Vorschlag eines hegelianischen Marxismus - II. Politische Soziologie - Text

De Carlos Pérez Soto
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II. Politische Soziologie

1. Erkenntnistheoretische Differenzierungen

a. Wissenschaftliche Soziologie, Politische Soziologie

Ebenso wie im Fall der Ökonomie, wenn auch ohne Verwendung der gleichen Formel („Politische Ökonomie“), kann man behaupten, dass es in der klassischen Epoche des modernen Gedankenguts (XVII. und XVIII. Jahrhundert) eine „Politische Soziologie“ gegeben hat. Praktisch alle modernen Philosophen, von Machiavelli und Bacon bis Kant und Hegel, entwickelten in einer breit angelegten Metaphysik begründete und vornehmlich auf ihre praktische Anwendung angelegte Ideen, die das heute „Soziologie“ genannte Feld abdecken und darüber hinausgehen, eines Fachgebiets, das als ausschließlich einer bestimmten Disziplin und einem bestimmten Berufsverband vorbehalten betrachtet wird.


Damals gab es natürlich keine Aufspaltung der Disziplinen und keine Auseinandersetzungen zwischen Berufsverbänden. Es gab auch kein methodologisches Apriori und keine quantitativen Manien. Wahrscheinlich verdankt dieses Gedankengut einen guten Teil seiner Tiefe und Durchsetzungsvermögen eben diesen „Mängeln“.


Es geht um soziale und politische Theorien und auch um juristische Konzeptionen, die zu keiner Zeit den Anspruch erhoben, ethisch neutral zu sein und von denen aus jeder Einzelne technische Formeln, konkrete Verfahren und klar definierte Aktionsvorgaben für das politische und gesellschaftliche Management seiner damaligen zeitgenössischen Welt entwickelte.


In gewisser Hinsicht ist der kritische und enzyklopädische Blick Kants der Höhepunkt dieses gesamten Zyklus. Man könnte sagen, dass sich das gesamte politische und soziale Gedankengut der darauf folgenden zwei Jahrhunderte, das heißt bis heute, in die verschiedenen Grundlegungsalternativen des Sozialen einreiht, welche von Hobbes und Hume einerseits, sowie von Kant andererseits, in hervorragender Weise aufgezeigt wurden.


Es gibt bestimmte Grundgedanken, die das Werk all dieser Autoren durchziehen und dabei verschiedene Nuancen und Betonungen erfahren, welche die Diversität ihrer Theorien ausmachen.


Die Vorstellung von der subjektiven gesellschaftlichen und politischen Autonomie der Individuen; die Vorstellung von einer eigenständigen und erkennbaren Rationalität, die sowohl im Bereich des Natürlichen, wie auch des Menschlichen herrscht; die Idee von einem inhaltlichen Horizont der weltlichen Realisierung persönlicher und gesellschaftlicher Potentiale; das außerordentliche Vertrauen in die emanzipatorische Kraft einer laizistischen und rationalistischen Bildung.


Dem hinzuzufügen sind wesentliche Polemiken, Kontrapunkte widersprüchlicher möglicher Grundlagen. Der Kontrapunkt zwischen dem Ethik (Freiheit) und der menschlichen Natur, hinsichtlich der Bestimmung des Sozialen. Die Polemik zur relativen Gewichtung der individuellen Selbstbestimmung gegenüber der Gemeinschaftssinn. Die Differenzen zwischen dem inhaltlichen oder nur instrumentellen Charakter der Vernunft. Die Diskussion um Aggressivität oder Herdentrieb als Charakterzug des Menschen.


Die klassische Tradition dieser „Politischen Soziologie“ findet ihre Überwindung und in vielerlei Hinsicht ihr Ende bei Hegel, der alle vorgeschlagenen Varianten in voller Ausprägung vorliegen hat.


Bei Hegel verdrängt das Thema der Freiheit vollkommen das der menschlichen Natur, aber nun nicht mehr allein als ein aus praktischen Gründen notwendiges Postulat, sondern als die Geschichte der Herausbildung der Möglichkeit freier Bürger. Eine Geschichte, in der alles als ein Produkt des Werdens der gesellschaftlichen Beziehungen erscheint: die juristischen und politischen Formen, die Modi des gesellschaftlichen Zusammenlebens und ihre Probleme, die Existenz selbstbestimmter Bürger an sich, sowie der kulturellen Formen, die es ihnen ermöglichen, ihre Freiheit als Gemeinschaft zu leben.


Es handelt sich um einen durch eine laizistische Interpretation der Funktion der Religion vermittelten Humanismus, um einen Historismus, der alle Probleme und alle Möglichkeiten der Menschen in deren eigene Hände legt, um eine Vorstellung von individueller Freiheit nach der sich ihr Potential nur im Schoße einer Gemeinschaft realisieren lässt. Hegel entwickelt eine komplexe Vorstellung von der Vernunft, nach der die Herausbildung der Menschheit durch Auseinandersetzung und Widerspruch erfolgte.


Dies sind die Elemente, die als Inhalte, weit unter der Ebene der Wortwörtlichkeit der Texte, ausgehend von seiner hegelianischen Ausbildung, an Marx übergehen.[1] Hinzuzufügen bleibt außerdem die hegelianische Kritik des ethischen Idealismus, welche unmittelbar zum Primat der effektiven Politik führt, über die einfache Formulierung von Wertperspektiven hinaus, deren Aktion sich auf den Bildungsbereich beschränkt. Hinzuzufügen ist darüber hinaus die tief greifende Historisierung der Natur (die jedoch bei Engels nicht zu finden ist),die dazu führt, dass diese immer als durch Arbeit vermittelt betrachtet wird, bis zu einer Vorstellung nach der alles, was als „natürlich“ bezeichnet werden kann (die Bedürfnisse, die „Persönlichkeit“, die Triebe), als menschliches Produkt betrachtet wird. Hinzuzufügen ist schließlich die Betrachtung der Individualität als historisches Produkt, was dazu führt, dass jegliche politische und gesellschaftliche Analyse als Funktion historisch entstandener sozialer Subjekte vorgenommen wird.


Keines dieser Elemente ist dagegen in den Grundlagen und Ausarbeitungen dessen präsent, was ich „Wissenschaftliche Soziologie“ nennen werde, also in der Tradition, die zu einer Soziologie als Disziplin im Rahmen der Gesellschaftswissenschaften geführt hat, der Tradition von Comte, Durkheim, Weber, Parsons, Merton, Luhman, Giddens, Habermas.


Bereits bei Comte wird die von Hegel formulierte, komplexe, negative, tragische Historizität auf eine rein lineare, progressive und gar deterministische Zeitlichkeit reduziert, die dann wiederum von seinen Nachfolgern zunichte gemacht wird, um an ihrer Stelle rein administrative Gespenster zu hinterlassen, die sie als „Funktionen“ und „Strukturen“ bezeichnen.


Mit Durkheim beginnt, wahrscheinlich ungewollt, die neukantianische Gewohnheit (bei der es sich in vielerlei Sinn um eine vorkantianische Realität handelt), allein die Individuen als Subjekte und die Analyse der gesellschaftlichen Erscheinungen als Kompositionen aus kollektiven Aktionen zu betrachten (von Kollektionen von Individuen, denen irgendein Aspekt ihrer Aktion gemein ist). Das ist eine Gewohnheit, die von den englischen Liberalen mit aller Strenge als „methodologischer Individualismus“ bezeichnet wurde. Dieser methodologische Individualismus bringt dann Weber dazu, die Vorstellung von „Klasse“ als „Typ“ oder „Kollektion“ zu betrachten, und führt zu seinen Vorstellungen von Schicht und Stand, die sich von der marxistischen Vorstellung grundlegend unterscheiden, wie ich darlegen werde.


Mit Comte und Durkheim beginnt auch die kuriose Vorstellung von der Möglichkeit, vorab und im Abstrakten eine Methode zu formulieren, die sowohl vom Subjekt wie auch vom Objekt unabhängig ist, deren Anwendung es gestatten würde, Kenntnisse zu entdecken.[2] Diese Vorstellung von einer „soziologischen Methode“, die mit der Idee verbunden ist, es gäbe einen besonderen Gegenstand der Soziologie (der sich vom Gegenstand der Psychologie, der Anthropologie, usw. Unterscheiden lässt), führe unmittelbar zu dem absurden, dem klassischen Denken vollkommen fremden Gedanken, die Soziologie sei eine Disziplin, die sich im Prinzip von anderen unterscheidet, wobei jede von diesen nur einen bestimmten Aspekt des gesellschaftlichen Ganzen auf spezifische Weise behandelt. Das ist ein Absurdum, das sich in den wiederholten Fehlschläge der „inter“- oder „trans“-disziplinären Versuche immer wieder bestätigt und sogar bei vielfältigen „extra“-disziplinären Initiativen, die dann niemals der Versuchung widerstehen, sich in neue Disziplinen zu verwandeln.


Diese methodologische Abstraktion ist es, die zu der außerordentlichen, in der langen Geschichte der Beschäftigung des Menschen mit dem Sozialen einzigartigen Anmaßung führt, man könne ethisch neutrale Gesellschaftstheorien schaffen, das heißt, man könne klar unterscheiden zwischen dem „wissenschaftlichen“, technischen Inhalt einer Theorie und seiner politischen Verwendung.[3] Es handelt sich aber gleichzeitig um eine Anmaßung von Neutralität, an der man sich nur versuchen kann, wenn man die Theorie radikal auf reine Beschreibungen reduziert, oder den Anspruch erhebt, auf jeglichen Erklärungsversuch oder auf ein globales Verständnis zu verzichten.


Beseitigung der substantiellen Geschichtlichkeit, methodologischer Individualismus, Priorität der Methode vor dem Objekt, Anmaßung einer ethischen Neutralität, Anmaßung der Unterscheidung zwischen dem Technischen (der Wissenschaft) und dem Politischen: die Wissenschaftliche Soziologie unterscheidet sich hinsichtlich ihrer realen Tradition als Disziplin zutiefst von der klassischen Politischen Soziologie und auf noch radikalere Weise von der, die bei Marx zu finden ist. Sie haben eine unterschiedliche erkenntnistheoretische Grundlage.


Ein seltener Moment des offenen Ausdrucks dieser Differenz ist die Idee, es gäbe „Soziologien des Gleichgewichts“ und „Soziologien des Konflikts“, das heißt, solcher, die vom sozialen Gleichgewicht als Voraussetzung ausgehen und sich dem Studium des empirisch einleuchtenden Geschehens widmen, dass Ungleichgewicht vorherrscht, und solch anderer, welche den Konflikt ausgehend von seiner Konfliktträchtigkeit begreifen. Viele der wichtigsten Disziplin-Soziologen erklären sich als Befürworter der ersten und behaupten, dass die zweite die der Wissenschaft eigenen wünschenswerte ethische Neutralität verletzt. Natürlich können sich die Marxisten, aufgrund eines wesentlichen Bestandteils ihres doktrinären Kerns, in den zweiten Typ einreihen.


Über alle tiefen erkenntnistheoretischen Differenzen hinweg und auch in deren Auswirkung ist es wichtig, darauf hinzuweisen, dass in Wirklichkeit, praktisch und effektiv, der Hauptsinn und -zweck der disziplinären Soziologie kein anderer ist, als ihre eigene Reproduktion als akademisches und akademisiertes Wissen. Streng genommen ist die Konstituierung der Disziplinen der Gesellschaftswissenschaften nichts anderes ist als ein Prozess der Institutionalisierung des Wissens der Moderne, ein Prozess, in dem das Projekt gewesene Wissen beginnt, unmittelbar als Macht-Wissen und als Quelle von Legitimität zu wirken. Das Abdriften dieser Institutionen aber, die zu bestimmten Zeitpunkten und in bestimmten Aspekten der bürgerlichen Macht funktional waren, haben sie nach und nach in einen anderen logischen Rahmen versetzt, den Rahmen der Bürokratisierung des Wissens, der eher der bürokratischen macht funktional ist und, wie ich danach untersuchen werde, vor allem funktional zu sich selbst: die Bürokratisierung des Wissens braucht niemandem mehr zu dienen und besitzt auch nicht mehr den Sinn, jemandem „nützlich“ zu sein. Sie ist, für sich selbst, eine der vielen Weisen, sich des gesellschaftlichen Produkts zu bemächtigen.


Nichts ist aus erkenntnistheoretischen und nunmehr auch aus politischen Gründen weiter entfernt als die (Disziplin der) Wissenschaftliche(n) Soziologie von der, die aus dem Marxismus folgen könnte. Die ausgesprochen praktische, ausgesprochen unmittelbare Konsequenz all dieser Überlegungen ist die Notwendigkeit, die marxistische Diskussion aus der Logik der akademischen Reproduktion heraus zu retten und sie vollkommen außerhalb der Logik der Disziplinen an ihren eigensten und klassischen Wirkungsbereich zurückzugeben, dem Wirkungsbereich der politischen Diskussion durch und für die Volksbewegung, ausgehend von und abzielend auf die effektive politische und gesellschaftliche Realität. Weder Negri, noch Badiou, weder Ranciere oder Agamben, noch sonst irgendwer in dieser Komödie der Irrungen wie es die post- (und ex-) althusserianische Tradition eine ist, sind besonders nützlich zu diesem Zweck. So wie Marx die „kritische Kritik“ der deutschen „Ideologen“ verachtete, so müsste man heute, um mit den besoldeten, ebenso großspurigen wie harmlosen Kritikern zu brechen, „Die Französische Ideologie“ schreiben. Aber meiner Meinung nach ist es eine Zeitverschwendung, jenen, die glauben, dies sei „dringend“ und notwendig, zu erklären, dass solch eine Erklärung nichts anderes wäre, als eine Zeitverschwendung.


b. Klassenanalyse und Analyse der Schichtungen

Die Zurückweisung und die epistemologische und politische Distanz zur disziplinären Soziologie bedeutet aber nicht unbedingt eine vollständige Abkehr von den von ihr entwickelten Werkzeugen. Ebenso wie uns die lokalen Verwaltungswerkzeuge der Wissenschaftlichen Ökonomie beim Management konkreter Wirtschaftseinheiten unmittelbar nützlich sein können, so kann uns auch die beschreibende Manie der Wissenschaftlichen Soziologie ohne weiteres als Unterstützung für die unmittelbare politische Analyse dienen. Das konkrete Feld, auf dem die Notwendigkeit klar zum Ausdruck kommt, die bestehenden tiefen Differenzen auf erkenntnistheoretischen Gebiet beizubehalten und gleichzeitig den praktischen Bedarf eines komplementären Werkzeugs zu befriedigen, das ist die Frage nach dem Unterschied zwischen der dem Marxismus eigenen Klassenanalyse einerseits und der Analyse der sozialen Schichtungen, die zu unterschiedlichsten Zwecken von der Soziologie angestellt wird, andererseits.


Es gibt vielerlei Hinweise darauf, dass Marx, im Unterschied zu Engels, sein Werk nicht als systematische, allumfassende und noch weniger als abgeschlossene fertige Lehrmeinung ansah. Diese Haltung beinhaltet eine wesentliche Tugend: sie führt dazu, dass ein Werk viele unterschiedliche Entwicklungen und Interpretationen zulässt. Aber sie hat auch einen bedauernswerten Nebeneffekt: Marx verwendet Fachausdrücke, darunter auch einige der relevantesten, nicht immer im selben Sinn. Mit Ausnahme der Politischen Ökonomie, bei der er sehr viel präziser vorging, werden derart wesentliche Vorstellungen wie die der „Produktivkräfte“, „Produktionsweise“, „Gesellschaftsformation“, „Ideologie“ in seinen Texten auf verschiedene und zum Teil gegensätzliche Art und Weise verwendet, manchmal umgangssprachlich und breit angelegt, dann wieder eingeschränkt und technisch. Ein herausragendes Beispiel für diese Schwierigkeit ist die Vorstellung von einer „Gesellschaftsklasse“.[4]


Angesichts der Diversität der Bedeutungen, die der Klassenbegriff in Marx' eigenen Texten erhält, vertrete ich die Meinung, dass es eine alternative, mit seiner politischen Perspektive im Einklang stehende Lesart gibt, bei der dieser Begriff eingeschränkt, auf technische Art und Weise verwendet, begrenzt und in enger Beziehung mit dem zentralen Begriff des Klassenkampfs gesehen wird.


Aus politischen Gründen vertrete ich die Auffassung, dass es sich im Marxismus bei den Gesellschaftsklassen nicht um einfache Gruppen, Schichten oder Stände handelt. Es geht nicht um Mengen von Individuen mit gewissen gemeinsamen empirischen Zügen. Die Gesellschaftsklassen sind in globaler und historischer Hinsicht Subjekte, die sich rund um die effektive Operation der Ausbeutung konstituieren. Als Gegenposten und Komplement, sollte man die erkenntnistheoretischen Unterschiede zwischen dieser Vorstellung und der soziologischen Idee von Schicht oder Gruppe herausarbeiten.


Eine Gesellschaftsschicht ist eine Gruppe von hinsichtlich eines beliebigen empirischen Merkmals klassifizierter Individuen. Die Unterschiede von Mann und Frau, Reichen und Armen, Architekten und Bauern, Chilenen und Peruanern, Alten und Kindern sind, von diesem rein beschreibenden Gesichtspunkt aus, Schichtungsunterschiede.


Für die Standard-Soziologie bestehen die Schichten aus Individuen (methodologischer Individualismus), es handelt sich um lokale und zeitliche begrenzte Kollektionen, die auf beschreibende Weise mit einem pragmatischen Ziel definiert werden: potentielle Kundschaft in Segmente zu unterteilen, Bedürfnisse, Tendenzen oder Interessen zu beziffern, sich mit der Erzeugung von Statistiken ein Brot verdienen, obwohl niemand sie dann nutzt, usw. Eine Schicht wird als Menge nicht als Subjekt betrachtet, auch dann nicht, wenn sie von gemeinsamen Interessen gekennzeichnet wird, weil man ganz einfach allgemein nicht der Meinung ist, dass eine Gruppe ein Subjekt sein kann. Natürlich braucht es sich nicht um eine stabile Gruppe und auch nicht um eine Gruppe an und für sich zu handeln. Schichten sind nichts anderes als durch einen Beobachter vorgenommene Unterscheidungen, die in globalen und realen empirischen Eigenschaften mehr oder weniger verwurzelt sind. Sie brauchen auch nicht unbedingt innere Spannungen und Gegensätze enthalten, nicht einmal dann, wenn sie hinsichtlich eines Konflikts definiert werden. Was die Beschreibung tut, ist, einfach die Gruppe als Gruppe zu etablieren, ohne besonderen Erklärungsanspruch.


Unter den zahllosen möglichen empirischen Schichtungskriterien, gibt es einige, die für die marxistische politische Analyse besonders nützlich sind. Dabei handelt es sich insbesondere um solche, die Einkommensschichten (Reiche und Arme), Statuseigenschaften (Mächtige und Unterdrückte), Inklusionseigenschaften (Integrierte und Ausgegrenzte/Marginalisierte) definieren, sowie solche, die mit der gesellschaftlichen Arbeitsteilung in Beziehung stehen (nach Berufen oder Formen der Arbeit).


Keine dieser Untersuchungen, von denen jede einzelne sehr nützlich und notwendig ist, sollte aber mit der Klassenanalyse verwechselt werden. Wie ich weiter oben bereits gesagt habe, sind die Gesellschaftsklassen Subjekte (keine einfachen Mengen); sie nehmen in einem besonderen Prozess Bestand an, der Ausbeutung (und nicht ausgehend von den betreffenden empirischen Indikatoren); es handelt sich um reale, effektive Subjekte (nicht nur beschreibende empirische Assoziationen); sie konstituieren sich ausgehend von einer widersprüchlichen, antagonistischen Beziehung, das heißt, es sind dynamische, kämpfende Subjekte, die sich ausgehend von jener Auseinandersetzung konstituieren.


Streng genommen sind die Gesellschaftsklassen, in ihrer Eigenschaft als reale Subjekte, eine Auswirkung der Beziehung, aus der sie hervorgehen. Ohne Ausbeutung gibt es keine Gesellschaftsklassen und ebenso gehört jemand einer Gesellschaftsklasse nur dann an (oder nimmt nur dann eine Klassenposition ein), wenn er oder sie direkt und effektiv an einer Ausbeutungsbeziehung teilnimmt. Das heißt, „ein Bourgeois sein“ oder „ein Sklave sein“ sind keine Eigenschaften eines Individuums als solchem, sondern gesellschaftliche Funktionen, in die man eintreten kann oder nicht. Im Extremfall, auch wenn es absurd scheinen mag, es so zu sehen, ist ein Bourgeois kein Bourgeois während er schläft. Er ist es nur während er andere ausbeutet. Und es ist wichtig, ausdrücklich zu sagen, worin das Absurde in diesem extremen Beispiel besteht: niemand ist von sich aus bourgeois; man kann nur im Kontext einer bestimmten Gesellschaftsklasse bourgeois sein, im Kontext der Bourgeoisie.[5]


Auch wenn dies das Entsetzen und das Grauen der Mehrheit der französischen Intellektuellen erweckt, sowie die Ironie fast aller britischen Intellektuellen, so muss es doch gesagt werden: in der marxistischen Logik ist die Bourgeoisie, als Klasse, als gesellschaftliche Funktion, auf politische und erkenntnistheoretische Weise viel realer, als jeder einzelne der Bourgeois. Die Bourgeoisie ist ein reales Subjekt (oder das Proletariat, oder die Herren, oder die Leibeigenen), während der einzelne Bourgeois, was sein Bürgerlichsein betrifft, eine Wirkung ist.


Wenn wir zwischen Klassen- und Schichtenanalyse unterscheiden, kann eine große Menge konkreter Probleme der politischen Analyse auf einmal durchsichtig werden und ein riesiger Ballen idiotischer Diskussionen, aus deren Anlass Tinte in Strömen geflossen ist, wird plötzlich überflüssig. Handelt es sich bei der „Mittelklasse“ um eine Klasse? Nein, es handelt sich um eine Schicht, die sich anhand von Indikatoren wie Einkommen, Bildungsniveau, Kultur, usw. definieren lässt. Kann es „arme Bourgeois“ geben? Natürlich, ja, tatsächlich sind die Bourgeois in ihrer Mehrheit arm. Das ganze Geheimnis lässt sich aufklären, wenn wir erkennen, dass der Ausdruck „arme Bourgeois“ zwei Klassifikationskriterien enthält: der Unterschied zwischen Bourgeoisie und Proletariat ist ein Klassenunterschied, der Unterschied zwischen Reichen und Armen eine Frage der Schichtung. Die in der postfordistischen Wirtschaft immer häufiger vorkommende Sachlage, dass es „Privateigentümer von Produktionsmitteln“ (Bourgeois) gibt, die nicht mehr als zwei oder drei Maschinen besitzen (zwei oder drei lohnabhängige Arbeiter) und die Tag für Tag von mächtigeren Handelsunternehmern ausgenommen werden (arm sind), stellt einen empirischen, massiv vorhandenen und überzeugenden Beweis für diese doppelte Möglichkeit dar.


Gerade die Frage, was zu tun ist, welche Haltung man diesen Massen an „armen Bourgeois“ gegenüber einnehmen sollte, oder, wie ich weiter unter analysieren werde, den „reichen Lohnabhängigen“ gegenüber, die Frage, wie die sogenannte „Mittelklasse“ auf marxistische Weise zu charakterisieren ist, ist die Frage, welche eine solche Unterscheidung politisch notwendig macht.


Es ist nicht dasselbe, sich zu fragen: „Wer ist der Feind?“, als sich zu fragen: „Mit welchen Kräften können wir rechnen?“ Der Unterschied ist eine Folge der Tatsache, dass weder all unsere Feinde, noch all unsere möglichen Bündnispartner alle gleich sind. Die Klassenanalyse stellt ein allgemeines, strategisches, theoretisches und globales Kriterium auf, um die erste Frage zu beantworten. Die Analyse der Schichtungen ermöglicht es, diese Allgemeinheit auf der praktischen, taktischen und unmittelbaren Ebene abzuwägen. Indem wir beide Analysen miteinander verbinden, können wir die doktrinäre Klarheit unserer strategischen Ziele beibehalten und gleichzeitig die konkreten Wege aufzeigen, auf denen sie erlangt werden können. Diese Kombination ist die theoretische Grundlage jeglicher Bündnispolitik aus marxistischer Sicht.


Es ist eine konkrete und reale Tatsache, dass heutzutage, in numerischer Hinsicht, die Mehrheit der Bourgeois (der Eigentümer des Kapitals) entweder schlicht arm sind, oder der „Mittelschichten“ angehören. Nur als Beispiel, kann darauf hingewiesen werden, dass die arbeitenden Menschen in Chile unter Zwang zu Kapitaleignern gemacht wurden, und zwar über das System der privaten Rentenfonds. Und es ist auch eine konkrete Tatsache, dass nicht wenige Lohnabhängige, aus Gründen, die ich weiter unter untersuchen werde, nicht nur als Reiche gelten dürfen, sondern auch als Teil des herrschenden Klassenblocks. Die politische Machbarkeit des revolutionären Horizonts hängt davon ab, ob wir diese Unterscheidungen zu tätigen in der Lage sind und ob wir es verstehen, die Konsequenzen daraus zu ziehen.


Es ist nicht müssig, auf dem erkenntnistheoretischen Unterschied zu bestehen. Es ist ohne Weiteres möglich, ohne Klassenanalyse eine Analyse der Schichtungen anzustellen; das ist die Soziologie als Disziplin. Umgekehrt kann es aber, aus politischen Gründen, keine Klassenanalyse ohne Analyse der Schichtungen geben. Das ist so, weil die Klassenanalyse keine rein theoretische und doktrinäre Angelegenheit ist, sondern im Dienst einer konkreten revolutionären Politik stehen muss. Darum handelt es sich um eine Politische Soziologie. Und deshalb ist es, trotzdem einige ihrer Werkzeuge zum Einsatz kommen, unmöglich, diese Politische Soziologie im institutionellen Rahmen der Soziologie als akademischer Disziplin zu entwickeln.


2. Theorie der Gesellschaftsklassen

a. Ausbeutung, Herrschaft, Unterdrückung

Die Gesellschaftsklassen etablieren sich ausgehend von einer Ausbeutungsbeziehung. Es besteht Ausbeutung, wenn ungleicher Wertaustausch herrscht. Der Austausch von Werten ist der ökonomische Aspekt der gesellschaftlichen Beziehungen schlechthin.


Auch wenn es möglich ist, einen allgemeinen Wertbegriff und, davon ausgehend, präkapitalistische Wertdimensionen zu definieren, womit dann eine allgemeine Theorie der Gesellschaftsklassen möglich wird (siehe Vierter Teil, Kapitel 3, „Präkapitalistische Wertdimensionen"), werde ich mich in diesem Abschnitt auf den Austausch von Tauschwert konzentrieren, bei dem es sich um den Wert handelt, zu dem die Waren auf dem kapitalistischen Markt ausgetauscht werden, sowie auf die modernen Klassenunterschiede (Kapitalisten, Bürokraten). Diese historisch besondere Form werde ich als merkantile Ausbeutung bezeichnen.


Damit im Einzelnen Ausbeutung vorliegt genügt es nicht, dass der Austausch ungleich ist. Es ist außerdem erforderlich, dass eine Kausalbeziehung besteht, zwischen der Aufwertung des Einen und der Abwertung des Anderen. Diese Verbindung ist es, welche das objektive Interesse des Ausbeuters an der Beibehaltung der Beziehung hervorruft: seine Aufwertung hängt von der Abwertung des Anderen ab. Ein Geschenk kann als ungleicher Austausch von Wert definiert werden, aber es stellt offensichtlich keine Ausbeutung dar. Es ist weder eine Äquivalenzfiktion im Spiel (siehe Erster Teil, Kapitel 1 und 2), noch eine vorgebliche Gleichheit. Oder auch: der Austausch ist weder gleichwertig, noch merkantil, noch ist eine wechselseitige Handlung im Spiel. Dies ist wichtig, weil es in einer ausbeutungsfreien Gesellschaft keinen Markt geben wird, weil dann der ungleiche Austausch vorherrschen wird und diese Vorherrschaft also als Geschenkökonomie charakterisiert werden kann.


Andererseits erfordert die Ausbeutungsbeziehung eine absolute oder relative Nettowertentnahme. Dies ist es, was in einem strikten Sinn die Unterscheidung ermöglicht, die Menschen, welche ausgebeutet werden, weil sie realen, greifbaren, materiellen Wert produzieren, von jenen zu unterscheiden, die auf Assoziationsbasis als ausgebeutet bezeichnet werden, weil sie auf Grundlage des Tauschwerts ihrer Arbeitskraft entlohnt werden, trotzdem sie keine handfesten und realen Werte schaffen oder die möglicherweise von ihnen geschaffenen Werte ausschließlich als Preise zu messen sind, ohne eine reale, historische und globale Entsprechung zu den Herstellungskosten.[6] Im ersten Fall handelt es sich um die Lohnabhängigen, die in der Manufaktur oder in der Landwirtschaft, oder den unmittelbar verbundenen Dienstleistungen arbeiten (Ausgebeutete im engeren Sinn); im zweiten Fall handelt es sich um die Lohnabhängigen, die nicht unmittelbar mit der materiellen Produktion verbundene Dienstleistungen vollbringen (als Ausgebeutete assoziierte Menschen). Der politische Sinn dieser Unterscheidung ist, wie ich später noch zeigen werde, doktrinär und strategisch, auch wenn sie in unmittelbarer und taktischer Hinsicht als forciert und unangenehm erscheinen mag. Sie verweist strategisch darauf, welcher der begriffliche Kern des revolutionären Subjekts ist: die unmittelbaren Produzenten, die den realen Reichtum schaffen.


Unter der Voraussetzung, dass eine Nettowertentnahme vorliegt, kann man eine solche als absolute Ausbeutung bezeichnen, in der die Aufwertung des einen Terms unmittelbar zur Abwertung des anderen führt. Als relative Ausbeutung müssen dann solche Fälle bezeichnet werden, in denen beide Pole aufgewertet werden, aber in unterschiedlichem Maße. In letzterem Fall empfängt der Ausgebeutete einen Lohn, der seine progressive Aufwertung ermöglicht, da er es vermocht hat, die Reproduktionskosten seiner Arbeitskraft weit über das Niveau eines Subsistenzlohns zu erhöhen. Die Arbeitsproduktivität macht es aber möglich, dass der Ausbeuter sich eine noch höhere Wertquote aneignet.


Der Unterschied zwischen absoluter und relativer Ausbeutung ist politisch wichtig, denn sie steht in Zusammenhang mit der Beziehung zwischen Ausbeutung und Armut und, noch allgemeiner, mit der Beziehung zwischen Ausbeutung und Unterdrückung. Es scheint natürlich, Ausbeutung (einen Klassenunterschied) mit Armut (einem Schichtunterschied) in Verbindung zu bringen. Der Existenz von Ausgebeuteten, die nicht arm sind, steht jedoch nichts im Wege. Das ist von wesentlicher Bedeutung in einer Gesellschaft wie der heutigen, in der die Ausgebeuteten (die, die arbeiten, die Reichtum schaffen) NICHT zu den Ärmsten der Gesellschaft zählen, in der die Masse der Ärmsten von den ständig oder chronisch Arbeitslosen gestellt wird.


Jemandem Wert zu entziehen oder seine Aufwertung zu verhindern ist nicht das Gleiche. Das Erstere ist Ausbeutung, das Zweite muss Unterdrückung genannt werden. Es ist wichtig, darauf hinzuweisen, dass es zwar Ausbeutung mit Unterdrückung geben kann (absolute Ausbeutung), aber auch ohne Weiteres Ausbeutung ohne Unterdrückung (relative Ausbeutung). Natürlich unterscheiden sich die Auswirkungen beider Situationen auf das mögliche Klassenbewusstsein der Betroffenen auf dramatische Weise. Zumindest von einem empirischen Standpunkt aus betrachtet ist zu erwarten, dass eine Situation aufgewerteter (relativer) Ausbeutung mit einem relativ konservativen Bewusstsein einhergeht. Hier stellen sich zwei doktrinär wichtige Fragen: einerseits handelt es sich um gleichermaßen ausgebeutete Subjekte, andererseits ist das Klassenbewusstsein viel mehr als nur empirisches Bewusstsein (siehe im Zweiten Teil, Kapitel 4, „Das Klassenbewusstsein“).


Ebenso wie die Ausbeutung, für den Marxismus, das Feld „des Ökonomischen“ definiert, so definiert die Unterdrückung das Feld „des Sozialen“. Es sollte einleuchten, dass es in per Praxis eine Überschneidung zwischen beiden Aspekten gibt, da es sich bei ihnen nur um theoretische Unterscheidungen handelt. Bei Unterdrückung wird jemand direkt (durch Ausbeutung) oder indirekt (ohne Ausbeutung) an seiner Aufwertung gehindert. In so weit dies eine Aberkennung seines eigenen Werts als menschliches Wesen mit einbezieht, kann man sagen, dass die Unterdrückung eine Entmenschlichung darstellt, oder, noch allgemeiner, dass es sich um eine Beziehung handelt, in der ungleicher Austausch von Anerkennung herrscht.


Natürlich kann es, zumindest im kapitalistischen oder im bürokratischen Sinne der Aneignung von Tauschwert, Unterdrückte geben, die nicht ausgebeutet werden.[7] Diese Möglichkeit steht in Zusammenhang mit einer kuriosen (und unglaublich idiotischen) Problemstellung hinsichtlich der Zugehörigkeit einer Person zu einer Gesellschaftsklasse. Wenn die Klassenzugehörigkeit durch die Teilnahme an einer Ausbeutungsbeziehung bestimmt wird, welcher Gesellschaftsklasse gehören dann die Kinder an, die Arbeitslosen oder die Rentner? Die methodologische Trivialität (und Idiotie) dieser Fragen besteht schlicht und einfach darin, nicht bemerkt zu haben, dass Klassifizierungen weder immer erschöpfend sind, noch es sein müssen, dass sie also nicht unbedingt alle Mitglieder der Bevölkerung abdecken müssen, auf die sie angewandt werden. Wenn wir die Menschen nach ihrem Alter klassifizieren, werden alle in irgendeine der definierten Abschnitte fallen. Wenn wir aber danach trachten, die Unterschiede zwischen denen, die an Masern, und jenen, die an Tuberkulose leiden, sowie deren Grad festzustellen, dann wird die Klassifizierung natürlich nicht erschöpfend sein und nicht deswegen an Wert verlieren.


Während die Unterdrückung eine erschöpfende Klassifizierung erzeugt (wir werden alle anerkannt oder negiert, sei es direkt oder indirekt), klassifiziert die Ausbeutungsbeziehung NICHT alle Menschenwesen und braucht es auch nicht zu tun. Kinder sind weder Ausgebeutete noch Ausbeuter. Auch nicht die Arbeitslosen oder Rentner. Abgesehen von der methodologischen Trivialität, entsteht die Verwirrung daraus, dass die objektive Tatsache der Ausbeutung (ungleiche Aneignung von Wert) mit ihren Folgen (Aufwertung, Abwertung, Verhinderung von Aufwertung) verwechselt wird.


Auch hier steht keine bloß scholastische Frage zu den Klassifikationskriterien auf dem Spiel, sondern das unmittelbar politische Problem, zu präzisieren, wer, den Begriffen entsprechend und streng genommen, das revolutionäre Subjekt sein kann. Die Revolution kann, wie ich im Dritten Teil darlegen werde, nur ein Werk der arbeitenden Menschen sein, eben deshalb, weil sie arbeiten. Das revolutionäre Subjekt wird, im doktrinären und im strategischen Sinn, weder von den Unterdrückten als solchen im Allgemeinen, noch von den Armen im Besonderen verkörpert. Die Verwirrung entsteht hier aus der Unfähigkeit, die Tat und die effektive Kraft, eine Revolution vorantreiben, von den Motiven dazu zu unterscheiden. Diese Verwirrung hat die klassischen Marxisten, über einen Zeitraum von über einem Jahrhundert, dazu gebracht, die Objektivität des revolutionären Subjekts in die Subjektivität der Unterdrückten zu verlagern, die es zu unterstützen in der Lage sind. Das ist eine Verlagerung, die nur dazu führt, die Revolution in Aufruhr zu verwandeln und die revolutionären Veränderungen in radikalen Reformismus (siehe hierzu die Begriffe von Revolution und Aufruhr im Dritten Teil, Kapitel 3, „Die Idee von Revolution“).


Im Unterschied zu dieser historischen Tendenz unter den Marxisten wende ich hier den Grundsatz an, das revolutionäre Subjekt NICHT aufgrund seiner Subjektivität zu definieren, sondern aufgrund seiner objektiven Stellung in der gesellschaftlichen Arbeitsteilung und im Klassenkampf. Von dieser Grundlage aus werde ich natürlich, aber nun auf objektivierende und klar unterscheidende Art und Weise, auf das Problem des Klassenbewusstseins eingehen, sowie auf die mit ihm möglicherweise verbundene subjektive Bereitschaft.


Aber wenn all dies schon viel zu klar erscheint, können wir es noch etwas komplizierter gestalten. Wenngleich es ohne Weiteres Ausbeutung ohne Unterdrückung geben kann (relative Ausbeutung), behaupte ich dem gegenüber, dass es der marxistischen Hypothese zufolge keine Unterdrückung ohne Ausbeutung geben kann, das heißt, dass jegliche Form der Unterdrückung direkt oder indirekt aus den Ausbeutungsbeziehungen entsteht, oder auch, dass es nur dann Sinn macht, einem anderen Menschenwesen seinen Wert abzuerkennen, wenn es darum geht, eine vorteilhafte Beziehung hinsichtlich der Aneignung von Wert zu schaffen oder zu erhalten. Diese Angelegenheit steht in enger Beziehung mit der These Nietzsches vom „Willen zur Macht“, welche von der akademischen Szene ad nauseam betatscht wurde und auf recht einfache und implizite Weise im Alltagsbewusstsein der normalen Menschen verbreitet ist. Uns sie steht gleichzeitig mit dem Unterschied zwischen Ausbeutung und Herrschaft in Beziehung.


Herrschaft ist eine Gesellschaftsbeziehung, in der ein ungleicher Austausch von Macht stattfindet. Der Austausch von Macht definiert den politischen Aspekt des Gesellschaftlichen an sich.


Nietzsches Idee vom „Willen zur Macht“ verwechselt das Ziel dieses angeblichen Willens (Macht zu erringen) mit dem Mittel (jemandem den Wert abzuerkennen oder seine Verwertung zu verhindern) oder setzt eine solche Verwechslung voraus. Das heißt, es wird Herrschaft mit Unterdrückung verwechselt. Streng genommen behauptet Nietzsche, dass es einen dem Menschen eigenen und das Menschliche konstituierenden Willen gäbe, Unterdrückung auszuüben, ganz einfach aufgrund der Macht, es zu tun. Also eine Handlung, bezüglich der die Macht eher ein Mittel darstellt, statt ein Ziel. Dies wird alles noch deutlicher, wenn wir diesem Aspekt des menschlichen Wesens noch seine Auffassung hinzufügen, dass das Begehren keinen eigenen Gegenstand besitzt und dass seine Ausübung nur darin bestehen kann, es auszuüben. Also, der Übermensch (der Nietzsche nie war) begehrt nur, um weiter zu begehren zu können, unterdrückt nur des Unterdrückens wegen und trachtet nur nach der Macht, um sie, nach ihrer Erlangung, zu verachten, zu verlassen und erneut zum Kampf aufzubrechen. Das ist eine Logik, die abstrakte Dichter oft mit Enthusiasmus erfüllt, die sich mit ihr über ihre Ohnmacht hinwegtrösten, abstrakte Intellektuelle, die mit ihr ihren Skepsis begründen, solche die siegen, nur weil sie gerade vorne liegen und die Nazis... nur weil sie Nazis sind.


Nun ja, wie jede philosophische These, wie jegliche Grundlage, so kann die Existenz eines „Willens zur Macht“ in den Menschen auf empirischem Weg weder bewiesen noch widerlegt werden. Es handelt sich um ein Prinzip, welches gerade auf entscheidende Weise alle Grundlagen berührt. Dem kann man nur mit einem anderen Prinzip, einer anderen grundlegenden Idee antworten. Und hinsichtlich jedes einzelnen dieser Prinzipien können wir nur vernünftige Argumente vorbringen, keine Beweise, die sie als vorzuziehen oder als wünschenswert einstufen, oder die sie als notwendig oder als unvermeidbar einstufen. Die Angelegenheit ist wegen ihrer Konsequenzen besonders schwerwiegend: wenn es wahr ist, dass den Menschen eine Tendenz zur Unterdrückung der Unterdrückung wegen innewohnt, dann ist der Kommunismus schlicht und einfach unmöglich. Wenn wir auf konsistente Weise dieses Ziel (den Kommunismus) behaupten wollen, dann müssen wir auf ebenso konsistente Weise das Prinzip verneinen, das es negiert (den „Willen zur Macht“).


Die marxistische These, bei der es sich um eine prinzipielle Aussage handelt, um eine Grundlage, besagt dann also, dass es im menschlichen Wesen weder eine Tendenz zur Unterdrückung gibt, noch, dem zufolge, eine Tendenz, Macht zu suchen und zu erhalten, nur um der Macht selbst willen. Sowohl die Herrschaft wie die Unterdrückung entspringen direkt oder indirekt dem Willen, Ausbeutungsbeziehungen zu erhalten oder zu verteidigen. Der einzig mögliche tiefere Sinn, welchen die Unterdrückung oder die Ausübung der Macht haben könnte, bestünde darin, einen vorteilhaften Austausch von Wert zu erlangen. In genau diesem Sinn ist für die Marxisten das wesentliche Problem der Menschheitsgeschichte ein ökonomisches Problem.[8]


Um zu behaupten, dass der wesentliche Sinn der Ausübung von Macht darin besteht, bestimmte Aneignungsbeziehungen zu verteidigen und beizubehalten, ist es erforderlich, die effektive Macht von den Mitteln und insbesondere von den Institutionen zu unterscheiden, mit denen sie ausgeübt wird. Effektive Macht besteht nur dann, wenn die Beherrschten in eine Lage versetzt werden, in der sie, gegen ihren ausdrücklichen Willen, eine Beziehung ungleicher Macht „erlauben“ (ihr nachkommen, ihr gehorchen, sich ihr fügen). Letzten Endes wird Macht immer über die Menschen ausgeübt. Macht über Dinge ist nur ein Mittel. Und letzten Endes wird Macht über die Subjektivität ausgeübt, oder, um es auf elegante Weise zu sagen, sie wirkt im Bereich des Symbolischen.


Damit dies möglich ist, muss eine Lebensweise geschaffen (verteidigt, erhalten) werden, in der die Menschen sich irgendwie gezwungen sehen, diese „Erlaubnis“ zu erteilen. Der Schlüssel zu dieser Lebensweise liegt in der tatsächlichen Kontrolle über die Mittel des Lebens selbst, das heißt, darin, wirtschaftlichen Vorteil aus dem gesellschaftlichen Produkt zu ziehen und diese Vorteile zu ihrer eigenen Reproduktion nutzen zu können. In technischer Ausdrucksweise: Schlüssel und Wesen jeglicher Machtausübung liegen in der tatsächlichen Kontrolle über die gesellschaftliche Arbeitsteilung. Diese Kontrolle, bei der es sich letztendlich um die einzig reale gesellschaftliche Macht handelt, kann als Hegemonie bezeichnet werden. Die symbolischen, institutionellen Mittel, welche ihren Erhalt und ihre Verteidigung ermöglichen, können Regierung genannt werden. Ihre Ausübung kann, nunmehr in eingeschränkter Weise, als „Politik“ bezeichnet werden. Die Mittel dieser Mittel ihrerseits, so beispielsweise die Überlegenheit der Waffen, die ideologische Manipulation, die Propaganda, so weithin sichtbar und auffällig sie auch sein mögen, stellen nur den oberflächlichen Teil dieser Ausübung dar. Der tiefer gehende und reale Schlüssel der Herrschaft, die Ausübung der Macht, ist nichts anderes als die Konfiguration einer Lebensweise. Die Waffen oder die Propaganda beschränken sich darauf, etwas zu erhalten oder zu verteidigen; nie erzeugen sie es. In diesem Sinn besteht das Wesen der Macht für die Marxisten erneut in ihrem ökonomischen Hintergrund.


b. Der Klassenkampf

Die anthropologische These, die allen vorangegangenen Unterscheidungen vorsteht, besagt, dass die Geschichte der Menschheit strukturiert und bewegt wird von einer ständigen Auseinandersetzung um das Sozialprodukt, um das reale, greifbare, materielle Produkt. Dass sie bisher von den Ausbeutungsbeziehungen strukturiert und vorangetrieben wurde. Oder, wie ein bedeutender deutscher Philosoph es ausdrückte: „der Klassenkampf ist die Triebkraft der Geschichte“.[9]


Wenn wir den zuvor dargelegten Unterschied zwischen Klassenanalyse und Schichtenanalyse im Auge behalten, kann man unmittelbar darauf schließen, dass es sich bei der Beziehung, die ich „Klassenkampf“ nenne, nur um eine dichotome Beziehung handeln kann. Es mag viele Schichten, Gruppen oder soziale Stände geben. Dagegen gibt es nur Ausgebeutete und Ausbeuter. Es handelt sich natürlich um zwei Unterschiede, die sich überlagern: dieselben Menschen werden unter zwei verschiedenen Klassifizierungskriterien betrachtet. Aber wenn wir uns außerdem daran erinnern, dass die Klassifizierung in Ausgebeutete und Ausbeuter nicht unbedingt erschöpfend sein muss, kommen wir zu dem Schluss, dass diese Überlagerung nicht extensional ist, dass sie nicht alle betrachteten Menschen abdeckt. Alle gehören irgendeiner Schicht oder Gruppe an; es gibt einige (sogar viele), die weder Ausgebeutete, noch Ausbeuter sind. Ich bestehe auf dieser Frage, weil sie hinsichtlich der These zur „Diversität des Gesellschaftlichen“, die oft gegen den Marxismus ins Feld geführt wird, Folgen hat. Der berühmte Gegensatz zwischen „Klassenreduktionismus“ und der „gesellschaftlichen Diversität“ entsteht nur dann, wenn wir der Max Weber geschuldeten Verwechslung zwischen Schicht und Klasse huldigen. Natürlich gibt es „gesellschaftliche Diversität“, die entscheidende Frage ist, bezüglich welcher Aspekte des Gesellschaftlichen. Selbst wenn diese Diversität offensichtlich existiert, widerspricht sie in keiner Weise der Idee von einem dichotomen Widerspruch zwischen Gesellschaftsklassen.


Wenn wir nun in Betracht ziehen, was ich über Herrschaft und Macht dargelegt habe, können wir daraus schließen, dass der Klassenkampf für sie Marxisten eine strukturierende Beziehung darstellt, das heißt, er ist der Ursprung der Institutionen. Der Staat, der Markt, die Ehe, die Kirchen, das Recht, sie alle haben ihre erste Ursache in den Bedürfnissen der Erhaltung einer privilegierten Position im Rahmen der Ausbeutungsbeziehungen. Die These sagt nicht aus, dass es der einzige Sinn und nicht einmal der gegenwärtige Sinn solcher gesellschaftlicher Formen ist, die Ausbeutung zu erhalten. Streng genommen, hinsichtlich dessen, was für Marxisten relevant ist, genügt die Feststellung, dass dies der Ursprung der Institutionen ist. Philosophisch ausgedrückt: der einzige Sinn, bestimmte gesellschaftliche Beziehungen als Institutionen zu verdinglichen, um danach von dieser Verdinglichung beherrscht zu werden, besteht darin, dass dieser Prozess die privilegierten Positionen in der Ausbeutung begünstigt, insbesondere indem er die Ausgebeuteten in Herrschaftsbeziehungen einordnet, die ihr funktionell sind.


Um diese Frage zum Ursprung der Institutionen weiter auszuführen, hier ein Beispiel. Ich behaupte nicht, dass der Glaube oder die Familie ihren Ursprung in der Ausbeutung haben. Über ihren Ursprung und ihren Sinn an sich, als menschliche Erfahrungen, brauche ich hier keine Aussage zu treffen. Das ist nicht der Punkt. Was ich behaupte ist, dass der einzige Sinn, die Erfahrung des Glaubens in eine Kirche zu verwandeln, oder die Notwendigkeit der Familie als Ehe zu weihen, darin besteht, dass dies zu einem bestimmten Zeitpunkt der Geschichte hinsichtlich der Ausbeutung funktionell war.


Diese Frage ist wichtig, nicht nur um den Ursprung und den Sinn der Institutionen zu erkennen, sondern vor allem weil sie zu der Vorstellung führt, dass sie im Kommunismus, in einer Gesellschaft ohne Ausbeutung, nicht mehr notwendig sein werden. Dann wird es Familien geben, aber keine Ehe, Austausch aber keinen Markt, selbst unter Umständen Glauben, aber keine Kirche. Und hierbei handelt es sich um nichts anderes, als um eine sehr allgemeine Formulierung von Marx' Idee, dass es in der kommunistischen Gesellschaft Regierungen geben wird, aber der Staat erlischt.


Die Radikalität der Idee vom Klassenkampf stammt aus der Tatsache, dass es sich um eben das handelt, um einen Kampf. In dem Maße, in dem die Ausbeutung eine Beziehung ist, die unmittelbar widersprüchliche Interessen befördert (Bewertung/Entwertung), muss der Klassenkampf als antagonistische Beziehung verstanden werden.


Man könnte diesbezüglich argumentieren, dass dieser Antagonismus im Fall der relativen (bewertenden) Ausbeutung entweder nicht unmittelbar ist, oder nicht existiert. Jedoch würde hierdurch nur aufgezeigt, dass einige der Ausgebeuteten keine unmittelbaren objektiven Gründe für den Antagonismus haben. Aber dann müsste man sich daran erinnern, dass Marx' Klassenanalyse einen globalen und historischen Charakter besitzt. Relevant für die marxistische These ist nicht, ob sich einige oder viele der Ausgebeuteten unter solchen objektiven oder subjektiven Bedingungen befinden, um sie als Teil eines radikalen Widerspruchs zu erachten. Relevant ist, dass sich die Bourgeoisie als Klasse objektiv in einem antagonistischen Gegensatz zu den direkt Produzierenden befindet, wenn man diese ebenfalls global als Klasse versteht. Was die marxistische Kritik der kapitalistischen Wirtschaft überzeugend zu beweisen erlaubt (siehe Erster Teil, Kapitel 3) ist, dass die zur Schau getragenen Tugenden der relativen Mechanismen zur Steigerung des Mehrwerts nur Zwischenräume und Einzelmomente innerhalb einer globalen Logik darstellen, die auf historischer Ebene der absoluten Mechanismen bedarf, bis zu einem solchen Grad, dass eben diese Zwischenräume und Einzelmomente nur Zeitabschnitte provisorischen Wohlstands darstellen können, deren Tage von Anfang an gezählt sind. Die gegenwärtige Krise des sogenannten „Sozialstaats“ und seine zeitgleiche brutale Kehrseite, der Plünderung und bitteren Armut der Dritten Welt die ihn ermöglichte, sind hierfür das beste Beispiel.


Unter diesen Bedingungen kann man die Tatsache nicht übersehen, dass die Radikalität dieses Kampfes eine große Dosis Gewalt mit sich bringt. Marx' Behauptung, der Klassenkampf sei die Triebkraft der Geschichte, ist gleichzeitig eine tiefe und rührende Aussage zur Rolle der Gewalt in der Geschichte.[10]


Die Tragweite dieser Aussage kann man erkennen, wenn man in Betracht zieht, dass es sich um eine objektive, tatsächliche Gewalt handelt, die auf der logischen Ebene dem Bewusstsein der an ihr Teilnehmenden vorausgeht, die sich unter der Ebene ihrer subjektiven Einzelwillen abspielt. Wir leben in Gesellschaften, die von objektiven, einander feindlich gesinnten Blöcken in Bewegung gesetzt werden, unabhängig vom guten oder bösen Willen ihrer Einzelmitglieder.


Diese Tragweite kann noch sichtbarer gemacht werden wenn man Marx' radikalen Historismus berücksichtigt, der von Hegel stammt. Entsprechend seiner Vorstellung gibt es keine vorab konstituierten Subjekte, die von sich aus ursprüngliche Individuen wären und bestimmte Qualitäten besäßen. Oder, um es auf philosophische Weise auszudrücken, kartesische Subjekte, von menschlicher Natur beseelt. Für Marx, wie zuvor für Hegel, ist alles, was das Subjekt gestaltet und beseelt, historisch produziert worden, ausgehend von den gesellschaftlichen Beziehungen, als einziges Element, von dem aus sie entstehen, fortbestehen und Sinn haben können. Andererseits ist bei Marx und diesmal entgegensetzt zu dem, was man bei Hegel finden kann, der Klassenkampf die wesentliche Beziehung, aus der die entgegengesetzten Gesellschaftsklassen entstehen. Philosophisch gesehen bedeutet dies, dass der Klassenkampf eine konstituierende Beziehung ist, dass er die Termini erzeugt, die in ihm in Beziehung stehen. Oder auch, eher umgangssprachlich ausgedrückt, ist es NICHT so, dass es eine Klasse gäbe, die Bourgeoisie, welche eine andere Klasse ausbeutet, die bereits dazu bereit steht, ausgebeutet zu werden, nämlich das Proletariat. Stattdessen gibt es die materielle, reale Tatsache der Ausbeutung und nur von ihr ausgehend, wechselseitig bedingt, als im Wesentlichen relationales Ergebnis, Bourgeoisie und Proletariat. Und so wie Punkt für Punkt, Moment für Moment, die eine des anderen bedarf, so wird das Ende der Bourgeoisie auch das Ende des Proletariats sein. Im Rahmen dieser nicht konventionellen Logik, die von Hegel stammt, geht die Beziehung ihren Termini voraus und ist realer als diese. Die Relation setzt die Termini nicht in Beziehung, sondern produziert sie.


Ein weiterer Schritt hinsichtlich der Tragweite der historischen Realität der Gewalt besteht in der Erkenntnis, dass der Klassenkampf, gerade weil er dichotom, antagonistisch, strukturierend und konstituierend ist, gleichzeitig auch totalisierend sein muss, das heißt, er bestimmt alle Aspekte der gesellschaftlichen Realität oder, genauer gesagt, es handelt sich hierbei um die Beziehung, die aus dem Gesellschaftlichen eine gespaltene, innerlich widersprüchliche Totalität macht.


Nicht alle Mitglieder einer Gesellschaft können, als Einzelpersonen, als Ausgebeutete oder Ausbeuter eingereiht werden, aber alle und alles in jedermanns Leben werden von diesem zentralen Konflikt bestimmt.[11] Nicht alle Institutionen finden ihren unmittelbaren und aktuellen Sinn in der Ausbeutung, weniger noch in der besonderen Form, in der diese durch den Tauschwert realisiert wird, aber alle haben in ihr ihren Ursprung und ihre historische Sinnhaftigkeit. Nicht alle Aspekte des empirischen, aktuellen, individuellen und subjektiven Bewusstseins werden von der Klassenposition bestimmt, aber alle Möglichkeiten des objektiven Bewusstseins an sich, des Klassenbewusstseins, werden doch von dieser zentralen Auseinandersetzung bestimmt. Der Kampf, die Gewalt durchziehen in der Geschichte alle Dimensionen des Gesellschaftlichen; was ihren Einfluss betrifft, überflügeln sie bei Weitem die subjektiven Bereitschaften oder individuellen guten oder bösen Absichten. In dem Maße, wie es sich um objektive Gewalt handelt, welche die Konfliktparteien konstituiert, sieht jede von ihnen die Situation auf wechselseitig entfremdete Weise. Jede nennt ihre eigenen objektiven Interessen Frieden und die des Gegners Gewalt. Ohne Täuschung, ohne Irrtum oder böse Absicht, spaltet sich die Wahrheit auf widersprüchliche Weise. Es handelt sich nicht um eine Wahrheit, die dem Irrtum gegenüber steht. Die Entfremdung besteht schlicht und einfach darin, dass es zwei sich antagonistisch gegenüber stehende Wahrheiten gibt. Umgangssprachlich kann man sagen, wir befinden uns in der Tat im Krieg. Die revolutionäre Seite wird keinen Krieg beginnen. Wir befinden uns bereits im Krieg. Es ist nur so, dass die herrschenden Klassen jene Momente und Räume als Frieden bezeichnen, wo sie dabei sind, diesen Krieg zu gewinnen und alles was sie bedroht nennen sie Krieg.


Der Klassenkampf, als totalisierende Situation, als objektive Gewalt, kann nur eine Lösung haben: die revolutionäre Gewalt gegen diese institutionalisierte Gewalt, die uns als Frieden angedient wird. Ich werden den dritten Teil dieses Buches (siehe Dritter Teil, Politische Theorie) mit höchstmöglicher Präzision der Klärung der Frage widmen, um welche Art Gewalt es sich handelt und von welcher Art Revolution die Rede ist. Hier möchte ich nur noch die verschiedenen dargelegten Eigenschaften in einer Idee zusammenfassen: der Klassenkampf ist eine tragische Beziehung. Er ist es im griechischen, klassischen Sinn, dass es sich um einen Konflikt handelt, der den individuellen Willen und die individuellen Möglichkeiten übersteigt. Angesichts dieses ominösen Gottes ohne Antlitz, des Schicksals, sind die Individuen schlicht und einfach ohnmächtig. Aber die Götter existieren nicht, aber die Völker sind keine Individuen, aber das Schicksal ist nichts anderes als die Verdinglichung von Hemmnissen und Ohnmachten, die wir selbst geschaffen haben. Der Entscheidende Unterschied zwischen dieser Tragödie und dem aristokratischen Individualismus der griechischen Tragödie besteht darin, dass diese gesellschaftlich ist und historisch unabwendbar. Die kommunistische Revolution ist ein langer Krieg, der imstande ist, allen Kriegen ein Ende zu setzen. Der Klassenkampf ist überwindbar. Der Kommunismus ist möglich.


c. Die herrschende Klasse

Die Behauptung, die herrschenden Klassen würden ausgehend von den Ausbeutungsbeziehungen erzeugt, ist nur der Anfang. Es ist eine größere Genauigkeit erforderlich, was den sozialen Mechanismus dieser Operation und, vor allem, was den Faktor betrifft, der eine von ihnen zur herrschenden Klasse macht.


Mindestens seit der Entstehung der Bourgeoisie als Klasse (Europa, XII. bis XIII. Jahrhundert) ist dieser Mechanismus ziemlich deutlich zu erkennen; er wurde erstmalig 1803, in der Form eines technologischen Determinismus, von August Charles Leonard Graf von Sismondi (1773-1842) beschrieben. Aus dessen Werk nahm Marx, nun aber ohne jenen technologischen Determinismus, eine seiner zentralen Ideen, die auf schlagende Weise die Metapher vom „Triebwerk der Geschichte“ im Detail ausführt.


Die große Neuigkeit der Bourgeoisie als Gesellschaftsklasse ist ihr Verhalten, die Techniken und Produktionsformen der materiellen Güter ständig umzugestalten. Marx nahm unzählige Male Bezug auf diesen Charakterzug, er schilderte ihn auf unterschiedlichste Weise und verwendete dabei immer umgangssprachliche Formen, das heißt, keine einheitliche Terminologie. Die marxistische Tradition hat viele dieser Formen zu einer Ansammlung von Fachausdrücken kondensiert, denen besondere Bedeutungen zugewiesen wurden, die aus seinen Stellungnahmen gezogen wurden.[12]


Unter Verwendung dieser Terminologie, aber eher als Auslegungshypothese, was ihre Bedeutung betrifft, werde ich zwei Aspekte der umgestaltenden Tendenz der Bourgeoisie als Produktivkräfte bezeichnen, einerseits die Produktionsmittel (Rohstoffe, Werkzeug, Technik), andererseits die Arbeit des Menschen (Geschicklichkeit, Fähigkeiten, technisches Wissen, Haltung der Natur gegenüber). Die Handlung der Bourgeoisie, als notwendige Folge der Konkurrenz, der Undurchsichtigkeit des Markts, der ursprünglichen Ungleichheit was die Verfügung über Kapitalgüter betrifft, wird von Marx als eine ständige Revolutionierung der Entwicklung der Produktivkräfte beschrieben.


Im Unterschied zu Sismondi, für den die Auswirkung dieser Veränderungen auf die gesellschaftlichen Beziehungen der Anwesenheit neuer Maschinen und Werkzeuge als solcher geschuldet ist (technologischer Determinismus), betrachtete Marx bereits die Produktivkräfte als gesellschaftliche Beziehungen, das heißt, er interessierte sich unmittelbar und innerlich für die Tatsache, dass eine Mühle, über ihre Eigenschaft als Maschine hinaus, ein Ort ist, der einen Müller mit Weizenproduzenten verbindet, mit Bäckern, Händlern, mit Technikern, die sie warten und vervollkommnen, usw. Das heißt, ich behaupte, dass für Marx die Produktivkräfte nicht etwas außerhalb der Gesellschaftsbeziehungen stehendes sind, sondern in ihnen selbst existieren. Sie sind ein Aspekt der Totalität, nicht ein Teil. Ich werde diese Logik der Totalität, der inneren Beziehung, in all dieser Beschreibung weiter verfolgen.


Andererseits ist für Marx jegliche gesellschaftliche Beziehung eine „gesellschaftliche Produktionsbeziehung“. Nicht nur ist die Produktion sozial, auch produziert jede Gesellschaftsbeziehung im weitesten Sinn etwas. Nicht nur ist die Herstellung von Ziegeln der Kern vieler gesellschaftlicher Beziehungen, sondern es trifft auch zu, dass Architekt, Dichter oder Bauer Bezeichnungen sind, die soziale Beziehungen benennen, keine Qualitäten oder rein innere und individuelle Fähigkeiten. Desgleichen geschieht wenn gesagt wird, man sei Chilene, Vater, Priester oder Fischer.


Trotz dieser Allgemeinheit, behielt Marx den Ausdruck gesellschaftliche Produktionsbeziehungen für zwei Formen zurück, die ihm zufolge in der Lage sind, alle anderen zu bestimmen: die gesellschaftliche Arbeitsteilung und die Beziehungen der Aneignung des gesellschaftlich erarbeiteten Produkts. Beide Aspekte der globalen Aktion des Menschen, die Produktivkräfte (PK) und die gesellschaftlichen Produktionsbedingungen (GPB) ermöglichen es, laut Marx, eine Produktionsweise (PW) zu charakterisieren. Die Geschichte der Menschheit ist, so heißt es, nichts anderes, als die Geschichte der Produktionsweisen. Dies ist der zentrale Gedanke dessen, was er die „materialistische Geschichtskonzeption“ nannte, welche seit Engels unter der Bezeichnung „historischer Materialismus“ bekannt ist.[13]


Wenn diese Grundbegriffe in den Zusammenhang der historischen Entwicklung gestellt werden, dann geschieht folgendes: die Bourgeoisie entwickelt die Produktivkräfte und schafft damit eine neue Lebensweise, eine Kultur, einen neuen Gemeinsinn. Damit vermag sie im Wesentlichen, die gesellschaftliche Arbeitsteilung zu beherrschen und auf diese Weise einen vorteilhaften Anteil am Sozialprodukt zu erlangen. Ihre materielle Macht, die in den Formen der Arbeit selbst wurzelt, die durch Nutznießung, durch die aus ihr erlangten Reichtümer vermehrt wird, stößt natürlich auf die bis dahin etablierten Mächte.


Um ihre Macht zu erhalten, um ihre Nutznießung gangbar zu machen, griff die Bourgeoisie auf das Recht zurück, im Gegensatz zu allen anderen vorherigen herrschenden Klassen, die an die Religion appellierten. Unter Einsatz von Gewalt und von Kompromissen setzte sie entweder eine Neuinterpretation des etablierten Rechts durch (das römische Recht wurde erneut zum Leben erweckt), oder schuf einfach ein neues Recht. Hiermit bekamen die Aneignungsbeziehungen einen doppelten Aspekt. Einerseits handelt es sich um die Beziehungen, in deren Rahmen de facto, ob innerhalb oder außerhalb des Rechts, die Aneignung des von den Arbeitern geschaffenen Werts vonstatten geht, andererseits um die Normen, die diese Aneignung regulieren und legitimieren, und zwar bevor, aber durchaus auch nachdem sie tatsächlich erfolgt. Nach einem langen Prozess (von mehr als 500 Jahren), der mit dem Erlass des bürgerlichen Rechts im XIX. Jahrhundert gipfelt, gelingt es der Bourgeoisie, praktisch alle gesellschaftlichen Handlungen einem Rechtsstaat unterzuordnen, der sie auf systematische Weise begünstigt.


Aber jene bürgerlichen Kreise, die ausgerüstet mit einer bestimmten technologischen Basis des Kapitals (beispielsweise: Windkraft, Holz, Mühle, Uhrwerk) über die feudalen Stände triumphieren, sind ihrerseits vom gleichen Prozess betroffen. Einer anderen bürgerlichen Generation wird es mit einer überlegenen technischen Basis (beispielsweise: Kohle, Stahl, Dampfkraft, Eisenbahn) gelingen, die gesellschaftliche Arbeitsteilung zu bestimmen und, davon ausgehend, die bis dahin etablierten Aneignungsbeziehungen zu ihrem Gunsten zu verändern. Aus diesem Grund ist die Geschichte des Kapitalismus durch eine Abfolge von Akkumulationsweisen gekennzeichnet, von denen sich jede auf eine bestimmte technologische Basis des Kapitals stützt, zunächst eine revolutionäre Phase gegen die etablierten Mächte durchmacht und dann eine konservative Phase, in der sie dazu tendieren, die Entwicklung der Produktivkräfte aufzuhalten, um die sie begünstigenden Aneignungsbeziehungen zu verteidigen.


„Auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung geraten die materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverhältnissen oder, was nur ein juristischer Ausdruck dafür ist, mit den Eigentumsverhältnissen, innerhalb deren sie sich bisher bewegt hatten. Aus Entwicklungsformen der Produktivkräfte schlagen diese Verhältnisse in Fesseln derselben um. Es tritt dann eine Epoche sozialer Revolution ein“.


Dies ist Marx' Wort: Vorwort in „Zur Kritik der Politischen Ökonomie“, 1859, Absatz 3, Vers 4.


Wenn man versucht, den Sinn dieser Aussage von Marx zu ergründen (des Wortes), kann man über ihre terminologischen Varianten hinaus die Hypothese aufstellen, dass der Angelpunkt dieses historischen Mechanismus in der Kontrolle über die gesellschaftliche Arbeitsteilung zu suchen ist. Das diesbezügliche Wort ist ausdrücklich im ersten Teil der Deutschen Ideologie (1946, „Feuerbach“) zu finden.


In Anlehnung an eine von Antonio Gramsci vorgeschlagene Unterscheidung, stelle ich die These auf, dass die Entwicklung der Produktivkräfte, als materielles Substrat der Schaffung einer neuen Lebensweise, als Aufbau von Hegemonie bezeichnet werden kann. Die schrittweise Konstruktion eines kulturellen, politischen und juristischen Apparats, der deren Erhalt und Verteidigung ermöglicht, kann als Regierung bezeichnet werden.


Das Ergebnis des Aufbaus von Hegemonie ist, auf diese materielle Art und Weise betrachtet, nichts anderes, als die Kontrolle über die gesellschaftliche Arbeitsteilung. Dies ist für den Marxismus das Wesen und der Ursprung jeglicher gesellschaftlicher Macht. Die Gesellschaftsschicht, die de facto die gesellschaftliche Arbeitsteilung kontrolliert, wird dadurch in die Lage versetzt, sich einen größeren Teil des Sozialprodukts anzueignen. Dank dieser Kontrolle ist sie die herrschende, hegemonische Klasse (de facto Macht). Und sie wird zur regierenden Klasse (legitimierte Macht) in dem Maße, in dem sie einen Rechtsstaat aufbaut, der sie weiht, legitimiert und begünstigt, von dem aus sie sich gegen den Aufstand neuer Hegemonien verteidigen kann.


Diese allgemeinen Überlegungen gestatten es, den materiellen Zusammenhang, aus dem die Macht einer Klasse hervorgeht (die Kontrolle der GAT) klar von ihren Legitimationsmechanismen (dem Recht) zu unterscheiden. Und ich werden weiter unten noch weiter in die Einzelheiten gehen müssen, um die besonderen historisch bestimmten Modi zu unterscheiden, die hinsichtlich dieser Kontrolle und dieser Legitimität erreicht worden sind.


Es ist wichtig, darauf hinzuweisen, dass das von mir hier Vorgeschlagene bezüglich dessen, was üblicherweise im Rahmen der marxistischen Tradition hierzu gesagt wurde, eine Wendung darstellt, die wie folgt zusammengefasst werden kann: die Bourgeoisie ist nicht herrschende Klasse, weil sie über das Privateigentum der Produktionsmittel verfügt, das Umgekehrte ist der Fall, sie wurde zur Privateigentümerin, weil sie bereits herrschende Klasse war. Und hierbei handelt es sich um eine Angelegenheit, die empirisch mittels Analyse ihrer Geschichte entschieden werden kann.


Wichtiger als diese empirische Bestätigung ist hier aber die prinzipielle Frage, die im Rahmen einer materialistischen Konzeption der Geschichte eine Schlüsselrolle einnimmt. Das Privateigentum ist ein juristisches, ein ideologisches Konstrukt, während die Kontrolle der GAT einen materiellen, effektiven Zusammenhang darstellt. Aus solchen materiellen Zusammenhängen werden die ideologischen Vorstellungen und Institutionen konstruiert und nicht umgekehrt. Wie das Wort aussagt: „es ist nicht das Bewusstsein, das ihr Sein, sondern ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein...“, oder so, nun ja, ich weiß nicht mehr recht wie es weitergeht, aber ich bin sicher, dass das so etwa die Idee war...


Wie immer hat diese begriffliche Diskussion, die banal erscheinen mag (was kommt zuerst, was danach), bestimmte politische Konsequenzen und in Wirklichkeit ist sie nur deshalb relevant. Die Angelegenheit betrifft, direkt gesagt, die Tatsache, dass die schlichte Abschaffung des Privateigentums der Produktionsmittel in keiner Weise absichert, dass es keine herrschende Klasse mehr gibt. Diese Abschaffung ist ein Mittel zu einem Zweck, sie ist nicht an sich dieser Zweck. Das Ziel ist, zu erreichen, dass die unmittelbaren Produzenten selbst die Arbeitsteilung kontrollieren. Wenn das nicht eintritt, werden sich jene, die diese Kontrolle an sich nehmen, wiederum als herrschende Klasse etablieren, ganz gleich, ob sie nun Privateigentümer sind oder nicht, werden sie bezüglich des Produkts Vorteil nehmen und ideologische und juristische Formen konstruieren, die in der Lage sind, ihre Herrschaft zu legitimieren und zu schützen.


Die sozialistischen Regime haben im gesunden Menschenverstand der Marxisten den Eindruck hinterlassen, dass der Kapitalismus die letzte Klassengesellschaft der Geschichte sei, oder zumindest die letzte, in der die Klassenwidersprüche antagonistisch sein würden. Ich behaupte, dieser Eindruck beruht auf zwei unmittelbar fehlerhaften Vorstellungen. Die erste ist die Idee vom Eigentum als Quelle der Herrschaft und nicht als ihre Folge.[14] Die zweite besteht in der Verwechslung von Klassen und Schichten oder sozialen Gruppen. Die Beziehungen zwischen Schichten können mehr oder weniger konfliktträchtig sein (wie zwischen Ärzten und Krankenschwestern, oder zwischen Eltern und Kindern), oder selbst antagonistisch (wie zwischen Reichen und Armen); dagegen sind die Beziehungen zwischen entgegengesetzten Gesellschaftsklassen immer antagonistisch.


Natürlich stellt jede neue herrschende Klasse ihre eigenen Interessen so dar, als ob es sich um die Interessen der gesamten Menschheit handeln würde (dies ist Marx' Wort), sie stellen zudem die von ihnen bereits besiegte Klasse als ihren Gegenspieler dar (etwas bereits Überwundenes, aus der Vergangenheit), während sie ihre gegenwärtigen Beziehungen, die sie als konfliktgeladen anerkennen, als „nicht antagonistisch“ darstellen. Die liberalen Vordenker stellten den Großgrundbesitzer als den großen Feind dar, den sie als „unproduktiv“ bezeichneten, während sie die Kapitalistenklasse und die Arbeiterklasse als nicht antagonistisch bezeichnete und als „produktiv“ wertschätzte. In einer Wiederholung derselben Operation, bezeichnete die sowjetische Bürokratie ihrerseits die Kapitalisten als unproduktiv, während sie ihre eigene Beziehung zu den unmittelbar Produzierenden als nicht antagonistisch einstuften. Die ideologische Operation ist dieselbe: den Klassenantagonismus in einen im Rahmen des etablierten Rechtsstaats durch Bildung und einen progressiven Konsens, sowie natürlich... friedlich überwindbaren Konflikt zu verwandeln.


Wenn man die Schlüsselrolle der Kontrolle der GAT in den Mittelpunkt stellt, wird diese Operation insgesamt sichtbar und das ermöglicht es, sich die revolutionäre Perspektive auf andere Art und Weise vorzustellen. Heute, hundert Jahre nach Lenin, aber immer noch ohne weiteres als Zeitgenossen des tiefen Scharfsinns von Marx, wissen wir, dass eine antikapitalistische Formulierung des kommunistischen Horizonts nicht genügt, sondern dass es ebenso notwendig ist, ihn sich als eine große historische antibürokratische Aufgabe vorzustellen. Die für diese Perspektive erforderliche Klassenanalyse macht es erforderlich, die Bürokratie als Gesellschaftsklasse zu betrachten, nicht einfach als Schicht oder Gruppe, sowie als Teil des herrschenden bürgerlich-bürokratischen Klassenblocks, deren Interessen zu denen der unmittelbaren Produzenten in antagonistischem Gegensatz stehen.


3. Klassen und Schichten

a. Bourgeois und Kapitalisten

Nachdem die materielle Verknüpfung bestimmt worden ist, von der aus die vorteilhafte Aneignung des Sozialprodukts vonstatten geht, existieren zwei Hauptaspekte, die es gestatten, die verschiedenen herrschenden Klassen auf konkrete Weise und im Einzelnen zu charakterisieren und sie historisch einzuordnen.


An erster Stelle steht hier der besondere Mechanismus, der ihnen die Kontrolle über die GAT ermöglicht, oder auch die Feststellung, über welchen Produktivfaktor sie tatsächlich verfügt und herrscht; an zweiter Stelle handelt es sich um den Legitimationsmechanismus, der es ihr erlaubt, ihre Herrschaft realisierbar zu machen, sie zu erhalten und zu verteidigen. Die herrschende Klasse muss gleichzeitig auf ökonomische und auf politische Art und Weise definiert werden; beide Faktoren sind untrennbar miteinander verbunden. Aber diese Definition, die noch allgemein ist, die nur feststellt, welches der Feind ist, muss, wie weiter oben dargelegt, mittels einer Schichtanalyse vervollständigt werden, die uns darüber Aufschluss gibt, mit wem wir rechnen können.


Wenn wir in dieser Reihenfolge vorgehen und ihre Geschichte in Rechnung stellen, so ist die Bourgeoisie als Klasse durch den faktischen Besitz der fortgeschrittensten Produktionsmittel gekennzeichnet. Davon ausgehend, entwickelt sie sich zunächst in Richtung der Kontrolle des Handels, dann der Bergbau- und Agrarrente und danach, ausgehend von Manufaktur und Bodenrente, organisiert sie auf immer breiterer Basis einen Markt für Arbeitskräfte, der es ihr gestattet, mittels Lohnarbeit Mehrwert produzieren zu lassen und ihn sich anzueignen.


Aber gleichzeitig und auf untrennbare Weise baut sie einen Rechtsstaat auf, der ihr als Quelle und Raum der Legitimität dient. Darin vermag sie es, den faktischen Besitz der Produktionsmittel auf das Niveau einer Garantie eines Privateigentums zu heben und mittelfristig ihren Zugang zum Sozialprodukt allein auf den kapitalistischen Profit und den Lohn zu reduzieren.


Erst wenn alle diese Züge präsent sind, kann man von der Bourgeoisie als Klasse sprechen und vom Kapitalismus als Produktionsweise (in allgemeinem Sinn). Es ist unschwer festzustellen, dass es in den vorangegangenen Gesellschaften bereits Lohnarbeit gegeben hat, aber keinen wirklichen Arbeitsmarkt, wofür jene, die ihre Arbeitskraft verkaufen, juristisch frei sein müssen. Es gab auch Privateigentum, aber nicht unter den Garantien seiner Unverletzbarkeit und freien Verfügung, wie im modernen Recht. Es gab schließlich Händler und Kreditgeber, aber keine gesellschaftlichen Akteure, deren vorrangiges Interesse es gewesen wäre, Geld als Kapital einzusetzen. Natürlich werden die Puristen hier und da, zu jedem dieser Aspekte, Ausnahmen oder Gegenbeispiele finden können. Was sie nicht zu finden in der Lage sein werden, sind Gesellschaften, die von der Gesamtheit all dieser Elemente beherrscht werden.


Die historische Perspektive ermöglicht es auch, die Grundlage für eine Schichtung innerhalb der bürgerlichen Klasse zu formulieren. Im eigentlichsten und ursprünglichsten Sinn war der Bourgeois zunächst ein Handwerker. Er war ein Meister seiner Zunft, der Beruf entwickelte und die dafür erforderlichen Arbeitsmittel verbesserte. Tischler, Schmied, Glaser, Baumeister der Kathedralen, Schneider, Silber- und Goldschmied. Auf einem bestimmten Stand der Technik, bei dem alle Produktionsprozesse nach Gilden organisiert sind, wurde der Handwerksmeister zum Bourgeois als er begann, von der Verpflichtung von Lohnarbeit abzuhängen, das heißt, als die Quelle seines Reichtums und seines Fortschritts nicht mehr die Exklusivität seiner zünftigen Geheimnisse war, sondern eher die Aneignung von Mehrwert. Viele Gildemeister wurden zu Ausgebeuteten; jene, die diese Bedingungen überwanden, wurden zu Ausbeutern.


Aber für über fünfhundert Jahre (die Jahrhunderte XII bis XVIII), war die große Mehrheit der Bourgeois weiterhin eng mit dem Produktiven Bereich verbunden, aus dem sie als solche entstanden waren. Die in Gilden organisierte Produktion erzeugte starke lokale Kulturen, lang anhaltende Traditionen und ein Gefühl tiefer Verwurzelung. Städte, in denen Spinnereien vorherrschten, oder Webereien, oder Glasereien, oder Waffenschmieden, oder die Werkzeug- oder die Parfümherstellung. All diese Traditionen verbanden auch ihre Bourgeois mit einem Ort, mit konkreten Leuten, mit bestimmten Metiers. Die Bourgeois haben ein Vaterland. Oder, zumindest, hatten sie eins.


Die Entwurzelung des Kapitalbesitzers in Bezug auf die konkreten Produktionsprozesse beginnt mit der Figur des Handelskapitalisten, der nicht mehr von der Produktion, sondern von der Zirkulation der Waren lebt. Es ist müssig, festzustellen, dass es sich um eine eng mit dem produzierenden Bourgeois verbundene Figur handelt. Mich interessiert hier weniger die historische Präzision im Einzelnen (wer zuerst, wer danach), sondern die Formulierung einer begrifflichen Frage: es handelt sich um einen Wirtschaftsakteur, der sein Kapital erweitert, unabhängig davon, welche Waren er kauft und verkauft. Wenngleich er dem produktiven Bereich funktional und bis zu einem bestimmten Grad unabdingbar ist, ist er weder Produzent, noch trägt er sonst irgendwie zur Produktion von irgend etwas Realem, irgendeines effektiven Reichtums bei. Obwohl für ihn der Austausch realen Tauschwerts erforderlich ist, der in den Waren enthalten ist, die er umsetzt, stammt sein „Reichtum“ eher aus den Preisschwankungen anstatt aus diesem enthaltenen Wert. Wenn er letztendlich realen Reichtum (als Wert, nicht nur Geld) ansammelt, so kann dieser nur aus einer Verteilung des Mehrwerts stammen, der von der Arbeitskraft erzeugt wurde und den sich der Bourgeois angeeignet hat.


Zwei Kennzeichen gilt es herauszustellen, wobei ich darauf bestehen möchte, dass es sich hierbei in der Richtung meiner Argumentation nicht um historische Nebensächlichkeiten handelt. Es handelt sich um einen unproduktiven Wirtschaftsakteur: weder produziert er, noch fördert er die Produktion von Wert, obwohl er ihn in Bewegung setzt. Es handelt sich um einen Agenten, dessen Reichtum in der Hauptsache eher aus dem Preis, als aus dem Wert stammt. Und als solcher hat er einen zeitlich und räumlich beschränkten Charakter, das heißt, er spielt keine Rolle in der realen historischen Bereicherung (Akkumulation von Wert) der kapitalistischen Gesellschaftsklasse.


Diese Präzisierungen sind deshalb relevant, weil sie es gestatten, das Feld dessen einzugrenzen, was man im eigentlichen Sinn als Kapitalisten betrachten sollte. Es handelt sich um einen gesellschaftlichen Agenten, der Kapital besitzt, dessen vordringliches Interesse der Reproduktion und Vermehrung dieses Kapitals durch die Produktion von Wert gilt, den er sich als Mehrwert aneignet, ohne für den realen Inhalt dieser Produktion besonderes Interesse zu zeigen, ohne Beziehung auf kultureller Ebene mit den Gütern, die er produziert. Produktiv wie der Bourgeois, aber entwurzelt wie der Händler, ist das Wesen dieser Gesellschaftsfunktion, die wir Kapitalisten nennen, die rein abstrakte Reproduktion des Kapitals. Die Kapitalisten haben kein Vaterland. Und wenn sie tatsächlich eins haben, so wird sich ihre Treue zu ihm, soweit es bei der Reproduktion des Kapitals keine besondere Rolle spielt, zumindest in Grenzen halten. Beispiele hierfür gibt es massenhaft und sie könnten ad nauseam aufgezählt werden.[15]


Aufgrund der daraus entstehenden weitreichenden Konsequenzen ist es notwendig, sowohl bei Bourgeois wie bei Kapitalisten zwischen solchen zu unterscheiden, die Manufaktur betreiben, und solchen, die, mittels Produktion, die Naturressourcen in Reichtum verwandeln. Diese zweite Art von Tätigkeit ist das, was man als Erwirtschaftung von Grundrente bezeichnet: die Anwendung von Arbeit in der Landwirtschaft, im Bergbau, der Fischerei, der Forstwirtschaft.


Selbstverständlich gibt es keine Naturreichtümer. Die Arbeit der Menschen ist es, die das in Reichtum verwandelt, was in der Natur nur als Möglichkeit gegeben ist. Aber verschiedene Umstände führen dazu, dass es hier um eine entscheidende Handlung geht. Der erste davon ist, dass jegliche größere weiterführende Verarbeitung vollständig von der Grundrente abhängig sind, nämlich die gesamte Produktion, die im besonderen als Manufaktur bezeichnet werden kann. Die Lebensmittel, die Energie, die Rohstoffe. Der zweite Umstand betrifft die Tatsache, dass die Quellen dieses möglichen Reichtums nicht gleichmäßig verteilt sind, wobei dies einen wesentlichen Aspekt der ursprünglichen Ungleichheit der Kapitalisten darstellt, die ich im Ersten Teil (Erster Teil, Kapitel 3) angesprochen habe. Und der dritte, vielleicht der relevanteste Umstand besteht darin, dass die Ressourcen, auf deren Grundlage produziert wird, nur begrenzt vorhanden und nur in einigen Fällen erneuerbar oder wiederverwertbar bzw. wiederaufbereitbar sind.


Der Bourgeois, der von der Grundrente lebt, der in einem Fischerdorf Boote besitzt oder auf dem Land die Lohnarbeit eingeführt hat, oder in einer Waldgegend eine Sägemühle sein Eigentum nennt, baut auf die eventuelle Dauerhaftigkeit seiner Ressourcen. Er wird weder die Fische nicht ausrotten, noch das Land zur Wüste machen, noch alle Bäume fällen. Ohne Fische, ohne fruchtbares Land oder Bäume würde er aufhören, zu existieren.


Dagegen kennt der Kapitalist keine Grenzen; er investiert, um Grundrente zu erwirtschaften, und seine Grundlage ist das Kapital und nicht die Ressourcen, die er ausbeutet. Wenn die Ressourcen erschöpft sind, wird er andere Investitionen tätigen; wenn seine Lohnarbeiter zu keiner anderen Tätigkeit fähig sind, wird er sie schlicht und einfach im Stich lassen. Die Plünderung der Naturressourcen ist eine charakteristische, interne Eigenschaft der kapitalistischen Wirtschaft als solcher.


Es kann unschwer festgestellt werden, dass die Unterschiede zwischen Bourgeois und Kapitalisten, die ich hier beschrieben habe, oft mit dem Ausmaß ihrer Wirtschaftstätigkeit korrelieren. Streng genommen handelt es sich hierbei nicht um eine notwendige Beziehung. Ein Bourgeois könnte extrem wachsen und sich dabei allein auf die Sparte beschränken, mit der er ursprünglich und kulturell verbunden ist. Der Zusammenhang wird nicht an erster Stelle durch das Ausmaß des Kapitals hergestellt, mit dem er operiert, sondern durch seine Überlebenschancen auf einem immer größeren Markt. Die Ausweitung seiner Investitionen auf Nachbargebiete und seine damit einhergehende fortschreitenden Entwurzelung, das sind Bedingungen, die sein Wachstum begünstigen. Der Bourgeois wird nicht mit guten oder bösen Absichten zum Kapitalisten, sondern aufgrund einer objektiven Notwendigkeit.


Analog ist es erforderlich, auf begrifflicher Ebene unter den Handelskapitalisten zu unterscheiden. Der örtliche Kaufmann ist nicht dasselbe wie jener, dem es gleich ist, was er kauft oder verkauft. Aber es muss auch berücksichtigt werden, dass es Händler gibt, die Produkte kaufen und verkaufen (sei es Rohstoffe oder verarbeitete Güter), andere, die davon leben, unbewegliche Güter zu kaufen, zu verkaufen oder zu vermieten (Land, Grundstücke, Gebäude) und wieder andere, die nur Geld kaufen und verkaufen, oder abstrakte, dem Geld zugeordnete Werte (wie Aktien oder die sogenannten „Derivate“ oder „Futures“).


Der Händler, wenngleich unproduktiv, erfüllt eine Funktion im Gesamtprozess, in der Zirkulation. Natürlich ist das eine Funktion, die ganz und gar nicht notwendig ist: es könnte, wenn auch unbequem, der Tauschhandel herrschen. Der Vermieter als Bezieher von Grundrente, der ebenfalls unproduktiv von seinen Mieteinnahmen lebt, hat ein Interesse an der Instandhaltung und am Betrieb realer Güter. Stattdessen sind der Finanzkapitalist und der mit seiner Operationen verbundene abstrakte Rentier nicht nur unproduktiv, sondern sie setzen die gesamte Gesellschaft vollkommen unnötigen Preisschwankungen aus, die nur durch Spekulation hervorgerufen werden, ohne dass dabei irgendeine Produktionsanstrengung involviert wäre oder auch unter Verwendung solcher Produktionsanlagen als reinen Vorwand, selbst wenn sie nicht existieren oder wenn es extrem unwahrscheinlich ist, dass sie jemals existieren werden, wie es auf dem praktisch unbegrenzten Markt der „Derivate auf Derivate“ der Fall ist.[16]


Man pflegt zu sagen, dass das Finanzkapital erforderlich ist, um das produktive Kapital schneller bereitzustellen und seine Investition durchführbar zu machen. Es gibt jedoch darin nichts, was nicht von großen Staatsbanken erfolgreich durchgeführt werden könnte und tatsächlich auch in der Geschichte aller großen kapitalistischen Länder durchgeführt worden wäre. Das Finanzkapital ist notwendig (für den Kapitalismus), aber der Finanzkapitalist ist es nicht. Die schlichte Plünderung, die prekäre Unsicherheit der Löhne, die staatlichen Pfründe sind bisher als Formen der kapitalistischen Akkumulation viel effizienter gewesen als die Privatbanken und werden es weiterhin sein. Die Privatisierung des Geldes, die Spekulation mit dem Geldwert und auch die Plünderung der Naturressourcen, das sind Stacheln in der Seite der kapitalistische Entwicklung, die strategisch gegen seine historische Überlebensfähigkeit verstoßen aber auf das Intimste mit seinem eigenen Wesen verbunden sind.


All diese Agenten entstammen einer Wirtschaftslogik, in der das einzig Relevante die Reproduktion und Erweiterung des Kapitals als solches ist, wobei es völlig egal ist, welche Produktionsanstrengungen dazu dienen oder welche Folgen (Handel mit Waffen, Alkohol oder Drogen) es hat, wo es nicht einmal darauf ankommt, ob eine reale Produktionstätigkeit dahinter steht oder nicht (Handel mit Geld, Aktien, Ablass oder Finanzderivaten). Marx meinte dazu auf prophetische Weise und schrieb dazu zahlreiche Kommentare, dies sei die universelle Berufung des Kapitalismus, seine Berufung zu einer der Reproduktion des Lebens völlig fremden und entgegengesetzten Abstraktion.


b. Bürokraten und Büroangestellte

Die Fortentwicklung der Kapitalistenklasse, der Übergang vom Bourgeois zum Kapitalisten, vom produktiven Kapital zum unproduktiven, entfernt den Kapitalisten schrittweise vom konkreten kapitalistischen Produktionsmanagement. Historisch gesehen ist dies ein Prozess von enormer Bedeutung. Auf längere Sicht können, wie ich argumentiert habe, nur diejenigen, die in direktem Kontakt mit der Produktion realer Güter stehen, ihre Hegemonie aufbauen und beibehalten. Die Fristen mögen sehr lang sein, aber das Gesetz ist unerbittlich: Nur die direkte Kontrolle über die gesellschaftliche Arbeitsteilung ermöglicht eine tiefe und wahre Machtausübung. Im Verlauf eines langen Prozesses, der so alt ist wie die Kapitalistenklasse selbst, hat sich die Beziehung zwischen dem Besitzer des effektiven, unmittelbaren Wissens, jenes Wissens, das es gestattet, die Produktion tatsächlich zu verwalten, und dem Besitzer der Produktionsmittel nach und nach verändert. Mit dem Übergang der Figur des Bourgeois zu der des Kapitalisten, geht die Verwaltung der technischen Arbeitsteilung (TAT) innerhalb der Produktionseinheiten in die Hände spezialisierter Lohnarbeiter über, deren Funktion mit dem technischen Fortschritt und der zunehmenden Komplexität der Produktionsprozesse immer notwendiger wurde. Diese Gesellschaftsgruppe von Technikern, danach Ingenieuren und später Wissenschaftlern, die man umgangssprachlich als Technokratie zu bezeichnen pflegt, stellt die erste Komponente dessen dar, was sich später als Bürokratenherrschaft erweisen wird.


Eine andere Komponente ist die moderne Staatsbürokratie. Die Entwicklung der Bourgeoisie als Klasse ist ihrerseits die Entwicklung zahlloser entgegengesetzter Individualinteressen. Zuerst gegen die Feudalherren, dann sehr bald gegen andere Bourgeois, war das Gebiet, auf dem dieser Kampf ausgefochten wurde, wie in keiner Gesellschaft zuvor das Gebiet des Rechts. Das alte, bereits von den Griechen formulierte Versprechen, dass das dem Staat vorangehende Naturrecht herrschen und respektiert werden würde, wurde erstmalig wirksam umgesetzt im Verlauf der Geschichte der Bourgeoisie, die das Wirtschaftsindividuum zum Träger dieser Rechte erhob und die Macht seiner Legitimität und produktiven Wirksamkeit der bewaffneten Macht der Herren entgegensetzte. Als das Ausmaß ihrer Wirtschaftsinteressen die Grenzen dessen überschritt, was juristische Einzelkonflikte zu erstreiten in der Lage sind, war die Bourgeoisie bereits in der Lage, sich nach und nach der Staaten selbst zu bemächtigen und besaß schon genügend Macht, um selbst Gesetze im Dienst und Maß ihrer Interessen zu erlassen.


Eine breite Beherrschung der Schrift und der Kontroll- und Aufzeichnungstechniken, sowie ein nie dagewesener Wirtschaftsüberschuss ermöglichten im Verlauf der Entstehung der europäischen Nationalstaaten die Bildung der im Verhältnis größten Staatsapparate der Geschichte. Dabei sollte berücksichtigt werden, dass die Europäer zwischen dem XII. Und dem XVI. Jahrhundert mehr Bücher schrieben, als alle anderen Kulturen zusammengenommen, und dass dieses enorme Volumen weniger als einhundert Jahre nach der Einführung des Buchdrucks bereits auf das Doppelte angewachsen war.


Die europäischen Staaten, als geographisch unglaublich kleine und, was Naturressourcen betrifft, relativ arme Gebilde, besaßen stark zentralisiere und hierarchisch strukturierte Bürokratien, die eine radikale Disziplinierung der gesellschaftlichen Anstrengungen ermöglichten, weit über das Maß hinaus, das aufgrund ihrer objektiven Kraft und ihrer Ressourcen zu erwarten gewesen wäre. Die Kreuzzüge gegen Ketzer, der unglaubliche Grad einer Überausbeutung der eigenen Völker, die militärische Zwangsrekrutierung zwecks ausländischer Kommerzabenteuer, welche intensiv auf den katholischen Totalitarismus stützten und von Privatinteressen hegemonisiert wurden, zeigen eine außerordentliche Fähigkeit zur inneren Unterdrückung, bei der es sich um die reale soziale Grundlage ihrer auswärtigen Erfolge handelt. Die bedeutsame technologische Überlegenheit, vor allem auf militärischem Gebiet, trägt nur zur Krönung eines Prozesses bei, der ohne den Staatstotalitarismus nicht möglich gewesen wäre.


Diese winzigen und auf Unterdrückung ausgerichteten Staaten, die von im Verhältnis riesigen Bürokratien gegründet wurden, stehen ursprünglich im Dienst der Privatinteressen. Der Bourgeoisie gelingt es, im Verlauf langwährender politischer Auseinandersetzungen, die zu einem großen Teil ziemlich stark von Gewalt geprägt sind, die Staaten in ihren Dienst zu stellen. Die Fürsten und Könige, bei denen selbst es sich um geadelte Bourgeois handelt, teilen das von ihren Piraten gebrandschatzte Gold auf, werden ihrerseits von der inneren Plünderung ihrer Plünderungsinitiativen überwältigt und könne nicht verhindern, dass überall der private Wohlstand einiger weniger anwächst, die sie an Macht bald übertrumpfen.


Ohne diese Verwendung der modernen Staaten und Bürokratien zu seinem Vorteil hätte es der Kapitalismus für sich allein nicht vermocht, die Kapitalakkumulation und die eiserne Sozialdisziplin durchzusetzen, die für den Bau der (staatlichen) Werften für seine Karavellen, der (staatlichen) Kanäle und Straßen für seine Waren, der (staatlichen) Waffenfabriken für den Auftakt zur Eroberung der Welt erforderlich sind.


Aber diese Situation der Staaten im Dienst der Bourgeoisie beginnt sich ab der zweiten Hälfte des XIX. Jahrhunderts langsam umzukehren. Die immer vollständige Artikulierung des Weltmarkts, die Komplexität der nationalen Märkte, der wachsende Druck seitens der Arbeiterbewegung, die Tendenz zur monopolistischen Konzentration, die nach jeder allgemeinen Krise erneut ans Tageslicht tritt, rufen eine unendliche Vielfalt sozialer Aktionen und die Notwendigkeit solcher Aktionen hervor, die weit über das Maß hinausgehen, das die Kapitalisten und ihre eigenen Funktionäre zu steuern in der Lage sind. Die staatliche Verwaltung wird zunächst bis zu einen Grad notwendig, bei dem die wirtschaftliche Überlebensfähigkeit der Einzelkapitalisten beginnt, von dieser Verwaltung abzuhängen, später bis zu einem Grad, in dem die allgemeine Überlebensfähigkeit des Kapitalismus beginnt, von ihrer regulierenden Funktion abzuhängen. Dieses Bedürfnis, das ab der Errichtung der keynesianischen Staaten zur hegemonischen Notwendigkeit wird, kann in Begriffen zusammengefasst werden, die uns bereits geläufig sein sollten: die Staatsbürokratie übt Kontrolle und Hegemonie über die diversen Komplexitäten der gesellschaftlichen Arbeitsteilung (GAT) aus.


Ebenso wie ich zwischen produktiven und unproduktiven Kapitalisten unterschieden habe, gilt es zwischen den Technokraten verschiedenen Bereiche zu unterscheiden. Seit Mitte des XIX. Jahrhunderts und als eine Art und Weise, die Erfordernis außerordentlicher Kapitalakkumulation anzugehen, willigen die größten Kapitalisten ein, das Eigentum an ihren Fabriken mittels Aktiengesellschaften zu teilen. Dadurch kam sehr bald zu einer enormen Steigerung der Komplexität der Verwaltung des Kapitals selbst. Um die steigenden Steuern zu umgehen, um relative Aktienmehrheiten zu kontrollieren, um mit den Papieren zu handeln, die diesen fiktiven Reichtum darstellen, werden Gesellschaften zur Kontrolle von Gesellschaften gegründet, Finanzverwaltungen zur Kontrolle von Aktionären, Manipulatoren zum Anheizen oder Abkühlen anderer Manipulatoren. Dies ist die dritte Komponente der Bürokratenherrschaft: Funktionäre, die unmittelbar damit beschäftigt sind, die Komplexität der Kapitalverwaltung zu meistern.


Natürlich waren diese Funktionäre sehr bald in der Lage, aus dem verwalteten Kapital weit größeren Nutzen zu ziehen als dessen Eigentümer selbst. In einem Extremfall wurden in Chile alle arbeitenden Menschen gezwungen, ihre Rentenfonds in individuelle Sparkonten zu verwandeln, im Rahmen eines Systems, in dem die Verwalter dieser Fonds (die sogenannten AFP) riesige Profite erwirtschaften, während ihre Besitzer, die Privateigentümer des Kapitals (die arbeitenden Menschen), nur miserable Renten beziehen. Eine verkehrte Welt: Funktionäre, die Kapitalisten ausbeuten.


Das Extrembeispiel der chilenischen Rentenfonds (AFP) zeigt das Wesen dieser Geschichte: die fortschreitende Errichtung der Hegemonie der bürokratischen Kreise, die es ihnen durch ihre Kontrolle der TAT, der GAT und der Kapitalverwaltung selbst gestattet, sich einen bevorzugten Teil des Sozialprodukts anzueignen. Und es ist eben dieses Ergebnis, welches es gestattet, auf strikt marxistischer Grundlage festzustellen, dass die Bürokratie zu einer Gesellschaftsklasse geworden ist und dass sie Teil eines bürgerlich-bürokratischen herrschenden Klassenblocks ist, der sich den realen Wert, den effektiven von den unmittelbaren Produzenten geschaffenen Reichtum aneignet.


Ebenso wie bestimmte historische Bedingungen vorherrschen müssen, um einen Wirtschaftsakteur als Kapitalisten zu bezeichnen, so gibt es auch bestimmte gesellschaftliche und historische Bedingungen, die dazu führen, dass nicht jeder Funktionär ein Bürokrat ist, im besonderen Sinne seine Zugehörigkeit zur Klasse der Bürokraten.


Staaten und Funktionäre hat es seit fünftausend Jahren gegeben, aber die Bürokraten werden erst im Rahmen der modernen Gesellschaft und in enger Verbindung mit der kapitalistischen Entwicklung zu einer Klasse im marxistischen Sinn. Die Bürokraten als Klasse verwalten nicht irgendetwas, sie existieren nicht im luftleeren Raum. Sie verwalten die produktive Anwendung des Kapitals, sie koordinieren die kapitalistische gesellschaftliche Arbeitsteilung, sie verwalten die Kapitalverwaltung selbst.


In diesem Zusammenhang ist es hilfreich, bestimmte Aspekte zu präzisieren, die bereits in den betreffenden semantischen Feldern enthalten sind und zwischen Profit und Nutznießung zu unterscheiden. Profit, das ist der Geldausdruck des Mehrwerts, der als Tauschwert unmittelbar abgeschöpft wird. Nutznießung ist der Geldausdruck des Werts, den jene einnehmen, die sich eines Teils dieses realen Mehrwerts bemächtigen, ohne ihn unmittelbar abzuschöpfen und unabhängig davon, ob es sich um einen Privateigentümer des Kapitals handelt, das diesen Mehrwert hervorgebracht hat, oder nicht. Ausgehend von dieser allgemeinen Unterscheidung kann man zwischen kapitalistischer Nutznießung und bürokratischem Nutznießung unterscheiden. Beim ersteren erhält ein Kapitalist örtlich und zeitlich lokalen Gewinn ohne dass realer Mehrwert erzeugt worden ist (wie im Fall der nicht unmittelbaren Dienstleistungen) oder unter Ausnutzung des Einflusses der ideologischen Variablen auf den Preis (wie im Fall des Luxuskonsums). Im zweiten Fall empfängt ein Bürokrat, wie ich gleich erklären werde, eine Vergütung welche die Kosten seiner Arbeitskraft übersteigt. In dem Maße, in dem allein die unmittelbaren Produzenten realen Reichtum schaffen, können beide Formen der Nutznießung nur in der Aufteilung des realen Mehrwerts bestehen, den sich die produktiven Kapitalisten ursprünglich aneignen.


Ungeachtet ihrer Unterschiede macht es Sinn, beide Situationen unter ein und demselben Begriff (Nutznießung) zu vereinen, um damit zum Ausdruck zu bringen, dass hier nicht Produktion, Austausch und Konsum realen Reichtums auf dem Spiel stehen, sondern ausschließlich ihr Ausdruck als lokale und zeitlich bestimmte Geldgröße, der im Verlauf der allgemeinen Krisen ganz einfach zerstört und annulliert wird. Meines Erachtens hat diese Hervorhebung des realen Reichtums und seine ständige Unterscheidung von jenem Reichtum, der nichts anderes ist, als eine Anhäufung von Papier, heutzutage eine entscheidende politische Bedeutung.


In dem Maße, in dem die herrschende bürgerliche Legalität im Einklang mit den Interessen des Kapitals errichtet wurde, gibt es keine besondere Rechtskonstruktion, durch welche die bürokratische Nutznießung ausdrücklich und allgemein eingeführt und legitimiert würde. Juristisch gesehen sind Bürokraten Lohnempfänger. Aber gerade in diesem Zusammenhang erlaubt es uns die Politische Ökonomie, die Bürokraten von den Lohnabhängigen im Allgemeinen zu unterscheiden.


Die große ökonomische und gesellschaftliche Gesetzmäßigkeit, welche die Existenz von Mehrwert ermöglicht, besteht darin, dass das historische und globale Lohnniveau den Kosten der Produktion und Reproduktion der Arbeitskraft entspricht. Diese Regel besitzt einen einfachen Gegenposten, der auf empirischer Ebene unschwer bestätigt werden kann: es gibt Lohnempfänger, die viel mehr verdienen, als die Produktion ihrer Arbeitskraft im gesellschaftlichen Durchschnitt kostet. Das ist nur als Nutznießung möglich und, darüber hinaus, nur in Positionen, die für die Reproduktion des Kapitals eine Schlüsselbedeutung besitzen.


Diese Lohnabhängigen bilden die Bürokratenklasse, die freilich über weitaus bessere Bedingungen und mehr Macht verfügt, als Beamte und Büroangestellte im Allgemeinen.


Unter diesem Kriterium habe ich also zwei Klassen von Lohnabhängigen unterschieden. Jene, die Lohn im eigentlichen Sinne empfangen, und jene, die mangels eines besseren Namens das empfangen, was man einen Bürokratenlohn nennen könnte, wobei es sich um nichts anderes handelt, als um eine Form der Nutznießung. Im marxistischen Sinn gehören beide Gruppen unterschiedlichen, zueinander in antagonistischem Widerspruch stehenden Gesellschaftsklassen an.


Die bürokratische Hegemonie, die aufgrund materieller, objektiver Beziehungen entsteht, wäre nicht lebensfähig, sie wäre nicht imstande, sich zu erhalten und zur Regierung zu werden, wenn sie nicht vom Aufbau mächtiger Legitimationsmechanismen begleitet wäre. Und diese Mechanismen stellen als solche einen wesentlichen Teil ihrer Definition dar.


Ebenso wie wir den Kapitalisten den produzierten Wert übergeben, weil sie die Privateigentümer des Kapitals sind, das diesen Wert gefördert hat, so zahlen wir den Bürokraten weil sie behaupten, sie wüssten. Die Bourgeoisie schuf ihre Legitimität auf der Grundlage des Rechts, die Bürokratie auf dem Feld des Wissens. Die Bourgeoisie hat einen Rechtsstaat geschaffen, der sie rechtfertigt. Entsprechend hat die Bürokratenherrschaft ein Wissenssystem geschaffen, welches diese Funktion erfüllt.


Die bürgerliche Legitimität hat ihren formellen Ursprung im Recht. Formell, weil die reale Quelle ihrer Macht in der materiellen Macht besteht, die dem Besitz und dem tatsächlichen Einsatz des Kapitals entspricht. Aufgrund dieses Unterschieds war die Bourgeoisie in den Jahrhunderten des Aufbaus ihrer Hegemonie besonders daran interessiert, Rechte zu erweitern und zu stärken. Dieser fortschrittliche juristische Horizont ist aber nicht mehr erforderlich und geht sichtlich ab dem Zeitpunkt zur Neige, zu dem sie ihre Hegemonie in Regierungsmacht verwandelte. Das XX. Jahrhundert hat eine fortschreitende Zersetzung des liberalen juristischen Horizonts erlebt und die kapitalistischen Rechtsstaaten haben sich, als solche und aus inneren Gründen, immer mehr dem angenähert, was die liberale Tradition selbst als Totalitarismus zu bezeichnen pflegte. Heute ist der Totalitarismus, der immer als dem Rechtsstaat entgegengesetzt bezeichnet wurde, etwas Legales. Die Mechanismen zum Schutz der Diktatur der Bourgeoisie werden immer ausdrücklicher; sie verlieren ihren ideologischen Schleier.


Dieses Drama teilt uns einen tiefen Zug der Legitimität als einem gesellschaftlichen Mechanismus mit. Es zeigt uns, an erster Stelle, dass Legitimität keine Macht an sich ist, dass die Macht an anderer Stelle liegt. Und es zeigt uns auch, dass der Kampf um Legitimität so lange akut ist, wie der Kampf um die Hegemonie andauert, während sie rasch an Bedeutung verliert, wenn die Hegemonie zur Regierung geworden ist, das heißt, zur ausdrücklichen, unmittelbaren Macht ohne Gegengewicht.


Aus all diesen Gründen erfolgt die Kritik des bürgerlichen Rechts heute auf zwei Ebenen. Zum Einen kann man seinen primären ideologischen Charakter kritisieren, das heißt, die Tatsache, dass sein Kern und sein Wesen nur darin bestehen, das Legitimationsfeld einer herrschenden Klasse zu sein. Aber man kann andererseits auch die Tatsache kritisieren, dass es bezüglich seines eigenen fortschrittlichen Horizonts zurückgewichen ist, viele von dessen Kreationen sich bis heute zugunsten der arbeitenden Menschen auswirken.


All diese Umstände sind wichtig, wenn wir die Mechanismen der bürokratischen Legitimation betrachten. Die Bürokratie hat ihre Legitimation auf einem Boden gebaut, den wir als „Wissenssystem“ bezeichnen können. In der Epoche der Konstruktion ihrer Hegemonie umfasste dieses System das unmittelbare wissenschaftlich-technische Wissen, welches die Verwaltung der Produktion und des Staates, oder die des Kapitals selbst, ermöglichte und anwachsen ließ. Streng genommen wurde ihre Hegemonie erst durch die unmittelbare Kontrolle der Prozesse ermöglicht, durch etwas, das man „unmittelbares operatives Wissen“ nennen kann. Das ist das Wissen des Technikers in der Fabrik, des korrupten Staatsbeamten, des Advokaten am Gerichtshof, des schlauen Börsenmaklers und auch der Krankenschwester, des Buchhalters, des Uhrmachers oder des kleinen Bauern.


Aber die Legitimität ist eine Welt des Anscheins, die, wenngleich sie ursprünglich und notwendigerweise von einem effektiven materiellen Korrelat und Substrat abhängt, mit dem Anwachsen der von ihr geheiligten Macht mehr und mehr von ihr unabhängig machen kann. Das System bürokratischen Wissens schuf, aus seinem Inneren heraus, aufgrund seiner eigenen inneren Institutionalisierungslogik, einen ganzen Bereich, der als „vorgebliches Wissen“ bezeichnet werden kann, der die Rhetorik und die gesellschaftliche Wirkung des effektiven Wissens beibehält, aber nach und nach seine Verbindung mit dem realen operativen Wissen verliert, das er jedoch trotzdem überwältigt. Der Schlüsselmoment in diesem Prozess ist die Entstehung der Einzelwissenschaften, zunächst im Bereich der Naturwissenschaft, dann der Gesellschaftswissenschaften. Das heißt, die Institutionalisierung und Bürokratisierung des Wissens selbst. Ein Prozess, in dessen Verlauf ein vierter Bürokraten-Typ entsteht, der des Akademikers, der einen Lohn weit über den realen Kosten seiner Arbeitskraft empfangen kann, indem er auf sein vorgebliches Wissen pocht und es ideologisch verbrämt als reales Wissen darstellt.


Wenn Mark hundert Jahre gelebt hätte (anstatt sich mit der Unendlichkeit zu verschmelzen), dann hätte er sicherlich die Kritik der Politischen Ökonomie, als Grundlage, mit einer Kritik des Bereichs ihrer Legitimationen vervollständigt, das heißt, im Einklang mit seinem ursprünglichen Vorhaben, einer Kritik der Rechtsphilosophie. Und wahrscheinlich hätte er auch die Kritik des ideologischen Charakters des bürgerlichen Rechts mit einer Anrufung dessen vervollständigt, was dieses Recht an Fortschrittlichem gehabt hat: die individuellen Freiheiten, die Menschenrechte, die Perspektive der wirtschaftlichen und sozialen Rechte.


So ist auch heute eine Kritik der Wissenschaftsphilosophie erforderlich, die einerseits ihre ideologische Substanz offen legt, ihren Klassencharakter, und andererseits in der Lage ist, das zurück zu fordern, was sie für die Entwicklung des effektiven, des unmittelbar operativen Wissens bedeutet hat.


Wenn wir die gegenwärtigen Beziehungen zwischen Bürokraten und Büroangestellten betrachten, so kann man feststellen, dass es infolge der Konsolidierung ihrer Hegemonie gerade diejenigen sind, die ein solches vorgebliches Wissen vor sich her tragen, welche davon Vorteil nehmen, während jene, die über tatsächliches operatives Wissen verfügen, im Allgemeinen normale Lohnabhängige sind. Zu diesem Zweck wurden komplementäre Ideologismen eingeführt, die den ideologischen Charakter des Wissens weiterentwickeln und in konkrete Praxis verwandeln.


Eines davon ist das System mit der Verantwortung, nach dem jenen mehr bezahlt wird, bei denen davon ausgegangen wird, dass sie für die Koordinierung, die Leitung oder das Design des Managements verantwortlich sind, wenngleich es kurioserweise meistens so ist, dass Fehlschläge, Stümperei und Fehler letztendlich für die Geleiteten mit den schlimmsten Kosten verbunden sind, womit natürlich der Aufpreis für „Verantwortung“ als ideologische Fälschung entlarvt ist.


Ein weiteres ist das System mit den Zertifizierungen, die seit Ende des XX. Jahrhunderts ein explosives Wachstum erfahren haben, nach dem Inkompetente andere Inkompetente nach rein formellen Verdiensten zertifizieren, nur weil sie die Machtpositionen errungen haben, um es so tun zu können, vollkommen unabhängig von (und gleichgültig gegenüber) der Tatsache, ob sie in der Lage sind, eine produktive Aufgabe auszuführen oder etwas reales mit Erfolg zu managen. Die tosende Trivialität der Promotionen, die skandalöse Tautologie der Auswertungen unter „Gleichen“, die Laufbahn allgemeiner Korruption und Selbsttäuschung, die man oft als „Leistungsgesellschaft“ bezeichnet, das ist das Äquivalent, was bürokratische Exzesse betrifft, des der Spekulation gewidmeten unproduktiven Finanzkapitalisten im bürgerlichen Bereich.


Die Sekretärinnen, die den unfähigen Manager über Wasser halten, die Buchhalter, die dem korrupten Betriebswirtschaftler den Hals retten, die Studenten, die das Wissen des eitlen und mächtigen Wissenschaftlers erzeugen, die Krankenschwestern, die die Patienten vor der Arroganz des Arztes in Schutz nehmen, das ist die reale produktive Unterwelt, die die bürokratische Aneignung stützt, entsprechend der Art und Weise wie der produktive Kleinunternehmer und natürlich seine Arbeiter zur Produktion des einzig realen Reichtums, des einzigen Reichtums, auf den sich der von den Spekulanten erzeugte papierne Reichtum stützen kann.


c. Reale Feinde, potentielle Verbündete

Wie ich bereits zuvor ausgeführt habe, bestehen der Kern und die Kunst des Aufbaus einer Bündnispolitik, die auf wirksame Weise auf einen strategischen Horizont hinarbeitet darin, die Klassenanalyse mit der Schichtenanalyse zu kombinieren. Sich zuerst danach zu fragen, welches allgemein und auf strategischer Ebene die Feinde sind, unter diesen, Prioritäten und Relevanzen zu unterscheiden, und sich danach auf völlig pragmatische Weise zu fragen, mit wem wir rechnen können. Unter uns gefragt, welches ist der Kern und welche unsere natürlichen Bündnispartner. Und selbst aus dem gegnerischen Lager, welches sind die potentiell bündnisfähigen Kreise und welches die realen Feinde.


Direkt und auf pragmatische Weise, nach Anwendung der hier genannten Unterscheidungen, gebührt der erste Platz in der Hierarchie unserer Feinde dem Finanzkapital, sowie, mit letzteren unmittelbar verbunden, den großen Bürokraten, die, von ihren Positionen in den nationalen Staatsapparaten aus, deren Operationen ermöglichen, und die transnationalen Regulierungsbehörden.


Die groß angelegte, unproduktive und zerstörerische Finanzspekulation ist heute ein Feind der gesamten Menschheit, einschließlich des produktiven Kapitals. Angesichts der von ihr täglich hervorgerufenen Katastrophen gibt es nur eine radikale Lösung: ihr ein Ende zu setzen. Die Schaffung und den Umlauf von Finanzderivaten zu verbieten; die Kreditkosten radikal zu senken und die aus Kreditgeschäften gezogenen Gewinne mit extrem hohen Steuern zu belegen; die Rolle der Staatsbanken in den Vordergrund zu stellen und sie zu einer vollständigen öffentlichen Transparenz ihrer Geschäfte zu zwingen.


Natürlich geht eine Allianz aller, die solch radikale Maßnahmen befürworten könnten, weit über das Feld der Marxisten, ja selbst das der Linken hinaus. Es handelt sich um eine prioritäre und dringliche Aufgabe und die Marxisten müssen jegliche Initiative in dieser Richtung unterstützen, unabhängig von deren Urhebern.


An zweiter Stelle ist der Feind für die Marxisten das produktive Kapital der großen Rentiers, das heißt, des Kapitals, das seine Gewinne aus der Plünderung der Naturressourcen zieht. Die Initiativen der Marxisten und der Linken im Allgemeinen müssen eine klare, radikale und vordringliche Politik der Nationalisierung der Grundressourcen festlegen, eine Politik zu deren Pflege (erneuerbare und nicht erneuerbare Ressourcen und Energieformen), sowie dazu, diese Ressourcen in den Dienst der Völker zu stellen.


An dritter Stelle der Feinde kommt das international organisierte Großkapital der herstellenden Industrie. An vierter Stelle, der große Staatsbürokrat, der die Ressourcen aller zu seiner eigenen Reproduktion verbraucht.


Dies sind die über jeden Zweifel erhabenen Feinde, jene, mit denen, als vorrangige Vertreter ihrer (kapitalistisch-bürokratischen) Klasse, weder ein Burgfrieden, noch sonst ein Kompromiss zulässig sind. Gegen ihre institutionalisierte Gewalt muss sich die revolutionäre Gewalt wenden. Es handelt sich um jene, die immer als Feinde betrachtet werden müssen, bei jeder Aufgabe, bei jeder Initiative, und die im Mittelpunkt jeglichen oppositionellen Diskurses stehen müssen, im Mittelpunkt jeglicher politischen Bildung.


Aber der Aufgaben gibt es viele und der Weg ist ziemlich lang. Die Klassenanalyse zeigt uns, dass es unterhalb des Großkapitals und der großen Bürokraten, aber immer noch auf der anderen Straßenseite, viele gesellschaftliche Akteure gibt, deren Interessen zum großen Teil mit jenen der Volksbewegung übereinstimmen können.


Der lange Marsch zum Kommunismus muss, von Anfang an und immer, ein von mehr als einer Klasse getragener Marsch sein und umso mehr von vielfältiger Zusammensetzung, was die teilnehmenden Schichten betrifft. Die Volksbewegung ist immer viel breiter als das, was wir aus theoretischen Gründen als revolutionäres Subjekt definieren können.


Unter jenen, die uns die Klassenanalyse, nur auf begrifflicher und strategischer Ebene als „Feinde“ kennzeichnet, muss die Volksbewegung an erster Stelle den kleinen und mittleren Unternehmern der herstellenden Industrie die Hand reichen, ebenso wie den kleinen und mittleren Unternehmern, die von der Grundrente leben. Sie zu verteidigen und ihre Autonomie bezüglich der großen Netzwerke des internationalen Kapitals zu fördern, es ihnen zu ermöglichen, humane Löhne zu zahlen und ihnen eine substantielle Humanisierung der Arbeitswelt abverlangen.


Angesichts der gegenwärtigen Organisation des Industriekapitals in internationalen Netzwerken zur Produktion von Bestandteilen und Komponenten und der Ausbeutung der die ausgelagerte, vertragliche oder untervertragliche Arbeit leistenden Kleinkapitalisten durch die zentralen Kapitalisten, stehen wir einer riesigen Masse relativ armer Kapitalisten gegenüber, die durch die Plünderung, der sie unterliegen, gezwungen sind, ihre Arbeiter einer markanten Überausbeutung zu unterziehen. Ihre Autonomie zu fördern, ihr Gewicht bei Verhandlungen zu erhöhen und schließlich ihre Abhängigkeit vom transnationalen Kapital zu beenden, das sind Aufgaben der Volksbewegung.


Im Rahmen eines solchen Plans muss den kleinen und mittleren Agrarkapitalisten eine besondere Position vorbehalten werden, mit denen die Volksbewegung mit vorrangiger Dringlichkeit die autonome Versorgung der Dörfer mit Lebensmitteln voranbringen muss, einen radikalen Bruch mit dem großen internationalen Lebensmittelhandel, mit den großen inländischen Unternehmen der Nahrungsmittelindustrie, mit den Firmen, die das Saatgut monopolisieren oder es auf kriminelle Weise genetisch unfruchtbar machen.


Die kleinen Bürokraten im Staatsapparat oder an den Hochschulen, das heißt solche, die keine einfachen Ausgebeuteten sondern in der Lage sind, über die Kosten ihrer Arbeitskraft hinaus aus ihrem vorgeblichen Wissen Vorteile zu erwirtschaften, spielen eine wesentliche Rolle bei der Reproduktion der Bürokratenherschaft, das heißt, wortwörtlich, bei der Heranbildung neuer Bürokraten. Sie haben aber eine untergeordnete Position inne, sind ständig den Demütigungen einer „Leistungs“-Karriere ausgesetzt, in der willkürliche, subjektiv geprägte Auswertungen vorherrschen (die natürlich immer als objektive Zertifizierungen dargestellt werden), wo eine ständige Auseinandersetzung herrscht zwischen kleinen Klüngeln, zur Verteidigung mikroskopischer Standesinteressen, in beschämendem Streit um winzige Machtanteile ohne wirkliche Bedeutung, und sollten gerade wegen der alltäglichen Last solcher Widersprüche ein permanentes Arbeitsfeld der Volksbewegung sein. Vor ihnen und unter ihnen auf die feststellbaren Differenzen zwischen vorgeblichem Wissen und effektivem Wissen hinzuweisen, den unterdrückenden Charakter ihrer Demütigungen hervorzuheben, die Scheinheiligkeit ihrer anmaßenden Eitelkeit aufzuzeigen, einen Keil an genau jener Stelle anzusetzen, woher sich die Bürokratenherrschaft ihr Legitimationssystem besorgt, welches, wie gesagt, eine guten Teil der Machbarkeit ihrer Machtausübung darstellt.


Kleine und mittlere Kapitalisten, herstellendes Gewerbe und Bezieher von Grundrente, kleine und mittlere Bürokraten, die etwas mehr sind, als Büroangestellte, sie alle gehören der Form nach und ausschließlich gemäß einer Lehrmeinung dem Block der herrschenden Klassen an, aber sie sind gleichzeitig, wegen der relativen Unterdrückung, der sie unterworfen sind, potentielle Bündnispartner der Volksbewegung auf eine Weise und für einen Zeitraum, die von einer klaren strategischen Perspektive festgelegt werden müssen. Ich werde den Dritten Teil dieses Buches (Politische Theorie) der möglichst detaillierten und spezifischen Formulierung dieser Perspektive mit Blick auf den Kommunismus widmen und dabei, in Fortführung dieser Gedanken, mit der Aufzählung der Sektoren beginnen, welche, in einem marxistischen Sinn, als der Volksbewegung zugehörig bezeichnet werden können.


Vorher werde ich aber, im unmittelbar folgenden Abschnitt, die Frage des Klassenbewusstseins untersuchen, womit die Abhandlung des Begriffs des Klassenkampfs abgerundet wird, den ich in den Mittelpunkt der marxistischen Politischen Soziologie gestellt habe.


4. Klassenbewusstsein

a. Philosophische Voraussetzungen

Die bürgerliche und bürokratische Moderne, die von der Dichotomie von Gedanken und Dingen durchquert ist, hat sich das Bewusstsein als eine Ansammlung von Ideen, von Vorstellungen und Gedanken vorgestellt. Sie stellte sich das Subjekt des Bewusstseins als eine Seele (oder einen Verstand) vor, die (oder der) im Körper als eine Art Berechnungsfähigkeit installiert ist. Ein „Gespenst in der Maschine“, das in der Lage ist, Empfindungen zu erfassen, sie zu komplexen Abbildungen zu verarbeiten und dann zu Begriffen und Schlussfolgerungen. Das mechanistische Weltbild, unter dem all diese Vorstellungen entstanden, führte letztendlich, während der Begriff nach und nach deutlicher gemacht wurde, zu der Vorstellung, dass dieses Subjekt, als Verstand eines Einzelnen, die Empfindungen nur der Form nach verarbeiten konnte, das heißt, nur syntaktische Operationen darauf anwendete (ordnen, vergleichen, trennen, vereinen), so dass dieses Gespenst selbst nichts anderes war, als eine Maschine. Damit wurde die gesamte Ordnung der substantiellen Bedeutungen in die Vorhölle der Spekulation und der rein philosophischen Selbsttäuschungen verbannt.


Diese langfristige Tendenz, der immer noch widerstanden und Diskussionsbedarf entgegengebracht wird, erstreckt sich über das gesamte klassische Gedankengut, von Wilheln von Occam bis Kant, und sie wurde tief und wirksam allein von den deutschen Idealisten kritisiert, insbesondere von Hegel. Trotz dieser Kritik, die erwartungsgemäß danach fast ohne Ausnahme als die letzte und raffinierteste der spekulativen Selbsttäuschungen stigmatisiert werden sollte, dieser klassische Subjektbegriff, der als kartesisch bezeichnet werden kann, tritt, unter immer radikalerem Verlust seines „mystischen Schleiers“, mit aller Macht in den sozialwissenschaftlichen Einzelwissenschaften hervor. Seine Sinnentleerung wird später in den gespenstischen Vorstellungen des Strukturalismus gipfeln (für den „das Subjekt nichts anderes ist, als ein Signifikant für einen anderen Signifikanten“), und danach m absurden Extrem seiner post-strukturalistischen Auflösung, in nichts als einer Situation, einer Kontingenz, ohne Sinn oder Kleinklein.


In diesem jahrhundertelangen Abgleiten, gipfelt und entblößt sich der bürgerliche mechanistische Geist und baut er sich ab. Und damit auch jener Horizont menschlicher Emanzipation, der diese Überlegung mit enthielt, welche nun stigmatisiert wird, als fehlende Klarheit der Sprache oder reine Erfindung der messianischen Illusion.


Um von einer breiteren historischen Perspektive auszugehen ist es wichtig, zu erkennen, dass dieser Abbau strikt parallel zu dem des substantiellen Charakters des bürgerlichen Rechts erfolgt, dessen demokratische Inhalte und Garantien radikal abgebaut werden; parallel zum Abbau des produktiven bürgerlichen Horizonts, der zu einer schlicht abstrakten Reproduktion des Kapitals verkommt; und auch parallel zur Dekadenz des Marktes und der Demokratie, die ihrer Inhalte als reale Konkurrenz und Mitwirkung verlustig werden und sich in reine Formen der Verwaltung des Gesellschaftlichen verwandeln.


In solch einem ideologischen Kontext des allgemeinen Abbaus ist es vonnöten, jene progressiven Inhalte der bürgerlichen Tradition heraus zu retten und in Bezug auf den kommunistischen Horizonts Überlegungen ninsichtlich ihrer effektiven Überwindung anzustellen, nicht nur hinsichtlich ihrer mechanischen Annullierung. Ohne den substantiellen Charakter des Subjekts, des Verstands, der Sinnhaftigkeit, der Freiheit, der Gerechtigkeit und der Wahrheit ist ein kommunistischer Horizont nicht denkbar. Der Abbau des bürgerlichen emanzipatorischen Horizonts in seiner rein abstrakten Negation baut seine substantielle Überwindung ab und verhindert sie. Daher muss die Vielzahl literarischer und spekulativer Moden, die man trotz ihres tosenden Mangels an gesellschaftlicher Relevanz, trotz ihrer trivialen Routinen akademischer Reproduktion und ihrer Akademisierung der Kritik als „post modern“ zu bezeichnen pflegt, als zwingend notwendiges Ziel der revolutionären Kritik auf theoretischer Ebene betrachtet werden. Vor allem, weil ihrer gesellschaftliche Funktion, wenn sie dann stattfindet, gerade in den Institutionen stattfindet, welche die bürokratische Reproduktion zertifizieren.[17]


Aber unsere Aufgabe ist es, nicht nur den Abbau zu kritisieren und die potentiell befreienden Ideen wieder zu gewinnen, sondern sie zu überwinden. Was wir wollen ist nicht, die bürgerliche Befreiung zu realisieren, die in der Praxis als widersprüchlich und nicht durchführbar vorgeführt worden ist. Wir wollen einen substantiellen Horizont formulieren, der effektiv post bürgerlich und post bürokratisch ist.


Wir benötigen ein substantielles Subjekt, aber wir sind nicht gezwungen, uns dieses auf kartesische Weise vorzustellen. Wir benötigen eine substantielles Vernunft, aber wir sind nicht gezwungen, uns diese als homogenisierende Macht, als abstrakte Universalität vorzustellen und schon gar nicht, sie auf eine rein syntaktische Fähigkeit der Komposition und des Kalküls zu reduzieren. Wir können Überlegungen hinsichtlich der Wahrheit anstellen, aber nicht als eine Kategorie der formellen Logik, sondern als eine gespaltene und antagonistische Realität. Wir können über Gerechtigkeit nachdenken, aber nicht als reines Ideal, getrennt von ihrem Kontext und von ihrer Geschichte.


Der zentrale Vorteil, den Marxismus ausgehend von einer hegelianischen Perspektive zu denken, worüber im Vierten Teil (Vierter Teil, Grundsatzfragen, Kapitel 1, Eine marxistische Philosophie) etwas weitere Ausführungen machen werde, besteht darin, an der Überwindung des aufgeklärten Marxismus arbeiten zu können, der unmittelbarer Erbe der Vorstellungen der Moderne ist, und gleichzeitig an der Überwindung seines schlichten Gegenteils, dieser akademischen Moden, die oft „Post-Marxismus“ genannt werden und bei denen es sich meistens um nichts anderes handelt, als schlicht und einfach um „Ex-Marxismus“.


b. Bewusstsein als Verstand, Bewusstsein als Handlungen

Dieses (zornige) Zwischenspiel ist gerade bei der Behandlung der Frage des Bewusstseins und des noch exotischeren Begriffs des Klassenbewusstseins erforderlich.


Wie gesagt, ist das Bewusstsein für die vom klassischen Marxismus weitestgehend geteilte aufgeklärte Tradition nichts anderes, als eine Menge von Ideen und Vorstellungen und das Subjekt, bei den es sich um ein Individuum par excellence handelt, nichts anderes, als die Fähigkeit, Empfindungen, Vorstellungen und Ideen zu erfassen, zusammenzusetzen und zu berechnen. Das Bewusstsein ist im Grunde das, was ein Individuum denkt und von etwas (anderem) „Bewusstsein zu haben“ ist, es zu wissen, es zu denken.[18]


Das klassische Denken ging davon aus, dass das Bewusstsein eine erfolgreiche Auseinandersetzung mit der objektiven Welt ermöglicht. Im Extrem war Wissen oder „Bewusstsein“ eine notwendige logische Vorbedingung für die Wirksamkeit der Handlungen. Unter dieser Voraussetzung dachte man, dass die Macht vom Wissen abstammt, was wortwörtlich in der Losung zum Ausdruck kommt, dass es „keine (erfolgreiche) revolutionäre Praxis ohne eine (vorherige) revolutionäre Theorie“ gibt.


Für Hegel ist das Bewusstsein stattdessen eher ein Feld von Aktionen, eine Situation, die Handlungen enthält und Bereitschaft zu Handlungen. Unter einer nicht konventionellen Logik, in der die Relationen ihre Termini hervorbringen, haben diese Aktionen die Auswirkung, zu Vorstellungen oder Gedanken zu werden. Hierdurch wird die Beziehung zwischen Denken und Handeln umgekehrt. Das Denken ist ein strikt notwendiges Moment für das Handeln, aber es ist nicht ihr Ursprung. Das Wissen ist der Diskurs, der das Handeln vermittelt, es kann seine Komplexität herbeiführen, ist aber nicht das hervorrufende oder initiierende Element.


Auf der Ebene der Theorie zwingt dies dazu, das „Wissen“, welches die Handlungen als solche, als effektive Tatsache beinhalten, von seiner expliziten Darstellung als das zu unterscheiden, was wir gewöhnlich und im eigentlichen Sinn als (gedachtes) Wissen bezeichnen. Das Erste, in seiner Eigenschaft als Tatsache, als impliziter Akt, kann Gewissheit genannt werden. Das Zweite, „Gewusste“, Gedachte, Abgeleitete kann man als Bewusstsein bezeichnen.


Bei dieser Differenz ist es wichtig, das Primat der Aktion, als materielle, effektive Bindung, über das Denken als Moment, als Folge beizubehalten. Das so verstandene Bewusstsein ist grundsätzlich und zuerst etwas, das die Personen, wie bei entfremdeten Bewusstsein, selbst über ihr Denken oder ihren ausdrücklichen Glauben hinweg oder gar gegen sie tun. Das Bewusstsein ist nicht zuerst das „subjektive Element“, als ob das Subjekt (die Seele, der Verstand) ein von der Welt (der Handlungen, der Dinge) unterschiedlicher Gegenstand wäre. Es ist ein objektives Feld von Aktionen, von denen die Subjektivität eine Folge ist.


Aber diese klassische Dichotomie (Gedanke, Sache) ist nur die erste aus einem ausgedehnten System. Was das Bewusstsein betrifft, wurde eine zweite zwischen Wollen und Denken aufgestellt. Den Willen, ein beunruhigendes und stets geheimnisvolles Element des berechnenden Gespensts, hat man sich als Impuls, Tendenz, als ursprünglich natürlichen Instinkt vorgestellt, in gewisser Weise als Gegenteil des rationellen, berechnenden, formellen vom Denken vertretenen Elements. Im Extremfall des ethischen Idealismus war das Grundpostulat, als Bedingung für die Möglichkeit der gesellschaftlichen Harmonie, die vollständige Unterordnung dieser Impulse unter das rationale Kalkül, oder noch schlimmer, die extreme „Säuberung“ des Willens bis zu seiner Ausübung als „rein rationalem Willen“. Kants Extrem zu diesem Extrem ist das Postulat, dieser „reine Wille“ könne in der Perspektive als ein „guter Wille“ betrachtet werden.


Weit entfernt von solcher Naivität, sind diese Impulse und Handlungen bei Hegel zwei Aspekte ein und derselben Realität. Es gibt keine von einem Willen getriebenen Handlungen, der aus der Vernunft oder aus der Natur stammt. Die menschlichen Handlungen enthalten in sich selbst und durch sich selbst die Spannung, die sie antreibt. Jegliche Handlung des Menschen ist an sich eine Spannung, die zum Handeln treibt. Diese Spannung ist der Wille, welcher der Frage logisch vorausgeht, ob er verwirklicht, gedacht, oder auch nur ausdrücklich gewusst wird. Dieser durch sich selbst enthaltene Wille ist ein wesentliches Element dessen, was Hegel als Bewusstsein bezeichnet.


Eine dritte Dichotomie, deren schädlichste Folge der aufgeklärte Avantgardismus ist, besteht angeblich zwischen dem gesellschaftlichen Bewusstsein und dem sozialen Denken. Ihr zufolge gibt es, da das Bewusstsein als individuelle Fähigkeit betrachtet wird, genau genommen kein „soziales“ Denken: Gesellschaften denken nicht, es sind die Individuen, die dies tun. Folglich würde der Ausdruck „soziales Denken“ in Wirklichkeit eine Menge von Individuen bezeichnen, welche bestimmte gemeinsame Ideen angenommen haben, wobei sie jedes einzelne dieser Individuen teilen könnte oder nicht. Die Konsequenz ist dann, dass das Bewusstsein ihrer Interessen, welches Denken und Wissen ist, Vernunft, die einen guten Willen antreibt gegenüber den alltäglichen Impulsen der Trägheit, von jenen, die es besitzen, auf jene übertragen werden muss, denen es fehlt, weil eine feindliche Kraft, die Unwissenheit, die Unterwürfigkeit, sie daran hindert.


Weit entfernt von solcher aufgeklärten Pädagogik, sind stattdessen bei Hegel die gesellschaftlichen Gruppen und Schichten als solche Subjekte und ihr Handeln formt in seiner Auswirkung die Individuen und deren eventuelle Autonomie. Diese Subjekte üben ihr Bewusstsein tatsächlich aus (sie handeln), nicht als Produkt der Einfälle ihrer Einzelmitglieder, sondern als Ausdruck des Willens, der sie bildet und antreibt. Dass die Individuen von diesem Bewusstsein mehr oder weniger ausdrücklich Kenntnis erlangen, stellt eine Bildungsaufgabe dar, eher ein Resultat tatsächlicher Erfahrungen, als Wirkung einer Predigt von Ideen, die, ohne in dieser Erfahrung zu wurzeln, ganz einfach nutzlos wäre oder, im subjektiven Sinn, von den individuellen Empfängern nur als extravagant, gefährlich und fremd empfunden werden könnte. Dies kann ohne Weiteres anhand der gängigen Reaktion der arbeitenden Menschen gegenüber der Predigt der radikalen aufgeklärten Revolutionäre bestätigt werden. Natürlich haben sich diese Prediger aufgrund ihrer extreme Eitelkeit, die nichts anderes ist, als die Kehrseite ihrer politischen Impotenz, daran gewöhnt, diese Zurückweisung als Entfremdung, Unwissenheit, Defätismus oder Feigheit zu interpretieren... womit sie sich kurioserweise daran gewöhnen, sich gerade von dem Subjekt abzuwenden, bei dem es angeblich sich um das revolutionäre Subjekt handeln soll.


Wenn wir diese Dichotomien und die Möglichkeit ihrer Überwindung behandeln, werden der Begriff des Klassenbewusstseins und der ach so abgestandene Begriff der „Praxis“ transparent. Und es wird möglich, den beständigen Nimbus von Paternalismus, Avantgardismus und aufgeklärtem Elitismus aufzugeben, der sie im verlauf des größten Teils der marxistischen Tradition begleitet hat.


Das Klassenbewusstsein betrifft „die Klasse“ in realem Sinn, nicht nur eine Handvoll „fortgeschrittener“ Individuen, die sie auf die Klasse projizieren. Das Klassenbewusstsein ist eine Erfahrung, eine objektive Menge von Bedingungen, Handlungen und Bereitschaften zum Handeln, nicht eine repräsentative Denkart, welche die Handlungen als eine außerhalb stehende Fähigkeit und Macht erklärt. Das Klassenbewusstsein ist kein kritischer Geist, der einen Willen erzieht und fördert, es ist selbst dieser Wille, ganz gleich ob es sich dessen bewusst ist. Es ist selbst diese Spannung zur Realisierung des in einer Gesellschaftsklasse enthaltenen Begriffs. Es ist selbst die Spannung, von der aus dieser Begriff sich herausbildet.


Die „Praxis“ ist nicht eine opportune und adäquate Kombination von Theorie und praktischem Handeln. Sie ist das Umfeld, von dem aus fortlaufend sowohl die Theorie, wie auch das praktische Handeln entstehen. Und das ist selbst dann der Fall, wenn die betreffende Theorie „falsch“ ist. Es ist weder nötig, noch wünschenswert, „Praxis“ als korrekt von der Theorie geleitete Aktion, der „Entfremdung“ entgegenzustellen, bei der die Theorie falsch ist. Stattdessen ist es notwendig und rigoros, von der Möglichkeit einer „entfremdeten Praxis“ zu sprechen. Jedwede soziale Aktion ist Praxis, sie kann nichts anderes sein. Das Wort Praxis für solche Aktionen zu reservieren, die uns gefallen oder mit denen wir einverstanden sind, ist nichts anderes als Avantgardismus. In einer Klassengesellschaft ist jedwede gesellschaftliche Handlung entfremdet, selbst solche, die den Willen und die Möglichkeit einer Überwindung dieser Entfremdung beinhalten. Die revolutionäre Praxis als bewusst und korrekt, die des Feindes dagegen als entfremdet und falsch zu begreifen, ist nichts anderes als aufgeklärter Elitismus. Niemand steht im Blickwinkel der Wahrheit, als ob die Wahrheit eine wäre und homogen. Die Wahrheit selbst ist gespalten und sich selbst entgegengesetzt. Und die revolutionäre Seite ist nur einer dieser Termini. Wir nennen unsere Wahrheit aus rhetorischen und politischen Gründen als „Wahrheit“ und weil sie unsere Wahrheit ist. So zu tun, als ob ihr gegenüber nur böser Wille und Irrtum stehen, bedeutet, sich einen solchen Blickwinkel zuzuweisen, einen abstrakten und ahistorischen Ort, der einfach nicht existiert.


c. Gewissheit, Bewusstsein, Selbstbewusstsein

Um den post-aufklärerischen Begriff von Klassenbewusstsein zu beschreiben, ist es erforderlich, neue Unterscheidungen einzuführen (zu übernehmen). In freier Fortführung und mit marxistischem Ziel, werde ich einerseits die Gewissheit (Gw), das Bewusstsein (Bw) und das Selbstbewusstsein (Sbw) unterscheiden, andererseits Bw an sich, Bw für sich sowie Bw an und für sich. Es handelt sich um zwei Serien, die sich auf transversale Weise überlappen und dabei eine breit angelegte Kombinatorik voller nützlicher Spezifikationen für die Analyse konkreter ideologischer Prozesse ermöglicht. Ich werde mich anschließend kurz bei der Untersuchung der aus politischer relevantesten Wendungen und Kombinationen aufhalten.


Das „an sich“ ist der substantielle, reale Inhalt, der auf potentielle Weise in einem Feld von Handlungen liegt, im Subjekt, das von diesem aus Bestand annimmt. Es ist gleichzeitig Inhalt und Potenz, aber es ist auch dieser Inhalt als etwas Implizites, nicht Entwickeltes. Mehr als Grundlage, Halt oder Ursprung, ist das „an sich“ ein relationaler Moment eines effektiven Geschehens, das nur und wesentlich Prozess ist. Es ist ein Aspekt oder Zustand, dessen Wesen nicht darin besteht, über sich selbst hinaus zu gehen, denn es besteht als Spannung.


Das „für sich“ ist der Moment des Ausdrucks, der Entwicklung oder der Entäußerung des „an sich“. Es ist der Moment, in dem das „an sich“ als Subjekt auftaucht und danach trachtet, sich zunächst als Objektivität zu etablieren (als ein „für andere“) und anschließend als Herr und Eigentümer, als Leiter und effektiver Besitzer der Objektivität, die es setzt. Wegen dieses zweiten Moments, in dem sie durch sich ist, ist die gesetzte Objektivität wirklich ein für sich.


Das „an und für sich“ ist der Moment der Vollendung dieser Herrschaft, der Versöhnung, Anerkennung und Ermächtigung des Subjekts in der gesetzten Objektivität, die es nun als seine eigene ausübt.[19]


Aus diesen Unterschieden ergibt sich unmittelbar die Idee der Entfremdung (fremd und feindlich) als der Akt, in dem die als „für andere“ gesetzte Objektivität nicht zum „für sich“ zurückkehrt und seine Vollendung als ein „an und für sich“ verhindert. Und dies ist eine philosophische Art und Weise (und nicht mehr als das), den Inhalt der Entmenschlichung zu beschreiben, der dem Akt der Ausbeutung zugrunde liegt.


Wenn wir diese Kategorien, die eine allgemeinen logischen und ontologischen Wert besitzen, mit der Frage des Wissens verbinden, können wir die Gw von dem Bw an sich und dann beide vom Sbw unterscheiden.


Die Gewissheit ist das Bewusstsein an sich. Das Bewusstsein, das tatsächlich existiert, als impliziter Wille und implizites Wissen, die in Handlungen enthalten sind. Ein Wissen, das nicht ausdrücklich weiß, dass es ein Wissen ist. Ein Wissen, das als Operieren existiert. Und als solches auch ein möglicher, nicht entfalteter Inhalt.


Das Bewusstsein ist, in begrenzten und eigentlichen Sinn, das Bewusstsein für sich. Es besteht darin, zunächst etwas (anderes) als rein Außenstehendes zu wissen und dann als unser Wissen. Das heißt, zuerst als ein Wissen für einen anderen (vor etwas und vor jemandem weiß ich, dass ich etwas weiß), und später als eigentliches Wissen für sich (ich weiß, dass der, der dies weiß, ich selbst bin). Im ersten Moment weiß ich einfach etwas, bin Gegenstand eines Wissens. Im zweiten weiß ich, dass ich es bin, der weiß: ich beginne, mich für ein Subjekt des Wissens zu halten.


Dieser Schritt im Inneren des Bw ist wesentlich für die Wiedererlangung und die Wiedererkennung der Objektivität als unser Produkt, das heißt, für die Erfahrung von Realisierung und Macht, an und für sich, die man Sbw nennen kann.


Entsprechend folgt hieraus, dass die Unterbrechung der Entwicklung des Bw für sich das Sbw verhindert, das Subjekt in Objekt verwandelt, zunächst in ein Objekt des Wissens, danach in eines der Objektivität darüber hinaus, und auf diesem Weg das Objekt in einem Fetisch verwandelt, das heißt, in ein feindliches und fremdes Gespenst, in ein Reich abstrakter Objektivität, das für sich selbst zu existieren scheint, vollkommen außerhalb des Einzelwillens, und das herrscht und unterdrückt. Und das ist auch die philosophische Art und Weise (und nur das), die entmenschlichende Wirkung der Ausbeutung zu beschreiben.


Auf spezifischere Weise besteht der Schlüssel zum Übergang des Bw für sich zu seinem an und für sich, des Bw zum Sbw, im Unterschied zwischen dem Moment, in dem es nur für sich agiert, das heißt, etwas weiß, das für es ist, ein objektives Wissen weiß (das für einen anderen ist), und dem Moment, in dem es durch sich selbst agiert, das heißt, zum aktiven Wissen übergeht, das Wissen sucht, das es zum Ausdruck bringt und aus dem es besteht.


Das Klassenbewusstsein, als Sbw betrachtet, beginnt in dem Moment, in dem das Bw für sich zu einem Bw durch sich wird, das heißt, in dem das Bw als passive Objektivität zu einer aktiven Objektivität wird, die nach ihrer Realisierung strebt, die bezüglich ihres Produkts nach Versöhnung und Anerkennung strebt, jenes Produkts, das sie wieder zu erkennen und als eigenes zu begreifen sucht.


Anders und direkter gesagt, das Klassen-Bw ist dann Sbw, wenn es sich auf den Weg seiner Befreiung macht.


d. Empirisches Bewusstsein und Klassenbewusstsein

Gerade weil ich das Bw als Feld von Handlungen von dem Bw als Sammlung von Vorstellungen uns Ideen unterschieden habe, ist es notwendig, das empirische Bewusstsein („das, was die Leute denken“) vom Klassenbewusstsein (dem, was ein soziales Subjekt tut) zu unterscheiden. Und weil ich zwischen Gesellschaftsklassen und sozialen Schichten unterschieden habe ist es außerdem notwendig, zwischen Klassenbewusstsein und Gruppenbewusstsein zu unterscheiden. Beide Unterscheidungen sind erforderlich, um die genannten philosophischen Unterscheidungen in den praktischen Raum einer nicht aufgeklärten, nicht avantgardistischen revolutionären Pädagogik zu überführen.


Das empirische Bw ist die unmittelbare Ansammlung einzelnen Bewusstseins, das jedes Individuum hat und von dem es weiß, dass es dies hat, als System von Ideen und Gedanken, das seine aktuellen Existenzbedingungen als Vorstellungen zum Ausdruck bringt, nämlich die Art und Weise, wie es seinen Platz im Klassenkampf zu erleben und zu überleben vermag.[20] Das empirische Bewusstsein ist par excellence ein entfremdetes Bewusstsein, das heißt, eine in Gedanken vor sich gehende, künstliche Harmonisierung der realen Widersprüche des effektiven Lebens.


Die Entfremdung liegt aber nicht in diesen Gedanken, die sie nur zum Ausdruck bringen (siehe Vierter Teil, Kapitel 2, Der Begriff der Entfremdung), sondern in der Situation selbst. Das Klassenbewusstsein, als aktuelles und ausdrückliches Bewusstsein, weiß von der Entfremdung, aber es überwindet sie nicht. Die Entfremdung kann nur dadurch überwunden werden, indem man auf gesellschaftlicher Ebene eine Situation erlebt, in der sie nicht mehr vorhanden ist, das heißt, indem man den Klassenkampf überwindet.


Das Klassen-Bw ist also nicht die „Wahrheit“, als etwas abstraktes, formelles, ahistorisches. Sie ist die Wahrheit einer bestimmten Klassenposition, die Wahrheit, die diese Position als Potenz und Möglichkeit enthält, ganz gleich, ob ihre einzelnen Angehörigen es wissen oder nicht. Aber, gerade weil es sich um Spannung und reale Möglichkeit handelt, ist das Klassen-Bw immer im empirischen Bw vorhanden, auf virtuelle, aber auch auf sehr reale und aktuelle Weise, indem es sich in jeden einzelnen Ausdruck der Unzufriedenheit, des Zorns und des Widerstands einschleicht, der die Alltagserfahrung der gesellschaftlichen Widersprüche zu jeder Zeit kennzeichnet. Weder schafft die revolutionäre Pädagogik Klassen-Bw, noch setzt sie dieses gegen das empirische Bw durch. Eher wird das eine aus dem anderen entwickelt.


Dies wird verständlich, wenn wir das empirische Bw als Gewissheit betrachten, das heißt, als eine Reihe von Handlungen, die nicht wissen, was sie beinhalten (beispielsweise Lebensangst oder blinde Wut, die subjektiv keinen Gegenstand unterscheiden), oder als Bw nur an sich, das heißt, eine Reihe von Wissen, die ihren authentischen nicht wissen (beispielsweise wissen wir, dass wir Ausgebeutete sind, was wir aber dem Schicksal zuschreiben).


Das Bewusstsein einer Gesellschaftsgruppe (Bw in der Klasse) wird zum Klassen-Bw wenn die Potenz des Bw an sich zunächst als Bw für sich Gestalt annimmt (ausdrückliches Wissen von den Widersprüchen) und dann als Bw durch sich (von sich selbst als Subjekt dieses Wissens wissend). In dem Maß, in dem diese Bewusstseinsformen in Wirklichkeit bestimmte Mengen von Bereitschaften und Handlungen darstellen, kann dieser Übergang nur im Rahmen der politischen Aktion realisiert werden. Die revolutionäre Pädagogik besteht nicht darin, dass die Einen, Wissenden, anderen Unwissenden etwas zeigen oder beibringen. Sie besteht darin, die empirischen Empörungen aller zur politischen Aktion zu strukturieren. Die politische Aktion ist es, bei der alle etwas lernen. An erster Stelle lernen sie, dass sie selbst gesellschaftliche Subjekte sind. An zweiter Stelle lernen sie, welches der Ursprung der Widersprüche ist, denen sie ausgesetzt sind. Schließlich lernen sie ihre Aktionsfähigkeit kennen und das geschichtliche Wesen der etablierten Ordnung. Nur im Verlauf der politischen Aktion (im Allgemeinen) wird das Bw an sich zu Bw für sich und durch sich. Nur im Rahmen der revolutionären politischen Aktion wird das Bw zum Sbw.[21]


Selbstverständlich ist es im Rahmen dieser Entwicklung erforderlich, das Klassen-Bw als kritisches Gedankengut und Theorie ausdrücklich zu machen; sie tragen zu seiner Steigerung bei. Aber das politische Bw entspringt nicht dem kritischen Gedankengut, sondern der politischen Aktion selbst. Obwohl es außerhalb, davor oder parallel existiert, ist kritische Theorie für sich selbst kein politisches Bw.


Die theoretische und theoretizistische Manie der Avantgarden, die alles „wissen“ aber auch nicht zum geringsten gesellschaftlichen Einfluss in der Lage sind, und ihr absurdes Extrem, bei dem es sich um die Akademisierung der Kritik an den Universitäten handelt, weisen klar darauf hin, dass die Kritik isoliert und allein existieren kann, als unschädliches oder gar sterilisierendes Element, ohne jegliche Beteiligung an der realen sozialen Bewegung. Diese „politische“ Kritik kann nicht real als politisches Bw betrachtet werden. Ihre Wirkung, als Elitismus der Avantgarden, oder als reine akademische Reproduktion, ist nichts anderes als Bürokratisierung dessen, was revolutionäres Denken sein könnte.


Nur in der politischen Aktion gibt es politisches Bw und kann es revolutionäre Pädagogik geben. Ein Bw, das Handlungen innewohnt und sich durch diese realisiert, eine Pädagogik ohne Lehrer, in der alle gleichberechtigt über die Lehren aus ihren Aktionen diskutieren. Es ist notwendig, immer wieder auf diesen Punkt zu bestehen, denn die Bürokratenherrschaft hat, wie jede herrschende Klasse, auch ihren linken Flügel, ihren radikalen und fortschrittlichen Pol, von wo uns, als Axiom, das aufgeklärte Primat der Theorie aufgezwungen wird, sowie die vorgeblich entscheidende Rolle der Intellektuellen. Wenn dann die revolutionäre Initiative voranschreitet und siegt, entspringt diesen Axiomen nur Bürokratenherrschaft, im Gewand der revolutionären Seite. Wenn die revolutionäre Initiative zurückweicht und eine zeitweilige Niederlage erleidet, dann entspringt solchen Axiomen nur hochtrabender Avantgardismus und akademische Reproduktion in radikaler Umhüllung. Das haben wir bereits gesehen.


Die Revolutionen werden von den Völkern gemacht, nicht von den Intellektuellen (auch nicht von Militärs). Die Intellektuellen können nichts hervorrufen oder anführen, was den Namen kommunistische Revolution verdienen würde. Wenn sie es tun, gerade weil sie ihre Macht durch ein Wissen legitimieren, welches anders und dem gemeinen Wissen überlegen ist, werden sie zu Bürokraten. Das haben wir bereits gesehen.


Die revolutionären Intellektuellen begleiten, registrieren das siedende, bereits reale Bewusstsein in der politischen Aktion, sie machen es nach Art der Logographen ausdrücklich und sie verhalten sich in ihrer Eigenschaft als Bürger strikt als ebenbürtige Partner des Wissens und des gemeinsamen Handelns. In der revolutionären Aktion, die als ein langer Marsch verstanden werden muss, bildet sich das Volk selbst. Es macht seine Empörung ausdrücklich, es macht seine Entfremdung sichtbar, es kämpft für deren Überwindung. Alle anderen Wege zeitigen schlechte Ergebnisse und haben eine schlechte Prognose. Das haben wir gesehen.


An viele meiner Freunde gerichtet, muss ich etwas hinzufügen. Die Intellektuellen, insbesondere jene, die von ihrer Tätigkeit als solche leben, interessieren sich immer für die Spezifikation der Bedeutung und der Kraft des individuellen Bw. Hierzu kann ich nur sagen, dass das Bw als solches immer transindividuell ist, über das individuelle Bw hinausgeht und es produziert. Das individuelle Bw ist ein Ergebnis, eine Wirkung, eine soziale Funktion.


Aber, selbst als Wirkung kann das individuelle Bewusstsein, welches nichts anderes ist, als ein (lokales, temporäres, de facto) empirisches Bewusstsein, Gewissheit sein (ein einfaches Operieren), Bewusstsein (ein Wissen und Sichwissen), oder Selbstbewusstsein (eine Ausübung von Freiheit). Das Bw eines Individuums ist Sbw wenn es weiß und seine Zugehörigkeit ausübt. Wenn es seine Freiheit in das (geteilte, antagonistische) Universum setzen kann, das es hervorbringt. Wenn es als Einzelnes seine Autonomie gegen diese Antagonismen ausübt und sich existentiell für deren Überwindung engagiert.


Es ist fast müssig, hinzuzufügen, dass diese Vorstellung von individueller Freiheit der Mehrheit der Intellektuellen ziemlich beschränkt vorkommen wird, selbst den linken. Das harte Eingeständnis, zu dem ich sie einladen kann, ist aber, dass sich die (liberale) bürgerliche Freiheit und die (verwaltete) bürokratische Monotonie wesentlich von der Freiheit unterscheiden und immer unterscheiden werden, die wir vorschlagen.

  1. Und das sind Inhalte, die nicht ausschließlich bei ihm zu finden sind. Es kann gezeigt werden, dass sie auch bei Friedrich Engels und Michail Bakunin anwesend sind, die formell “hegelianischer” sind, als Marx, und auch, auf unterschiedliche Weise, bei Moses Hess, Ludwig Feuerbach, Pierre Joseph Proudhon, Ferdinand Lasalle oder, allgemein, bei all jenen seiner Zeitgenossen, die das Politische von außerhalb der liberalen Trägheit angegangen waren.
  2. Für eine Kritik der Idee, diese "Logik der Entdeckungen" könne formuliert werden, siehe Carlos Pérez Soto, Sobre un concepto histórico de ciencia, 2° edición, Lom, Santiago, 2008. Auf detailliertere Weise und mit unterschiedlichen Grundlagen, kann man dieselbe Kritik in den Werken von Karl Popper, Thomas Kuhn und Imre Lakatos finden. Zu den Hintergründen dieser Beschreibungsmanie, siehe Stanisław Andrzejewski: Die Hexenmeister der Sozialwissenschaften. Mißbrauch, Mode und Manipulation einer Wissenschaft (1972), München: dtv 1977.
  3. Wie bekannt, handelt es sich um ein Delirium, das in den moralisierenden Vorträgen von Max Weber verankert ist, Wissenschaft als Beruf (1917/1919) und Politik als Beruf (1919), Max Weber Gesamtausgabe, Band 1/17, die in der Regel als Katechismus an den Akademien gelehrt wird.
  4. In Wirklichkeit stellt dies nur dann eine "Schwierigkeit" dar, wenn wir erwarten, dass seine Schriften eine unbedingte Kohärenz und Präzision aufweisen, was leider häufig unter den Anhängern "seines Wortes" anzutreffen ist. Meiner Meinung nach ist eine derartige Kohärenz nicht nur ein Mythos, sondern auch weder möglich, noch wünschenswert. Hinsichtlich einer Form, dieses erkennbare Fehlen einer perfekten Kohärenz bei Marx politisch anzugehen, siehe im Anhang II, Fragen der Methodik, am Ende dieses Buches.
  5. Ich erlaube mir eine kurze poetische Umschreibung, für die älteren Leser. Die Bourgeoisie schläft nicht: während die nordamerikanischen Kapitalisten schlafen, sind die chinesischen Kapitalisten tätig. Oder auch, wen man diese Subjekte als Gesellschaftsklassen betrachtet, schläft nicht der Muskel, ruht der Ehrgeiz nicht [Anspielung auf einen alten Tango, Anm.d.Übers.].
  6. Offensichtlich steht bei diesen Unterscheidungen die Idee von der "immateriellen Arbeit" und dem eventuell durch den so genannten "General Intellect" in die Produktion eingebrachten Wert auf dem Spiel. Um dieses Problem im Rahmen der Logik anzugehen, die ich im Begriff bin, zu entwickeln, ist es zunächst erforderlich, den Begriff der bürokratischen Macht und Legitimität zu spezifizieren. Danach, am Ende dieses Zweiten Teils, werde ich eine Kritik dieser Begriffe anstellen. Siehe Teil IV, nach dem Kapitel 4, den Notiz zur Idee der immateriellen Arbeit.
  7. Im Vierten Teil, Kapitel 3, Vorkapitalistische Wertdimensionen, werde ich argumentieren, dass es direkte Unterdrückungsformen gibt, die sich nicht auf Tauschwert reduzieren lassen, die aber Ausbeutungsverhältnisse beinhalten, bezüglich anderer realer, vorkapitalistischer Wertdimensionen.
  8. Ich werde später jedoch gegen den Vorwurf des Ökonomismus argumentieren. Siehe den Vierten Teil, Kapitel 3, Abschnitt e.
  9. Streng genommen, mit größerer Präzision und Strenge, sollte diese These verstanden werden als "war bis heute der Motor der Geschichte" (muss es nicht sein), oder auch, "ist der Motor der menschlichen Vorgeschichte": wir haben eine Gesellschaft von wirklich freien Bürgern noch nicht erreicht, die das Einzige ist, was richtigerweise als Geschichte bezeichnet werden kann.
  10. Um der mystifizierende Manie unserer Akademiker zuvorzukommen, ist es wichtig, darauf hinzuweisen, dass es sich nicht um nackte Gewalt für sich handelt, um Gewalt der Gewalt wegen. Es handelt sich um eine bestimmte Gewalt, die sich um ein relativ nüchternes Ziel dreht: sich das gesellschaftliche Produkt mit Vorteil anzueignen.
  11. Alles, eine komplette Kollektion, ist nicht dasselbe wie Totalität. Der Begriff der Totalität bezeichnet ein Feld von Handlungen, welches innerlich ausgehend von einer konstituierenden Beziehung gebunden ist, die es hervorbringt. Und auch, selbstverständlich, ist Determinierung nicht dasselbe wie Determinismus, beide Begriffe implizieren einander NICHT. Bezüglich beider Probleme, siehe den Abschitt Kategorien, in Carlos Pérez Soto, Desde Hegel, Itaca, México, 2008.
  12. Insbesondere aus dem außerordentlich kurzen, aber ausdrucksstarken, 1859 veröffentlichten Vorwort zur Kritik der Politischen Ökonomie.
  13. Zur Vorstellung von Geschichte bei Marx, den Begriff der Produktionsweise, siehe den Vierten Teil, Kapitel 3.
  14. Das Wort, das ich zitiert habe, lautet “was nur ein juristischer Ausdruck dafür ist…”. Marx dixit.
  15. Es ist wichtig, schon jetzt vorauszuschicken, dass entsprechend sowohl die lohnabhängigen Handwerker, wie auch die Bauern ein Vaterland haben. Die Indistriearbeiter, infolge ihrer Entfremdung in der abstrakten Arbeit, jedoch nicht.
  16. Gegen die Puristen bestehe ich darauf, mich an diesem Unterschied zwischen den Figuren des Handeltreibenden (der mit Produkten handelt), des Immobilienrentiers (der von seinem physischen Eigentum lebt), des abstrakten Rentiers (der vom An- und Verkauf von Aktien oder von Bankzinsen lebt) und des Finanzkapitalisten (der das Kapital durch Bewegungen von Derivaten des Geldes reproduziert) deren progressive Ablösung hinsichtlich der realen, materiellen Produktion interessiert. Das ist konsistent mit der allgemeinen Argumentation gegen das unproduktive Kapital in diesem Buch. Selbstverständlich ist es mir gleichgültig, ob diese Kategorien existieren oder ob sie im Rahmen der konventionellen Ökonomie bereits definiert wurden. Ich definiere sie gerade hier. Was die Argumentation angeht, sollte das genügen.
  17. In einem Prozess gesunder Aufrichtigkeit, der leider mit dem Aufschwung der sozialen Bewegung aus der Mode gekommen ist, war es in der konservativen Blütezeit der 80er und 90er Jahre für die Wissenschaftler, die diese Glaubensbekenntnisse teilten, typisch, dass ausdrücklich anerkannten, ihre Erkenntnisse stammten aus ihrer Überzeugung, dass die kommunistische Horizont unmöglich sei. Das heißt, sie behaupteten diese Unmöglichkeit nicht aufgrund weiser und tiefgreifender theoretischer Studien, sondern behaupteten, ihre theoretischen Studien ergäben sich aus ihrem Mangel an Vertrauen und ihrer historischen Impotenz. Die Zeiten ändern sich, die Volksbewegung, von der kapitalistischen Krise angestachelt, tritt wieder in Erscheinung und diese gesunde Aufrichtigkeit beginnt, sich in opportunistischen Zynismus zu verwandeln: jetzt, nach dreißig Jahren des Abschwörens jeglicher emanzipatorischer Perspektive, heißt es, sie seien in Wirklichkeit kritische Intellektuelle gewesen und blieben es weiterhin. Aber sie sind immer noch die gleichen sind und kein bisschen von denselben Grundlagen aufgegeben, die es ihnen zuvor erlaubten, den Kommunismus für unmöglich zu erklären, und die sie jetzt, auf magische Weise, an die Seite der Hoffnungen des ganzen Volkes stellen.
  18. Ich werde mich hier nicht bei der Kritik des kartesianischen Subjektbegriffs aufhalten, oder bei den Kategorien des aufgeklärten Gedankenguts, die für sich schon mehr als genug Stoff für ein weiteres Buch geben würden. Ich werde nur die Unterschiede in Bezug zu einem post aufgeklärten Begriff beschreiben und Argumente zugunsten seiner Sinnhaftigkeit und Nützlichkeit vorbringen. Zu jener Grundsatzkritik, siehe, Carlos Pérez Soto, Desde Hegel, Itaca, México, 2008.
  19. Diese hegelianischen Unterschiede haben nichts mit der berühmten "dialektische Triade" (These-Antithese-Synthese) zu tun, die von Hegel nie vorgeschlagen, sondern von ihm ausdrücklich wurde. Für diejenigen, die mit seinen Schriften vertraut sind, sollte es nicht überraschend sein, dass der zweite Moment dieser Serie (das für sich) ein doppelter Moment ist, der die anderen beiden miteinander verbindet. Man muss auch darauf aufmerksam machen, dass das an und für sich keine Vereinigung beider vorangegangenen Momente darstellt (nicht deren Synthese ist), sondern deren Überwindung. In der Figur der Überwindung werden beide Momente absorbiert, aber nunmehr radikal, nicht als solche, sondern als etwas Neues.
  20. Es wird dem Leser natürlich nicht entgangen sein, dass das, was ich als "empirisches Bewusstsein" definiere, in der Regel dem aufgeklärten Begriff des Bewusstseins entspricht. Es ist jedoch wichtig, sich nicht durch diese Ähnlichkeit beeinflussen zu lassen. Die Grundlage von wo aus ich dieses empirische Bewusstsein angehe, bleibt die von mir hier skizzierte. Der Punkt ist, dass dieses empirischen Bewusstsein nur ein Erscheinen vor sich selbst eines (im post aufgeklärten Sinne) entfremdeten Bewusstseins ist. Es ist nicht, von sich aus, nichts Anderes als dieses Erscheinen.
  21. Es ist wichtig, zu erkennen, dass die von mir hier vertretene Position, mit radikalerer politischer Betonung und mit vollständigerem philosophischen Vokabular, an vielen Stellen mit der von Paulo Freire (1921-1997) vertretenen Pädagogik der Unterdrückten übereinstimmt. Auf dem Gebiet der Kunst ist diese Vorstellung von einem Bewusstsein, das sich in Handlungen fördert und realisiert, auch in der Tradition und Praxis des von Augusto Boal (1931-2009) vorgeschlagenen Theaters der Unterdrückten präsent.