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De Carlos Pérez Soto
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IV. Werkzeug

Hinweis zur zweiten Auflage

Ich habe das Kapitel „Polemiken“ aus der ersten Ausgabe durch dieses ersetzt: Werkzeug. Die Idee ist, hier einige der Kategorien ausdrücklich zu entwickeln, die in den vorangegangenen Kapiteln auf dem Spiel gewesen sind. Wie der Titel andeutet, geht es darum, dass diese Kategorien direkt in der aktuellen Diskussion in den Gesellschaftswissenschaften zum Einsatz kommen und darin einen möglichen marxistischen Gesichtspunkt zum Tragen bringen können.


Der erste Text fasst die scheinbaren Paradoxien zusammen, die sich für eine im klassischen Stil gebildete marxistische Mentalität aus den von mir formulierten Ideen ergeben, im Hinblick auf einen Marxismus des XXI. Jahrhunderts.


Der zweite, den ich aus der ersten Ausgabe herüber gerettet habe, entwickelt eine davon, die Idee von repressiver Toleranz, und stellt sie in den Kontext der vor sich gehenden postfordistischen Revolution.


Der dritte Text geht die Frage der epistemologischen Unterschiede zwischen dem Marxismus und den Disziplinen der Gesellschaftswissenschaften an und unterstreicht aus diesem Anlass den Unterschied zwischen Klassenanalyse und Analyse der sozialen Schichtungen. Das ist eine unter ehemaligen Marxisten, die sich als Postmarxisten zu bezeichnen pflegen, heiß umstrittene Frage.


Dies sind Texte für die Diskussion, keine Texte, in denen andere Diskussionsbeiträge ausdiskutiert werden.


Ich habe diese zweite Ausgabe mit einem Text konjunkturellen Charakters abgeschlossen, bei dem es sich möglicherweise um den mit der beschränktesten Gültigkeit von allen handelt, der aber unter Umständen in vielerlei Hinsicht für diesen Moment der Landespolitik der notwendigste ist.


1. Repressive Toleranz und kommunistische Politik

In gewisser Weise steht dieses Buch unter paradoxen Zeichen, oder Zeichen, deren paradoxer Anschein nur die Ohnmacht der kritischen Theorie angesichts der substantiellen Komplexität der gegenwärtigen Herrschaftsformen zum Ausdruck bringt: frustrierendes Behagen, Ausbeutung ohne Unterdrückung, Entfremdung im Überfluss. Unter diesen paradoxen Vorstellungen ist die repressive Toleranz wahrscheinlich die mit der größten unmittelbaren politischen Bedeutung.


Wenngleich der Ausdruck von Marcuse stammt, ist die reale Situation, die ich mit dem Aufgreifen und der Neubelegung dieses Begriffes angehen möchte, äußerst unmittelbar und kontingent: die Rückkehr zur „Demokratie“ nach den Militärdiktaturen in Lateinamerika und die allgemeine Zerschlagung der radikalen Linken auf friedlichem Wege, die unter der Unterdrückung durch die Diktaturen gewachsen war und im Volk mit Unterstützung rechnen konnte.


Die Zielsetzung dieses Textes ist es, zur Klärung des Prozesses der Desubstantialisierung[Anm.d.Übers. 1] der Demokratie und ihrer gesellschaftlichen Basis beizutragen, indem dieser mit den neuen Formen der Herrschaft in einen hochtechnologischen Gesellschaft in Verbindung gebracht wird.



a. Die Idee von repressiver Toleranz

Toleranz ist nur das Gegenteil des dogmatischen Totalitarismus in einer Gesellschaft, in welcher die offenkundige Repression den utopischen Horizont des Unterschieds ermöglicht. In einer von Unterdrückung geprägten, aber gerade deshalb auch zweidimensionalen Gesellschaft. In einer Gesellschaft, in der die Utopie tatsächlich ein anderer Ort ist.


In einer Gesellschaft, die in der Lage ist, die Diversität zu manipulieren, hört die Toleranz auf, das Gegenteil von Unterdrückung zu sein. Wenn die Gesellschaft nicht nur den Unterschied nicht mehr fürchtet, sondern aus dessen Manipulation Nutzen zu ziehen imstande ist, dann kann die Toleranz zu einem Vehikel der Herrschaft werden. Die Utopie hört auf, ein Horizont zu sein und die ständige Illusion ihrer Verwirklichung verurteilt die alternativen Aktionen dazu, als Bestätigungen des Systems zu wirken.


Die klassische Toleranz forderte Diversität in einer homogenisierenden Welt. Der mittelalterlichen Homogenität gegenüber, wurde die Legitimität der Innerlichkeit des Bewusstseins, der persönlichen Autonomie des Willens, die Legitimität der Auseinandersetzung um Ideen und des rationellen Dialogs auf der Suche nach der Wahrheit, der Schönheit und der Gerechtigkeit gefordert. Die klassische Toleranz war das ritterliche Banner einer möglichen Freiheit. Sie war das Banner einer natürlichen Harmonie zwischen gleichen, freien und brüderlichen Individuen, die in der Lage sind, eine bessere Welt zu schaffen.


Als die Toleranz noch dem Dogmatismus gegenüberstand, war ihre Utopie keine schlichte Sammlung von Formeln oder Verfahren, sondern der Anspruch, bestimmte Inhalte Realität werden zu lassen. Das Böse, die Unwissenheit, die Schändlichkeit, der Mangel an Noblesse oder an Mut konnten nicht toleriert werden. Unordnung, Willkür und Tyrannei waren nicht tolerierbar.


Die klassische Idee von Toleranz basierte auf einer besonderen Art von Vorstellung zur Subjektivität. Das war eine Vorstellungsweise, in welcher der Unterschied zwischen dem öffentlichen und dem privaten Bereich, beide mit zweifacher Dimension, klar erkenntlich war. Das Private war einerseits der Bereich der Familie, aber andererseits auch der Bereich der Innerlichkeit des Bewusstseins. Das Öffentliche war einerseits der Bereich der zwischenmenschlichen (interfamiliären) Beziehungen und andererseits auch der Bereich der res publica, sowohl der Politik, wie auch des Marktes.


Dem Ideal der Toleranz entsprangen dementsprechend zwei Schlussfolgerungen: die Möglichkeit einer freien Versöhnung von autonomen Willen im zwischenmenschlichen Bereich, sowie die Möglichkeit eines harmonischen Interessenausgleichs im gesellschaftlichen Bereich.


Die Wahrheit ist jedoch, dass der moderne Totalitarismus äußerst tiefe Wurzeln besitzt: eine effektiv freie Versöhnung der Einzelwillen hat es nie gegeben. Die Realität der zwischenmenschlichen Beziehungen befand sich stets näher an der viktorianischen Repression, als an der kleinbürgerlichen Unehrerbietigkeit. Auch einen harmonischen Ausgleich der gesellschaftlichen Interessen hat es andererseits nie gegeben: die brutale Realität war immer Unterdrückung und bürgerliche Diktatur.


Nichtsdestotrotz war es in diesem Rahmen, wo die liberale Toleranz zu einer Utopie werden, sich in einen zu verwirklichenden Traum verwandeln konnte.


Aus der Perspektive betrachtet, mag man ihre extreme Naivität, ihren abstrakten Charakter, ihre Verwurzelung in der Vorstellung von einer Natur des Menschen kritisieren. Eine abstrakte Vorstellung von der Autonomie des Einzelnen führte zu ihrer Unfähigkeit, die Harmonie als etwas anderes zu verstehen, als ein arithmetisches Mittel, eine geometrische Komposition der Kräfte oder eine Übung in Gleichgültigkeit. Die „Normalität“, der Konsens auf dem Wege von Abkommen und die Apathie, das waren ihre einzigen effektiven Vorschläge. Eine resignierte Idee, in der sich die Eigenschaften des Menschen mit den Diktaten einer bestimmten Natur verbanden, hinderte sie daran, die historische Initiative zu ergreifen und schloss sie innerhalb der Grenzen der sozialen Techniken ein, die aus dem abgeleitet werden konnten, was man für absolute Gesetzmäßigkeiten hielt.


Die klassische Toleranz war nie real, weder aufgrund der historischen Bedingungen, unter denen sie tatsächlich wirkte, noch aufgrund der Hindernisse, die ihre eigenen philosophischen Voraussetzungen ihr auferlegten. Jedoch als Ideal, als Horizont, den man mit Inhalten füllen kann, ermöglichte sie es, die reale Unterdrückung von der möglichen Freiheit zu unterscheiden. Sie unterschied die Unterdrückung als solche, ausgehend von einem theoretischen und praktischen Bereich, der ihr entglitt. In der Theorie, die Ideale der Aufklärung, in der Praxis, der rebellische Eigensinn des inneren Bewusstseins, der darum kämpfte, in einer menschlicheren Welt zu leben.


Die klassische bürgerliche Gesellschaft war immer eine Diktatur, immer eine repressive, aber trotzdem nie eine totalitäre Gesellschaft. Stets gab es in ihr den Raum der inneren Rebellion, oder der transzendenten Utopie. Ihre Diktatur vermochte es nie, alle Zwischenräume des Systems zu füllen. Die Poesie, der soziale Kampf, die Rebellion der Randgruppen, die saure Aufrichtigkeit ihrer Chronisten, bewahrten immer die Möglichkeit einer radikal unterschiedlichen Welt.


Natürlich zwang sie dies zur offenen und ständigen Repression: die periodischen Massenmorde an Armen, Hexen, Randgruppen; die ständige Verunglimpfung der ästhetischen Utopie als Delirium; die Aberkennung aller Bürgerrechte der geistig Kranken; die Verspottung und Trivialisierung der romantischen Rebellionen. Das war eine traurige Geschichte von Demütigung und Tod, in der der Glanz der Utopie jedoch nur ihren Starrsinn inmitten des Dramas unterstreicht. Die Tragödie der klassischen Rebellion und Repression, mit ihrem finsteren Tod und ihrem Aufflammen zukünftiger Schönheit, berichtet von einer brutalen Welt, nach deren Kehrseite pausenlos getrachtet wird.


Die vernichtende Kritik, der die verschiedenen Stilrichtungen des modernen Skeptizismus die Ideale der Aufklärung ausgesetzt haben, einerseits, und die Invasion und Vernichtung des Privatbereichs, andererseits, das sind die Grundpfeiler, auf denen der gegenwärtige Begriff von Toleranz aufgebaut wurde, der den klassischen Begriff nicht nur als mögliche Realität annulliert und zerstört, sondern selbst als fortschrittliches Ideal.


Die politische Überlegenheit der Bürokratenmacht im Vergleich zu allen vorhergegangenen Formen der Klassenherrschaft besteht in der Art und Weise, in der sie in der Lage ist, Totalitarismus und Toleranz miteinander zu verquicken. Sie besteht darin, die klassische Toleranz ihres Inhalts entleert und deren Formen in ein Vehikel ihrer Herrschaft verwandelt zu haben. Diese Form ist es, die man als repressive Toleranz bezeichnen kann. Und sie kann in Bezug auf den entsprechenden klassischen Begriff, unter Anerkennung von dessen tiefer Entstellung, definiert werden.


Möglicherweise ist die Falle, der ideologische Effekt, der als Brücke zwischen den Illusionen der klassischen Rebellion und der Entfremdung der gegenwärtigen agiert, die Fortsetzung des Eintretens für Toleranz, das als Wirken gegen die religiöse Homogenisierung begann und nun gegen die homogenisierende Macht der kapitalistischen Industrialisierung weiter wirkt. In jedem Romantizismus, in dessen avantgardistischen Analogien, ist das große Thema der Forderung nach Authentizität, Originalität, Autonomie eine Antwort auf die nivellierende Vermassung, zu welcher der Zustand der Technik das industrielle System zwingt.


Aber es gibt keine der modernen Industrie eigene Vermassung. Wenn wir uns bei dieser Vorstellung aufhalten, dann werden wir Gefangene einer ziemlich primitiven Vorstellung von Technik. Im Licht der möglichen Diversität der gegenwärtigen Technik betrachtet, läuft die gewöhnliche antitechnologische Kritik Gefahr, als naiv zu erscheinen, oder einfach in einem Trugbild übertrumpft zu werden. Die antitechnologische Kritik kam sogar dazu, die herrschende Form der Industrialisierung mit der Struktur der Vernunft zu identifizieren. Die daraus resultierende Homogenisierung sei eine Auswirkung der vermassenden Macht des Denkens selbst.


Als Gefangene dieser Illusion, sind die Technik-Kritiker das ideale Opfer der Entfremdung durch die neuen Technologien, welche die Möglichkeit einer effektiven Diversität anzubieten scheinen, die die alten verweigerten. Der Sophismus besteht in dem Glauben, dass allein durch Vermassung, durch wachsende Abstraktion, durch Egalisierung, geherrscht werden kann. Jedwedes Indiz von Differenz erscheint unseren naiven gegenwärtigen Demokraten ein Anzeichen für Öffnung. Ebenso, wie die klassische Arbeiterbewegung die Erhöhung des Lebensstandards mit dem Vorhaben ihrer Befreiung verwechselte, so verwechseln die gegenwärtigen Kritiker der alten Technik die illusorische Diversität mit der Verwirklichung der Welt der Möglichkeiten.


Der Begriff der repressiven Toleranz trägt gerade dazu bei, dieses neue reformistische Trugbild zu zerstören. In der Diversität kann man herrschen, sie kann auf repressive Weise administriert werden. Die Utopie der Freiheit kann mittels des Trugbilds ihrer Realisierung besiegt werden. Dass dies so möglich ist, kann gezeigt werden, indem die Wurzeln der neuen Herrschaft in der Struktur der Subjektivität selbst aufgezeigt werden. Es kann jedoch auch an der traurigen, perfekt harmlosen Rolle gezeigt werden, die die radikalsten Avantgarden im Showbusiness spielen.


b. Repressive Toleranz und soziale Kontrolle

Die repressive Toleranz erfordert ein System gesellschaftlicher Verhältnisse, in dem die Macht auf verteilte und differentielle Art und Weise, mittels ungleicher gegenseitiger Abhängigkeit, ausgeübt wird; ein System, das die Ausübung von Macht über die Macht voraussetzt, welche die lokalen Mächte in einer globalen Herrschaftsstruktur artikuliert. Diese Macht über die Macht basiert auf ausreichenden technologischen Kapazitäten, um Diversität zu erzeugen und zu beherrschen, um den Informationsfluss zuzulassen und zu lenken und um schließlich eine administrierte Beteiligung zu ermöglichen, eine Herrschaft mittels interaktiver Befragungen, die den Anschein von Demokratie hervorrufen.


Die inneren Charakteristika des auf höchster technologischer Stufe wirkenden Arbeitsprozesses und die Merkmale des fortgeschrittensten Kommunikationssystems konvergieren objektiv und unabhängig vom Willen ihrer Akteure und erzeugen eine Situation, die sich klar von der klassischen Herrschaft unterscheiden lässt und deren Hauptmerkmal in der Vernichtung der psychischen Grundlagen besteht, die zuvor die Autonomie des Bürgers ermöglichten.


Die repressive Demokratie basiert auf einem in der Moderne beispiellosen Grad an Kontrolle über die Subjektivität. In dieser repressiven Demokratie wirkt der Konsens als Vermittler der subjektiven Kontrolle, indem er die Unterschiede auf einen gemeinsamen Nenner reduziert, den sie anschließend naturalisiert und der im Alltagsbewusstsein die Funktion erfüllt, die zuvor von der gesellschaftlichen Autorität von außen her erfüllt wurde.


Der aus der Soziologie stammende Begriff der sozialen Kontrolle setzt zumindest zwei Momente voraus: eine explizite Kontrolle von außen, das heißt, das Moment der Disziplinierung, und die Introjektion dieser Kontrolle, also das Moment des inneren Bereichs, der sie reproduziert. Die Kontrolle erreicht ihren vollkommenen Erfolg wenn kein „Bewusstsein“ der Kontrolle mehr existiert und sich diese als „Spontaneität“ äußert. Es kann dann ein „Bewusstsein“ bezüglich des konstruierten Charakters dieser „Spontaneität“ geben, wenn es in der gesellschaftlichen Totalität ein in gewisser Weise außerhalb des Gesetzes stehenden Bereich geben kann, von dem aus der Sanftmut dieser Spontaneität als repressiv erscheint. Der Bereich des Deliktes oder der Kritik, oder der Bereich der Subversion, wo beide zusammenkommen, waren in der klassischen Gesellschaft die Orte, von denen aus diese Anklage getätigt werden konnte.


In der klassischen Gesellschaft entstand die Möglichkeit solches „Äußeren“ in Bezug auf das Gesetz auf der Grundlage einer doppelten Autonomie: des innerlichen Charakters des Bewusstseins im Rahmen eines komplexen gedanklichen Raumes, welcher als ständige Quelle für Widerspenstigkeit und Mehrdeutigkeiten der Macht gegenüber agierte, und des Bereichs des Delikts, in dem das Bewusstsein, angetrieben von Bedürfnis oder Kritik, gegen das Gesetz von seinem freien Willen Gebrauch machte.


Die Vorstellung, dass es sich bei der sozialen Kontrolle um einen externen Faktor handelt, muss jedoch von der Idee unterschieden werden, dass diese Kontrolle absichtlich oder gar bewusst erfolgt. Dieser Punkt ist hinsichtlich des Begriffs der „Manipulation“ relevant. Damit, in der Tat, soziale Kontrolle existiert, ist es nicht erforderlich, dass Bewusstsein, geschweige denn, Absicht mit im Spiel sind. Strukturierte gesellschaftliche Praktiken besitzen eine kontrollierende Wirkung, ganz gleich ob absichtlich oder nicht, und die Analyse muss diese objektive Wirkung in Rechnung stellen, statt die Absicht oder den ausdrücklichen Diskurs ihrer Akteure. Wenn, andererseits, von „Äußerem“ die Rede ist, muss explizit gesagt werden, in Bezug worauf es sich um etwas Äußeres handelt. Global betrachtet gibt es kein Äußeres in Bezug auf die gesellschaftlichen Praktiken. Die Äußerlichkeit der Kontrolle steht in Bezug auf zwei klar definierte Innerlichkeiten, das Privatleben, das heißt, den Bereich der Familie, und die Innerlichkeit des Bewusstseins.


An dieser Stelle muss auf zwei methodologische a-priori-Urteile bei dieser Analyse hingewiesen werden, die hier sichtbar werden. Die Betonung einer Beschreibung der gesellschaftlichen Praktiken als (innerlich differenzierte) Totalität; und die Betonung der Praktiken als solche (einschließlich des Diskurses der Akteure), mehr als die Betonung des ausdrücklichen Diskurses der Akteure.


So gesehen, wird soziale Kontrolle immer von außen her verinnerlicht. Ein entscheidender Unterschied liegt jedoch in der Frage, ob diese Verinnerlichung durch Einwirkung auf das Äußere erzielt werden kann, das heißt, auf das Verhalten, oder mittels direkter Operationen auf das Innere, das heißt, auf das Denken, das den Verhalten zugrunde liegt. Oder anders ausgedrückt, meine Hypothese ist, dass von Formen der Kontrolle, welche die Subjektivität mittels Techniken zur Disziplinierung der Körper erreichten, zu Formen übergegangen wurde, welche die Subjektivität unmittelbar disziplinieren und ausgehend von denen selbst die körperlichen Erfahrungen verdinglicht werden.


Diesbezüglich muss die Tatsache genannt werden, dass die Religion, seit dem Christentum, bereits unmittelbar auf die Subjektivität einwirkte. Und dass die Techniken der Sorge um sich Vorläufer der Techniken katholischer Manipulation darstellen. Ihre Wirksamkeit beruhte jedoch immer auf einer bedeutenden Quote körperlicher Züchtigung, von der das Fasten die alltäglichste und die Geißelung die extremste waren. Als die klassische Moderne dazu überging, die transzendente Dimension und danach die subjektive progressiv auf dem Gebiet der Züchtigungen auszulassen, konzentrierte sie sich, zum Schrecken aller, auf deren rein körperliche Dimension.


An dieser Stelle muss erneut auf einen historischen Unterschied eingegangen werden. Die menschlichen Kulturen haben zum größten Teil Formen extrem grausamer körperlicher Strafen gepflegt. Jedoch erst in der Moderne, bei Schwächung der transzendenten Dimension, wird diese Grausamkeit vollstreckt. Es handelt sich nun um eine Strafe ohne Erlösung, um die Hölle hier und jetzt, bei lebendigem Leib. Einen Umstürzler zu zergliedern, einem Ketzer einen Maulkorb anzulegen, damit er nicht lästert, während er verbrannt wird. Wie schwarz auf weiß im Handbuch für Inquisitoren von Nicolau Eimeric (1376) steht, das im Spanien des XVI. Jahrhunderts „vervollkommnet“ wurde: „Ketzer werden nicht verbrannt, um ihre Seele zu retten, sondern um das Volk zu ängstigen“.


Im Vergleich zu solcher ausdrücklichen Grausamkeit ist die körperliche Disziplinierung, wie sie aus dem Panoptikum oder im Rahmen der tayloristischen Arbeit praktiziert wird, ein Fortschritt der Humanisierung und gleichzeitig der Repression. Es geht um zwei Adjektive, die wir vor bereits ziemlich langer Zeit als ohne weiteres kompatibel erkannt haben. Angesichts dieses neuen Stils, der den Terrorhintergrund der klassischen Art und Weise beibehält, in einer kühleren und rationelleren Vorgehensweise, erheben unsere kleinen Utopisten des Unmittelbaren die Befreiung des Körpers zur Befreiung von der Disziplinierung. Aber die Schläue der Vernunft ist größer, als die sexistische Güte der Gutmeinenden. Heutzutage ermöglicht die unmittelbare Disziplinierung der Subjektivität die Konstruktion einer nach Behagen süchtigen Körperlichkeit und stützt sich darauf. Dies ist was Marcuse als „repressive Entsublimierung“ bezeichnete und es unterstreicht die wesentliche kulturelle Überlegenheit der neuen Herrschaftsform im Vergleich zu allen Formen klassischer Herrschaft.


Der auf den Begriff der sozialen Kontrolle folgende ist, in der Soziologie und insbesondere der Psychologie, der Begriff der Abweichung. Hierzu gibt es zwei Fragen von entscheidender Bedeutung. Die erste davon besteht darin, die klassische Abweichung von dieser neuen zu unterscheiden. Die zweite, die Quellen der klassischen Abweichung von den Quellen dieser aktuellen zu unterscheiden.


Die klassische Abweichung bezog sich auf eine allgemeine und homogenisierende Norm. Es war möglich, sie statistisch in Bezug auf ein gausssches Kontinuum von Differenzen zu bestimmen. Dieser Abweichung, die man wegen ihres außerordentlichen und extremen Charakters als „stark“ bezeichnen kann, entsprachen die „Korrektur“, und ihren mehrdeutigeren, schwächeren Formen, die Disziplin. Dafür gab es Justizvollzugsanstalten, Gymnasien und disziplinierte Fabriken.


Die Abweichung neuen Typs nimmt jedoch gemäß anderer Normensätze Gestalt an, die lokal agieren. Es geht um eine verteilte, allgemeine Abweichung, ohne häufige wirkliche Extreme. Dieser allgemeinen, „schwachen“ Abweichung gegenüber sind eine Administration der Differenzen, sowie eine allgemeine Therapie der lokalen Schwankungen um die lokalen Normen angebracht. Meine Hypothese ist, dass es nun nicht mehr darum geht, zu korrigieren, sondern darum, zu verwalten. Und dass es nun nicht mehr um Disziplin geht, sondern um Therapie. Die Psychologie ist, mit voller Berechtigung, die Erbin der von Foucault beschriebenen psychiatrischen und Gefängnisrolle.


Diesbezüglich ist der Unterschied hinsichtlich der Situation der ein Beispiel statuierenden Extreme interessant. In der klassischen Situation sind der Häftling oder der Irre außerordentliche, reale, sichtbare Extreme, die an außerordentlichen Orten weggeschlossen werden. In der gegenwärtigen Situation handelt es sich, was die Therapie betrifft, um Geister, die sich weder durch Seltenheit, noch Intensität auszeichnen, die außerordentlich häufig auftreten und deren mythisches Bild dazu dient, solche Individuen, die sich hinsichtlich irgendeiner lokalen Vorgabe ständig am Rande des Wahnsinns oder der Straftat bewegen und denen Momente des Wahnsinns oder der Verfehlung unter der Bedingung zugestanden werden, dass diese als Ausnahmen behandelt werden können, die die Regeln bestätigen. In massivem Maßstab kann jede Person, die eine Beschwerde hat, mit solchen Techniken behandelt werden, die auch nicht mehr den extremen, seltsamen und intensiven Charakter der klassischen Techniken besitzen, und die stattdessen mit einem trägen Behagen einhergehen, das unter einem bedeutenden Konsumniveau das Leben flutet. Der Kriminelle und der Irre sind somit heute nicht die unmittelbaren Figuren des Disziplinierung, sondern das mythische, makabere Jenseits der möglichen Verdammnis im Rahmen der therapeutischen Operationen, die auf die Normalen einwirken. Deshalb ist der Wahnsinn nicht mehr an erster Stelle das monströse Gegenteil der Vernunft, sondern ist für das mittelmäßige Leben eher zu einem faszinierenden Horizont geworden.


An dieser Stelle ist es notwendig, eine Anmerkung zu Foucault einzufügen. Ich bin der Auffassung, dass die Reihenfolge, in der Foucault zunächst das Problem des Wahnsinns und danach das der Strafformen behandelte, dazu geführt haben, dass beide einfach als zwei gleichzeitig existierende, irgendwie gleichartige Formen oder Aspekte der klassischen Disziplinierung angesehen werden, womit ihr historisches Verhältnis im Dunklen bleibt. Aber wenn wir den Hintergrund jedes einzelnen dieser Probleme betrachten, dann werden wir sehen, dass in beiden Fällen äußerst unterschiedliche Fragen auf dem Spiel stehen: eine davon ist der Fortschritt der Rationalisierung, der sich an den Strafformen besonders klar zeigt, und eine andere ist die Behandlung der Abweichung mittels Kategorien, die sie naturalisieren. Im Gegensatz zur Reihenfolge in den Werken Foucaults und mehr als zwei Aspekte derselben Erscheinung, schlage ich vor, hier eine logische Abfolge zu sehen, der historische Konsequenzen besitzt. Für die rein rationalisierende Tendenz der klassischen Moderne ist die Straftat ohne weiteres als Ausübung des freien Willens gegen das Gesetz vorstellbar und die Strafanstalt als Panoptikum steht als das Mittel da, diese Freiheit durch Isolierung und Überwachung zu kontrollieren. Der Freiheitsentzug ist die verhältnismäßige Strafe für eine widrige Ausübung von Freiheit. Und dies, weil der klassische Rationalismus das Gesetz als historische Institution zu erkennen in der Lage ist, und das Delikt als subversiven, politischen Akt, der eine Bestrafung verlangt.


Was stattdessen in der Psychiatrie bebrütet wird, ist etwas, das im gesellschaftlichen Maßstab erst später wirksam werden wird, wobei es sich um die fortschreitende Naturalisierung der Abweichungen handelt. Zunächst, solcher Abweichungen, die von sich aus natürlich scheinen (wie der Wahnsinn infolge von Alkoholismus), und dann solcher, die man ursprünglich als Delikte betrachtete und in denen die Ausübung des freien Willens erkannt wurde. Hierzu ein einfaches Beispiel: der Übergang vom Straftatbestand des Diebstahls zum klinischen Befund einer Kleptomanie. Oder, als weiteres, nun dramatischeres Beispiel, der Übergang von Gulag als einem Komplex von Gefängnissen, zu seiner Darstellung als System von Besserungsanstalten, bis zu seiner Umwandlung in eine Gruppe von Irrenanstalten. Und das, in einem Prozess, in dem die Naturalisierung der Abweichung auch ihrer Entpolitisierung entspricht.


Diese logische und historische Reihenfolge ist wichtig, wenn sie mit dem Übergang von der starken Abweichung zur verallgemeinerten schwachen Abweichung in Verbindung gebracht wird, denn dann wird nicht nur die zunehmende Verdrängung der Strafanstalt durch die psychiatrische Klinik sichtbar (auch wenn sich diese kumulieren), sondern auch die Verdrängung beider Institutionen durch die psychologische Therapie, sowohl im privaten, wie auch im betrieblichen Bereich (auch wenn auch hier eher eine Kumulierung erfolgt). Dieser Übergang ist auch der Übergang zu einer entpolitisierenden Naturalisierung der Referenzmuster des Alltagsbewusstseins selbst, welches als Basis des politischen „Konsens“ agiert, durch den die Herrschaft über jeden in jedem der „Bürger“ verwurzelt wird, die nunmehr unfähig sind, als solche zu handeln.


Selbstverständlich folgt aus diesen Überlegungen, dass sich der Bereich der Kritik auch wesentlich verändert hat. Solche Kritik ist dann möglich, wenn Differenzen in Bezug auf das Wirken des Gesetzes möglich sind, wenn für Souveränität überhaupt Raum besteht. In der klassischen Gesellschaft der Moderne war dieser Ort der private Charakter des Bewusstseins, ein stark konfliktbehafteter Ort, wo der Zusammenstoß zwischen dem hintergründigen Trieb und dem Gesetz jenes strukturierte und instabile System von Vermittlungen erzeugte, das wir als Spontaneität bezeichnen. Die Autonomie des klassischen Bewusstseins ist, mehr als nur ein anderer Ort, ein vom sozialen Gesetz stark intervenierter Bereich, bis zu dem Extrem, dass alles, was darin an Struktur enthalten ist, aus der konstituierenden Funktion des Gesetzes stammt. Oder gar bis zu dem Punkt, dass jegliche darin enthaltene Äußerlichkeit bezüglich des Gesetzes sich immer auf diese konstituierende Funktion bezieht.


Es ist jedoch gerade die klassische Individualität, wo sich das soziale Gesetz tiefer als je zuvor als ein geteiltes Gesetz erweist, das heißt, als ein Konflikt, als eine nie vollständig hergestellte Herrschaftsbeziehung, deren Effektivität der Mehrdeutigkeit des Möglichen unterliegt. Der hier vorhandene innere Unterschied ist nicht der zwischen Gesetz und Gesetzlosigkeit, oder zwischen der Struktur und der Leere des Nichtdeterminierten, sondern der vom Verlangen gesetzte Unterschied zwischen dem Gesetz des Gegebenen und dem möglichen Gesetz des Möglichen. Wie bekannt, setzte die bürgerliche Kultur diesen Unterschied in einen zeitlichen Rahmen und verstand ihn unter den Kategorien von Fortschritt und Teleologie. Aber diese Kategorien haben nichts Notwendiges an sich. Der Unterschied zwischen Determiniertheit und Möglichkeit setzt dem Wesen nach weder Notwendigkeit, noch Fortschritt, noch Teleologie voraus. Dagegen ist es sehr wohl erforderlich, diesen Unterschied als Spannung zu verstehen und diese Spannung ist es, die ich als Verlangen bezeichne.


Sowohl die Wirksamkeit der Herrschaft, wie auch die der Kritik, hängen von der Verbindung zwischen diesem Konfliktbereich in der Individualität und dem äußeren Wirken des Gesetzes ab, durch die der öffentliche Raum konfiguriert wird. Die Gesetze des klassischen kapitalistischen Marktes, welche die Realität seiner Anarchie mit einschließen, funktionieren weil jeder Kapitalist ein guter Kapitalist war und es sein konnte, und jeder Arbeiter ein guter Arbeiter war und es sein musste. Und die Familie war der Raum einer grundlegenden Artikulation, die anschließend von Schule und Institutionen verstärkt wurde, wo der geeignete psychische Apparat für diese Übungen erzeugt wurde.


Dementsprechend konnte das Delikt anhand der Ausübung des freien Willen von dem der Natur zuzuschreibenden Wahnsinn unterschieden und in diesem Maße als Verletzung der öffentlichen Ordnung behandelt werden. Jede Straftat, selbst wenn sie unter dem Druck von Bedürfnissen erfolgte, besaß einen politischen Inhalt und jedwede Subversion konnte und musste als Straftat behandelt werden.


Aus all dieser Situation sollte ein Aspekt von entscheidender Wichtigkeit zurückbehalten werden: die Disziplinierung der Körper oder ausgehend vom Körperlichen ließ einer substantiellen Mehrdeutigkeit im subjektiven Inneren Freiraum. Dieser Raum ist es, in dem nun massiv interveniert worden ist. Sowohl die massive Invasion des Privatlebens der Familie durch die Massenmedien, wie auch die wachsenden Subjektivierung der Arbeitswelt, zielen auf die Konfiguration einer neuen Lage ab, in welcher die konfliktreiche Autonomie des Bewusstseins oder auch jeglichen inneren Bereichs wesentlich geschwächt werden, wo individuelle Souveränität ansässig sein könnte.


Diesbezüglich ist es wichtig, zu erkennen, dass der heutige schwache und massive Charakter der Störung gegenüber dem extremen und seltenen Charakter des Extrems der klassischen Perversion dazu führt, dass die Überlegungen zu Endlichkeit und Grenzen, zu Überschreitung und Perversem, an politischem Interesse verlieren. Mit Ausnahme, natürlich, des touristischen Interesses, das dies für bequeme Intellektuelle aus Universitäten beinhalten mag. Der spektakuläre Charakter der Grenzüberschreitung, die man als subversiv gegen Ordnung betrachten konnte, die sich auf die Disziplinierung der Körper gründete, löst sich nun in der perfekten Monotonie der therapeutischen Regelmäßigkeit auf, worunter die blutenden Helden der Grenzüberschreitung nichts mehr sind, als unangepasste Hysteriker, denen Gymnastik, eine geeignete Diät, softe Pornographie oder produktive Arbeit wirksameren Trost gewähren können, als Grenzerfahrungen. Im Reich der vollendeten und manipulierten Endlichkeit wird der Begriff einer Grenze relativiert, er verliert seine wesentliche Dramatik und lässt nur noch Raum für das, was Abenteuertourismus, gefährliche Sportarten oder banale Verschwendung zulassen mögen.


Bevor ich zur Suche der Quellen für einen möglichen Raum der Kritik an dieser Situation übergehe, das heißt, bevor ein „nützlicher“ Ausweg gefunden wird, oder einer, der im Einklang mit der charakteristischen Eile all jener zur Aktion aufruft, die mehr daran interessiert sind, etwas zu tun, irgendetwas, anstatt zu begreifen, ziehe ich es vor, mit der Beschreibung dieses dunklen Panoramas, dieser bedrückenden Situation, fortzufahren und nun nach den wichtigsten objektiven Faktoren zu suchen, die sie vorantreiben. Jemand wie ich, der glaubt, der Kommunismus sei möglich, kann selbstverständlich nur ein rabiater Optimist sein. Aber ich bin kein Optimist auf methodologischem Gebiet. Der methodologische Pessimismus ist ein gutes Abführmittel für historischen Optimismus. Wenn wir uns etwas von Messianismus und konjunktureller Eile entgiften, so können wir weiter sehen. Die Vernunft ist immer mächtiger, als die Leidenschaft, die sie konstituiert und ihr Wesen ist.


Der Imperativ, die Theorie müsse zur Aktion führen, ein Erbe der Aufklärung, dessen Emblem die adversative Interpretation der These 11 über Feuerbach ist („nicht interpretieren, sondern umgestalten“), hat in der linken Analyse eine breit angelegte Deformation hinterlassen, die dazu führte, die Ideen nach ihrem Bezug zur unmittelbaren Praxis zu beurteilen. Häufig wird unter dem „politischen Inhalt“ einer Analyse nichts anderes verstanden, als dessen konjunkturelle Orientierung.


Bezüglich der Konjunktur ist jegliche Analyse freilich vom Unmittelbaren gekennzeichnet und das ist unter Umständen nicht falsch. Das Problem ist, dass die Analyse kaum jemals in den Rahmen einer globalen Perspektive gestellt wird. Und es ist sogar Mode geworden, dies explizit nicht zu tun.


Im Gegensatz zur gängigen Vorstellung bin ich der Auffassung, dass diese Bindung an das Unmittelbare den größeren Pessimismus zum Ausdruck bringt. Die theoretische Einschränkung auf das Kleine und Vergängliche hat ihre existentielle Grundlage nicht mehr im Misstrauen, den globalen Analyserahmen gegenüber (wie man zu sagen pflegt), sondern im Mangel an Vertrauen darauf, dass es einen globalen Wandel geben kann. Der mit Sorge und Dramatik verfolgte Optimismus im Kleinen ist die Kehrseite des globalen Pessimismus.


Ich glaube, dass die triumphalistische Versuchung, die in der marxistischen Tradition dermaßen lange vorgeherrscht hat und für die es heute dermaßen wenig Grundlage gibt, äußerst schädlich gewesen ist. Vor lauter Überzeugung, der Feind würde vom Rad der Geschichte zermalmt werden, oder die kommende kapitalistische Krise werde die letzte sein, oder dass wir just das schwächste Glied erlebten, haben wir uns schließlich angewöhnt, nicht auf die Realität zu achten. Ich behaupte, dieses der Realität wieder ins Auge zu schauen, nach Jahrzehnten des Triumphalismus und nach einer traumatischen globalen Niederlage, ist es, was dazu führt, diese Analysen als pessimistisch zu empfinden.


In einem Sinne, glaube ich, sind sie es doch. Dem existentiellen Pessimismus jener gegenüber, die sich von der Niederlage haben überwältigen lassen, schlage ich einen methodologischen Pessimismus vor, der darin besteht, nie als zwingenden Bestandteil der Analyse die Notwendigkeit unseres Endsiegs vorauszusetzen. Der Gedanke, dass der Kommunismus nicht notwendigerweise der Ausgang der Geschichte ist, darin besteht mein methodologischer Pessimismus. Aber zu glauben, der Kommunismus sei möglich, darin besteht mein rabiater Optimismus. Pessimismus im Unmittelbaren, hartnäckiger Optimismus bezüglich des Ausgangs, methodologischer Pessimismus, Skepsis im Umgang mit der Theorie.


Ich muss keine kurz- oder mittelfristigen Erschütterungen ankündigen oder fördern, um die Hartnäckigkeit meines Optimismus beizubehalten. Ich benötige die klassische Emotion der Bewegung nicht, um daran zu glauben, dass sie möglich ist. In dieser harten und mittelmäßigen Epoche ist es das Relevanteste, den Schlüssel zu einer möglichen Zukunft zu finden. Die ruhige aber ungehaltene Aufgabe der Theorie ist aufrührerisch. Eine Aufgabe, die immer etwas kühl und nüchtern anmutet.


Aber die Verstandesschärfe braucht keine weiteren Emotionen, als jene, die sie von der Vernunft bekommen mag.


c. Die hoch technisierte Arbeit

Gefängnisse und Psychiatrien sind nicht die Institutionen, die die gegenwärtige Gesellschaft disziplinieren. Vielleicht waren sie das nie. Ihr emblematischer, paradygmatischer Charakter muss von ihrer realen Bedeutung unterschieden werden. Wenn es einen Bereich gibt, in dem Disziplinierung massiv und wirksam ausgebaut wurde, dann geht es um keinen anderen, als um die Arbeitswelt. Die unmittelbare, alltägliche, massive Arbeitstätigkeit ist der Bereich, in dem die Herrschaftsformen realisiert werden, in dem sie ihren Ursprung und ihren Sinn erfahren, wo sie ihre Formen und Möglichkeiten am klarsten zum Ausdruck bringen. Wenn die Familie die „Fabrik“ der adäquaten Geistesapparate ist, wenn der öffentliche Raum der Ort der ausdrücklichen und der imaginären Gesetzeskonstrukte ist, dann ist es, dagegen, die Welt der direkten Arbeit, wo das reale Leben seine solideste und auch seine stillste Realität vorfindet. Um die neuen Herrschaftsformen an ihrer Basis und unmittelbar zu verstehen, gibt es keinen wirksameren Weg, als die radikalen Veränderungen auf dem Gebiet der Arbeitswelt zu vergleichen, die seit der Etablierung des Taylorismus als Höhepunkt einer panoptischen Disziplinierung bis zu seiner Auflösung unter dem Röntgenblick, den das neue subjektive Panoptikum imstande ist, sogar auf die psychischen Grundlagen der Körperbewegungen zu werfen.


Auf diesem Gebiet ist es erforderlich, zwei Erscheinungen von allererster Bedeutung zu berücksichtigen: eine davon ist die Entstehung eines massiven, dominanten und äußerst dynamischen Bereichs hochtechnologischer Arbeit; die andere ist, in dieser Reihenfolge, der dem Showbusiness zunehmend zukommende strategische Charakter.


Zum ersten dieser beiden Punkte ist viel geschrieben worden. Das zweite Problem, dem dagegen bisher kaum Aufmerksamkeit gewidmet worden ist, steht mit den verschiedenen, bewussten oder unbewussten, Strategien in Verbindung, mit denen das gegenwärtige Produktionssystem die Frage des antisozialen Potentials angeht, das aus der erzwungenen Erwerbslosigkeit der aus der Produktion verdrängten Arbeiter entsteht, oder aus der erzwungenen Marginalisierung der nicht in die moderne Produktion integrierten Kreise.


Die neuen Formen der Disziplinierung, die im Zusammenhang mit dieser hochtechnolgischen Arbeit entstehen, haben nichts mehr mit dem Körper zu tun, sondern mit dem Verbrauch von Nerven bei der Arbeit. Die Intensität der Arbeit, sowie die Intensität des Alltags im Allgemeinen, macht Anstrengungen des Nervensystems in vollkommen neuer Menge und Frequenz erforderlich, im Vergleich zu allen früheren technologischen Kulturen. Die Verallgemeinerung der schnellen feinen Reflexe, oder der komplexen visomotorischen, nicht das Schreiben und Lesen betreffenden Koordination, die von Tastaturen und „Mäusen“ oder von derart alltäglichen Aufgaben, wie das Lenken eines PKWs erfordert werden (gleichzeitige Aufmerksamkeit auf Indikatoren für Temperatur, Treibstoff, Geschwindigkeit, das System der Rückspiegel, andere Automobile und Fußgänger, sowie dem eigenen Signalsystem für Andere, geschweige denn das Rauchen, die Unterhaltung, die Umschaltung des Rundfunkempfängers, oder gar sich zu kämmen oder einen Sandwich zu sich zu nehmen), oder eine derart simple Koordination, wie im Stehen, in einem brechend vollen Bus das Gleichgewicht zu behalten, ohne seine Nachbarn zu belästigen. Oder die komplexen Kombinationen gleichzeitiger visueller Information auf Bildschirmen mit mehrfachen Fenstern. In jedem dieser Fälle und bei einer unendlichen Vielfalt anderer alltäglicher Situationen befinden wir uns im Angesicht eines neuen Zustands der Arbeit, sowie neuer Anforderungen an die Anpassungsfähigkeit des Körpers und des Geistes.


Dem muss die außerordentliche Zunahme der physikalischen und/oder ökonomischen Konsequenzen hinzugefügt werden, die von kleinen Gesten am Ursprung eine Kette von Verstärkern hervorgerufen werden (wie ein Mausklick, mit dem ein Bagger gesteuert wird), was zu einer außerordentlichen und ständigen Wachsamkeit hinsichtlich der eigenen Tätigkeiten zwingt und mit der allgemeinen Einführung digitaler Schnittstellen in den Betrieb von Maschinen aller Art in Verbindung steht, von denen Tastatur und Maus die gängigsten Formen darstellen, ohne die Fernbedienung zu vergessen, oder die Konsole für analoge Anpassungen auf diversen Frequenzen, von denen der Equalizer gängiger Rundfunkempfänger am häufigsten vertreten ist.


Ebenso wie der Übergang von rein mechanischen Maschinen zu elektromechanischen eine neue körperliche Disziplin im Vergleich zu den althergebrachten Übungen und Kompetenzen voraussetzte, so erfordert der Übergang von elektromechanischen Maschinen zu elektronischen, oder zu elektronischen Schnittstellen, die deren wirksameren Betrieb ermöglichen, eine Disziplinierung neuen Typs. Aber die Art der vorausgesetzten Kompetenzen hat sich verändert. Wenn es früher um eine Rationalisierung und eine feinere Koordination der Körperbewegungen ging, was man als im Wesentlichen motorische, „grobe Körperlichkeit“ bezeichnen konnte, so so geht es jetzt um die „feine Körperlichkeit“, in deren Rahmen die neuromotorische Koordination das wesentliche Element darstellt. Aber während die körperliche Motorik trainiert werden kann, im Sinne einer Schulung durch Übungen und Gewöhnung, kann dasselbe nicht mit derselben Erfolgsaussicht bezüglich der neuromotorischen Koordination erfolgen. Auf diesem Gebiet genügt es, auf solche Fähigkeiten und Kompetenzen zurückzugreifen, die die Menschen bereits besitzen und regelmäßig ausüben, wenn sie laufen, tanzen, mit ihren Stimmbändern Worte artikulieren oder versuchen, einen kleinen Gegenstand unter vielen in verschiedenen Größen aufzugreifen. Wir führen bereits in vielen Bereichen des täglichen Lebens die subtilen und komplexen neuromotorische Koordination durch, die von der hochtechnologischen Arbeit erfordert wird. Wir müssen sie nicht, mit Ausnahme des Kindergartens, einüben.


Die entscheidende Frage zur gegenwärtigen Situation ist jedoch, mit welcher Häufigkeit, für wie lange, wie oft, in welchem Rhythmus und wie stetig wir diese spontanen Kompetenzen ausüben können und welche inneren und externen Bedingungen wir dafür benötigen. Dies ist das objektive Problem an der Basis der Disziplinierung neuen Typs. Es geht nicht mehr vor allem darum, die körperliche Motorik zu koordinieren, zu regulieren und zu überwachen, was das Problem des tayloristischen und fordistischen Panoptikums darstellte, sondern darum, wie die inneren und äußeren psychischen Bedingungen herzustellen sind, die der außerordentliche hohen neuromuskulären Intensität der neuen Art von Arbeit subjektiven Halt geben. Hierzu genügt keine körperliche Disziplinierung. Es ist eine Taylorisierung der Subjektivität selbst gefordert, nicht so sehr hinsichtlich der zu praktizierenden spezifischen Operationen und Kompetenzen, sondern eher auf dem Gebiet der Bedingungen, unter denen diese Kompetenzen mit der erforderlichen Regelmäßigkeit und Dauer aufrechterhalten werden können.


Hieraus folgt, dass während die klassische Taylorisierung der Segmentierung der Bewegungen Aufmerksamkeit widmen muss, das heißt, versuchen muss, die analytisch zu rationalisieren, sich die neue Taylorisierung der globalen Umgebung annehmen muss, in einer Operation übergreifender und umfassender Überwachung und Rationalisierung, in welcher die Gesamtheit relevanter ist, als die Sequenz ihrer Bestandteile.


d. Die Disziplinierung der Subjektivität

Disziplinierung betrifft immer die Subjektivität. Gesten und Bewegungen werden nur dazu zwangsweise organisiert, um über diese Muster das Subjekt zu erreichen, das sie umsetzt, um sich ihm gegenüber auf praktische Weise durchzusetzen. Die Disziplinierung schafft nicht das Subjekt als Wirkung oder Subjektivierung. Sie gestaltet es, gibt ihm jedoch keine Substanz. Sie produziert in ihm die Form, nicht seine Realität als solches.


Wenn also von „Disziplinierung der Subjektivität“ die Rede ist, dann betrifft die die Art und Weise, nicht den Inhalt des Vorgangs. Es wird ausgesagt, dass ein Übergang stattgefunden hat, von der Disziplinierung der Subjektivität durch den Körper zu einer Disziplinierung, die auf die Subjektivität selbst einwirkt und von dort aus ein bestimmtes körperliches Regime durchsetzt.


Als erstes sei hierzu gesagt, dass diese neue Herrschaft über die Subjektivität objektiven Erfordernissen entspricht. Die subjektive Verpflichtung des arbeitenden Menschen den Produktionsmitteln gegenüber, wo eine extrem hohe Arbeitsintensität herrscht, ist eine strategische Notwendigkeit. Ohne dieses Engagement könnten weder die Intensität, noch die mit diesen Mitteln einhergehende Produktivität realisiert werden.


Wiederholte Arbeitsausfälle, punktuelle Arbeitseinstellungen in Zusammenhang mit Alkoholismus, mit der Somatisierung der durch Routine kumulierten Frustration, können unter den Hauptursachen der Krise der fordistischen linearen Produktionskette genannt werden. In einem als Netzwerk aufgebauten Produktionssystem, das nach dem „Just-in-time“-Prinzip und der Forderung nach „totaler Qualität“ von der Nachfrage aus organisiert ist, können Arbeitsausfälle und Arbeitseinstellungen enorme Ausmaße annehmen. Natürlich schwächt die Organisation als Netzwerk lokale Ausfälle ab, aufgrund ihrer Fähigkeit, sie mittels paralleler Produktionsstränge zu umgehen, wodurch die globale Leistung „gerettet“ wird. Aber zur gleichen Zeit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass ein lokaler Ausfall sich auf katastrophale und nicht vorherzusehende Weise an alle Orte fortpflanzt, die auf die eine oder andere Weise von ihm abhängen. Die Auswirkungen der Einführung einer Produktionsreihe fehlerhafter Chips, oder die Fortpflanzung der lokalen Krisen an den Börsen, das sind zwei Beispiele für den katastrophalen Charakter, den die Fortpflanzung von Ausfällen in einem Netzwerk annehmen kann. In einer linearen Kette zwingt ein lokaler Ausfall zum Anhalten der gesamten Reihe. Die Kosten waren groß, aber vorhersehbar. In einem Produktionssystem, das als Netzwerk organisiert ist, herrscht die Utopie, man könne das Lokale umgehen, aber in der Praxis, in dicht verschalteten Netzwerken, lähmt die Fortpflanzung nicht nur die Gesamtheit auf katastrophale, sondern außerdem auf unvorhersehbare Weise.


Aber außerdem besteht, in einem unmittelbar damit zusammenhängenden Bereich, ein weiterer objektiver Grund für eine tiefe Sorge um den „Humanfaktor“ das Scheitern der rationalistischen Utopie einer totalen Automatisierung der Arbeit. Es erwies sich, dass jene Geräte, die die feinen Anteile der mechanischen Arbeit, oder die einen mittleren Grad an Verstand erfordernden Aufgaben automatisieren sollten, außerordentlich kostspielig waren und, in direktem Verhältnis zu ihrer Komplexität und Bedeutung, unheimlich anfällig für Fehler, Staus und Ausfälle. Es gab dagegen eine Art von Geräten, die zu enormer Präzision und tief gehendem Verstand fähig waren, und die außerdem relativ billig zur Verfügung standen... die Menschen. Dies zwang, sowohl aus Kosten-, wie auch aus Effizienzgründen, zu einem Modell flexibler Robotisierung, in dem den Menschen die sensibleren und komplexeren Teile der Kette vorbehalten bleiben, mit der Folge, dass wieder einmal die Umsetzung einer hohen Produktivität auf entscheidende Weise vom subjektiven Engagement dieser Schlüsselkomponenten der Produktion abhängig ist.


Man könnte vielleicht ganz allgemein sagen, dass die Einordnung und die Kooptation der Subjektivität unter die Erfordernisse der hochtechnologischen Produktion mittels Schaffung eines global geschützten Arbeitsklimas angestrebt werden. Trotzdem ein gewisses Lohnniveau dazu notwendig und auch möglich ist, sind es nicht die materiellen Anreize, welche hier die herausragendste Rolle spielen. Es geht um ein Klima in dem Sinne, dass alle Aspekte des Alltagslebens in der Umgebung der Arbeit berücksichtigt werden; um ein globales Klima, in dem Sinne, dass diese Aspekte in einem einheitlichen Begriff zusammengefasst werden, der imstande ist, über dieses Umfeld hinaus zu wirken und sich in eine „Lebensweise“ zu verwandeln; um ein geschütztes Klima, in dem Sinne, dass diese Lebensweise den arbeitenden Menschen nicht nur vor irrationaler Ermüdung oder Demotivation bewahrt, sondern sogar vor bestimmten Bedrohungen, die über das unmittelbare Arbeitsumfeld hinausgehen und tiefere und breiter angelegte Dimensionen seines Lebens im Allgemeinen betreffen.


Die Schaffung eines Unternehmensgeists, der mit Bildern des Familienlebens spielt, mit inklusivem, „partizipativem“, „kreativem“ Stil, der einem bestimmten Grad an Informalität und Spontaneität gegenüber aufgeschlossen ist und Bereitschaft zur persönlichen Anerkennung und zur „Humanisierung“ der zwischenmenschlichen Beziehungen zeigt, kann diese subjektiven Bindungen und Verpflichtungen erzeugen, die notwendig geworden sind. Dabei geht es um ein komplettes Modell für die Behandlung der „Humanressourcen“, das auf revolutionäre Weise über den unpersönlichen, weisungsbezogenen und autoritären Stil des Taylorismus und des Fordismus hinausgeht. Neue, extrem flexible und raffinierte Arbeitsverhältnisse, von denen fast behauptet werden kann, sie hätten die Arbeitswelt „humanisiert“, und von denen sogar bereits gesagt worden ist, die seien imstande, zwischen dem Arbeiter und seinen Produkten eine derartig anerkennende Beziehung herzustellen, dass damit die von Marx dermaßen kritisierte klassische Entfremdung überwunden werden würde.


Aus der riesigen Vielfalt modischer Ansätze, mit ihrer weiten Spanne, von Marketing-Techniken über Organisationsentwicklung, Arbeitspsychologie, die neue Soziologie des Arbeitsplatzes, bis zu den Techniken der „Persönlichkeitsentwicklung“, bin ich daran interessiert, nur zwei Aspekte zu unterstreichen, die aus einem begrifflichen Blickwinkel von wesentlicher Bedeutung sind. Einer davon ist die weit verbreitete Mythologie des „Dialogs“, der Konstruktion von Bereichen des Dialogs. Ein weiterer ist die allgegenwärtige Betonung der Affektivität, die Subjektivierung der Arbeitsverhältnisse, wobei es sich im Prinzip um etwas rein formelles handelt.


In fast der gesamten Literatur hierzu geht es um die Horizontalität der Beziehungen, Beteiligung, Verwicklung, Interaktivität. Die Arbeitsverhältnisse seien in einen Bereich des Austauschs, des „Zuhörens“, der auf Konsens basierenden Handlungen, verwandelt worden. Es sind große Anstrengungen unternommen worden, um bis ins letzte Detail und auf präzise Weise festzulegen, worin ein produktiver Dialog besteht und wie man ihn vorantreibt.


Positiv betrachtet, geht dies auf eine technologische Situation zurück, deren Komplexität eine rückkoppelnde Meinungsäußerung ihrer Teilnehmer erforderlich macht, um eine reibungslose Koordinierung des globalen Netzwerks sicherzustellen. Der Dialog wird objektiv zum subtilsten und bereicherndsten Teil der Qualitätskontrolle und seine Wirkung ist zur gleichen Zeit lokal und global.


Aber, andererseits, steht die Möglichkeit eines Dialogs klar und ausdrücklich im Dienst der Verwicklung, der Suche eines subjektiven Engagements des arbeitenden Menschen mit seinen Arbeitsmitteln und dem Umfeld, das sie konfigurieren. Dies führt dazu, dass eine wesentliche Bedingung des möglichen Dialogs die sein muss, dass er sich auf die Mission beschränken muss, welche die Produktionsumgebung beseelt, und auf dieser Basis als unumgänglicher Konsens agiert. Diese Mission ist mit Sicherheit im Wesentlichen von außen her bestimmt und sie ist nicht der Platz, in ihrem Zusammenhang oder in ihr Konflikte zu formulieren. Hieraus folgt, dass der Dialog von vornherein und von außen zum Konsens gezwungen ist. Er kann Diversität und Opposition enthalten, aber keine Widersprüche oder Infragestellungen seiner Grundlagen. Es handelt sich um einen Dialog, in dem es Probleme geben kann, aber keine Konflikte. Oder auch, eine Situation, die von vornherein die Existenz radikal unterschiedlicher Interessen oder möglicher Auseinandersetzungen ausschließt.


Wenn wir dies mit einem realen Dialog vergleichen, unter der Bedingung, dass wir nicht bereits von der „dialogierenden“ Flut überwältigt worden sind, so finden wir, das hier eine Form des Dialogs vorliegt, die es nie zulässt, seine Inhalte zur Diskussion zu stellen. Das ist eine rein prozedurelle Angewohnheit, deren Inhalte von solchen Bereichen bestimmt werden, von deren Expertise man ausgeht.


Wenn man den Unterschied zwischen den gleichermaßen externen, aber weisungsgebenden Auferlegungen des klassischen Stils und dem Bereich betrachtet, der mittels Dialog nach Verwicklung strebt, dann erkennen wir, dass unter dem neuen Stil die Möglichkeiten des Dialogs, sowohl in der Form, wie in den Einzelheiten, nicht anderes tut, als die Akzeptanz der Inhalte in ihren wesentlichen Aspekten zu vermitteln. Auf dem Gebiet des Dialogs treten Mächte auf, die ein auf Durchsetzung fixierter Führungsstil nicht zulassen würde, aber niemals solche Mächte, von denen die Macht wirklich in Mitleidenschaft gezogen werden würde. Die Macht hat sich dabei nicht in der Horizontalität aufgelöst, sondern sie wurde in den subtilen Stand einer Macht über die Mächte erhoben. Und die Disziplin besteht in diesem Fall nicht darin, auf lineare Weise das zu tun, was eng begrenzt festgelegt worden ist, sondern darin, sich innerhalb bestimmter Spielregeln zu bewegen, die ziemlich viele Möglichkeiten offen lassen, mit Ausnahme der Möglichkeit, die Spielregeln selbst in Frage zu stellen.


Selbstverständlich ist die zumindest formale Akzeptanz des Dialogs ein Teil seiner Legitimierung. Die substantiellste Legitimität stammt jedoch daher, dass wir glauben, es gäbe eine Expertise, die der Ebene, auf der wir diskutieren, natürlich überlegen ist und die jene Mächte und jene Regeln adäquat festgelegt hat. Das bedeutet, dass die Legitimierung durch das Wissen für den Erhalt des Dialograhmens von wesentlicher Bedeutung ist. Die Expertise erscheint dann klar als eine ideologische Funktion. Das Wissen muss als solches akzeptiert werden, weil der allgemeine Rahmen akzeptiert werden muss. Der verwaltende Bürokrat und der legitimierende Technokrat zeigen sich als zwei Seiten derselben Macht.


Aber der Effekt der Verwicklung, das Gefühl, „berücksichtigt zu werden“, und die oft wiederholte und ausgedehnte Phraseologie zu den Vorzügen des Dialogs reichen nicht aus, um ihn in einem aktiven und produktiven Zustand zu halten. Hierzu besteht das praktische und wirksame Mittel darin, ihn in eine von Affektivität gekennzeichnete Stimmung einzubetten.


Die gemeinsamen Interessen, die Personen wie sie „wirklich“ sind, einschließlich des ausdrücklichen Appells an die Gefühle und, selbstverständlich, das Spiel mit den Loyalitäten, sind wiederkehrende Themen der neuen Organisationspsychologie und -soziologie. Beziehungen, die im klassischen Organisationsstil rein formell und weisungsbezogen waren, werden nun personalisiert und subjektivisiert. Selbstverständlich ist diese Vorherrschaft der Affektivität zumindest im Prinzip nicht eine Vorherrschaft der Willkür. Sie entspricht auch den Mustern dessen, was das Urteil der Experten als normale affektive Bedürfnisse erachtet, sowie der adäquaten Art und Weise ihrer Befriedigung. Die ganze sentimentale Trivialität der Psychologie des gesunden Menschenverstands ist hier in den Status von Expertenwissen erhoben und zur gemeinsamen Ideologie des Arbeitsalltags gemacht worden, womit sie sicherlich dem Herzen der Beteiligten sehr nahe kommt, die in ritueller und autorisierter Sprache anerkannt sehen, was sie schon immer gefühlt hatten.


Es ist in diesem Sinne bemerkenswert, wie die Grenzen des „kompromisslosen Respekts für die Einzigartigkeit einer jeden menschlichen Person“, wie er von den Managern dieses Systems universell proklamiert wird, sichtlich an jedem der Gemeinplätze des gewöhnlichen Begriffs zu psychologischer und existentieller Normalität anstößt. Weder die Vorliebe für Einsamkeit, noch Homosexualität, noch expansive und ungehemmte Persönlichkeiten, noch im Allgemeinen irgendeine zugespitzte und auf nachdrückliche, intensive Weise praktizierte persönliche Eigenschaft, sind zulässig. Die Anforderung, den rationellen Dialog und den affektiven Konsens zu bewahren, führt dazu, all dies als unpassend zu deklarieren. Und besonders bemerkenswert ist, dass angesichts einer Störung dieses affektiven Grundkonsens, die „Einzigartigkeit einer jeden menschlichen Person“ durch den soften Zwang des Expertenurteils gezwungen wird, sich den vermeintlich gemeinsamen Interessen und Bräuchen unterzuordnen.


Die allgemeine Ressource der Intervention angesichts von Störungen, die den affektiven Konsens unterbrechen, ist die Gruppen- oder Einzeltherapie. Aber, in dem Maße, in dem die Subjektivierung konsequent global erfolgt, erfolgt die Anwendung der therapeutischen Ressource selbst dann, wenn der prinzipiell nur rationelle Konsens des Dialogs gebrochen wird, womit die Durchsetzung der Inhalte und der Grundregeln des ganzen Systems zur gleichen Zeit unter Schutz und Maske der naturalisierenden Psychologisierung geraten, die den Rahmen für alle zwischenmenschlichen Beziehungen bieten, die über den Bereich der Arbeitswelt hinausgehen.


Die Verwicklung und das subjektive Engagement, die adäquate psychologische Bereitschaft, die Fehlern bei der Arbeit vorbeugt, wird von dieser Psychologisierung nicht nur geprägt und gefördert, sondern auf demselben Wege auch diszipliniert und vorsorglich behandelt.


Das sind subjektive Variablen, die, im Prinzip und aus einem rein rationellen Blickwinkel, weder relevant sind, noch es im Rahmen der klassischen Organisationen waren, aber in den aktuellen Allgegenwärtigkeit erlangen. Ein Extremfall ist die Forderung nach Loyalität, nicht mehr nur hinsichtlich des Vertrags oder der förmlichen Verpflichtungen, sondern dem Esprit des Unternehmens, den mittleren Koordinierungsinstanzen, der Peer-Group und deren informellen Regeln des Miteinanders gegenüber. Das ist eine Loyalitätsforderung, die sich problemlos auf den Bereich außerhalb der Arbeitswelt erweitern lässt, da das Ideal des Unternehmens-Esprits darin besteht, dass das GANZE Leben des arbeitenden Menschen darin Platz findet, darin enthalten sogar die Attitüden, Bereitschaften, oder die über sein Innerstes zu treffenden Annahmen, oder der intime Inhalt der Aktionen. Das, in einer Breite, bezüglich derer es selbstverständlich sehr schwierig ist, förmliche Garantien abzugeben, sowie ebenso schwierig, sich einer schlichten Willkür unterzuordnen, die in Anbetracht der allgemeinen Psychologisierung und trotz aller Empfehlungen aus den Handbüchern, immer mehr die Oberhand gewinnt.


Aber all dies steht in Beziehung mit einem anderen Extrem, das in der progressiven Ersetzung eines Vertragssystems von Rechten durch ein de facto System informeller Garantien und Privilegien besteht. Nicht nur, dass in der allgemeinen Zusammensetzung des Lohns der fixe Anteil zurückgeht, während die verschiedenen Bestandteile variablen Lohns ansteigen; nicht nur, dass die materiellen Anreize immer häufiger und intensiver von psychologischen Anreizen ergänzt wird, sondern der formelle Charakter und der juristische Sinn der Instanzen für Reklamationen, Sanktionen oder Prämien, sich auflöst und durch ein System persönlicher Abhängigkeiten abgelöst wird, die von den Anforderungen der Loyalität und der Allgegenwärtigkeit der Psychologisierung gekennzeichnet werden.


e. Die "befriedende" Funktion der Medien

Aber eine globale Stimmung, die anstrebt, die Subjektivität der arbeitenden Menschen in einen Unternehmensgeist einzugliedern, um damit ihre Disziplinierung auf subjektiv annehmbare Weise umzusetzen, kann streng genommen nicht deren Leben außerhalb der Arbeit außer Acht lassen. Das ideale Funktionieren eines solchen heimeligen Esprits erfordert es, keine Leerräume aufzuweisen, die Fragen oder vitale Alternativen aufkommen lassen. Wenn man dem reinen Anspruch des neuen Organisationsstils auf dem Gebiet der Arbeit folgen würde, dann verschwindet ganz einfach der alte Mythos, der uns gestattete, zwischen einem öffentlichen und einem privaten Bereich zu unterscheiden. Die Epoche neigt dazu, hierbei und bei so vielen anderen Fragen, ihren totalitären Charakter immer unverhüllter zu zeigen. Im Idealsystem würde die „große Familie“ eines hochtechnolgischen Unternehmens immer mit den anderen „Familien“ als Ganzes in Beziehung stehen und dabei ständig ihre Identifikation stiftenden Symbole verwenden, mit der Unternehmenszugehörigkeit als vermittelndem Element. Die substantielle Individualität sollte dann verschwinden, um einer funktionellen Individualität Platz zu machen, deren Autonomie genau die wäre, die ihre „Systemzugehörigkeit“ zuließe.


Mindestens zwei Hindernisse stellen sich in den Weg eines idealen Funktionierens dieses Unterdrückungsystems. Eines davon steht mit den Jahrhunderten stolzen Individualismus der bürgerlichen Kultur in Beziehung, der nur mittels großer und anhaltenden Angsteinflößung ausgelöscht werden kann. Das andere liegt im Charakter des Produktionsprozesses selbst.


Die bürgerliche Kultur lässt sich nicht einfach durch verallgemeinerten Korporatismus ersetzen, auch wenn die „Massen“, oder der prekäre Charakter des Lebens, der zur Schutzsuche antreibt, sie bereits für solches Ziel herangebildet hat. Immer wieder geschieht, dass wenn die Unternehmensmacht ihre Fortschritte gegenüber der individuellen Autonomie durchsetzt, sie dabei auf dieselben Traditionen und Interessen stößt, aus denen sie selbst kommt und die ihr Wege aufzeigt, die eher der Manipulation von schlicht isolieren Individuen entsprechen.


Andererseits setzt sich, in einer disaggregierten und delokalisierten Produktion mit höchster Mobilität, als objektive Notwendigkeit ein hoher Grad an „Flexiblität“ bei der Arbeit durch, allgemeiner und direkter, an Präkarisierung der Arbeitsbedingungen. In der Praxis könnten die wirklich harten unternehmerischen Kernansätze eines Großunternehmens auf eine relativ geringere Fraktion ihrer Angestellten reduziert werden, während der Rest der Abdrift einer vermittelten oder temporären Arbeit überlassen wird.


Wenn wir den wesentlichen Umstand hinzufügen, dass die neuen Produktionsformen die beständige Tatsache schaffen, dass ein wichtiger Teil der Bevölkerung Marginalisierung, Verarmung und Diskriminierung ausgesetzt sind, dann mag es durchaus sein, dass das in den letzten Abschnitten beschriebene Panorama einer Disziplinierung der Subjektivität einen geringeren Teil der realen Bevölkerung betrifft.


Aus all diesen Gründen behaupte ich, dass es zum besseren Verständnis der neuen Herrschaftsformen erforderlich ist, die Disziplinierung der Subjektivität global zu betrachten, oder besser, ich behaupte, dass sie auf globaler Ebene effektiv artikuliert und vollzogen wird. Kein Unternehmensgeist wäre glaubhaft, wenn es nicht eine Peripherie gäbe, die als feindlich dargestellt wird und die ihn im Bewusstsein der Betroffenen als notwendig erscheinen lässt. Oder auch, kein Unternehmensgeist wäre wirksam, wenn er nicht wirklich allumfassend ist, wenn er nicht wirklich das gesamte Leben umfasst. Und ich glaube, dass diese Abdeckung vermittels des Mediensystems als Ganzem erzielt wird.


Ebenso wie von Subjektivierung der Arbeitsverhältnisse die Rede sein kann, glaube ich, dass nun von der stark subjektiven Grundschwingung in den Medien gesprochen werden muss. Dies ist auch ein Bereich, der zur Verwischung des Unterschieds zwischen dem Öffentlichen und dem Privaten neigt, ein Bereich, in dem die Individuen ausgehend von einem scheinbar gemeinsamen Geist angesprochen werden, aber nunmehr unmittelbar als Individuen, ohne die Vermittlung durch eine bestimmte symbolische Identifizierung, sondern eher durch eine ständige Zirkulation kleiner identifikatorischer symbolischer Universen, die koexistieren und sich ohne große Konflikte inmitten ihrer Widersprüche und exotischen Verschiedenheiten darstellen.


Die Medien[Anm.d.Übers. 2] übernehmen die Bereitstellung der imaginären Ebene, die von der Marginalität nicht auf reale Weise empfangen werden kann, sie übernehmen die symbolische Integration, die das Produktionssystem tatsächlich nicht anbietet. Unabhängig von den Vorstellungen oder Zielsetzungen, die von ihren Akteuren behauptet oder geglaubt werden, besteht ihre objektive Hauptfunktion darin, einen Raum in Szene zu setzen, in dem die offene Konfrontation, der erklärte Krieg zwischen den Marginalisierten und den in die moderne Produktion Integrierten vermieden wird. Weder Polizei, noch populistische Politik oder religiöser Beistand erzeugen eine derart wirksame Befriedung. Selbst die Turbulenzen in Verbindung mit Hooligangruppen, die sporadischen Ausbrüche an Massenempörung, die sichtbaren Aspekte der Massenplünderungen, zu denen der Kampf ums Überleben zwingt, sind für die Medien Elemente einer breit angelegten, nicht konventionellen Erziehungsaufgabe, eines umfassenden, nicht ausdrücklich geplanten Plans, womit des Universum der gesellschaftlichen Widersprüche eingedämmt wird.


Als Teil dieser selben Funktion und gerade infolge dieser, besteht die Wirkung der Medien auf die Integrierten darin, die Notwendigkeit der geschützten Umgebungen zu bestätigen, in denen sie ihren Zugang zum Konsum und ihre hochgradig intensive Arbeitstätigkeit ausleben können. Die umliegende Welt, voller Bedrohungen, familiären und sozialen Verfalls, Kriminalität und Terrorismus, den die Medien reflektieren, bestätigt die Notwendigkeit und die Vorzüge eines geruhsamen, vernünftigen, eng umrahmten Lebens ohne größere Gewaltakte, wie es von den Integrierten gelebt zu werden scheint. In dieser reaktiven Empfindung von Erleichterung, von wenn auch noch so bedrohter Sicherheit, oder gerade deswegen, liegt der Abschluss der globalen Wirkung des Unternehmensgeistes. „Die Leute“, wie die neuen Demagogen sagen, haben Sorgen, Ängste, den Wunsch, in Frieden zu leben, und die Unternehmen, die neuen Büros, die neuen Formen der Verwaltung können etwas von diesem Frieden anbieten. „Wir stehen zu Ihren Diensten. Wir sind eine große Familie“.


Die Marketingbranche und die der Public Relations können agieren, indem sie den Geist eines Unternehmens auf dessen Subunternehmer, dessen Kunden, auf die Gesellschaft als Ganzes erweitern. Auf diese Weise können wir, obwohl wir nicht dem Kern der ständigen Mitarbeiter angehören, die unmittelbare Nutznießer der Vorteile einer hohen Produktivität sind, auf partielle Weise daran teilhaben, etwas von dieser Aura abbekommen, wissen, dass auch wir irgendwie abgesichert sind. „Unternehmen X kümmert sich um Ihre Kinder“. „Unternehmen Y möchte Ihre Lebensqualität erhöhen“. „Unternehmen Z hat schon ein ganzes Leben mit Ihnen verbracht“. Die Umgebung, außerhalb der Arbeitswelt, füllt sich mit beschützenden Nachrichten, mit Instanzen, die sich um alle Aspekte unseres Lebens aller Art Sorgen machen. Sie füllt sich mit Botschaften von Frieden, Eintracht, einem guten Leben, von Behagen und möglicher Schönheit, wobei jedoch die „unvermeidlichen“ Probleme des Lebens nicht vergessen werden und die Einladung dazu erfolgt, zu kooperieren und eine gemeinsame Welt aufzubauen.


Das Showbusiness im engeren Sinn katalysiert und prägt andererseits die Sorgen, es stellt kompensatorische Erleichterung bereit, es suggeriert die ständige Möglichkeit einer guten Welt, es weist auf Komplexitäten und Widersprüche hin, warnt vor ihnen und lädt im Allgemeinen zu deren Überwindung ein. Katharsis, Kompensation, Utopie, Gefühle, Abenteuer sind die großen Inhalte, mit denen sich die Expertise in Sachen Massenpsychologie, oder genauer gesagt der gesunde Menschenverstand plumpster Ausprägung im Gewand eines Expertenurteils, in immer offener pädagogisch anmutender Tonlage ihre wohltätige Anwesenheit, zum Vorteil von Güte und Profit bemerkbar machen.


Durch die Medien wird der für die hochtechnologische Arbeitswelt charakteristische intersubjektive Organisationsstil in die gesamte Gesellschaft getragen, weit über den Bereich hochgradig produktiver Arbeit hinaus. Alle gesellschaftlichen Kreise werden effektiv, oder mit der Effektivität des Virtuellen, so behandelt, als ob sie im Kontext der Hochtechnologie leben würden, was nicht nur durch die diesbezügliche ausdrückliche Politik und das entsprechende Programm verstärkt wird, sondern auch, objektiv, durch die technologische Intensität des gewöhnlichen Lebens, voller Fernsteuerung, Kabel-TV, Mobiltelefon und Fiberoptik.


Es sollte nicht vergessen werden, dass, wenn wir von Ermüdungserscheinungen neuen Typs sprechen, auch der Stress berücksichtigt werden muss, der sich aus der hohen technologischen Intensität des Alltagslebens im gemeinsamen Raum der persönlichen Interaktion ableitet, wo jeder Aspekt des städtischen Lebens vom technologischen Sprung vorwärts geprägt wird und jede damit verbundene persönliche Geste neue Anforderungen weiterer und intensiverer neuromotorischer Koordinierung und psychischer Aufbereitung zur Folge hat.


Aus diesem Grund, angesichts der Realität einer Ermüdung neuen Typs, die das Leben innerhalb und außerhalb der Arbeitswelt an sich erfüllt, ist es notwendig, daran die Betrachtung von Erholungen neuen Typs anzuschließen, ohne die das heutige Leben ganz einfach nicht auszustehen wäre. Und auch, gegebenenfalls, von einer neuen Intensität der Erholungsformen zu sprechen, bei denen den rein muskulären die neuromuskulären und selbst rein symbolische Dimensionen hinzugefügt werden müssen.


Die neuen Massenformen im Showbusiness, durch Fernsehen, Kino, Video, kommerziell vertriebene Musikdarbietungen und demnächst die Vorherrschaft der DVD, können nicht mehr nur nach dem einfachen Schlüssel verstanden werden, der sie als Entfremdung betrachtet und dabei diese Entfremdung als Lüge versteht. Es handelt sich um adäquate und notwendige Ausdrucksformen, die der Intensität der neuen Lebensformen ebenso gerecht werden, wie zuvor die religiösen Festtage oder die Festlichkeiten des Landwirtschaftsjahres.


Vielleicht ist es wahr, dass die Idee des „Urlaubmachens“, mit ihren Syndromen von Strand, Land oder künstlichem Abenteuer, wirklich nur für das Stadium des Niedergangs der Kulturen typisch ist. Vorstellungen wie die eines „Badeorts“, eines „Landhauses“, eines „Strands“, sind in der Geschichte nur für sehr raffinierte Zustände der Kulturen und jedenfalls nur für Zeiten des Überflusses verzeichnet, wie im Ägypten der XV. Dynastie, auf Kreta um 1800 v.u.Z., oder im I. Jahrhundert in Rom. Das sind kulturelle Zustände, die wirklich kurze Ausnahmesituationen in der übergreifenden technologischen, politischen und produktiven Armut ausmachen. Eine Epoche anhaltenden und massiven Überflusses muss dagegen als ein in der Geschichte des Menschen neuer Umstand betrachtet werden und, damit einhergehend, auch die Veränderung der viele Jahrhunderte lang vorherrschenden Modi von Ermüdung und Erholung, und damit die der ebenfalls viele Jahrhunderte gültigen Formen der Unterdrückung.


„Urlaub“, als errungenes Recht und kulturelle Gewohnheit, ist ein vorbildliches Beispiel für eine von der neuen Herrschaft verwaltete Zeitspanne. Im Vergleich zu den absoluten Standards der körperlichen Müdigkeit, ist es unzweifelhaft so, dass das, was der gewöhnliche Mensch als „Urlaub“ bezeichnet, sehr viel ermüdender ist, als seine Zeiten normaler Arbeit. Dies kann nur die mächtige symbolische Bedeutung und den vorrangig psychologischen Charakter der daraus folgenden Erholung unterstreichen.


Der formelle und informelle Massentourismus erweitert das Zeitmaß der Herrschaft bis in die Gewohnheiten, die als die vom Bereich der unmittelbaren Arbeit entferntesten betrachtet werden. Wir befinden uns nie wirklich außerhalb der Modalitäten, die uns in der Sphäre der Arbeit disziplinieren. Wir gehen nie wirklich nach hause, oder gehen wirklich in Urlaub. In allen Bereichen, wo wir nicht produzieren, reproduzieren wir das System. Unsere Gewohnheiten, unser Konsum, unser gesunder Menschenverstand und seine Offensichtlichkeiten, lassen uns praktisch keinen Raum für ein privates Inneres. Es gibt nichts besseres, als einen schönen Urlaub, um das Gemüt zu befrieden und mit erneuten Kräften zu beginnen... weiter ausgebeutet zu werden.


Sollten wir aufhören, „Urlaub zu machen“, oder ins Kino zu gehen, oder kommerzielle Musik zu hören, oder aufhören, komfortable Kleidung zu tragen und uns in die mannigfaltige Breite der neuen Solidarität einzufügen? Würden wir auf diese Weise den neuen Formen der Disziplinierung entkommen?


Nein. Selbstverständlich predige ich nicht, man solle keinen „Urlaub machen“. Ich behaupte, man muss sich darüber bewusst sein, dass wir auf diesen Reisen nirgendwo hin gehen, dass wir nie den disziplinierten Ort verlassen haben, an dem wir immer gewesen sind. Ich behaupte, dass infolge der gesellschaftlichen Funktion des Showbusiness der Unterschied zwischen dem „Inneren“ und dem „Äußeren“ des Bereichs der unmittelbaren Ausbeutung sich auflöst und dass das Universum der gesellschaftlichen Erfahrungen über jedes maß hinaus totalisiert wird, was irgendeine liberale Illusion erdenken oder wünschen könnte, einem Schema gemäß, das sehr viel mehr der mittelalterlichen Gesellschaft ähnelt, als den bürgerlichen Tugenden.


f. Die objektiven Grundlagen des Konsens

Ich bin der Auffassung, dass die bisherigen Argumente zu folgender Schlussfolgerung führen: der sich auf Konsens stützende politische Herrschaftsmodus ist heute sehr viel wirksamer, als jene, die sich auf unmittelbare Gewalt stützen.


An dieser These ist jedoch viel Offensichtliches. Wenn man den Inhalt und die Umstände untersucht, die das, was wir als „Konsens“ bezeichnen, so wird man zum Schluss kommen, dass keine gesellschaftliche Herrschaft allein auf der Grundlage der physischen Gewalt operieren kann, und dass immer die am besten verwirklichten Herrschaften jene sind, die die Gewalt in grundlegende gesellschaftliche Vereinbarungen umzumünzen in der Lage sind. Hiervon ist jedoch der Umkehrschluss, dass diese grundlegenden „Vereinbarungen“ klassisch auf dem Wege der Gewaltanwendung erzielt und auf dem Wege einer ständigen Überwachung erhalten wurden, wobei die ideologischen Instanzen mehr als Siegel und Komplement, anstatt als realer Ursprung agieren.


Die Neuigkeit ist dann nicht, dass der Konsens wirksamer wäre, als Gewalt. Das ist immer so gewesen. Die Neuigkeit ist, dass wir uns vielleicht zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit in Anwesenheit eines Herrschaftssystems befinden, dessen Kraft vornehmlich ideologischer Natur ist und dessen Ursprung und Erhalt auf vornehmlich ideologische Weise agieren und bis zu einem bisher nie dagewesenen Grad ihren Inhalt an physischer Gewalt und realer Ausbeutung zu verschleiern wissen.


Uns dies geschieht nicht als Wirkung einer Kraft aus der Welt der Ideen und Vorstellungen, dem unmittelbaren Inhalt des Ideologischen, sondern infolge der in der Arbeitswelt stattgefundenen Veränderungen, als Grundlage jeglicher individueller und gesellschaftlicher Erfahrung, der Ideologie.


Deshalb kann man behaupten, dass die objektiven Grundlagen des gesellschaftlichen Konsens wie nie zuvor in der Arbeitswelt selbst zu finden sind und nicht in der mit dem Zweck hinzugefügten physikalischen Gewalt, die in ihr enthaltenen gesellschaftlichen Unterschiede zu verewigen. Diese Grundlagen liegen im Überfluss, auch wenn dieser noch partiellen Charakter trägt, in der hochtechnologischen Arbeit, in der Ausbreitung dieser Welt durch die Medien auf das gesamte Universum der Erfahrungen und in der Wirkung all dieser Sphären auf alle gesellschaftlichen Kreise, einschließlich der Marginalisierten und Ausgeschlossenen.


Auf dem beschränkten Gebiet der Politik, entsteht hierdurch eine neue Art von Klientelismus, der stark von der Subjetivität und dem persönlichen Stil der neuen Organisationspsychologie geprägt ist, in welcher die symbolischen Komponenten, sowie die Handhabung der Gefühle von Sicherheit und Verlassensein, von subjektiver Integration oder Abkehr, von Teilhabe an einem Unternehmensgeist, über die traditionellen materiellen Vorteile oder parteipolitischen Loyalitäten, die in den klassischen Formen des Klientelismus Typisch waren, eine zentrale Rolle zu spielen beginnen.


Die Arbeit, die Geschäfte, die Politik, der Alltag, das Private, der Urlaub sind von den neuen Formen der subjektiven Disziplinierung radikal verändert worden. Das diversifizierte, flexible, technologische Leuchten des gegenwärtigen Systems von „Verständnis“, „Unterstützung“ und „Linderung“ erfüllt die gleichen Funktionen, wie die monopolistische, starre und terroristische Finsternis des mittelalterlichen Katholizismus.


In diesem Zusammenhang wird also die paradoxe Kategorie der repressiven Toleranz erforderlich. Sie wird jetzt erforderlich, da solche objektiven Lebensbedingungen vorherrschen, die dazu führen, dass die Toleranz auf wirksamere Weise durchsetzt, was unter dem klassischen Stil Aufgabe von Gewaltanwendung war. Jetzt, wo es notwendig ist, das totalitäre Leuchten noch mehr zu fürchten, als den von der Technologie überwundenen Obskurantismus.


In diesem Zusammenhang wird also eine neue Art und Weise erforderlich, die Kritik und die politische Aktion zu konstituieren. Das sind Modi, die nunmehr nicht die Wichtigkeit des Kampfes um die subjektive Ebene auf dem Gebiet des Bewusstseins aus den Augen verlieren dürfen, aber vor allem über diese hinaus und unter ihr hinweg. Das sind Modi der Kritik, die sich nicht mehr der Illusion hingeben dürfen, sie würden sich nicht auf eine Willen gründen.


Wenn die Aufklärung tatsächlich gegen die alte Finsternis von Nutzen gewesen ist, dann ist heute eine neue Art reflexiver, autonomer, kritischer Halbschatten erforderlich, der es gestatten möge, dem leuchtenden Totalitarismus entgegenzutreten. Eine Kritik, die den Inhalt der hohen technologischen Entwicklung aufnimmt und ihn rückgängig macht, die seine geschaffenen Möglichkeiten an menschlicher Diversifizierung und Wiedervereinigung Realität werden lässt. Ein Halbschatten, der sie Mehrdeutigkeit des menschlichen in sich aufnimmt, der ihre differenzierte Universalität in sich aufnimmt, der imstande sei, eine große Ablehnung in Szene zu setzen, nunmehr nicht nur der sichtbar unheilvollen Auswirkungen des Systems, sondern auch jener Auswirkungen, die als seine Tugenden dargestellt werden. Ein realer Humanismus, welcher der Misere des grob sentimentalen Lichts entgegengestellt werden kann, der zufolge der Humanismus mit dem Erfolg bei den Geschäften übereinstimmt.


Wenn die Toleranz repressiv geworden ist, dann ist es vielleicht ebenso möglich, dass die Empörung rationell wird.


2. Paradoxien

Man könnte sagen, dieses Buch sei um einer Reihe von Paradoxien herum strukturiert. Paradoxien, die ein Zeichen sind, für die enorme Distanz zwischen dem in der politischen Theorie vorherrschenden gesunden Menschenverstand und der gebräuchlicheren, der effektiven Politik. Paradoxien, in denen sich eine entzauberte Form von Klarheit äußern soll,die dem schlechthin voluntaristischen Messianismus der klassischen Linken entgeht, sowie der unflätigen Arroganz jener, die sich heute als Sieger fühlen.


Die wiederkehrende Form dieser Paradoxien besteht darin, solche Begriffe zusammenzuführen, die von den gewöhnlichen Kategorisierungen in rigoros getrennte Felder eingeordnet werden, bis zum Extrem, den Eindruck eines Mangels an theoretischer oder politischer Klarheit zu erwecken. Und diese Verwirrung ist dann Teil der angestrebten politischen Wirkung: das von der Niederlage, von der Einfachheit der Kooptation, sowie von der Schnelligkeit des Urteils eingeschläferte Bewusstsein aufzurütteln, mit dem die scheinbaren Sieger eine unbequeme Vergangenheit erledigen.


Ich meine, dieser Bedarf, Begriffe in Form von Paradoxien zu formulieren, entsteht vor dem Hintergrund der essenziellen Komplexität der neuen Herrschaftsformen. Das ist eine Komplexität, die über die Grenzen der politischen Vorstellungswelt hinausgeht, die sich zwischen den Extremen der Aufklärung und der Romantik strukturiert, eine Komplexität, die konfiguriert wird von der homogenisierenden Industrialisierung und der Dichotomie von progressivem Aufschwung der demokratischen Formen und den Versuchen, den Marsch der Geschichte mit Waffengewalt zu forcieren. Eine Komplexität, in der sowohl die Hoffnungen der revolutionären Seite, wie auch die prahlerisch verkündeten Erfolge der Sieger, von der Realität innerlich und äußerlich zunichte gemacht wurden, während sich eine neue Situation einstellte, die das Kalkül der alten Linken und der alten Rechten gleichermaßen übersteigt.


Es ist eine neue Rechte entstanden, die nicht über ein klares Bewusstsein ihrer selbst verfügt, aber mit ihrem Erscheinen die Aufstellungen aufbricht, die man bisher für unveränderlich gehalten hatte. Dies ist ein von Diversität geprägtes rechtes Lager, mit fortschrittlichen Ansprüchen, das dazu bereit ist, die Exzesse des Kapitals zu regulieren, ebenso wie dazu, eine mögliche radikale Opposition mit Polizei- oder Arztgewalt zu unterdrücken. Eine Rechte, die kein Problem damit hat, sich aus den Resten der alten erneuerten Linken zu konfigurieren, oder aus der Korruption der Parteiapparate des klassischen Zentrums und der klassischen Rechten. Ein rechtes Lager, das bezüglich seiner Vertreter in der politischen Klasse manchmal eine neue Linke zu sein scheint, manchmal eine neue Rechte und bei anderen Gelegenheiten schlicht und einfach ein Konstrukt der Meinungsmacher, das aber keine besonderen prinzipiellen Unterschiede in seinen Reihen aufweist und sich problemlos mit anderen an der politischen Macht abwechseln kann, wozu es die Illusion einer wirklichen Diversität ausnutzt, sowie die legitimierende Kraft der jeglichen realen Inhalts entledigten demokratischen Mechanismen.


Eine neue Rechte, der keinerlei reale Linke gegenübersteht, der gegenüber die klassischen Linken schwanken, zwischen dem Anschluss an das, was sie für deren „linken Flügel“ halten, und einer radikalen, unorganisierten Opposition, die von Anfang an die Möglichkeit zunichte macht, einen politischen Raum zu schaffen, in dem der Kampf möglich ist, und die in jeder Hinsicht die Propagandaoffensiven rechtfertigen, mit denen sie in die Nähe von Kriminalität oder psychischer Krankheit gerückt werden. Eine neue Rechte, die das traditionelle politische Kalkül, sowohl mit ihren Übereinkünften, wie auch mit ihren inneren Auseinandersetzungen verwirrt, angesichts derer sowohl die Linke, wie auch die klassische Rechte keine anderen Begriffe ins Feld führt, als sie unter der traditionellen Achse Kapital-Arbeit einzuordnen, oder unter der ebenso traditionellen Achse Solidarität-Markt, womit sie die Gelegenheit verpasst, das Neue an ihrem Vorgehen als etwas authentisch Neues zu erfassen.


In dieser Situation ist es, wo die Paradoxien erscheinen, und jene, die als repressive Toleranz charakterisiert werden kann, ist die erste von ihnen.Das ist eine Situation, in der die Wirksamkeit der Mechanismen der neuen Herrschaft dermaßen groß ist, dass die unmittelbare Repression auf die finstere, scheinbar weit entfernte Unterwelt der Kriminalität, oder dessen, was gemeinhin als Kriminalität dargestellt wird, verbannt wird, während das zentrale Mittel der Unterwerfung eher die Toleranz selbst ist, nämlich die Fähigkeit, jegliche Initiative, ob radikal oder nicht, mit neuen Bedeutungen im Sinne der Logik der etablierten Mächte zu versehen, indem die Gesten, die als protestlerisch oder oppositionell initiiert wurden, zu Varianten verwandelt werden, die im Rahmen der offiziellen Diversität enthalten sind, und die als Bestätigungen des globalen Charakters des Systems operieren.


Aber im Hintergrund wird diese Toleranz erst durch eine enorme Wirksamkeit der Produktion ermöglicht, die nicht nur die Produktion von Diversität erlaubt, sondern auch eine bedeutende Erhöhung des Lebensstandards eines großen Teils der Weltbevölkerung bedeutet. Das ist eine Produktivität, die nicht mehr zu homogenisieren braucht, die nicht entscheidend von der Erzeugung von Armut abhängig ist, die weite Bereiche einer relativ komfortablen Arbeit zulässt, welche, obwohl sie in Bezug auf die Gesamtheit der Arbeitskräfte eine Minderheit darstellt, hinsichtlich der Politik doch als mächtige stabilisierende Kraft und als Stützen der demokratischen Legitimierung wirken. Diese Situation ist es, die ich als Ausbeutung ohne Unterdrückung bezeichne. Es geht um solche Formen der Arbeitsorganisation, in denen die klassischen Komponenten der physischen Ermüdung und die psychologischen Faktoren der vertikalen, zwanghaften und unmittelbaren Herrschaft um ein Wesentliches zurückgefahren wurden.


Sicherlich wird ihre Trägheit die klassische Linke in dieser Hinsicht, wie in allen anderen, dazu führen, diese Situationen in andere, bereits bekannte, zu assimilieren oder ihre Wirkung zu verharmlosen, oder in ihnen Züge zu entdecken, die sie einfach als Schein ausweisen, der seit Beginn des Kapitalismus perfekt bekannte Formen verschleiert. Ebenso wie im Fall der repressiven Toleranz, behaupte ich NICHT, dass jegliche radikale Initiative zum Untergang verdammt ist, oder dass die Macht in dieser Hinsicht allmächtig sei; in diesem Fall behaupte ich NICHT, dass die Mehrheit der arbeitenden Menschen unter solchen Bedingungen leben oder dass es unter solchen Arbeitsbedingungen keine neuen Widersprüche gäbe, die sie auf längere Frist instabil werden lassen. In beiden Fällen weise ich auf eine klare und anhaltende Tendenz der Realität hin, die dann als entscheidend erscheint, wenn wir uns dazu entscheiden, sie als neues Phänomen zu interpretieren, und die dagegen als rein nebensächlich betrachtet werden kann, wenn wir uns an das klassische Kalkül klammern.


Die linke Rhetorik an diesen Punkten ist jedoch interessant. Die allgemeine Beschuldigung lautet, ich würde einen lähmenden Pessimismus predigen, die neuen Situationen auf defätistische Weise angehen, indem ich den neuen Herrschaftsformen eine unbesiegbare Macht zuspreche, und der möglichen Opposition eine nicht existierende Aktionsfähigkeit. Ich glaube, dieser Eindruck ist logisch. Und er entsteht, weil die Art und Weise, in der die klassische Linke sich die Politik vorstellte, die möglichen Subjekte, die möglichen Aktionsformen, sich gan einfach für den neuen Zustand der Welt als ungenügend erweisen. Klar, wenn sie versuchen, mit den alten Vorstellungen vom Kampf gegen die neue Herrschaft anzutreten, dann müssen sie sich überwältigt fühlen, dann müssen sie das Gefühl haben, die neue Macht sei unbesiegbar und Opposition sinnlos oder unmöglich. Gerade gegen die Kampfformen, die diese linken Kreise kennen und beherrschen, sind die neuen Formen der Repression entstanden und solange nicht eine vollständige Neuformulierung der Vorstellungen stattfindet, unter deren Zeichen dieser Kampf stattfindet, ist es in gewisser Hinsicht nachvollziehbar, dass sich Ernüchterung durchsetzt, sowie der Eindruck, ich würde die Unvermeidbarkeit der Niederlage predigen.


Aber ich glaube, dass diese neuen Vorstellungen existieren und ohne Weiteres formuliert werden können. Und was ich predige ist, dass die neuen Machthaber besiegt werden können. Oder, der Vollständigkeit halber, was ich predige ist nichts Geringeres, als dass der Kommunismus möglich ist. Und dann geschieht es seltsamerweise, dass die Beschuldigungen, ich sei ein unheilbarer Pessimist, zu ihrem genauen Gegenteil werden, sie werden auf magische Weise zum Eindruck, ich würde irrereden, mich vom Willen, von Utopien mitreißen lassen, die nicht mehr denkbar sind... und nun sind sie es, die Pessimisten.


Ich glaube, beide Eindrücke stammen aus derselben Quelle: aus der Verwirrung gegenüber einer Macht neuen Typs, die die klassischen Formen der Politik aus dem Gleichgewicht gebracht und sie zu funktionellen Provinzen einer Rationalität neuen Typs gemacht hat.


Dieser neuen Funktionalität gegenüber glaube ich, dass es notwendig ist, radikal die Art und Weise zu verändern, in der wir unsere eigene Geschichte auswerten. Dabei über das aufgeklärte Vorurteil hinausgehend, das uns dazu führt, uns selbst als Vertreter des Fortschritts der Vernunft zu sehen, über das romantische Vorurteil hinaus, das uns dazu führt, unsere Fehlschläge als monströse Verschwörungen der Geschichte zu verstehen, fast als ob es sich um Fehler der Realität handeln würde. Es ist notwendig, die Möglichkeit eines entfremdeten revolutionären Bewusstseins anzunehmen. Das ist ein Bewusstsein, das glaubt, etwas total unterschiedliches von dem zu tun, was die Macht der historischen Bestimmtheit ihm tatsächlich erlaubt. Ein revolutionäres Bewusstsein, das die von ihm unternommenen historischen Initiativen nicht vollständig beherrscht, das heißt, eine politische Praxis, in der die historische Initiative nie transparent ist und die Politik immer ein Risiko bleibt. Ein Risiko, das es immer einzugehen Wert ist, aber zu dessen Ergebnissen keinerlei theoretische Garantie gegeben werden kann.


Für die Traditionen des klassischen Marxismus bedeutet dies, zwei weitere Vorstellungen anzunehmen, die wiederum den Anschein einer Paradoxie besitzen. Eine davon besteht darin, die Entfremdung als etwas das Bewusstsein transzendierendes zu charakterisieren. Die andere besteht darin, das Subjekt als etwas zu betrachten, das kein Individuum ist. Das ist, sich die Entfremdung als eine tatsächliche Situation vorzustellen, als ein Feld von Akten, eine von deren zentrale Eigenschaft darin besteht, dass die vom Bewusstsein derer, die sie erleben, nicht gesehen werden kann. Und die zumindest in den Klassengesellschaften nur aus einer anderen Entfremdungssituation gesehen werden kann, sodass es nirgendwo einen privilegierten Ort des Bewusstseins gibt, oder eine absolute Klarheit. Die Vorstellung von den Individuen als das Resultat historischer Bedingungen, die über sie hinausgehen, und von den Subjektivitäten, die diese historischen Bedingungen konstituieren, als Subjekte, die tatsächlich agieren, mit einem stets veränderlichen und unvollständigen Bewusstsein ihrer eigenen Realitäten.


Hieraus folgt wiederum eine Vorstellung, wonach die Grundlage der revolutionären Praxis tiefer liegt, als das Bewusstsein, auf dem sie ihre Klarheit und ihren Diskurs aufbaut. Das heißt, die Idee, dass der revolutionäre Wille eigene Wurzeln besitzt, die der Klarheit der revolutionären Theorie vorangehen und der zufolge die revolutionäre Theorie eher eine Realität konstruiert, um die politische Praxis zu ermöglichen, anstatt sich darauf zu beschränken, eine Realität festzustellen, damit diese Feststellungen den Willen antreiben mögen. Revolutionäre Theorie, damit der Wille sehen kann, revolutionärer Wille, damit die Theorie sein kann.


Aber diese Möglichkeit der Entfremdung der revolutionären Praxis selbst ist mindestens ebenso real in dem Urteil, das wir zur historischen Praxis der unter den neuen Herrschaftsformen stehenden Klassen fällen müssen. Darin darf nicht eine Errungenschaft des Bewusstseins gesehen werden, sondern eine unterschwellig gewonnene Schlacht, die weit über das hinausgeht, was das Bewusstsein zu sehen und zu wissen in der Lage ist. Und es ist somit erforderlich, eher nach den Widersprüchen zu suchen, die einen revolutionären Willen ermöglichen würden, als nach einem klar unterschiedenen Bewusstsein des Geschehens zu trachten. Das heißt, es muss nach den existentiellen Widersprüchen gesucht werden, die im Rahmen einer wesentlich raffinierteren Herrschaft, als der klassischen kapitalistischen Unterdrückung, möglich werden.


In diesem Zusammenhang schlage ich den paradoxen Begriff eines frustrierenden Behagens vor. Abweichend von der klassischen Mäßigung, ist es notwendig, ein tief gehendes Urteil zu den existentiellen Bedingungen des Komforts zu fällen, der die extrem hohe Produktivität ermöglicht, um dort die Wurzeln der unschwer festzustellenden und weit verbreiteten Unzufriedenheit zu finden, die alle im Leben der in die moderne Produktion integrierten Kreise bemerken, von der aber niemand weiß, wie sie begrifflich zu fassen ist, geschweige denn, wie sie in eine politische Kraft verwandelt werden kann. Hierzu ist ein tiefgreifender und fundierter Begriff dessen erforderlich, was wir unter Subjektivität verstehen, unter Lust, oder letztendlich darunter, glücklich zu leben, wobei es sich in allen Fällen um Fragen handelt, die Aufhören, dem Privatbereich anzugehören, und zu zentralen politischen Variablen werden, insofern die neuen Mächte gerade von ihnen aus ihre Herrschaft behaupten.


Gleichzeitig ist eine Vorstellung erforderlich, die in der Lage ist, die neue Komplexität der Machtausübung zu erklären. Ein Ideengerüst, das es gestattet, zu verstehen, dass aus der Dezentralisierung der Macht nicht der absolute Verlust eines Zentrums folgt, sondern ihr paralleles, nicht an einen Ort gebundenes, verteiltes Wirken als Netzwerk. Das heißt, ihre Verlagerung in eine Ebene zweiter Ordnung, von wo aus sie sich als Macht über die verteilten Mächte konstituiert und von den technologischen Möglichkeiten Gebrauch zu machen in der Lage ist, auf interaktive, stark konsultative Art und Weise ausgeübt zu werden, mit einem starken Eindruck von demokratischer Verwaltung, in der die von ihrer Diversität zugelassenen subtilen Grenzen überhaupt kaum von den in ihre verschiedenen Privilegienstufen kooptierten Menschen bemerkt werden.


Aber all dies kommt schließlich darin zum Ausdruck, was als grundlegender Anspruch und Paradoxie dieses Versuchs eingestuft werden kann: die Vorstellung, Marx' Marxismus neu zu erfinden. Mit der Vergangenheit zu brechen und gleichzeitig doch das bolschewistische Bild hoch zu halten, es sei möglich, die Gesetzmäßigkeiten der Realität selbst zu verändern. Hundert Jahre realen Marxismus zu vergessen, um den Marxismus möglich zu machen. Aus dem papiernen Marxismus alles Nützliche heraus zu sammeln und radikal vom Kontext seiner Ausarbeitung zu befreien, um es ebenso radikal auf die Zukunft zu richten. Über die freudlose Vergangenheit hinauszugehen und sich der Zukunftsberufung hinzugeben, die den revolutionären Willen kennzeichnet, in einer vorrangig politischen Geste, weit entfernt von der Wehklage und der ewigen masochistischen Neuauswertung, die nur vermag, uns die Misserfolge vor Augen zu führen, die unter solchen historischen Bedingungen geschahen, die heute nicht mehr existieren.


Das Unmögliche möglich zu machen, die Gesetze zu verändern, nach denen sich die Realität richtet, für Wahrheit und Schönheit zu kämpfen, eine Welt aufzubauen, in der wir glücklich sein können. Dies ist die politische Perspektive, in die sich dieses Buch einreiht.


3. Arme Unternehmer, reiche Lohnempfänger

Ich würde mich freuen, wenn dieser Text als gute Dankerweisung für das Viele gelten könnte, was ich beim Lesen der Werke von Vicente Huidobro, dem Dichter und Magier, gelernt habe.


Kann es arme Unternehmer und reiche Lohnempfänger geben? Kann es ausgebeutete Bourgeois geben und Lohnempfänger, die sie ausbeuten? Kann es linke Bourgeois geben und rechte Lohnempfänger? Kann es arbeitende Menschen geben, die weder Bourgeois, noch Proletarier sind? Solche Fragen sind nur Experten der Gesellschaftsanalyse ein Problem. Jeder Laie wird sofort bemerken, dass die empirische Antwort auf jede von ihnen ein „ja“ ist. Und er wird sich weder sonderlich beunruhigt fühlen, noch hierzu eine aufgeregte Debatte anzetteln, es sei denn, er hat gute politische Gründe dafür, oder zumindest, um eine solche zu inszenieren. Es ist nicht verwunderlich, dass unter ehemaligen Marxisten, den so genannten „Postmarxisten“, diese Debatte Blüten getrieben hat. Viele von ihnen erfüllen beide Bedingungen.


a. Eine erkenntnistheoretische Frage

Der erste Punkt, der einer vernünftigen Person bei jeder dieser Fragen auffallen könnte, ist dass hier zwei Unterscheidungsachsen mteinander vermischt werden. Bourgeois – Lohnabhängiger, arm – reich, Ausbeuter – Ausgebeuteter, „rechts“ - „links“, oder gar drei: Bourgeois – Proletarier – arbeitender Mensch. Nur jemand, der kein Experte ist, könnte glauben, dass die jeweils ersten Termini dieser Paarungen, oder die jeweils zweiten, aus einander folgen, sei es auf theoretischer oder auf empirischer Ebene. In der Tat treten diese scheinbaren Paradoxien deshalb auf, weil es unschwer zu zeigen ist, dass sie nicht immer einander entsprechen.


Es sollte auch bemerkt werden, dass einige dieser Paare empirische Unterscheidungen darstellen und andere solche Unterscheidungen, die, obwohl sie eine empirische Entsprechung besitzen, eher theoretischer Natur sind. Das ist der Fall bei den Differenzen von „Bourgeois – Proletarier“ und „reich – arm“. Im ersten Paar haben wir einen Klassenunterschied, im zweiten einen Unterschied auf dem Gebiet der sozialen Schichtung. Wenn wir beide Unterscheidungen miteinander kombinieren, dann kombinieren wir zwei Arten der Analyse, die praktisch und erkenntnistheoretisch unterschiedlich sind.


Die Analysen der sozialen Schichtungen sind ein Kennzeichen der empirischen Soziologie und stehen ihr zu. Sie trachten danach, soziale Gruppen nach solchen Indikatoren festzulegen, die die Klassifizierung, Messung und Quantifizierung des Untersuchungsgegenstands ermöglichen. Typischerweise geht es um Unterschiede in der Bildung, im Einkommen, im Alter, oder gar subtilere Kategorien, wie Geschlecht, Ethnie oder Religion. Wie alle empirischen Analysen, geht auch diese auf der Grundlage beschränkter sozialer Bereiche vor, die sie lokal und zu einem gegebenen Zeitpunkt betrachtet. Wie in jeder wissenschaftlichen Untersuchung, ist es auch hier das Ziel, Elemente zur Ausarbeitung von Techniken beizusteuern, einigermaßen objektive Grundlagen für das Treffen von Entscheidungen, die Ausarbeitung von Politiken oder den Eingriff in Prozesse gemäß deren aktueller und realer Eigenschaften.


Bei der Klassenanalyse handelt es sich jedoch um eine ganz andere Aufgabe und das muss auch so sein. Sie trachtet danach, die Ausrichtung der sozialen Gruppen an einer bestimmten Achse festzustellen: der Art und Weise, wie sie am Sozialprodukt teilnehmen. Worte sind trügerisch und manchmal wird dies durch Kakophonie verstärkt. Nochmals: bei dieser Achse geht es um den “Modus“, nicht die “Anteilsgröße“ ihrer jeweiligen Beteiligung.


Die Teilhabe am Sozialprodukt ist eine gesellschaftliche Beziehung. Den Modus anzugeben, in dem diese verwirklicht wird, bedeutet die wesentlichen Merkmale dieser Beziehung zu nennen. Hierbei handelt es sich um Merkmale, die die Formulierung von Kriterien theoretischer Art voraussetzen, deren Beziehung mit den empirischen Realitäten von sich aus komplizierter ist, als die eines quantifizierbaren Indikators. Diese Komplexität stammt zu einem guten Teil aus dem epistemologischen Unterschied zwischen beiden Analysearten. Die Klassenanalyse führt zu Gruppierungen globalen (nicht nur lokalen), historischen (nicht nur für einen bestimmten Zeitraum gültigen), dynamischen (nicht nur Gruppen, eher Subjekte) Charakters. Letzteres Merkmal ist hier das wichtigste.


Die Klassenanalyse strebt nicht nur danach, Gruppen im Sinne von Kollektiven oder Personenmengen zu spezifizieren, sondern soziale Subjekte. Für die reine Schichtenanalyse ist es nicht relevant, das diese oder jene Gruppe diese oder jene Bereitschaft zur Aktion aufweist, diese oder jene Geschichte, oder irgendeinen besonderen „Ethos“. Die Gruppen sind, was sie sind, unabhängig davon, ob sie es wollen oder ob sie bereit sind, sich dafür einzusetzen, es weiter zu sein.


Der Klassenanalyse liegt dagegen eine tief gehende Hypothese zur Geschichte der Menschheit zugrunde, die weit über eine rein wissenschaftliche Analyse hinausgeht. Es wird davon ausgegangen, dass die Menschen sich in einem zugespitzten Konflikt um die Aneignung des Sozialprodukts befinden und dass dieser Konflikt sie als antagonistische Subjekte konstituiert, die bereit sind, im Umfeld dieses Antagonismus für ihre Interessen zu kämpfen. Wonach die Klassenanalyse strebt, ist die Bestimmung der in einem bestimmten Zustand des Klassenkampfs konstituierten Subjekte.


Es wäre schlicht absurd und kontraproduktiv, zu fordern, dass die empirische Soziologie sich auf solch eine Hypothese verpflichten sollte. Absurd, weil es sich um eine Hypothese mit enormem moralischen Gewicht handelt, einschließlich einer impliziten Forderung nach Engagement und Teilnahme, für deren Annahme es für einen Wissenschaftler, als Wissenschaftler, keinen zwingenden Grund gibt. Es handelt sich um eine Hypothese, die ihren Ursprung eher Menge existentieller Situationen hat, statt in detaillierten empirischen Untersuchungen, und die eher von einem revolutionären Willen beseelt ist, als von schlichter Wahrheitsliebe.


Und kontraproduktiv, weil die möglichen Dienstleistungen der Soziologie an die konkrete Politik auch ohne diese Verpflichtung vielfältig und sehr wertvoll sein können. In der wissenschaftlichen Forschung sind andere Leidenschaften gefordert, als jene, die einen guten Revolutionäre ausmachen, und das ist sehr gut so; das Eine braucht nicht unbedingt mit dem Anderen in Widerspruch zu stehen. Beide zu vermengen oder durcheinander zu bringen tut sowohl der Soziologie, wie auch der Revolution nicht gut. Für Marxisten sind Kenntnisse der empirischen Soziologie sehr nützlich, während die diese produzierenden Soziologen nicht unbedingt Marxisten zu sein brauchen.


b. Arme Unternehmer und reiche Lohnempfänger

Der Unterschied und die offensichtliche Komplementarität beider Analysearten kann an ihren jeweiligen kennzeichnenden Zielsetzungen abgelesen werden, was die Politik betrifft. Die Klassenanalyse dient dazu, die Politik zu begründen, während die Analyse der Schichtungen dazu dient, eine effektive Politik zu gestalten. Eines ist es, den grundlegenden Unterschied zwischen Freund und Feind zu ermitteln, etwas Anderes ist es, das Spektrum der Bündnispartner festzulegen, mit denen man, selbst unter den „Feinden“, rechnen kann, sowie das Spektrum der in Betracht zu ziehenden Feinde, selbst unter unseren „Freunden“.


Für die marxistische Politik ist die kapitalistische Gesellschaft auf antagonistische Weise geteilt in Bourgeois und Proletarier. Das Kriterium für diese Aufteilung in Klassen ist das Privateigentum an den Produktionsmitteln. Die Bourgeoisie als Klasse eignet sich den vom Proletariat als Klasse produzierten Mehrwert an und legitimiert diese Aneignung mittels der Rechtsfigur des Privateigentums. Das unmittelbare Instrument dieser Aneignung ist der Lohnarbeitsvertrag und die gesellschaftliche Bedingung für ihre Machbarkeit ist die Existenz eines Marktes für Arbeitskräfte.


Für die marxistische Argumentation genügt die Feststellung, dass, historisch gesehen, die Bourgeoisie (die Bourgeoisie als Klasse) vom Proletariat in seiner Gesamtheit Mehrwert extrahiert. Da bei dieser Form der Aneignung der Proletarier nur zum Marktpreis seiner Arbeitskraft entlohnt wird und die Bourgeoisie stattdessen über den gesamten Rest des Produkts als Gewinn verfügen kann, findet ein Nettotransfer von Wert von der einen, der ausgebeuteten Klasse, hin zur anderen, der objektiv ausbeutenden Klasse statt. Diese Prämissen genügen, um zu behaupten, dass wenn die Produktion von Gütern eminent gesellschaftlich ist und die Aneignung bei deren Nutznießung stattdessen ungleich und privat, eine Revolution erforderlich ist, die dem Rechtsstaat ein Ende bereitet, der eine solche Situation zulässt und garantiert.


Dies ist eine Argumentation, bei der wir historische und globale Subjekte betrachten, nicht lokale und zeitweilige Kollektive. Was uns hier interessiert, ist nicht, ob ein Bourgeois etwa großzügig ist und gute Löhne bezahlt, oder ob ein anderer wegen seiner schlechten Geschäfte oder der Inkompetenz seiner Arbeiter Bankrott geht. Hier berücksichtigen wir nicht die Beziehung zwischen einem Bourgeois und seinen Arbeitern im besonderen, sondern die Beziehung zwischen einer ganzen Gesellschaftsklasse und einer anderen, die ausgebeutet wird. Es handelt sich um eine grundlegende Argumentation, der offensichtliche empirische Korrelate zur Seite stehen, aber die im Wesentlichen nicht von diesen abhängt. Und dies kann dadurch offensichtlich gemacht werden, das uns bezüglich dieser Grundlage die effektive Höhe der Löhne nicht zu interessieren braucht. Selbst in dem Fall, in dem die Bourgeois sehr gute Löhne zahlen, was nicht prinzipiell ausgeschlossen ist, würden wir weiter das Ende einer kapitalistisch organisierten Gesellschaft fordern. Und dies weil wir gegen die Ausbeutung protestieren, nicht direkt gegen die Armut. Weil wir glauben, dass die Ausbeutung ungerecht ist, dass sie sich gesellschaftlich und historisch nicht rechtfertigt und dass sie aller Art unannehmbarer existentieller Situationen erzeugt, unter denen die Armut nur eine, wenngleich auch besonders dringende, darstellt.


Wenn die Differenz zwischen einem Klassenunterschied wie „Bourgeois – Proletarier“ und einem Schichtenunterschied wie „reich – arm“ klar ist, dann können wir tatsächlich den empirischen Sachverhalt angehen, dass es tatsächlich arme Bourgeois und reiche Proletarier gibt. Einerseits erlaubt die extrem hohe Produktivität der technologie-intensiven Betriebe tatsächlich, dass es Proletarier gibt, die sehr hohe Löhne beziehen, von denen es auf einer einfachen Schichtungsskala heißen kann, das seien „Reichenlöhne“. Andererseits ermöglicht die Auftrennung der fordistischen Montageketten in zahllose, als Netzwerk organisierte Produktionswerkstätten die Existenz von kleinen, oder gar sehr kleinen Unternehmern, die Eigentümer von einer oder zwei Maschinen sind, und als letztes, prekäres Glied den Fluktuationen der Nachfrage unterliegen, was dazu führt, dass ihre Einnahmen als „Armenprofite“ bezeichnet werden können.


Diese Situationen brauchen das wesentliche Kalkül der Marxisten nicht verändern: die Unternehmer sind der Feind. Aber es ist, vielleicht mit Ausnahme für Experten auf dem Gebiet der Gesellschaftsanalyse, ziemlich einleuchtend, dass daraus die effektive marxistische Politik auf empirischer, alltäglicher Ebene abgeleitet werden muss. Es sollte nicht dermaßen schwierig sein, zu verstehen, dass wenngleich die Privatunternehmer im Allgemeinen der Feind sind, eine Schichtungsebene der Profite existiert, unter welcher es möglich ist, die betreffenden Unternehmer als Verbündete zu betrachten. Das scheinbare Geheimnis dieser Situation besteht allein in der unangebrachten Reduktion des Ausdrucks „Feinde im Allgemeinen“ auf diesen anderen: „Feinde schon allein aus diesem Grunde“. Dass jemand Privateigentümer von Produktionsmtteln ist, ist nur einer der Gründe weswegen er in den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen Freund oder Feind sein könnte, auch wenn es der wichtigste Grund sein mag. Andere existentielle Bedingungen, sowohl unter Ausgebeuteten, wie auch unter Ausbeutern, sind in der Lage sie uns anzunähern oder zu entfernen, vor allem in Zusammenhang, wie wir später sehen werden, mit anderen gleichzeitigen Klassenkorrelationen. Don Vicente García-Huidobro Fernández, Dichter und Magier, Eigentümer des Winzer-Unternehmens Santa Rita, hatte seinerzeit kein Problem damit, mit Unterstützung durch die Kommunistische Partei Chiles als Kandidat für das Präsidentenamt anzutreten. Es gibt mehr als genug Gründe, um symmetrisch umgekehrte Situationen zu erwarten.


Arme Unternehmer können deswegen zu Bündnispartnern der marxistischen Revolution werden, weil sie objektiv vom Großkapital in Mitleidenschaft gezogen werden und weil die Revolution ihnen selbst dann einen Horizont besseren Lebens eröffnen könnte, wenn sie auf das Privateigentum der Produktionsmittel verzichten müssten, die sie besitzen. Ob die Revolution in der Lage ist oder nicht, solche besseren Lebensbedingungen tatsächlich anzubieten, ist eine empirisch zu beantwortende Frage. In theoretischer Hinsicht sollten weder die Existenz von armen Unternehmern, noch ihre mögliche Unterstützung der revolutionären Sache Anlass zu Überraschung geben.


c. Ausgebeutete Unternehmer und angestellte Ausbeuter

Die empirisch feststellbare Existenz von reichen Lohnempfängern öffnet eine weitere interessante Flanke in dieser Diskussion. Im Rahmen der Logik des klassischen Marxismus gibt es nichts, was verhindern könnte, dass ein Bourgeois von einem anderen ausgebeutet wird, oder besser gesagt, dass eine Fraktion des Kapitals, wie das Finanzkapital, Profite auf Kosten einer anderen Fraktion macht, wie des Industriekapitals.Oder auch, im Fall der postfordistischen Netzwerke, dass die Handel treibenden Kapitalisten Profite auf Kosten der Mikrounternehmer einstreichen, die jene sind, welche wirklich produzieren. In diesen Fällen geschieht einfach eine Umverteilung des Mehrwerts zwischen verschiedenen kapitalistischen Fraktionen. Es handelt sich um einen Mehrwert, der so oder so letztendlich von den Lohnarbeitern produziert wird. In all diesen Fällen bestätigt sich die Hypothese, dass die Bourgeois die Proletarier ausbeuten. Die Klassendichotomie, wenn auch kompliziert durch die möglichen Widersprüche zwischen Kapitalisten, bleibt erhalten.


Selbstverständlich ist die marxistische Hypothese, dass die Bereicherung der Bourgeoisie aus diesen Ausbeutungsbeziehungen stammt. Diese Aussage leitet sich aus einer grundlegenden Idee ab: nur die Arbeit des Menschen schafft Wert. Wenn aller Wert von menschlicher Arbeit erzeugt wird, dann sollte die Bereicherung, als empirisches Korrelat der Verwertung im Allgemeinen, ebenfalls durch Arbeit geschehen. Marx' grundlegende Kritik ist, dass die allgemeine Bereicherung der menschlichen Gesellschaft, die von einer Arbeitsform, der industriellen Arbeit, produziert wird, die zu einer eminent gesellschaftlichen Form geworden ist, infolge der kapitalistischen Ausbeutung von der privaten Nutznießung dieses Reichtums unterbrochen und verzerrt wird. Unter dem Kapitalismus bereichert sich die Bourgeoisie auf Kosten der Lohnempfänger.


Diese Idee widerspricht nicht der vorherigen Feststellung zur möglichen Existenz armer Bourgeois. Für den Marxismus ist, wie gesagt, die Bereicherung der Bourgeoisie als Klasse relevant, nicht die jedes einzelnen Bourgeois. Es ist beispielsweise möglich, das ein Bourgeois allein aufgrund der Schwankungen von Angebot und Nachfrage reich wird, die von Marx nicht abgestritten werden. Wenn er systematisch immer dann billig einkauft, wenn Überfluss herrscht, und in Zeiten des Mangels teuer verkauft, dann wird im Einzelfall seiner Bereicherung die Tatsache, dass die von ihm vermarkteten Produkte vom Proletariat produziert wurden, überhaupt keine relevante Rolle gespielt haben. Der Punkt ist jedoch, und Marx hat dies schlüssig bewiesen, dass alle Bourgeois nicht gleichzeitig dieselbe Operation durchführen könnten. Für jeden Bourgeois, der auf diese Weise reich wird, gibt es ebenso viele, die ihrem Reichtum verlieren. Dies rührt daher, dass die Preise der Produkte, bei denen es sich um eine lokale Variable von zeitlich beschränkter Gültigkeit handelt, die tatsächlich unter dem Einfluss der Schwankungen von Angebot und Nachfrage steht, historisch und global zu ihrem realen Wert tendiert, der eher von der Menge menschlicher Arbeit bestimmt wird, die in die Ware eingeflossen ist. Auf diese Weise kompensieren sich die lokalen, temporären, aufgrund von Preisschwankungen erzielten Bereicherungen in etwa auf das Niveau der realen Bereicherung, die global nur in dem Maße steigt, wie die Arbeit des Menschen gesellschaftlich durchgeführt wird.


Der Klassenanalyse zufolge kann somit eine Bereicherung unter dem Kapitalismus im Wesentlichen nur ausgehend von Ausbeutung geschehen, durch Extraktion von Mehrwert aufgrund des Privateigentums der Produktionsmittel. Die Lohnabhängigen, die nichts anderes zu verkaufen haben, als ihre Arbeitskraft, können nicht reich werden, wenngleich sie doch ziemlich hohe Löhne erhalten können. Mit geeigneten Untersuchungen zur sozialen Schichtung ist es jedoch möglich, zu bestimmen, dass es tatsächlich reiche Lohnabhängige gibt, die sich zunehmend bereichern. Ich bin der Auffassung, dass es möglich ist, diese Situation einer marxistischen Analyse zu unterziehen, einer Klassenanalyse.


Die Frage ist, was bestimmt, dass eine gesellschaftliche Gruppe als „Klasse“ bezeichnet werden kann und unter welchen Bedingungen sich diese in der Position einer „herrschenden Klasse“ befindet. Wie gesagt, das allgemeine Kriterium für die Feststellung eines Klassenunterschieds besteht in der Art und Weise der Teilhabe am Sozialprodukt. Aber, was macht es möglich, dass verschiedene Klassen auf differenzierte Weise daran teilhaben? Insbesondere, was ermöglicht es, dass eine Gruppe mit Vorteil Nutzen aus dem Produkt zieht? Ich meine, ein mögliches marxistischen Kriterium ist dieses: einer Gesellschaftsklasse gelingt es dann, zur herrschenden Klasse aufzusteigen, wenn sie die gesellschaftliche Arbeitsteilung beherrscht und wenn sie, um diese Herrschaft zu erlangen, die fortgeschrittensten Schlüsseltechniken der sozialen Produktion beherrscht.


Dieses Kriterium erfordert, zwischen den materiellen Ursachen der Klassenherrschaft und den Mitteln zu unterscheiden, durch welche diese Herrschaft legitimiert wird. Ausgehend vom Besitz der fortschrittlichsten Technik und der wirksamsten Produktionsmittel vermochte die Bourgeoisie in der Moderne die Arbeitsteilung zu beherrschen. Ausgehend von dieser Beherrschung schuf sie ihre gesellschaftliche Hegemonie und setzte das Recht des Privateigentums als legitimierenden Stützpfeiler durch. Die Bourgeoisie ist nicht herrschende Klasse, weil sie Privateigentümerin der Produktionsmittel wäre, im Gegenteil, sie wurde zur Privateigentümerin weil sie bereits die herrschende Klasse war.


Das ist gerade Marx' Idee, dass der moderne Rechtsstaat einen Klassencharakter besitzt. Es geht dabei natürlich nicht darum, zu behaupten, dass alle Gesetze ausschließlich die Bourgeoisie begünstigen. Nur ein Experte wäre imstande, zu solch einer Schlussfolgerung zu kommen. Die Idee ist, dass der Rechtsstaat als Ganzes, global und historisch, auf der Rechtsfigur des Privateigentums und auf der Legitimität des Lohnarbeitsvertrags aufbaut. Aus diesem Grunde kann es für Marx keine andere Art und Weise der Überwindung des Kapitalismus geben, als die Abschaffung dieses Fundaments des modernen Rechtsstaats und das ist offensichtlich, im Prinzip, aus juristischer Sicht, eine revolutionäre Idee.


Viele Einzelgesetze, die unmittelbar den arbeitenden Menschen zugute kommen, oder der Menschheit im Allgemeinen, können mit diesem bürgerlichen Rechtsstaat koexistieren, ohne ihm auf frontale und direkte Weise zu widersprechen, wenngleich ihr ethischer Inhalt ihn weit hinter sich lässt. Als vernünftiger Mensch sollte man erwarten, dass solche Gesetze von einer Revolution, die die eine Grundlage des Rechtsstaats abschafft und sie durch eine andere Grundlage ersetzt, in der sie auf unmittelbarere, realere und praktikablere Weise hineinpassen, beibehalten und weiter ausgebaut werden. Aber trotz des scheinbar spektakulären Charakters seiner Aussage, nicht anderes als dies will Marx mit seiner Lieblingsidee aussagen: „dass die Diktatur der Bourgeoisie von einer revolutionären Diktatur des Proletariats gestürzt wird“. Natürlich ist hierbei der empirische Modus solch eines „Sturzes“ ein ziemlich sensibles Problem. Aber zumindest was die Theorie betrifft, so gibt es in dieser Idee kein besonderes Geheimnis.


Aber wenn das Privateigentum nicht die Ursache, sondern eine Wirkung der Klassenherrschaft ist, dann hindert nichts daran, dass es in der realen modernen Gesellschaft mehr als eine Art und Weise gibt, mit Vorteil am Sozialprodukt teilzuhaben, sowie mehr als eine Art und Weise, diese Nutznießung zu legitimieren. Meine Meinung ist, das heutzutage, infolge der wachsenden Komplexität des Produktionsprozesses und des globalen Marktes, die Kontrolle über die gesellschaftliche Arbeitsteilung der Bourgeoisie als Klasse entglitten ist. Eine andere Gesellschaftsgruppe, die tatsächlich im Besitz der fortgeschrittensten Produktionstechniken ist, vor allem was die Koordinierung der Produktion betrifft, hat, innerhalb des bürgerlichen Ausbeutungssystems und ohne dem diese legitimierenden Rechtsstaat frontal zu widersprechen, langsam ihre Hegemonie erhoben.


Es gibt keinen wesentlichen Grund für die Bezeichnung „Bourgeois“. Der Name stammt von einer zwar wichtigen, aber letztendlich zufälligen historischen Gegebenheit ab. Die Geschichte hat bewiesen, dass es am Wesen der Bourgeoisie nicht gibt, das sie zum städtischen Leben zwingen würde. Genau so gibt es keinen wesentlichen Grund, die neuen Ausbeuter als „Bürokraten“ zu bezeichnen. Der Name ist zufällig angebracht, weil sie in Büros arbeiten, aber das ist nicht zwingend erforderlich. Vielleicht wäre es angebrachter, sie „Technokraten“ zu nennen, oder gar, wegen der Art ihrer Legitimierung, einfach „Wissenschaftler“. Ich werde all diese Termini als Aspekte eines einzigen betrachten und werde, aus etwas bedauernswerten historischen Gründen, die neue Fraktion der herrschenden Klasse als „Bürokratie“ bezeichnen.


Die Figur des Bürokraten wird im Rahmen der wesentlichen Ordnung des bürgerlichen Rechtsstaats nicht berücksichtigt. Bürokraten sind, in juristischer und effektiver Hinsicht, Lohnempfänger. Die Art und Weise, jedoch, in der sie am Produkt teilhaben, in der sie ihren „Lohn“ beziehen, unterscheidet sich wesentlich von der Art und Weise, in der das Proletariat dies tut, oder die Klasse der unmittelbaren Produzenten. Unter der marxistischen Logik empfängt der Proletarier seinen Nießnutz dadurch, dass er seine Arbeitskraft verkauft. Der springende Punkt ist jedoch nicht dieser, sondern eher die Frage, welcher Wert auf dem Markt tatsächlich dieser Arbeitskraft entspricht. Die Art und Weise, wie dieser Wert festgelegt wird, ist es, was die Ausbeutung möglich macht.


Einer von Marx' wesentlichen Beiträgen zur Kritik der politischen Ökonomie, die bereits von ricardoschen Wirtschaftswissenschaftlern wie Thomas Hodgskin, John Bray und Edward Thompson umrissen worden waren, ist der Gedanke, dass die Arbeitskraft eine Ware ist und dass ihr Tauschwert auf dem kapitalistischen Markt in der Tat auf dieselbe Weise ermittelt wird, wie es bei allen anderen Waren auch der Fall ist: aufgrund der in sie eingeflossenen Menge an Arbeit. Eine andere Art dies zu sagen wäre, dass der Tauschwert der Arbeitskraft, der Lohn, von den gesellschaftlichen Kosten ihrer Produktion und Reproduktion bestimmt wird.


Es ist sehr wichtig, zu bemerken, dass es sich bei den Faktoren, die global und historisch den Lohn bestimmen, um zwei und nicht nur einen handelt. Es geht nicht nur um die Kosten der Produktion von Arbeitskraft, sagen wir, einen Arbeiter zu ernähren, zu kleiden, auszubilden und mit Wohnraum zu versehen, sonder auch um die Kosten seiner Reproduktion, im wörtlichen, wie im gesellschaftlichen Sinn. Auf die eine oder andere Weise zahlt der Kapitalist mit dem Lohn auch die Lebenskosten der Familie des werktätigen Menschen. Und nicht nur das. Er zahlt die sozialen Kosten seiner Ausbildung, damit er auf der Höhe der neuen Produktionsmittel ist. Er zahlt die sozialen Kosten, die es gestatten, sein Leben in mehr oder weniger ärmlichen Städten zu ermöglichen, die aber trotzdem Straßen, öffentliche Verkehrsmittel, Plätze und Freizeitparks benötigen. Er zahlt all dies, manchmal direkt, oder im Allgemeinen mittels seiner Steuerzahlungen.


Darüber hinaus muss der Kapitalist, wenn wir tiefer in die Analyse einsteigen, einen bestimmten gesellschaftlich annehmbaren Mindestlohn akzeptieren, unter dessen Niveau die Arbeiter sich schlicht und einfach weigern würden, zu arbeiten. Und dies wird in dem Maße ersichtlich, wie der Lebensstandard in einer ganzen Gesellschaft ansteigt. Die deutschen Arbeiter akzeptieren einfach bestimmte Arten von Arbeit und ein bestimmtes Lohnniveau nicht mehr, was erklärt, dass es in Deutschland gleichzeitig Hunderttausende Arbeitslose und Hunderttausende türkische Einwanderer gibt, die bereit sind, jene Stellen auszufüllen, die anzunehmen die Deutschen nicht bereit sind.


Die Kosten der Produktion von Arbeitskraft stellen für Marx eine vollkommen gesetzte historische Variable dar, die nicht nur von in engerem Sinne ökonomischen Faktoren bestimmt wird, sondern auch von solchen mit stark kulturellem Charakter. Deshalb sah Marx, wie kein anderer Ökonom seiner Zeit, voraus, dass es zu einer wachsenden Differenz zwischen dem Subsistenzlohn, der nur das Überleben des arbeitenden Menschen sichert, und dem realen Lohn kommen würde, mit dem die Reproduktion des Werktätigen in seiner Eigenschaft als gesellschaftlichem Akteur finanziert wird, mit aller daraus folgender Komplexität. In dem Maße, in dem die Kosten, sagen wir, von Nahrungsmitteln und Kleidung fallen, sinkt historisch und tendenziell auch der Subsistenzlohn. Aber das bedeutet nicht, dass die Unternehmer ihren Arbeitern weniger zahlen könnten oder dies tatsächlich tun würden. Im Unterschied zur Auffassung der Sozialdemokraten und der utopischen Sozialisten, sagt Marx' Kalkül voraus, dass es eine historische Tendenz zur Steigerung der Reallöhne geben würde. Es erübrigt sich die Feststellung, dass ein Gutteil der Marxisten bezüglich dieser Frage schon immer wie perfekte Sozialdemokraten argumentiert haben, oder schlimmer noch, wie utopische Sozialisten.


Der historische, kulturell bestimmte Anstieg der Reallöhne ist es, der die Kapitalisten im XIX. Jahrhundert dazu zwang, Frauen und Kinder einzustellen und ihnen weniger zu bezahlen, als den Männern, weil kulturell nicht davon auszugehen war, dass sie ihre Familien ernährten. Und es ist dieser selbe Druck, der die Kapitalisten im XX. Jahrhundert dazu antreibt, ihre Industrien in periphere Länder zu verlagern, wo die herrschenden politischen und kulturellen Bedingungen es ihnen erlauben, auch den Männern geringere Löhne zu zahlen (und diese Bedingungen mit dem System infamer Diktaturen zu erhalten, die in den Ländern des Zentrums überwunden worden sind).


Aus diesen Darlegungen folgt, dass nichts die Kapitalisten daran hindert, auf der Grundlage einer hohen Produktivität höhere Löhne zu zahlen, wenngleich sie diese immer, prinzipiell und in der Tat, gemäß den veränderlichen gesellschaftlichen Kosten der Reproduktion der Arbeitskraft zahlen. Nun gut, dies ist gerade der Umstand, der es gestattet, den bürokratischen „Lohn“ zu erkennen: es handelt sich um Löhne, die die gesellschaftlichen Kosten der Produktion und Reproduktion der Arbeitskraft weit übersteigen, die sie in der gesellschaftlichen Produktion beitragen. Allein dieses Übermaß erlaubt die Bereicherung eines „lohnabhängigen“ Bürokraten: er profitiert von der Mehrwertextraktion, obwohl er nicht Eigentümer von Produktionsmitteln ist.


Diese Art von Nutznießung ist in der bürgerlichen Rechtsordnung nicht vorgesehen. In einer Rechtsordnung, die nur „Gewinn“ und „Lohn“ unterscheidet, mutet die Vorstellung von einem „bürokratischen Profit“ seltsam an. Ich glaube, es ist politisch gesehen besser, die Bezeichnung „bürokratischer Lohn“ zu wählen. Erstens, weil es sich juristisch gesehen tatsächlich um einen Lohn handelt, und zweitens, weil es uns darauf hinweist, dass es unter den arbeitenden Menschen eine Gruppe geben könnte, deren Klasseninteressen, nicht nur empirisch, sondern prinzipiell, nicht mit denen des Proletariats vereinbar sind.


Die Art und Weise, in welcher der bürokratische Lohn erwirtschaftet wird, ist unmittelbar und einfach. Es gibt Bereiche im Produktionsprozess und in der Koordinierung des Weltmarkts, wo es möglich ist, Nutzen aus der Tatsache zu ziehen, dass der Eigentümer praktisch nicht in der Lage ist, einzugreifen oder zu entscheiden. Dies ist bei hoher technischer Komplexität der Produktion der Fall, wo der Technokrat die Voraussetzungen erfüllt, um Entscheidungen treffen zu können, und der Bourgeois nicht, oder bezüglich der staatlichen Aufgaben einer Koordinierung der Märkte, wo der Bürokrat sich seinen Einfluss ausgesprochen teuer bezahlen lässt. Der Schlüsselfaktor besteht jedoch in der Art und Weise, in der dieses Eingreifen legitimiert wird, in der die bürokratische Hegemonie über das Kapital durchgesetzt wird, trotzdem der Rechtsstaat dem Privateigentümer im Prinzip den Vorrang gibt.


Ebenso wie die Bourgeoisie ihren Nießbrauch mit der ideologischen Figur des Privateigentums legitimiert, so legitimiert die Bürokratie den ihrigen mit der ideologischen Figur des Wissens. Das Privateigentum ist deshalb eine ideologische Figur, weil es sich um ein historisches Konstrukt handelt, deren wirklicher Sinn in der Tat nicht in ihr selbst liegt und von ihrem Anschein verschleiert wird: der faktische Besitz der Mittel, welche die Ausbeutung ermöglichen. Das Wissen ist im bürokratischen System eine ideologische Figur, weil es sich um ein historisches Konstrukt handelt, dessen Ursprung und wirklicher Sinn derselbe sind: eine Ausbeutungsform zu legitimieren.


Ebenso wie im bürgerlichen Rechtssystem aus dem Eigentum nicht der effektive Besitz der Güter folgt (ein Eigentümer kann durchaus nicht im Besitz seines Gutes sein und nicht effektiv die Macht haben, es nach Gutdünken zu nutzen, und umgekehrt kann jemand durchaus tatsächlichen Nutzen aus dem Besitz eines Gutes ziehen, ohne dein Eigentümer zu sein), so braucht dem „Wissen“ unter der Bürokratenherrschaft nicht unbedingt in der realen Welt etwas zu entsprechen. Die effektive Beherrschung eines Produktionsprozesses durch einen Bürokraten erfordert ein Wissen, aber der Diskurs über das Wissen seitens der Bürokraten entspricht nicht notwendigerweise dieser effektiven Beherrschung. Der Bürokratenherrschaft genügt in zunehmendem Maße der reine Wissensdiskurs, das institutionell geschützte rein vorgebliche Wissen, um ihren Nießbrauch zu erwirtschaften. Ebenso wie der Bourgeois allein aufgrund der juristischen Tatsache, Eigentümer zu sein, unabhängig davon Profite einfordern kann, ob er irgendeinen Kontakt mit dem Besitz und der effektiven Ausübung des Gebrauchs der Güter hat, die ihm laut Gesetz zustehen. Es ist unschwer zu erkennen, dass das Eigentumsgesetz in diesem Fall ungerecht ist. Heutzutage wird es immer leichter, zu erkennen, dass der Bürokratenlohn ungerecht ist: das „Koordinieren“ einer Produktivfunktion hat nichts wirklich produktives oder effektives an sich, ein gewöhnlicher Lohn sollte zur Entlohnung dieser Tätigkeit genügen. Jeder von uns kann aus aller Art Arbeitstätigkeit ein vielfältiges Zeugnis darüber ablegen, dass dies in der Tat nicht so vor sich geht.


Der Bürokratenlohn bringt ein Ausbeutungsverhältnis bestimmter „Lohnempfänger“ in Bezug auf die Bourgeois selbst, die Kapitaleigentümer, zum Ausdruck. Ein ganz auf Chile bezogenes Beispiel, das mit monströser Aufrichtigkeit unsere Eigenheit zeigt: der Fall der Pensionsfonds-Verwaltungen, AFP. Die Eigentümer des Kapitals sind die arbeitenden Menschen. Diese haben bestimmter Herrschaften „angestellt“, damit diese das von ihnen mit nach „protestantischer Ethik“ anmutenden Stetigkeit als Beiträge zur ihrem Pensionsfond für ein ruhiges Alter kumulierte Kapital „verwalten“. Sogar die konservativsten Berechnungen zeigen jedoch, dass diese „Lohnabhängigen“ mit ihrer Verwaltungstätigkeit viel mehr verdienen werden, als die „Volkskapitalisten“, von denen sie unter Vertrag genommen wurden. Die Profite der AFP stammen somit aus der Ausbeutung von „Bourgeois“ durch ihre „Angestellten“.


d. Linke Bürger und rechte Lohnempfänger

Jeglicher Lohn und jeglicher Profit stammen immer aus dem von der unmittelbaren Produzenten geschaffenen Reichtum. Der Bürokratenlohn entspricht einer Aufteilung des von den arbeitenden Menschen geschaffenen Reichtums unter zwei herrschenden Klassen, die ihren Nießnutz auf unterschiedliche Weise legitimieren. Die Klasseninteressen der unmittelbaren Produzenten stehen in einem antagonistischen Verhältnis, nicht nur zu denen der Bourgeoisie, sondern auch zu denen eines Teils der Lohnempfänger selbst. Die Zielsetzungen einer eventuellen kommunistischen Revolution sind doppelter Natur. Die theoretische, globale, historische, mit Werten geladene, einen revolutionären Willen beisteuernde Klassenanalyse ist es, die zu solchen Schlussfolgerungen imstande ist. Die konkrete Politik ist immer komplizierter, als ihre Grundlagen.


Es geht dabei nicht nur um den Sturz des Rechtsstaats, der die Bourgeoisie begünstigt und für sie bürgt, sondern in seinem Rahmen auch um den der fortschreitenden Konstruktion eines bürokratischen Rechtssystems. Schritt für Schritt ist die bürgerliche freie Verfügung über das Eigentum von bürokratischen Interessen eingeschränkt und beschnitten worden, und zwar immer im Namen der Interessen aller Mitbürger. Bereits Marx verwies in der Deutschen Ideologie auf diesen offensichtlichen Vorgang und nannte dessen finsteren Hintergrund: jede neue herrschende Klasse präsentiert ihre Interessen so, als ob sie die Interessen der ganzen Menschheit wären.


Es geht nicht darum, ob die fortschreitende Eindämmung der freien Verfügung über das Eigentum tatsächlich, auf empirischer Ebene, der gesamten Menschheit nützt, oder nicht. Dies könnte ohne Weiteres so sein, während damit gleichzeitig eine neue Klassenherrschaft verschleiert wird. Nur aufgrund einer extrem simplen Vorstellung von Fortschritt, nämlich jener, die für das aufgeklärte Denken typisch ist, könnte man glauben, dass die Geschichte einfach vom Schlechten zum Guten voranschreitet, vom reinen Chaos zur Ordnung, oder von der Menschenfeindlichkeit zur rein größeren Menschlichkeit. Es könnte ohne Weiteres so sein, dass der Fortschritt des „Guten“ untrennbar einhergeht mit dem, was wir als „Böse“ bezeichnen. Dies ist Marx' nicht aufgeklärte Vorstellung von „Fortschritt“. Die in der Moderne vor sich gegangenen historischen Veränderungen stellen nicht nur einen großen Schritt vorwärts in der Humanisierung der menschlichen Gesellschaft dar, sondern sie haben auch, damit untrennbar verbunden, die Dimensionen der Entfremdung verschärft. Es geht nicht um eine eschatologische These, oder um eine furchterregende, spektakuläre Auslassung zum Verhältnis von Gut und Böse. Es geht eher um eine aus Anlass von Sachfragen formulierte Hypothese, die in diesen Abschnitten der Geschichte zutrifft, in anderen aber nicht zuzutreffen braucht.


Vielleicht ist es gut, hierzu ein Beispiel zu bringen, um anschließend auszuwerten, was es in der Bürokratenherrschaft an „Gutem“ und was an „Schlechtem“ für einen kommunistischen Horizont geben mag, denn das, was ich hier anschließend erörtern möchte, sind gerade solcher Art moralische und theoretische Mehrdeutigkeiten und Konflikte.


Wie weiter oben bereits ausgeführt, stellte es sich für die Kapitalisten günstig dar, das in der europäischen Kultur des XIX. Jahrhunderts vorherrschende Machogebahren dazu zu nutzen, in ihren Fabriken Frauen einzustellen, denen geringere Löhne gezahlt wurden, als den Männern. Hiermit sanken die Kosten der Reproduktion der Arbeitskraft und der Mehrwert stieg entsprechend an. Es muss jedoch berücksichtigt werden, dass dieser Übergriff der Kapitalisten aufgrund einer Situation ermöglicht wurde, für welche die Kapitalisten selbst nicht verantwortlich waren. Nichts unter den Merkmalen der Bourgeoisie, es sei denn das Profitstreben, zwingt dazu, eine Machokultur zuzulassen oder zu fördern. Hier ist ganz einfach Merkmal vorkapitalistischer Kultur den Interessen der Bourgeoisie zuträglich geworden.


Die Kehrseite dieser Situation ist jedoch, dass die Frauen in den Besitz einer neuartigen gesellschaftlichen Verhandlungsmacht kamen, und zwar auf einem Gebiet, dem die damalige Gesellschaft besonderes Gewicht gab: dem Geld. Die Frauen konnten, mit ihrem Lohn, eine neue Form der Beziehung zu ihren Ehemännern, ihren Kindern, ja mit der gesamten Gesellschaft, herstellen. Unabhängig von der Tatsache, dass ihre Löhne wirklich gering waren, traten sie aus der feudalen Unterdrückung, die sie an Haus und Herd fesselte, in die Welt der kapitalistischen Ausbeutung über, die ihnen eine Macht verlieh, über welche sie zuvor nicht verfügt hatten.


Ist die kapitalistische Ausbeutung der feudalen Unterdrückung vorzuziehen? Marx und jedwede vernünftige Person würden das bestätigen. Von entscheidender Bedeutung ist hier die Relativität der Antworten, eine für Linkssektierer oder Feminismus-Expertinnen allzu subtile Angelegenheit. Es handelt sich nicht darum, zu behaupten, die kapitalistische Ausbeutung sei von sich aus, als solche, „gut“, als ob es keinen anderen Zusammenhang für deren Einschätzung gäbe, als das höchste Wohl und die Wahrheit. Es geht darum, zu bemerken, dass es in einer gegebenen Situation, aus einer historischen Perspektive, wenn die Wahl zwischen Schlechtem und Schlechterem besteht, durchaus sein kann, dass das Schlechte besser ist, als das Schlechtere. Ob sie es so wollte, oder nicht, förderte die Bourgeoisie die Befreiung der Frau, ebenso wie sie im Allgemeinen die Befreiung der Arbeitskräfte förderte, um von ihr mittels Lohnarbeitsvertrag zu profitieren. Marx pflegte zu sagen: „ein großer Schritt vorwärts in der Geschichte der Menschheit“.


Sehr viel diesseitiger, als Eschatologien und abstraktes förmliches Kalkül, ist diese Situation deshalb von Bedeutung, weil sie etwas über die Interessen und die möglichen Kompromisse der arbeitenden Menschen aussagt. Sie legt nahe, dass vernünftige Menschen möglicherweise ihre konkreten politischen Berechnungen nicht ausgehend von abstrakten philosophischen Betrachtungen zu Gut und Böse oder zur Wahrheit anstellen, wie es Intellektuelle und Studenten oft tun, sondern auf der Grundlage von empirischen Urteilen bezüglich ihrer eigenen Lebensbedingungen. Für eine mögliche aktuelle marxistische Politik ist es besonders relevant, die historische Tiefe dieses Kalküls zu erfassen, so empirisch deren Referenzen auch sein mögen.


Wenn eine normale Person sich explizit oder implizit dazu entschließt, eine konservative oder fortschrittliche oder linke politische Haltung an den Tag zu legen, dann stellt sie im Allgemeinen, ob sie sich dessen bewusst ist, oder nicht, eine empfindliche und feine Berechnung an, nicht nur was ihre besondere gegenwärtige Situation betrifft, sondern auch bezüglich der Lebensperspektive, die aus der Betrachtung folgt, wie ihre Eltern und Großeltern lebten und wie ihre Kinder und Kindeskinder leben könnten. In dieses Kalkül fließt die Einschätzung ein, auf welche Weise ihre Nachbarn und Bekannten erfolgreich gewesen sind, oder aus welchen Gründen sich das Leben jener zum Schlechten gewandelt hat, die sie als Versager einschätzt. Dabei ist nicht relevant, ob diese Einschätzungen und Berechnungen stimmen oder nicht. Häufig fließen in diese auch die gewöhnlichen Ideologismen hinsichtlich Reichtum und Armut mit ein: reiche Leute waren fleißig, arme sind meistens nachlässig und faul. Relevant ist nur, dass sie, ganz gleich ob sie stimmen oder nicht, ihr effektives politisches Verhalten bestimmen werden.


In Kreisen mit größerem Zugang zu Kultur und Bildung, wie im Fall der modernen Arbeiter oder der Werktätigen im Dienstleistungssektor oder der privilegierten Bevölkerungsschichten, ist dieses Kalkül oft von streng kulturellen und theoretischen Betrachtungen durchdrungen, die weit über rein materielle Interessen hinausgehen. Dies ist der bereits angesprochene Fall von don Vicente Huidobro. Nur Linkssektierer, die darin mit der Naivität des utopischen Sozialismus übereinstimmen, können auf die Idee kommen, dass das „Klassenbewusstsein“ immer eins zu eins mit dem empirischen Bewusstsein eines jeden Bürgers übereinstimmt. Ich halte es für unnötig, derartige Vereinfachungen überhaupt zu diskutieren.


Dagegen ist mir wichtig, dass das empirische Bewusstsein der Lohnabhängigen historisch betrachtet mit dem objektiven Anstieg der Reallöhne zusammenhängt, und dass es daher vollkommen nachvollziehbar ist, dass die Industriearbeiter traditionell ein reformistisches politisches Verhalten an den Tag legen. Das historische Kalkül zeigt, dass, ausgehend vom kapitalistischen Fortschritt, mit einer Erhöhung des Lebensstandards zu rechnen ist, zumindest was die Kreise betrifft, die auf effektive Weise in Produktion und technologischen Fortschritt integriert sind. Ob dies auf die gesamte Menschheit bezogen zutrifft oder nicht, ist nicht wirklich relevant. Man kann von einem Arbeiter nicht überzeugend verlangen, dass er allein aufgrund dessen ein revolutionäres Bewusstsein haben muss, was mit unbestimmten „anderen“ geschieht, die für ihn in Bezug auf seine Lebensperspektive keine Bedeutung haben.


Die klassischen Marxisten stellten immer die vielfältigen und objektiven Katastrophen in den Mittelpunkt, die mit der kapitalistischen Entwicklung einhergehen. Um die gegenwärtige Politik zu verstehen, sollte man stattdessen einen Blick auf die Kehrseite dieser Katastrophen werfen und sich davon überzeugen, dass vernünftige Menschen, weit vorher und und mit weit mehr Geschick, als die Marxisten, bereits bemerkt hatten, dass die Realität nicht als Schwarzweißbild in Erscheinung tritt.


Kann es linke Bourgeois geben? In der Tat, es gibt sie tatsächlich. Die Frage ist sehr wichtig, warum das so ist. Kann es rechte Lohnempfänger geben? Die Antwort ist, selbst für Marxisten, allzu offensichtlich. Der Frage, warum dies, von einem marxistischen Standpunkt aus betrachtet, so ist, kommt eine Schlüsselrolle zu.


Es gibt aus zwei Gründen rechte Lohnempfänger, die beide von einem theoretischen Gesichtspunkt wichtig sind. Einer davon besteht in dem Unterschied zwischen jenen Lohnabhängigen, die ausschließlich vom Verkauf ihrer Arbeitskraft leben, und denen, die nutzen aus der bürokratischen Kontrolle ziehen, deren Lohn, wie gesagt, auf ganz andere Weise bestimmt wird, als im ersten Fall. Der zweite Grund ist, dass unter den effektiv in die moderne Produktion integrierten Kreisen die Reallöhne historisch gestiegen sind, was ihnen die Perspektive eines gewissen „Versprechens“ von Fortschritt im Rahmen der Kapitalismus verleiht.


Im ersten Fall, dem des Bürokratenlohns, ist es wichtig, zu bemerken, dass die involvierte politische Haltung durchaus fortschrittlich oder gar antikapitalistisch sein kann. Ob sie mehr oder weniger konservativ sind, wird eher von der Frage der gesellschaftlichen Schichtung abhängen. Ihrem Wesen nach, stehen die Interessen der Bürokratie mit denen der Bourgeoisie im Widerspruch, wenngleich dieser Widerspruch noch nicht frontalen Charakter trägt. Hierbei ist jedoch relevant, dass diese Interessen historisch auch mit denen der unmittelbaren Produzenten im Widerspruch stehen.


Im zweiten Fall ist wichtig, dass das politische Verhalten der in die moderne Produktion integrierten arbeitenden Menschen sich nicht nur empirisch, sondern sogar prinzipiell, außerordentlich stark von denen der breiten marginalisierten Massen unterscheiden. Dies ist weder schön, noch wünschenswert, es ist schlicht und einfach real und jegliche marxistische Berechnung muss von dieser Feststellung ausgehen. Es könnte geschehen, dass die arbeitenden Menschen, die dazu berufen sind, die Revolution zu machen, nicht daran interessiert sind, und dass die an den Rand der Produktion gedrängten Marginalisierten, die nämlich, die sie nicht machen könnten, gleichzeitig diejenigen sind, die sie am meisten anrufen.


Diese Einschätzung mag als sehr hart erscheinen, aber sie leitet sich aus einer Grundaussage des Marxismus ab: die Revolution zu machen besteht drin, sich der gesellschaftlichen Arbeitsteilung zu bemächtigen (die für die gesellschaftliche Herrschaft bestimmend ist) und dies können nur die arbeitenden Menschen als solche bewerkstelligen und grundlegend nicht die Armen in ihrer Eigenschaft als solche. Dies ist der große und entscheidende Unterschied zwischen der Idee einer proletarischen Revolution im Marxismus und den vielgestaltigen Revolutionarismen, die im Rahmen des Anarchismus oder des utopischen Sozialismus entstanden.


Die Aufgabe der Marxisten, vor allem im XXI. Jahrhundert, besteht nicht in der klassischen Mission, die Armen zum Überfall auf die Macht zu überzeugen, sondern jene Beziehungen aufzufinden, die extreme Not und Armut mit den Problemen verbinden, die von der Ausbeutung in solchen Zusammenhängen verursacht werden, in denen der Lebensstandard nicht ganz schlecht ist.


Deswegen, weil eine effektive Revolution, die über eine schlichte „Machtergreifung“ hinausgeht, nur von den arbeitenden Menschen durchgeführt werden kann, sind die Marxisten mehr am Problem der Ausbeutung interessiert, als am unmittelbaren Problem der Armut. Im XIX. Jahrhundert waren beide Fragen miteinander verbunden, sie fielen in der Tat zusammen, während im XXI. Jahrhundert unser Problem genau darin besteht, dass diese Übereinstimmung nicht mehr vorhanden ist. Und darin, dass die Interessen der arbeitenden Menschen durchaus sehr unterschiedlich von denen der Armen im Allgemeinen sein könnten.


Angesichts dieses Dilemmas erweist sich seltsamerweise die Frage, ob es linke Bourgeois geben kann, als besonders relevant. Nicht weil wir zu erwarten hätten, dass linke Bourgeois eine eventuelle Revolution durchführen oder überhaupt führen könnten, einer Idee, die im Licht der gewöhnlichen marxistischen Logik und sogar dem gesunden Menschenverstand recht seltsam erscheinen würde.


Für die Perspektive einer kommunistischen Revolution im XXI. Jahrhundert ist die Frage relevant, warum don Vicente Huidobro irgendwann Kommunist werden wollte. Die Frage, wogegen er im Wesentlichen protestierte, welches der mögliche rationelle Kern hinter seiner Rebellion als schlecht erzogener Junge oder raffinierter Dilettant war. Diese Fragen führen uns dazu, die Widersprüche zu ermitteln, denen arbeitende Menschen mit einem gewissen Konsumniveau ausgesetzt sind. Die vitalen Widersprüche, solche, die ihre existentiellen Perspektiven betreffen, jene, die imstande wären, in ihnen Zweifel an den Berechnungen aufkommen zu lassen, auf denen ihr Vertrauen in einen möglichen Fortschritt im Rahmen des Kapitalismus fußt.


Wenn dieses Problem auf theoretische Weise angegangen wird, dann besteht das Problem darin, die mögliche Beziehung zwischen Entfremdung und Konsum zu beschreiben, nicht nur die direktere Beziehung zwischen Entfremdung und Armut. Der Begriff der Entfremdung erfüllt eine Schlüsselfunktion; es ist eine tiefer greifende, über aufklärerische Naivität und Optimismus hinausgehende materialistische Theorie der Subjektivität erforderlich.


Ich glaube, dies bedeutet, den Marxismus ausgehend von dem, was sein eigentlichen Ursprung war, neu zu überdenken: dem Protest gegen das Voranschreiten der Entmenschlichung inmitten eines Prozesses wachsender Humanisierung. Die Rebellion gegen die repressiven Aspekte dessen, was gleichzeitig auch objektiv Humanisierung und Fortschritt ist. Ich glaube, wie Marx, dass diese Rebellion nur eine radikale Rebellion sein kann, eine Revolution, die den Knoten durchschneidet, der diese perverse Verbindung ermöglicht, die dem Klassenkampf ein Ende setzt, die der Notwendigkeit eines Klassenkampfs ein Ende setzt. Eine Gesellschaft, in der es keinen Klassenkampf gibt, kann als kommunistische Gesellschaft bezeichnet werden, und all jene, die daran glauben, eine solche Welt sei möglich, sollten sich selbst ebenfalls als Kommunisten bezeichnen.


4. Anmerkung zur Rekonstitution der radikalen Linken in Chile

Wahrscheinlich müsste ich dieses Buch mehrmals schreiben. Diese zweite Auflage, sieben Jahre nach der ersten, entsteht im Angesicht anderer politischer Dringlichkeiten, anderer Empörungen, neuer Enttäuschungen. In sieben weiteren Jahren werden wir uns neuerdings einem ganz anderen Moment gegenübersehen. Die allgemeine Vorstellung des gesamten Texts ist es bisher gewesen, einen Beitrag zur grundlegenden Diskussion zu leisten. Zur Glaubhaftigkeit der marxistischen Argumentation. Zu deren Formulierung in heutiger Sprache. Dabei handelt es sich, wenn man will, um längerfristige theoretische Fragen.


Aber das ominöse Leuchten des in diesem Land herrschenden lächelnden Totalitarismus, die sichtliche Enttäuschung, die Risse in dem versprochenen Regenbogen, die sich häufenden Untaten, die das Herz bedrücken, schüren bittere Wut und machen es unmöglich, das Dringende, das Kontingente, das Unmittelbare zu verschieben, das in einigen Jahren, so oder so, nur noch eine Erinnerung sein wird, und das wir so erleben, als ob die ganze Geschichte sich hier entscheiden würde.


Aufgrund meiner klaren philosophischen Berufung habe ich mich immer dagegen gewehrt, diese Art Analyse anzustellen, in der sie klassische Linke jedoch den größten Teil ihrer Anstrengungen verbraucht. Ich weiß genau, dass dieses Kapitel sehr wahrscheinlich gelöscht wird, wenn diesem Buch das seltene Glück widerfährt, eine dritte Ausgabe zu bekommen, mit etwas von der Scham, mit der wir Bilder aus unserer Kindheit verstecken. Aber ich weiß auch, dass das Leben, das reale Leben, immer viel wichtiger sein sollten, als die Theorie.


Also präsentiere ich diese Thesen und gehe damit das Risiko ihrer Vergänglichkeit ein, während ich mit der Verbohrtheit der deliranten Hoffnung jener, die wirklich daran glauben, dass Veränderungen möglich sind, erwarte, dass sie nur äußerst kurz notwendig sein mögen und dass das Wiedererwachen unseres Landes sie sie unmittelbar nach ihrer Realisierung widerlegen möge. Die Angelegenheit lässt sich, direkt gesagt, heute, zu Anfang des Jahres 2008, in folgenden Thesen zusammenfassen.


Erstens: Es wird in diesem Land keine wirkliche Linke geben, solange hier die Concertación regiert. Bereits zweimal hat die Linke ihre 5% objektiver Wählerschaft dazu beigetragen, Lagos bzw. Bachelet ins Präsidentenamt zu hieven. Im Ergebnis hat die sehr wohl in Form der CUT, der ANEF, der Lehrergewerkschaft, der Gewerkschaften im Bergbau und in der Forstwirtschaft, existierende organisierte soziale Bewegung sich im Stillhalten geübt, zwischen Prahlerei und Pfründen, bei kümmerlichen Errungenschaften, vielen teuren Veranstaltungen für führende Vertreter und absoluter Unwilligkeit, größere Mobilisierungen anzustoßen. Einige davon haben Mittel für Denkstätten und Gedenkveranstaltungen, Parteibüros bekommen, als Sachleistungen oder in Barem, Mittel für die wenigen NGOs, die nicht unmittelbar im Staatsapparat ausgegangen sind, gelegentliche Unterlassungspakte. Andere, vor allem die Bewegungen der Armen und der Jugendlichen, haben nur Manipulation, Hintergehung und Enttäuschung erfahren, und zwar reichlich.


Dies darf sich nicht wiederholen. Der wichtigste Feind der Linken in Chile ist heute die enorme Fähigkeit des Staatsapparats zur Kooptation. Eine Mindestbedingung für die Neuartikulierung ist es, endlich auf die Fondart-Stipendien zu verzichten, auf die Fonds für „soziale Entwicklung“, die mit der Rechten geteilten Pfründe bei den Kommunen, die vom Präsidialamt ausgehenden „Schenkungen“, die Projekte zur Wiederbelebung von NGOs, die kleinen Anstellungen bei Regionalsekretariaten und Gouverneursämtern, die großangelegten Events mit dem angeblichen Zweck, dass die Führer der sozialen Bewegung sich mit Fragen „befassen“ oder solche „erörtern“, ebenso wie die lächerlichen fünf Abgeordneten, die man uns zugestehen könnte, einfach damit die Wahlgesetzgebung unverändert beibehalten wird.


Zweitens: Nur mit einem straffen, klaren und schlagenden Forderungskatalog ist es möglich, zu einer geordneten Aufstellung der zahllosen bereichsweisen Forderungen zu kommen, die, so gerecht sie auch sein mögen, heute die reale Einheit der vielfältigen Akteure des Drucks von unter erschweren. Was dessen Inhalte betrifft, braucht nicht lange gesucht zu werden; die Liste ist mehr oder weniger einleuchtend:


  • erneute Nationalisierung des Kupfers,


  • Abschaffung der Verfassung von 1980,


  • Nationalisierung der staatlichen Auslandsverschuldung und Abschaffung der staatlichen Bürgschaft für private Auslandsschulden,


  • erneute Nationalisierung der strategischen Dienstleistungen im Bereich von Elektroenergie, Gas, Wasser und Kommunikation,


  • drastische Reduzierung der Kreditkosten und Erhebung hoher Royalties auf Kapitalexporte und Gewinnrückführungen.


Sicherlich leitet sich hieraus eine Vielzahl wirtschaftlicher, politischer und sozialer Forderungen ab. Und jeder Personenkreis wird seine eigenen aufstellen. Aber ich habe diese in den Mittelpunkt gestellt,


  • weil sie eine Vorbedingung für die Möglichkeit aller anderen darstellen,


  • weil sie unmittelbar auf den Kern des herrschenden Wirtschaftsmodells abzielen,


  • weil es in ihrem Zusammenhang möglich ist, eine strategische Politik zu entwickeln, über die unmittelbaren Dringlichkeiten hinaus, die sicherlich alle grauenhaft sind.


Die Linke, zumindest die Linke, muss eine radikale strategische Politik umsetzen, sie muss ihre Differenzen unter dem Gesichtspunkt eines globalen Horizonts ordnen, bei der Festlegung ihrer Ziele über die unmittelbare Politik hinausgehen.


Drittens, auf einer etwas mehr theoretischen Ebene: die falschen Dichotomien von Globalem und Lokalem, von Einheit und Diversität, von Kampfformen und Organisationsformen, müssen überwunden werden.


Es gibt nicht nur tatsächlich viele Linken, sondern es muss sie geben. Die große Linke kann nur aus einem vernetzten Konglomerat vieler Organisationen entstehen, die sich durch unterschiedliche Formen und Reichweiten auszeichnen, die unterschiedliche, ja selbst zum Teil widersprüchliche Interessen vertreten. Wir brauchen keine Einheitspartei, sondern ein Netzwerk. Wir brauchen keine korrekte politische Linie, sondern einen gemeinsamen Geist. Ein gemeinsamer Geist, der sich an den genannten globalem Forderungen orientiert. Einen breit angelegten Willen, die Bereichsforderungen mit diesen globalen Zielen in Verbindung zu setzen, die, wie erkennbar, ziemlich klar definiert und konkret sind. Ein breit angelegter Wille, als Teil der vielen Linken, der großen Linken, aller Art Organisations- und Ausdrucksformen zuzulassen, die sich mit diesen Zielen identifizieren wollten.


Viertens: die Neuartikulierung der großen Linken wird nur dann gelingen, wenn die sterile und brudermörderische Polemik zwischen „Revolutionären“ und „Reformisten“ zurückgelassen wird. Dies ist die tiefste und schädlichste Dichotomie, die wir von der mechanizistischen Rationalität des Feindes geerbt haben.


Reform und Revolution dürfen nicht als Alternativen, sondern müssen als sich gegenseitig Einschließendes gedacht werden. Jeder Revolutionär sollte mindestens Reformist sein. Die wirkliche Frage ist, was darüber hinaus, welchen radikalen Horizont wir ausgehen von den von uns unternommenen reformistischen Initiativen anstreben. Alle Auseinandersetzungen müssen geführt werden. Das Lokale, das Alltägliche, das Kleine sind nicht weniger bedeutsam für den, der es erleidet, als das Große und das Globale. Die Frage ist eher die des Geistes, des Horizonts, von dem aus wir jede einzelne dieser lokalen Auseinandersetzungen angehen. Vom Lokalen Abstand nehmen ist ebenso Abstand von der Revolution nehmen, wie sich darauf zu beschränken. Jeder lokale Kampf, der sich in den Horizont der großen Linken und ihres Geistes einzureihen bereit ist, muss respektiert und unter Umständen unterstützt werden. Der Weg unserer Revolution führt über die von mir genannten strategischen Ziele und das muss ein Weg sein, der aller Art Größen, Formen, Rhythmen und Farben enthält.


Wenn von „Revolution“ die Rede ist, dann müssen wir uns jedoch im Klaren sein, dass wir schlussendlich vom Sturz der herrschenden Klassen sprechen. Es geht, letztendlich, um das Ende des Klassenkampfs.


Fünftens: heute richtet sich der große Kampf der großen Linken nicht nur gegen die Bourgeoisie, sondern auch gegen die Herrschaft der Bürokraten. Das ist der historische Kampf der unmittelbaren Produzenten, die jeglichen realen Reichtum schaffen, gegen die Verteilung des angeeigneten Mehrwerts unter Kapitalisten und Funktionären. Die Bürokraten, als gesellschaftliche Klasse organisiert im Umfeld des Staatsapparats, aber auch vollständig integriert in die Technostrukturen des Großkapitals und der globalen Mächte, die Bürokraten, die sich auf ihre vorgebliche, ideologisch legitimierte Expertise stützen, sind heute ebenso Feinde der gewöhnlichen Menschen, Feinde derer, die einen Lohn empfangen, der sich nur nach den Kosten der Reproduktion ihrer Arbeitskraft richtet, wie die Großunternehmer.


Der entscheidende Fakt ist wie folgt: der größte Teil der Ressourcen, die der Staat für „Sozialausgaben“ aufwendet, wird allein dazu ausgegeben, die „Sozialausgaben“ zu verteilen. Der größte Teil der staatlichen Ressourcen, aus den Mitteln angeblich aller Chilenen, wird verwendet, um die Staatsbeamten selbst zu bezahlen, oder landen in den Taschen der Privatunternehmer. Der Staat wirkt als riesiges Netzwerk einer sozialen Kooptation, das durch Scheinselbstständigkeit oder über das System der Fondsausschreibungen prekäre Arbeitsplätze bereitstellt und damit umfassendes System des Neoklientelismus in Gang hält, das nach dem Motto Hilfeleistung bestimmte Schlüsselbereiche begünstigt und damit deren Störpotential abschwächt, aber jenen Sozialoperatoren in wachsender Millionenhöhe zugute kommt, die die Eindämmung der sozialen Brisanz verwalten.


Es geht nicht darum, in diesen abertausenden Fällen die zugrunde liegende Moralfrage zu erörtern. Es geht nicht an erster Stelle darum, die Korruption in moralischer Hinsicht anzuprangern. Es geht um eine direkt politische Frage. Es geht um eine Korruption mit ausgesprochen politischem Inhalt und Ziel. Es geht um die Frage, einerseits, der Wirkung auf die Gesamtgesellschaft, und andererseits auf die Perspektiven einer gesellschaftlichen Veränderung.Einerseits cachiert der Staat die strukturelle Arbeitslosigkeit, die durch eine extrem hohe Produktivität der hochtechnologischen Produktionsmittel verursacht wird, die mit einer zunehmenden Verblödung der Arbeitswelt einhergeht (von Anstellungen, die nur dazu existieren, damit Kaufkraft existiert, die jedoch nur dazu bezweckt wird, um das Marktsystem beizubehalten), während andererseits ein System klientelistischer Abhängigkeiten in der Beschäftigung eingeführt wird, das die „Begünstigten“ dazu zwingt, es politisch zu stützen.


Die Betroffenen sind die enormen Massen, die einer absoluten Armut ausgesetzt sind, die von den staatlichen Ressourcen schlicht und einfach nicht erreicht werden, oder eben nur unter bestimmten politischen Bedingungen. Die „Begünstigten“ sind, an der Seite des Großkapitals, die großen Massen von Beamten und Funktionären, die in allen staatlichen Strukturen, in den NGOs und in den Teams, die mit dem Ziel gegründet wurden, auf ewig an den Ausschreibungen von Projekten und abermals Projekten teilzunehmen, auf eine radikale Politik verzichten, um sich der Verwaltung zu widmen, den Staat vor dem Volk zu vertreten, das in punktuelle Sonderbedürfnisse segmentiert ist, um sich der Verteilung dessen zu widmen, was gerade deshalb knapp ist, weil sie es verbrauchen, die sich der Eindämmung widmen, damit eben diese ihre Funktion der Eindämmung niemals verschwindet.


Oder, wenn eine quantitativere Angabe gefragt ist: in diesem Land, bei dem es sich um einen der Weltmeister in der Sportart handelt, die Staatsausgaben zu verringern, und nach dreißig Jahren erfolgreicher Reduzierungen, werden 35% des BIP vom Staat ausgegeben. Das ist ein Drittel von allem, was produziert wird. Der Staat ist weiterhin der wichtigste Arbeitgeber, der wichtigste Bankier, der wichtigste Käufer. Der Staat hält sich als mächtiger Bewacher bereit, um für Ineffizienzen, Abenteuer und Ungeschicklichkeit des Großkapitals aufzukommen, und um sich selbst massiv, auf politischer und auf ökonomischer Ebene, dafür bezahlen zu lassen.


Die Staatsausgaben drastisch auf die unmittelbaren Benutzer neu zu orientieren, während die klientelistische Anstellung seiner Verwalter drastisch reduziert und in unmittelbar produktive Beschäftigung konvertiert wird. Es geht nicht darum, einen mehr oder weniger großen Staat zu haben. Die konkrete Diskussion ist eine Frage des Inhalts: groß inwiefern, reduziert worin. Weniger Funktionäre, mehr produktive Beschäftigung. Zentrale Administration der Naturressourcen und strategischen Dienstleistungen. Absolut dezentrale Administration der unmittelbaren Dienstleistungen, jener, die die Bürger für sich selbst steuern können, ohne Experten, die sie verwalten. Was hier auf dem Spiel steht, ist nicht nur das Grundproblem einer gerechteren Umverteilung des von allen produzierten Reichtums. Auf dem Spiel steht auch die Gangbarkeit der Linken selbst, die heute, in vielen ihrer Ausdrucksformen, zu einem Teil der Verwaltungs- und Eindämmungsmaschinerie geworden ist, die das Herrschaftssystem verewigt.


Ich muss schließlich hinzufügen, dass ein Gutteil dieser Thesen, an denen ich seit einiger zeit gearbeitet habe und die auf einfache Weise das Viele zusammenfassen, was viele andere Intellektuelle auch seit geraumer Zeit gedacht und bearbeitet haben, für mich inmitten folgender Szene eine besondere Dringlichkeit erreichten, die im Rahmen des offiziellen Gedenkens an den 100. Jahrestag des Massakers der Santa María Schule in Iquique zu beobachten war: die Gruppe Quilapayún aus Frankreich sang und animierte uns dazu, „El pueblo unido jamás será vencido“ zu singen, von derselben Bühne aus, von welcher der Innenminister, Belisario Velasco, schamlos gelogen hatte, während er pausenlos ausgepfiffen wurde. Die meisten derer, die ihn ausgepfiffen hatten, sangen mit Enthusiasmus und tiefer Hoffnung dieses Lied. Als sie damit fertig waren, beglückwünschte Minister Velasco die Gruppe Quilapayún auf das Innigste.


Santiago de Chile, den 11. Januar 2008.



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