben diesen Staaten die Kürzung der Sozialerrungenschaften zu fordern, um die Zinsen für neue und teurere "Rettungspläne" zu finanzieren. Das ist das gegenwärtige Drama von Griechenland, Spanien, Portugal, Irland, das der Mittelschichten in den USA, das der Werktätigen in den ehemaligen sozialistischen Ländern. Im Extrem dieses Extrems kam es dazu, dass General Motors begann, mit der Kreditvergabe für den Autokauf mehr Profit zu machen, als durch die reale Produktion von PKWs und deren Verkauf.


Als ob dieser Wahnsinn nicht genügen würde, jene in die Verschuldung zu führen, die nur mit ihrem Lohn bürgen können, befanden die großen Industriekonzerne in den USA und Europa, dass die von ihren Mitarbeitern bezogenen Löhne zu sehr gestiegen waren und gingen, gemäß einem der ältesten kapitalistischen Atavismen, dazu über, die Industrieanlagen in diesen Ländern abzubauen und den Produktionsapparat nach China, Indien, Brasilien oder Mexiko zu verlagern, wo sie dann wieder Hungerlöhne zahlen konnten. Der Widerspruch kann nicht offenkundiger sein: die Werktätigen zu verschulden und gleichzeitig deren Arbeitsplätze zu vernichten.


Rüstungswettlauf, Finanzspekulation, Deindustrialisierung, das sind die kapitalistischen Plagen, die heute jene Länder verheeren, die man pompös als "Sozialstaaten" bezeichnete. Fügen wir eine weitere, perfekt kapitalistische Geißel hinzu: den illegalen Drogenhandel… und auch den legalen.


All diese Missstände weisen eine gemeinsame Ursache auf, die nun explizit wird, trotzdem sie vollkommen mit der von Marx kritisierten Logik der kapitalistischen Reproduktion konform geht: ein an Privatinteressen orientiertes Wirtschaftssystem ist absolut unfähig, auch nur die geringste globale und strategische Berechnung zu seinen Auswirkungen durchzuführen. Das lokale ökonomische Kalkül herrscht ohne Gegengewicht über die globalen Interessen und der unmittelbare Vorteil über irgendwelche längerfristigen strategischen Betrachtungen. Und selbst dies wird als legitim proklamiert.


Aus diesem Grund ist es, dass die Tabakindustrie oder die Herstellung alkoholischer Getränke als legitime Geschäftsfelder akzeptiert werden, obwohl sie augenfällig zur Verringerung der Produktivität in allen anderen Industriezweigen beitragen. Deshalb werden Wälder geplündert, werden perfekt vermeidbare kontaminierende Energiequellen verwendet, werden Medikamente hergestellt, die fast ebenso viele Störungen hervorrufen, als die, die sie beheben. Darum wird dir Bildung zu einer Ware gemacht und dabei ihre Verschlechterung in Kauf genommen, oder die Gesundheit, ohne die Auswirkungen zu berücksichtigen, die eine Verschlechterung des Gesundheitsniveaus auf die Arbeitskräfte haben kann.


Diesen unmittelbaren und nachvollziehbaren Missstände, deren Wurzel in der absoluten Unfähigkeit einer aus individuellen konkurrierenden Akteuren bestehen Klasse zu strategischen Berechnungen zu suchen ist, möchte ich noch einen weiteren Aspekt und eine weitere Kritik hinzufügen, gerade hinsichtlich der fehlenden strategischen Perspektive.


Einer der Aspekte mit der längsten Projektion aus der Revolution des Überflusses, die sich seit Ende des XIX. Jahrhunderts ereignet hat, trat in Zusammenhang mit einer großen sozialen Errungenschaft auf, deren tiefere Bedeutung von der Mehrheit der Marxisten nicht erkannt worden ist, trotzdem sie normalerweise regelmäßig bei ihren Feiern genannt wird: die Beschränkung der Tagesarbeitszeit auf acht Stunden.


Wenn wir die absoluten Mechanismen zur Erhöhung des angeeigneten Mehrwerts (den "absoluten Mehrwert") in Betracht ziehen, so werden wir sofort feststellen, dass eine Beschränkung der Tagesarbeitszeit und mehr noch ihre Verringerung sich unmittelbar gegen den kapitalistischen Profit auswirkt.


Die Erlangung einer Tagesarbeitszeit von acht Stunden wurde historisch gesehen allein durch die Verteilung der revolutionären Produktivitätssteigerung möglich. Die kapitalistischen Profite stiegen so stark, dass es nicht nur möglich wurde, die Löhne global zu erhöhen, sondern auch die Arbeitszeit zu verringern, beides Schritte, die unter normalen Bedingungen auf den radikalen Widerstand seitens der Unternehmer gestoßen wären. Selbstverständlich wurden sie auch von den damaligen Unternehmern nicht gnädigst gewährt. Die Toten, deren man am 1. Mai gedenkt, sind einige unter den vielen Opfern eines langwährenden Massenkampfes.


Wenn ich weiter unten ausführe, worin eine glaubhafte kommunistische Perspektive bestehen könnte, werde ich Gelegenheit haben, auf meiner Behauptung zu bestehen, dass es wenige Siege der Volksbewegung mit vergleichbarer strategischer Bedeutung gibt, als diesen. Woran ich jetzt aber interessiert bin ist gerade umgekehrt die Tatsache, dass diese transzendentale Tendenz im Verlauf des XX. Jahrhunderts NICHT weiter gewirkt hat und was stattdessen geschehen ist.


Was mit der Reduzierung der Tagesarbeitszeit auf acht Stunden geschehen ist, ist dass der infolge der Produktivitätssteigerung gewonnene Vorteil nicht nur die Kapitalisten begünstigt hat, sondern teilweise auch deren unmittelbare Produzenten, die arbeitenden Menschen. Streng genommen könnte dies jedesmal geschehen, wenn die Produktivität ansteigt, nämlich auf zwei Wegen, die ohne weiteres auch gleichzeitig beschritten werden könnten: durch schrittweise weitere Reduzierung der allgemeinen Tagesarbeitszeit, oder indem neue Arbeiter in die produktive Beschäftigung eingegliedert werden, das heißt, in die Produktion berührbarer physikalischer Güter oder der für ihre Herstellung erforderlichen unmittelbaren Dienstleistungen. Mit dieser zweiten Maßnahme könnte der globalen Tendenz zur strukturellen Arbeitslosigkeit entgegengewirkt und eine Politik der "produktiven Vollbeschäftigung" umgesetzt werden. In Anbetracht dieser Tendenz zur produktiven Vollbeschäftigung könnte die erste Maßnahme in die Tat umgesetzt werden, die allgemeine Verringerung der Tagesarbeitszeit.


In einem berühmten Vortrag, der 1930 in Spanien gehalten wurde,[41] berechnete John Maynard Keynes höchstpersönlich, weniger als ein Jahr nach der großen Krise von 1929, dass die Werktätigen einhundert Jahre später, um 2030, mit "befriedigenden" Löhnen bei einer Arbeitszeit von nur 15 Wochenstunden rechnen könnten!


Keynes ging in seiner Berechnung von einer relativ stabilen Bevölkerungszahl aus, von einem Jahreswachstum der globalen Investitionen um 2%, sowie von einem Jahreswachstum der Produktivität um 1%. Unnötig zu sagen, dass wir nur 17 Jahre vor Ablauf dieser Frist weit davon entfernt sind, dieses Ziel zu erreichen. Mehr noch, seit 1930 ist die Produktivität in den entwickelten Ländern jährlich um über 1,6% gestiegen, während die Tagesarbeitszeit, infolge der Modalitäten der Präkarisierung der Arbeit, eher zu einer Verlängerung tendiert.[42]


Was tatsächlich geschah, ist dass die jeweilige "Vollbeschäftigungspolitik" einzig und allein die Steigerung der Kaufkraft privilegierten, oder, was dasselbe ist, die Schaffung einer internen Nachfrage, ohne sich auch nur ansatzweise um die Art von Beschäftigung zu kümmern, die geschaffen wurde.


Selbstverständlich wuchs mit dem Wirtschaftswachstum aus der Reindustrialisierung auch die produktive Beschäftigung. Aber die große Quelle des Wachstums der Nachfrage wurde ganz einfach durch die Schaffung unproduktiver Beschäftigung in Gang gesetzt.


Einerseits auf direktem Weg, durch die massive Zunahme der Staatsbeamten, sowie der Dienstleistungen im Allgemeinen. Andererseits indirekt, durch Förderung unproduktiver Tätigkeiten im Allgemeinen, indem breite Bevölkerungskreise aus der Arbeitskraft verdrängt wurden. Dies geschah mit dem beispiellosen Wachstum der Studentenschaft, der Hausfrauen und der vielfältigen Welt der Unterbeschäftigung.


Die Beschäftigungszahlen in besonders unproduktiven Bereichen wuchsen auf ein für andere menschliche Kulturen unvorstellbares Niveau an, wie die der Einzelhandelsangestellten [43] der Armeeangehörigen, der Staatsbeamten, der Lehrer, sowie der Akademiker und Forscher an den Hochschulen. Der Anteil der mit der Lebensmittelproduktion beschäftigten Arbeitskräfte nahm drastisch ab. Und es fand auch, wie gesagt, eine weitgehende Verlagerung der potentiellen Arbeitslosigkeit in Regionen der Dritten Welt statt.


Dieser gesamte Prozess ist üblicherweise als "Tertiarisierung der Wirtschaft" beschrieben worden.[44] In einer gängigen Beschreibung wird die Produktion von Lebensmitteln (Landwirtschaft, Fischerei) und von Rohstoffen (Bergbau, Forstwirtschaft, Energie) als "Primärsektor" der Wirtschaft bezeichnet; die fertigende Produktion als "Sekundärsektor" und die Bereitstellung von Dienstleistungen als "Tertiärsektor". Aus technischen Gründen und im Einklang mit den politischen Zielen, die ich mit diesem Text verfolge, werde ich eine geringfügig abgeänderte Klassifizierung verwenden:


-Lebensmittelproduktion (Primärsektor)


-Produktion materieller Güter (Sekundärsektor)


(Rohstoffe, Fertigung, Energie)


-Produktion symbolischer Güter (Tertiärsektor)


Um einen Einblick in die revolutionären Auswirkungen dessen zu bekommen, was eine "Tertiarisierung der Wirtschaft" genannt wurde, ist es interessant, die historischen Proportionen der Zusammensetzung der Arbeitskraft in traditionellen Gesellschaften mit der gegenwärtigen zu vergleichen:


Sektor Traditionelle Gesellschaften Gegenwärtige Gesellschaft
Primär 70% 5%
Sekundär 20% 20%
Tertiär 10% 70%


Ebenfalls kann man, mit größerer Präzision, auf folgende Vergleiche zurückgreifen, die aus der Statistik der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) auf www.laborsta.ilo.org stammen:[45]


England USA
1981 2006 2000 2008
Sektoren Millionen  % Millionen  % Millionen  % Millionen  %
Arbeitskräfte 26 100 29 100 141 100 145 100
1. Landwirtschaft 0,54 0,21 0,37 0,13 3,7 2,6 2,2 1,5
2. Materielle Güter
(Manufaktur)
8,7
(5,4)
33,4
20,8
6,4
(3,8)
22,1
13,1
32,7
(20,7)
23,2
14,7
35,4
(15,9)
24,4
11,0
3. Dienstleistungen 14,2 54,6 18,95 65,3 104,6 74,2 58,4 40,6
Arbeitslose 2,56 9,8 3,28 11,3
Nicht klassifiziert 0,014 ~ 0 49 33,8


Hier habe ich in Klammern die Zahlen für den Sektor angegeben, der sich direkt der Fertigung widmet. Dies ermöglicht es, die Zerstörung der industriellen Beschäftigung ausdrücklich einzusehen. Man merke, dass in den USA zwischen 2000 und 2008 ein Übergang von 20,7 Millionen Arbeitern auf 15,9 Millionen erfolgte: eine Verringerung um 23%. Ein weiterer Aspekt desselben Problems kann man im spektakulären Wachstum der Werktätigen mit "nicht klassifizierbaren" Beschäftigungen, oder "nicht klar definierter Beschäftigung" erkennen, deren Zahl von 14000 im Jahr 2000 auf 49 Millionen (!) im Jahr 2008 anwächst, was sich im Wesentlichen durch die breiten und radikalen Prozesse der Prekarisierung der Beschäftigung erklären lässt, sowie durch die zahllosen Formen der Unterbeschäftigung.


Diese Zahlen zeigen, aus unserer Sicht, dass die Steigerung der Arbeitsproduktivität in unproduktiver Beschäftigung verschwendet wurde. Oder sie zeigen uns auch, anders gesagt, dass der Fortschritt der Menschheit nur den herrschenden Klassen genützt hat, statt progressiv und proportional unter seinen Direktproduzenten verteilt zu werden.


Die Logik der Tertiarisierung der Wirtschaft besteht einzig und allein darin, den Arbeitsvertrag auf Lohnbasis und den kapitalistischen Profit als einzige Formen des Zugangs zu den von allen produzierten Reichtümern beizubehalten. Den kapitalistischen Markt als die einzige Form der Aneignung und des Austauschs von Reichtum beizubehalten.


Der Überfluss, der eigentlich Wohlstand und authentische Freiheit für alle bedeuten sollte, wird zu idiotischer Arbeit, zu verwalteter Freizeit, zu einer vom Markt disziplinierten und entfremdeten Lebensart, zur Ausplünderung der Leben und der Ressourcen im Namen von Mustern der wirtschaftlichen Entwicklung, die technisch unnötig geworden sind und die nicht nur zum maßlosen Nutzen einiger Weniger beibehalten werden, sondern außerdem gerade jener, die absolut keinen realen Reichtum keiner Art produzieren.


Aber das auf Rüstungswettlauf und Massenkonsum basierende Industrialisierungsmodell hat von sich aus auch andere Widersprüche erzeugt.


Beim Versuch, den Profit zu maximieren, wurden riesige städtische Ballungszentren geschaffen (die Produzenten konzentrieren, die Konsumenten näher heranholen), wurden die Naturressourcen in einem nie zuvor dagewesenen Maßstab geplündert, wurden kontaminierende Energiequellen verwendet und dabei nur auf deren unmittelbare Kosten geschaut, ohne irgendeine Berücksichtigung ihrer mittel- und langfristigen Auswirkungen auf die Umwelt.


Beim Versuch, den Profit zu maximieren, wurde die Arbeitsintensität in den rein mechanischen Routinen des Fordismus außerordentlich stark erhöht (extreme Entfremdung am Arbeitsplatz, "lebenslänglich"), oder in den Schrecken der prekären Arbeit, in der Zeitabschnitte extremer Ausbeutung sich mit Zeiten des Leerlaufs abwechseln, ohne Beschäftigung… und ohne Lohn.


Eine erste Auswirkung dieses Modells, deren ausdrückliche Nennung wichtig ist, besteht in der wachsenden Schwierigkeit, die durch die Intensität und den prekären Charakter der Beschäftigung überforderte Arbeitskraft wiederherzustellen. Dies erzeugte die Notwendigkeit, die Freizeit zu administrieren, um (fruchtlos) die "Intensität der Erholung" zu erhöhen, den sozialen Epidemien des Alkoholismus, des Arbeitsversäumnisses, der Drogenabhängigkeit unter den arbeitenden Menschen vorzusorgen, ein subjektives Engagement mit dem Produktionsmittel, sowie den Zielen des betreffenden Unternehmens (den "Toyota Spirit") zu erzeugen.


Aber das Showbusiness, das diese Bedürfnisse in ein weiteres Geschäft verwandelte, erwies sich als ebenso primitiv und stressig wie das Ungemach, das es lindern sollte; die Tätigkeit der Personalbüros mit dem Ziel, ein günstiges subjektives Klima zu schaffen, wurde zur schlichten Manipulation und war eher Anforderung, als subjektive Erleichterung.


Das Leben in städtischen Ballungen, die technologische Intensität des Alltagslebens, die durch gestiegene Arbeitsintensität erzeugte Überforderung schufen neue, eher neuromuskuläre und psychologische Formen der Ermüdung, die in der alten Industrieproduktion unbekannt waren.


Die Kehrseite der relativen Erhöhung der Löhne und der Verbesserung der Lebensstandards war eine dramatische Verschlechterung der Lebensqualität. Dies muss jedoch in zweierlei Hinsicht präzisiert werden. Einerseits kam es inter den im Rahmen der Industrialisierung Integrierten zu einer Verbesserung des lokalen Lebensstandards (in der Familie, im Wohnbezirk), während sich die globale Lebensqualität (die der einzelnen Leben, in der Gesellschaft im Allgemeinen) merklich verschlechterte: man konnte immer besser leben in einer Gesellschaft, in der es immer weniger Sinn hat, zu leben.[46]


Aber andererseits ist die massive Armut der Marginalisierten innerhalb und außerhalb der Bereiche des entwickelten Kapitalismus Teil der Kosten dieser massiven Erhöhung des Lebensstandards der integrierten Kreise.[47] Für die Marginalisierten ist nicht nur der Lebensstandard gefallen, sondern vor allem, auf katastrophische Weise, die Lebensqualität. Dies ist die dunkle, tragische Realität für mindestens ein Viertel der Menschheit. Dieser Zustand ist massiv in Ländern wie Indien, Pakistan, Afghanistan, oder in den Ländern von Zentralafrika. Aber auch immer mehr in den urbanen Außenbezirken von pompös "entwickelten" Städten, wie New York, London, Paris, Moskau oder Rom.


Dem muss man den außerordentlichen Rückgang bei der Einkommensverteilung hinzufügen, der sowohl auf nationaler Ebene, wie auch global, in den letzten dreißig Jahren stattgefunden hat, in denen die Krise und die Finanzspekulationen eine riesige Konzentration von Kapital und Gewinn verursacht haben.


Eine zweite Auswirkung, auf dem Gebiet der technischen Arbeitsteilung, tritt auf sobald eine enorme Vielzahl Aufgaben in einem einzigen Montagestrang konzentriert werden (nach fordistischer Technik), oder schlimmer noch, wenn diese Montagestränge demontiert werden und als Netzwerke von Produktionsmoduln für Teile und Zubehör neu organisiert werden (wie bei Anwendung postfordistischer Techniken): die Steigende Komplexität der Produktionsprozesse macht sie immer anfälliger für globale Ausfälle.


Ein Beispiel der ersten Art (einheitliche Systeme in Serienschaltung) ist im katastrophalen Ausfall eines AKW gegeben. Ein Beispiel der zweiten Art (nicht lokale Systeme, als Netzwerk geschaltet) ist der alltägliche "Systemausfall", am Schalter einer Bank, oder die Fortpflanzung des Staus, wenn zwei oder drei Ampeln gleichzeitig ausfallen.


Das Problem tritt auf infolge der anhaltenden Tendenz, die Produktionsoperationen in hochkomplexen Systemen zu organisieren. Dies führt in den Serienschaltungen zu deren Verlängerung, in den Netzwerken zur Erhöhung der Anzahl an Moduln und Verbindungen zwischen ihnen. Dies führt dazu, dass Systeme, die normalerweise einen lokalen Fehler umgehen oder beheben können (sei es direkt bei einem Seriensystem, oder indem die Aufgabe mit anderen Moduln auf anderem Wege durchgeführt wird, im Fall der als Netzwerk organisierten Systeme), als Gesamtheit vollkommen veränderte Verhaltensmöglichkeiten aufweisen. Oder um es direkt zu sagen, dass die Wahrscheinlichkeit der katastrophischen Fortpflanzung eines lokalen Fehlers immer weiter steigt, das heißt, dass der Ausfall eines Schritts oder eines Moduls den progressiven Ausfall der mit ihm verbundenen Elemente auslöst.[48]


"Systemausfall" ist eine Ansage, die wir immer häufiger hören und noch häufiger hören werden. Die Ursache ist sicherlich die exzessive Konzentration der Produktions- und Informationsprozesse und diese hat keinen anderen Auslöser, als die Gewinnsucht ("Ersparnis" von Zeit und Aufwand). Weiter unten werde ich als weiteren Faktor auch die extreme Eitelkeit der Bürokraten im Hochtechnologiebereich hinzufügen, die ihren Wissensanspruch mit effektivem Wissen verwechseln.


Rüstungswettlauf im Rahmen eines plündernden und zerstörerischen Industrialisierungsschemas, Finanzspekulation auf Kosten des Wohlstands aller, Tertiarisierung der Wirtschaft mit idiotisierter Arbeit, in unnötig langen Arbeitstagen, Abführung der absoluten Arbeitslosigkeit in enorme Zonen der Dritten Welt. Technologische Intensität des Alltagslebens, Komplexität der Produktion mit gestiegenem Risiko katastrophaler Ausfälle, lokale Verbesserung des Lebensstandards, die mit einer globalen Verschlechterung der Lebensqualität bezahlt wird. Dies ist die globale Kritik am Kapitalismus die nach Marx hinzugefügt werden kann. All diese Aspekte bleiben jedoch im Rahmen der von ihm beschriebenen Logik der Reproduktion des Kapitals.


Es wird keinerlei kommunistische Perspektive geben bevor nicht die Volksbewegung diese Tendenzen rückgängig macht. Schluss mit der zerstörerischen Produktion (die zur Verschwendung bestimmt ist, sich auf kontaminierende Energieformen stützt und auf irrationale Weise konzentriert erfolgt); Schluss mit der Finanzspekulation; Rückgängigmachung der Tertiarisierung der Wirtschaft, Abschaffung der unproduktiven Arbeit, der Verdummung am Arbeitsplatz; Herausrettung der grundlegenden Dienstleistungen aus der Marktlogik; nachhaltige Industrialisierung für die ärmsten Gebiete des Planeten.


Auf diesem Langen Marsch besteht eine gute erste Maßnahme in dem versuch, so klar wie möglich darzulegen, welches der Feind ist und mit wem wir rechnen können. Dies ist die Zielsetzung des zweiten Teils dieses Buchs.

  1. Siehe Joseph A. Schumpeter: Ten Great Economistis. From Max to Keynes, Oxford University Press, 1951; Eric Roll: A History of Economic Thought, 5th revised Edition, London Faber and Faber, 2002.
  2. Überlegen wir doch einmal, welchen Sinn es machen und welche Deutungen es zulassen würde, wenn Quantenphysik als "neoklassisch" oder Molekularchemie als "neoalchemistisch" bezeichnet werden würde.
  3. Siehe hierzu, Carlos Pérez Soto: Sobre un concepto histórico de ciencia (Über einen historischen Wissenschaftsbegriff), Lom, Santiago, 2. Ausgabe, 2008. In Bezug auf die Psychologie, siehe Carlos Pérez Soto: Sobre la condición social de la psicología (Über das gesellschaftliche Wesen der Psychologie), Lom, 2. Ausgabe, 2008. Was die Inhalte selbst betrifft, so können in den Worten seiner eigenen Protagonisten Les Règles de la méthode sociologique von Émile Durkheim, oder Politik als Beruf, Wissenschaft als Beruf, von Max Weber, mit der Art und Weise verglichen werden, in der Leviathan, von Thomas Hobbes, oder Ein Traktat über die menschliche Natur, von David Hume, geschrieben sind.
  4. Siehe beispielsweise: Thomas S. Kuhn, Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1967; 2. Auflage 1976; Imre Lakatos, The Methodology of Scientific Research Programmes: Philosophical Papers Volume 1. Cambridge University Press, Cambridge 1977; Pierre Bourdieu, Intelectuales, política y poder, Eudeba, Buenos Aires, 1999
  5. Siehe beispielsweise: Alexander Koyré, Von der geschlossenen Welt zum unendlichen Universum. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1969; Thomas Laqueur, Die Inszenierung der Geschlechter von der Antike bis Freud, Frankfurt/Main u. New York, Campus 1992; Donna J. Haraway, Die Neuerfindung der Natur. Primaten, Cyborgs und Frauen. Campus-Verlag, Frankfurt am Main, 1995; Baudouin Jurdant, Impostures Scientifiques, Alliage, Paris, 1998.
  6. Ich verwende den Ausdruck "Fiktionen", um ihren vollkommen neu geschaffenen, künstlichen, historischen Charakter zu unterstreichen, um auszudrücken, dass es darin nichts natürliches oder objektives gibt. Selbstverständlich wird die von diesen Konstrukten angenommene gesellschaftliche Macht zu etwas sehr realem, weit entfernt von dem, was wir unter "Fiktion" verstehen. Aber ich bin viel mehr an jenem historistischen Zug interessiert, als an dieser empirischen Feststellung.
  7. Nicht so, jedoch, ihren Willen als Klasse. Zum Unterschied zwischen dem empirischen Bewusstsein des Einzelnen und dem Klassenbewusstsein, siehe Abschnitt 5 im Kapitel II.
  8. “Fiktiv”, selbstverständlich, für die globale und historische Argumentation der Politischen Ökonomie. Es ist andererseits offensichtlich, dass es sich für bestimmte Personen in bestimmten Zusammenhängen um einen sehr "realen" Reichtum handelt.
  9. In vorangegangenen Gesellschaften gab es Lohnarbeit. Von Marx' Standpunkt erfüllten diese zu keiner Zeit zwei wesentliche Bedingungen, um sie als kapitalistische Gesellschaften zu betrachten: die Existenz eines Marktes für Arbeitskräfte und die Existenz eines sozialen Sektors freier Menschen, die ihre Arbeitskraft zu verkaufen in der Lage wären. Gleichfalls gab es in vorhergegangenen Gesellschaften Eigentum, sogar an Produktionsmitteln, aber kein Privateigentum, das heißt, die Hegemonie des freien Ermessens des Eigentümers als Person bezüglich des Besitzes seiner Produktionsmittel und Produkte.
  10. Mit der bemerkenswerten, unausweichlichen und ewigen Ausnahme derer, natürlich, die auf alle Fälle der entsprechenden Zitate und einer "angemessenen" Sprache bedürfen: die des Meisters, angerufen auf fast beschwörende Weise, um nicht mehr und nicht weniger als dieselben Ideen zu begründen, die ich hier vorgetragen habe.
  11. Man sollte berücksichtigen, dass bei der Kommodifizierung des Bildungswesens das Immobiliengeschäft parallel zum Geschäft mit Schulen und Hochschulen und unabhängig davon betrieben wird. Allgemein werden überteuerten, für Bildungsdienstleistungen kassierten Preise als Finanzierungsquelle für das Immobiliengeschäft verwendet. Für das von mir vertretene Argument ist die Tatsache wichtig, dass während das Geschäft im Baugewerbe doch der gewöhnlichen Logik der kapitalistischen Verwertung folgt, dies beim Bildungsgeschäft als solchem nicht der Fall ist. Selbstverständlich geschieht Analoges bei der Kommodifizierung der medizinischen Versorgung oder hinsichtlich der riesigen Infrastrukturanlagen, die für das so genante “Big Science” gebaut werden.
  12. Sicherlich, diese Unterscheidung kann auch auf andere Art und Weise und zu anderen Aspekten getätigt werden.
  13. Ich schließe hier, unter dem allgemeinen Begriff "Dienstleistungen", das Finanzkapital mit ein. Hierbei interessiert es mich, den Unterschied zwischen realem und fiktivem Reichtum auf allgemeine Weise zu unterstreichen. Selbstverständlich kann die Bewegung des Finanzkapitals, was ihre Ausmaße und Modalitäten betrifft, anschließend vom Kapital unterschieden werden, das in Dienstleistungsbereichen wie Bildung, Gesundheit, Kunst oder Verwaltung investiert wird.
  14. Hierbei sollte beachtet werden, auch wenn ich später die Länge Fußnote bereuen muss, dass diese These zum Unterschied zwischen realem und fiktivem Reichtum eine direkte empirische Wette zum Schicksal des europäischen und amerikanischen Kapitalismus ermöglicht. Mein Argument ist, dass die Prozesse der De-Industrialisierung in Europa und den USA demnächst zu einer historischen Wende hinsichtlich des geographischen Zentrums der Hegemonie im herrschenden kapitalistischen Weltsystem führen wird. Wie im XVI. Jahrhundert mit Italien geschehen, dann im XVII. mit Spanien und Portugal, anschließend im XVII. mit Frankreich und Holland, und schließlich im neunzehnten mit England, wird die Industrialisierung von China, Indien und Brasilien, jeweils mit ihren betreffenden unmittelbaren Satellitenregionen, die Hegemonie der Vereinigten Staaten und der Europäischen Gemeinschaft schließlich überwinden. Oder, um es direkter zu sagen, kann keine kapitalistische Hegemonie nur auf der Grundlage der Produktion von Wissenschaft und Technologie oder Finanzdienstleistungen aufrechterhalten werden und ihre militärische Verteidigung wird sich ebenfalls als strukturell qualvoll erweisen. Nur ein Atomkrieg, mit Massenvernichtung und Ausrottung, könnte die US-Hegemonie zu retten. Am wahrscheinlichsten ist jedoch, dass bei einer solchen Katastrophe, die amerikanischen und europäischen Kapitalisten am Ende Chinesisch zu lernen und indische Frauen heiraten. Wie Italien, Spanien und Portugal im XVII., XVIII. und XIX. Jahrhundert, oder wie die Niederlande und Frankreich im XVIII. und XIX. Jahrhundert, was die USA und Europa über die nächsten ein oder zwei Jahrhunderte erwartet, ist ein langer und "glorreicher" Niedergang, begleitet von kultureller Gelehrsamkeit und eben solchen Ausbrüchen, aufgegeben von der Vitalität des Kapitals.
  15. Man muss berücksichtigen, dass es mit dem Fortschritt der postfordistischen Arbeitsorganisation einen sehr bedeutenden Rückgang der klassischen Gewerkschaftsorganisationen gegeben hat, wobei sich allerdings die Gewerkschaftsenklaven, die mit größter Kraft ihre Traditionen fortführen, gerade im tertiären Sektor konzentrieren, insbesondere unter den Staatsbediensteten.
  16. Jedenfalls sollte bemerkt werden, dass ein Teil dieser Spezifizierungen aus den marxistischen Anstrengungen stammen, die Ausbeutung als objektive Relation zu charakterisieren, ohne deren moralische Konnotationen anzurufen (obschon sie solche enthält), oder ein rein ethisches Urteil (wenngleich sie eines solchen bedarf und es verdient). Weiter unten, in Kapitel II Abschitt 2, werde ich zwischen Ausbeutung und Unterdrückung unterscheiden, um ebenfalls auf objektive Weise den Inhalt dieser ethischen Konnotationen zu analysieren.
  17. Hier muss erneut daran erinert werden, dass es sich bei der "Äquivalenzfiktion" nicht deswegen um eine Fiktion handelt, weil sie hinsichtlich der Arbeitskraft nicht erfüllt wird, sondern weil das involvierte Äquivalenzkriterium keinen natürlichen Ursprung hat, sondern historisch konstruiert, ideologisch und überwindbar ist. Wie ich im vorangegangenen Kapitel festgestellt habe, ist jeglicher Wert unkommensurabel und in dieser Beziehung ist alle Äquivalenz zwischen Werten künstlich, "fiktiv".>/ref> der Äquivalenz verletzt, die dem Warenaustausch auf dem kapitalistischen Markt selbst vorstehen. <references/>
  18. Eine, nebenbei gesagt, ziemlich hegelianische Wendung. "Realisieren" ist wörtlich "real machen". Die Ware wird nur dan "real", wenn der Produktionsprozess durch ihren Verkauf und anschließenden Verbauch vervollständigt wird.
  19. Der markant eigennützige und ideologische Charakter des Unternehmerdiskurses, der sich jedem neuen Kontext variabel anpasst, ist für niemanden ein Rätsel und kann umfassend dokumentiert werden. Einerseits kritisierten und unterdrückten sie jahrzehntelang den Ersten Mai, den sie heute feiern. Andererseits loben sie die Anstrengungen der arbeitenden Menschen in ihrem Diskurs zur Erklärung des Lohnsystems und beklagen die Schwierigkeiten, die sie daran hindern, bessere Löhe zu zahlen. Aber in den Diskursen, bei denen es um eine Erklärung ihres Reichtums geht, lassen sie sich über die "Faulheit" der Werktätigen aus und loben ihre eigenen kreativen Anstrengungen und ihre Bereitschaft, Risiken einzugehen.
  20. Man merke, dass hieraus folgt, dass die Kommodifizierung der Bildung und die unmittelbare Aufbürdung ihrer Kosten auf ihre Nutzer infolge der Aufgabe der staatlichen Bildungspolitik, nur die allgemeinen Kosten der Arbeitskraft verteuern kann: die arbeitenden Menschen werden höhere Löhne einfordern, um die Bildungskosten begleichen zu können, die Unternehmer ihrerseits werden gezwungen sein, Mitarbeiter einzustellen, deren Ausbildung teurer ist. Selbstverständlich ist dies ein äußerst schlechtes Geschäft für den Kapitalismus als Ganzes. Aber dieser Widerspruch ist in einer Kultur der Feindseligkeit nicht ungewöhnlich, ebenso wenig wie Drogenhandel, Finanzspekulation, Waffenschieberei, alles einwandfreie kapitalistische Unternehmungen, die global der Lebensfähigkeit des Kapitalismus widersprechen.
  21. Wenn im nächsten Kapitel eine mögliche soziale Schichtung innerhalb der kapitalistischen Klasse vorschlage, werde ich zwischen dem "Bourgeois", für die Befriedigung der Bedürfnisse selbst Sinn macht, vom "Kapitalisten" als solchem unterscheiden, dessen alleiniger Zweck es ist, das abstrakte Kapital zu reproduzieren, unabhängig von dem dazu einzusetzenden Mittel. Dieser Unterschied hat wichtige Konsequenzen in der realen, unmittelbaren Politik, und sollte auch bei der Planung des Großen Marsches berücksichtigt werden, der zum Kommunismus führen kann.
  22. Die erste wirklich vollständige und philologisch rigorose Ausgabe der Werke von Marx und Engels, genannt Marx – Engels Gesamtausgabe 2 (MEGA 2), wurde erst 1990 von den in The International Marx Engels Foundation (IMEF) vereinigten Instituten und Universitäten begonnen. Ihr geplanter Umfang ist 114 Bände, unterteilt in vier Abteilungen. Davon sind bis heute 59 veröffentlicht worden. Die zweite Abteilung in dieser Planung ist ausschließlich dem Kapital gewidmet, einschließlich aller seiner Ausgaben und seiner vorbereitenden Manuskripte. Allein diese zweite Abteilung umfasst 15 Bände, die in 23 Büchern veröffentlicht werden sollen. Siehe diesbezüglich den Webauftritt der Ausgabe bei der Akademie der Wissenschaften in Berlin, www.bbaw.de/bbaw/Forschung/Forschungsprojekte/mega/en/
  23. Für die ungeduldigeren Leser schicke ich voraus, dass es die von mir verfolgte pädagogische Strategie sein wird, anfänglich zwischen angeblich "guten" Kapitalisten (die die Technik verbessern, die bessere Löhne zahlen) von anderen angeblich "schlechten" (die "Missbrauch treiben") zu unterscheiden, um der Logik zu folgen, nach der Erstere handeln, und davon ausgehend aufzuzeigen, dass sich solch eine Unterscheidung in Wirklichkeit als fiktiv herausstellt und dass beide kapitalistischen Handlungsweisen strukturell notwendig sind für die historische Evolution des Systems.
  24. Eine Kontraktion, die eine umgangssprachliche Verwendung des Ausdrucks erleichtert, die aber in gewissem Sinne bedauerlich ist, weil sie das Interesse von den Mechanismen zur Erlangung von etwas, bei denen es sich um das Wichtigste handelt, zum reinen Resultat verlagert: "Mehrwert (der auf) absolute (Weise erlangt wird)".
  25. Umgangssprachlich pflegt man den Ausdruck"Erhöhung der Produktivität" für physische verbesserungen der ersten Art zu reservieren, während man den Ausdruck "Intensivierung der Arbeit" für Verbesserungen bei der Anordnung der Prozesse verwendet. Es gibt jedoch diesbezüglich keine allgemein gültige Terminologie. Offensichtlich schließen andererseits beide Verfahren einander nicht aus. Meistens werden sie gleichzeitig und miteinander komplementär angewandt.
  26. Auch hierzu gibt es keine allgemein anerkannte Terminologie. Man pflegt, auf ziemlich idiotische Weise, zu diskutieren, ob es sich beim Taylorismus, Fordismus oder Postfordismus um reine Techniken handelt, die auf die technische Arbeitsteilung angewendet werden können, oder auf viel allgemeinere Weise als Akkumulationsmodi gesehen werden können, das heißt, als Momente oder Etappen der kapitalistischen Entwicklung, die global charakterisiert werden können. Ich werde von der Wiedergabe dieser Diskussionen über Definitionen vollständig Abstand nehmen und einfach so verfahren, als ob das von mir dargelegte Kriterium (sie als Akkumulationsmodi zu betrachten) ganz einfach für die eminent praktischen Zwecke dieses Buches eine nützliche Definition wäre.
  27. Ein Hinweise für die Leser, die Probleme mit der Mathematik haben: wenn hier der Zähler kleiner wird und gleichzeitig der Nenner größer, dann verringert sich aus beiden Gründen der Wert des Bruchs, wie wenn man von 9/3, dessen Wert 3 ist, übergeht zu 4/6, dessen Wert nur 0,66 beträgt. Ich werde dies mit größerer numerischer Klarheit in den Tabellen der kommenden Seiten aufzeigen.
  28. Im Einklang mit der rassistischen These von Max Weber, könnte man sagen: weil sie der protestantischen Ethik entbehren…
  29. Für diejenigen, denen die Rechnung Schwierigkeiten bereitet: der Wert des Bruchs verringert sich, weil der Zähler tendenziell gleich bleibt, während der Nenner bedeutend ansteigt, etwa wie beim Übergang von 3/4, dessen Wert 0,75 beträgt, nach 4/7, das 0,57 entspricht.
  30. Die pädagogische Strategie, die ich in einer Situation anwenden werde, in der es viele Variablen gibt, ist, nach Möglichkeit jedesmal nur einen Wert davon zu verändern, um die Wirkungen jeder Variation einzeln zu betrachten. Selbstverständlich geschieht all dies im realen Prozess gleichzeitig. Deswegen müssen diese Tabellen als Teile eines einzigen großen Beispiels betrachtet werden, das nur so aufgeteilt ist, um seine Aspekte sichtbar zu machen.
  31. Siehe, Max Weber, Die protestantische Ethik und der 'Geist' des Kapitalismus. (1905), In: Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik 20 (1904), 1–54 und 21 (1905), 1–110, überarbeitet in GARS I 1–206. Aus empirischer Sicht betrachtet, muss man berücksichtigen, dass ein perfekt katholisches Italien im XIV. und XV. Jahrhundert eine bemerkenswerte kapitalistische Entwicklung hatte, und dass die perfekt protestantischen deutschen Gebiete während des XVI., XVII. und XVIII. Jahrhunderts in feudalen Rückständigkeit und Ineffizienz verharrten. Ebenso wurden die mit den Katholiken fast identischen Anglikaner im XVIII. und XIX. Jahrhundert zu einer kapitalistischen Macht, während ihre engsten englischen Verwandten, die Puritaner der von Weber gekennzeichneten Art, in den USA mehr als zwei Jahrhunderte Not erlitten (1600 -1840), bevor sie einen ähnlichen Grad an Industrialisierung erreichten.
  32. In dieser noch einseitigen Situation kann man sehen, dass die Ausbeutungsrate auch zurückgeht. Das ist, weil das technologische Niveau (die Kosten für das konstante Kapital), dass heißt, die Produktivität aufrechterhalten wird. Die folgende Tabelle wird die allgemeine Situation realistischer.
  33. Erinneren wir uns daran, dass Investitionen in konstantes Kapital nicht nur das sind, was in Maschinen und Werkzeug ausgegeben wird, sondern auch für Rohstoffe.
  34. Siehe diesbezüglich, Die offenen Adern Lateinamerikas (1979), von Eduardo Galeano, Peter Hammer Verlag, München. Das ist eine dramatische Darstellung der wichtigsten Orte und Zeiten der Plünderung und der Komplizenschaft, die sie möglich gemacht haben.
  35. Auch John Locke, als der großer Apostel der bürgerlichen Toleranz und Vorläufer der Menschenrechte gilt, sagte zu Zeiten der Ausarbeitung von The Fundamental Constitutions of Carolina (1669), damals eine britische Kolonie, meinte, dass ein Volk, das sich im "Naturzustand" befindet, sich weigert, sein Land einem anderen zu verkaufen, das sich bereits in einem "Zustand des Bürgervertrags" befindet, als Feind behandelt werden kann, dass man Krieg gegen dieses Volk führen kann und dass es, unter solchen Bedingungen, sogar alle seine "natürlichen Rechte" verliert (Recht auf Freiheit, Bestand seiner Gütern, auf Schutz ihres Lebens). Ja, sie verlieren selbst solche Rechte, die nach diesem Autor, von keinem anderen als dem Schöpfer selbst in die Natur gesetzt wurden. Solche Ideen können auch in seiner Second Treatise of Civil Government (1689) gefunden werden. Siehe in diesem Zusammenhang, Franz Hinkelammert und Ulrich Duchrow, Leben oder Kapital. Alternativen zur globalen Diktatur des Eigentums (2003). Editorial Departamento Ecuménico de Investigaciones (DEI), San José, Costa Rica
  36. Ich stelle mir, fast mit Stolz, vor, dass darauf heutzutage meine Theorie der Bürokratenherrschaft anwendbar wäre.
  37. Die minimalste Untersuchung des pompösen und bombastischen Weges der Sozialwissenschaften, von der Mitte des XIX. Jahrhunderts bis heute zeigt, als genaues Gegenteil, dass ihre sperrige Textbände fast ausschließlich aus rein deskriptiven Theorien bestehen, mit geringer Voraussagefähigkeit, mit sehr wenig historischer Projektion und fast nicht vorhandener globaler Reichweite. All dies ist so spektakulär offensichtlich, dass es von vielen als einfach ... ihre Methode und ihr Zweck betrachtet wird.
  38. Obwohl dies auf dem Gebiet der politischen Theorie offensichtlich ist, ist es aufgrund der besonderen Bedingungen unseres Landes notwendig ist, zu sagen, dass der Liberalismus in der Regel eine ganz andere Tradition ist, als sein Extrem, der Neoliberalismus. In vielerlei Hinsicht ist der neoliberale Fundamentalismus, der von Friedrich von Hayek und Karl Popper vertreten wird, eine Reaktion, die mit dem progressiven utopischen Horizont bricht und kontrastiert, der von der Bourgeoisie in ihrer revolutionären Periode hochgehalten wurde.
  39. Siehe hierzu John Kenneth Galbraith, The new industrial state (1967), Houghton Mifflin Co., Boston, 1967. Auch Michael J. Sandel, What’s Money can’t buy (2012), Farrar, Straus and Girux, New York, 2012.
  40. Man konnte unentschieden ziehen, wie in Korea, oder einfach verlieren, wie in Vietnam, oder am besten auf protzige und überteuerte Weise gewinnen, auf der Grundlage einer erdrückenden Übermacht ohne reales Gegengewicht, wie in Afghanistan oder im Irak.
  41. Es handelt sich um den Text “Economic Possibilities for our Grandchildren” (1930). Man kan ihn finden in der Anthologie J.M. Keynes, Essays in Persuasion (1963), Norton & Co., New York, 1963, S. 358-373. Auch im Internet: www.econ.yale.edu/smith/econ116a/keynes1.pdf
  42. Es ist wichtig, zu beachten, dass diese relative Erhöhung der Arbeitszeit in den Kernländern, in den Jahrzehnten von 1940-1980, eine fortschreitende Verlagerung der Unterbeschäftigung und der Arbeitslosigkeit in die Länder der Dritten Welt bewirkte. Dieser Trend hat sich nun mit der Deindustrialisierung der Vereinigten Staaten und Europas und den mächtigen Industrialisierung neuen Typs in China, Indien, Brasilien und Mexiko umgekehrt.
  43. Laut dem Nationalen Institut für Statistiken (INE), bestand 2011 in Chile die Gesamtarbeitskraft aus 8.980.000 Personen, von denen 7.564.000 beschäftigt waren. Von diesen Werktätigen arbeiteten 1.547.000, 20,5%!, im Bereich des Handels, und nur 842.000 (11,1%) im verarbeitenden Gewerbe. Dem müssen 125.000 Personen hinzugefügt werden, die im Bereich der Finanzdienstleistungen arbeiteten, 497.000 im Immobilien- und Vermietungsgewerbe, 521.000 als Haushaltsberaterinnen, insgesamt 1.143.000, weitere 15,1 %! Siehe www.ine.cl.
  44. Es muss darauf hingewiesen, dass in vielen spanischsprachigen Ländern der Ausdruck "tercerizar" für die Vergabe von Unteraufträgen für Arbeit (auf Englisch out sourcing), die in Chile als "Externalisierung" bezeichnet wird. Ich werden den terminologischen Optionen folgen, die ich im Text angebe, weil diese mir natürlichen und weniger mehrdeutig erscheinen.
  45. Laut Klassifizierung der ILO, habe ich die Zahlen auf folgende Weise zusammengefasst: 1. Landwirtschaft, Fischerei, Forstwirtschaft (Sektor 1); 2. Bergbau, Manufaktur, Energie, Bau (Sektoren 2, 3, 4 und 5); 3. Handel, Transport, Kommunikation, Finanz, soziale und persönliche Dienstleistungen (Sektoren 6, 7, 8 y ).
  46. Das wird auf tragische Weise gezeigt, durch den Alkoholismus, den Zerfall der Familie, die Einsamkeit, die Verarmung von Leben und Kultur, in den Bereichen der Arbeiter in den stolzesten entwickelten Ländern, wie Schweden, Norwegen oder der Mittelklasse in England, Frankreich und die Vereinigten Staaten.
  47. In der Zeit von 1880 bis 1980 hat das Verhältnis Zentrum - Peripherie eine klare geographische Basis, die zum Ausdruck kommt in der Bildung einer "ersten Welt" (die entwickelten kapitalistischen Ländern), einer "zweiten Welt" (das Gebiet der sozialistischen Länder) und einer "dritten Welt", die abhängige Peripherie. Ab 1980 besteht die Beziehung Zentrum - Peripherie weiter, hat aber ihre geografische Basis verloren. Es gibt mobile Funktionszentren in Ländern, die einst der Peripherie angehörten und es gibt Peripherie (Armut, Überausbeutung) inmitten der Kernländer, die als zentral galten. Aus einer geographischen Beziehung ist eine eher funktionale Beziehung geworden: die eklatante Ungleichheit hält an.
  48. Dies ist ein Phänomen, das wiederholt beobachtet und beschrieben wurde, bei der außerordentlich schellen Fortpflanzung der Finanzkrisen, die auf Informationssystemen aufsetzen, die in irgendeinem Sinn "überverbunden" sind.