CPB::II. Para una crítica del poder burocrático::Text de

De Carlos Pérez Soto
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II. Zur Kritik der Bürokratenherrschaft

1. Einleitung

In diesem Abschnitt geht es mir darum, eine Reihe von Thesen zu den großen sozialen Veränderungen aufzustellen, die in der zweiten Hälfte des XX. Jahrhunderts vor sich gegangen sind. Darlegen, aufzählen, unterstreichen, meistens auf polemische Art und Weise, um mit dieser Reihe eine definierte Position zur Diskussion zu stellen. Ich bin mehr daran interessiert, vorzuschlagen, als zu beweisen oder zu dokumentieren. Ich erwarte von dieser Reihe eine zusammenhängende Vision in groben Zügen, die diskutiert werden kann, die durch die Formulierung adäquater Grundlagen gestützt werden kann, mehr als Details, empirische Präzisierungen, punktuelle Daten. Ein Bezugsrahmen, von dem aus man zu konkreter Forschung übergehen kann, mehr als Ergebnisse bereits durchgeführter und abgeschlossener Forschungen. Ein Rahmen, um Richtlinien für die politische Aktion zu skizzieren, mehr als ein Traktat über Soziologie. Ideen zum Vorankommen, eher als um allein bei den Ideen zu verharren.


Eine vorausgehende methodologische Überzeugung ist es, dass eine zwar unvollständige, aber suggestive Reihe von Ideen dazu beitragen kann, auf effektivere Weise zu diskutieren, als eine Reihe von Schlussfolgerungen, die als belegt dargestellt werden. Eine unvollkommene Theorie, die Überlegungen zulässt, ist einer Theorie vorzuziehen, die ihre eigene Perfektion sucht, bevor sie sich möglichen Diskussionen stellt. Ein Risiko, zusammengefasst, das sich nur dann rechtfertigt, wenn es wahr ist, dass sie die suggestiven Ideen enthält, die sie beansprucht, oder wenn es wahr ist, dass aus ihr die beabsichtigten Diskussionen folgen.


Drei große und schwerlich trennbare Aspekte, an deren Entwicklung ich interessiert bin, sind: (a) die Kritik der Realität der Gesellschaften, die sich sozialistisch nannten; (b) eine Einschätzung der allgemeinen Entwicklungsrichtung des technologisch fortgeschrittenen Spätkapitalismus; und (c) das Postulat, als Erklärungsrahmen für diese Auswertungen, der Herausbildung einer Klassenherrschaft neuen Typs, der Bürokratenherrschaft.


Bei jeder aus dieser Reihe von Thesen gehe ich bereits von jenem theoretischen Rahmen aus, den ich sowohl einen orthodoxen Marxismus, wie auch einen Marxismus neuen Typs genannt habe, je nach der Polemik, an der dieser Versuch beteiligt sein soll. Aber erst im nachfolgenden Kapitel III werde ich die Prinzipien explizit ausführen, die als sein Fundament gelten könnten. Wenn ich in dieser Reihenfolge vorgehe, ist es mir wichtig, zuerst die Argumente vorzustellen, die sich unmittelbarer und politischer für eine Diskussion eignen, und erst an zweiter Stelle die sehr viel gelehrtere Diskussion zu den Grundlagen, aus denen sie angeblich folgen würden.


Wie ersichtlich, versuche ich mit dieser Option immer, die Politik, bei der es sich um das wahre Anliegen dieses Texts handelt, vor die akademische Diskussion zu stellen.


Die beiden großen Thesen, von denen diese Einschätzungen durchzogen werden, sind: (a) dass die sozialistischen Gesellschaften und die kapitalistischen Gesellschaften des XX. Jahrhunderts, trotz ihrer sichtbaren politischen Unterschiede, strukturell Regime desselben Typs sind, zwei politische Varianten derselben Industriegesellschaft; (b) dass sie beide, infolge ihrer wesentlichen strukturellen Kongruenz, auf verschiedenen politischen Wegen, auf ein und dieselbe Gesellschaft neuen Typs zutreiben, die bürokratische Gesellschaft.


Die wichtigste Konsequenz dieser Thesen ist, dass es zum Verständnis der Entwicklung der zeitgenössischen Gesellschaft hinsichtlich ihrer tieferen Dimensionen notwendig ist, über das Bewusstsein ihrer Akteure selbst hinauszugehen, aus einer Perspektive, sie nicht nur ihre Situation erklärt, sondern auch das Verhältnis zwischen jenem empirischen Bewusstsein und der tieferen Situation, von dem aus es sich konstituiert.


Im Fall des Marxismus treffen diese Thesen eine besonders empfindliche Stelle, weil aus ihnen etwas folgt, was die marxistischen Avantgarden des XX. Jahrhunderts schwerlich akzeptieren könnten: die Möglichkeit eines entfremdeten revolutionären Bewusstseins, das heißt, einer historischen Initiative, deren Bewusstsein von sich selbst nicht der realen historischen Bedeutung ihrer Handlungen entspricht. Und das ist genau was ich bezüglich des revolutionären marxistischen Bewusstseins postuliere, das die forcierten Industrialisierungsprozesse leitete, die sich als Sozialismus bezeichneten.


Aber andererseits folgt aus dieser These einer wesentlichen Kongruenz dieser formell politisch unterschiedlicher Systeme, dass die Herausbildung der Bürokratenherrschaft nicht allein und nicht einmal an erster Stelle von der politischen Entwicklung der Sowjetdiktatur repräsentiert wird. Im Unterschied zur klassischen trotzkistischen Kritik, lege ich Wert darauf, zu verfechten, dass weder die sowjetische Bürokratie damals, noch heute die russische, nicht das Modell und nicht einmal das beste Beispiel der Bürokratenherrschaft darstellen.


Dies bedeutet, dass ich die Herrschaft der Bürokratie nicht nur als eine Art und Weise kritisieren möchte, den Marxismus vor der vielfältigen Kritik in Schutz zu nehmen, die gegen den realen Sozialismus erhoben wurde, sondern vor allem als eine Herangehensweise an die Situation der technologisch fortgeschrittenen industriellen Welt. Wofür ich an erster Stelle einzutreten interessiert bin, ist nicht, dass die Sowjets Bürokraten waren, auch wenn sie es tatsächlich gewesen sind, sondern dass der fortgeschrittene Kapitalismus, infolge seiner eigenen inneren Logik zu einer bürokratischen Gesellschaft geworden ist.


Was die sowjetische Erfahrung betrifft ist es mir aus einer politischen Warte wichtig, grundlegend zwei Ideen zu verteidigen. Eine davon ist, dass es sich um eine Klassengesellschaft gehandelt hat, in der ein antagonistischer Konflikt entstand – und kein „nicht antagonistischer“, wie die offizielle Ideologie es vorgab – aus dem es nur einen revolutionären Ausweg geben konnte. Die zweite ist, dass der Fall dieser politischen Systeme weder als eine Revolution im marxistischen Sinne, noch als ein Sieg des Kapitalismus betrachtet werden kann, sondern als der Übergang von einer bürokratischen Logik in nationalem Rahmen und auf niedrigem technologischem Niveau zu einer transnationalen, hoch technologisierten Logik.


Das allgemeine Kriterium, das ich bereits formuliert habe, ist selbstverständlich, dass die Sorge um eine mögliche Zukunft relevanter ist, als die nicht enden wollenden, nunmehr bereits etwas masochistischen Abrechnungen mit der schuldigen Vergangenheit.


2. Der reale Sozialismus

Trotz allem (Wie auch nicht!), muss noch etwas über den Stalinismus gesagt werden, da wir, als Marxisten, in die liberale Falle getappt sind, es als erwiesen anzusehen, dass jeglicher möglicher Marxismus zu einem totalitären Regime führt.


Obwohl es an dieser Stelle offensichtlich sein sollte, ist es immer noch notwendig, zu wiederholen, dass das Wesen des Stalinismus weder in einem Menschen liegen kann, noch in einer Lehre, noch in einem Managementsystem – wie dem „Befehlsstil“, noch in einer Reihe politischer oder ideologischer Fehler. Er kann nicht mehr interpretiert werden, als Stalins Wahnsinn oder als eine Abweichung der Parteiführung jener Zeit. Eine Erklärung ist nicht mehr haltbar, die sich im Rahmen des Willens und des Bewusstseins, im Rahmen der persönlichen Verantwortung bewegt, die, wenngleich es von einem juristischen Standpunkt aus betrachtet legitim ist, nicht rigoros als historische Erklärungen angerufen werden können. Die Analysen, die sich auf solche Faktoren konzentrieren, sind alle prä-marxistisch, auch wenn sie die Situation wahrheitsgetreu wiedergeben. Für den Marxismus muss der Stalinismus auf materielle Weise erklärt werden, das heißt, ausgehend von den gesellschaftlichen Verhältnissen, die ihn möglich und effektiv machten. Zweifelsohne ist es eine seltsame Logik, in der der Stalinismus als Fehler betrachtet wird. Das würde bedeuten, dass die Realität Fehler begeht, während die Theorie unangefochten verbleibt, trotzdem sie in der Praxis durch die Rüpelhaftigkeit unbegabter politischer Akteure verzerrt wurde. Selbst in dem Fall, dass wir ihn als einen Fehler darstellen wollten, wäre es vor allem interessant, welche Erklärungen wir dafür abgeben, dass dieser Fehler überhaupt möglich war, mehr als die Tatsache selbst, dass er es ist.


Ich behaupte, das Wesen des Stalinismus ist das des Bewusstseins und der politischen Praxis eines forcierten Industrialisierungsprozesses, der von einer revolutionären bürokratischen Vorhut geleitet wurde. Der politische Totalitarismus, der sich vor allem gegen den utopischen Voluntarismus der Altbolschewisten richtete, stand mit dem Versuch in Verbindung, die für die forcierte Industrialisierung erforderliche Sozialdisziplin durchzudrücken. Der entsprechende ideologische Totalitarismus stand mit den Anstrengungen in Verbindung, das Bewusstsein eines Volks von Bauern zu modernisieren.


In der Mehrheit der Länder, die zum Sozialismus gelangten und in denen es zurückgebliebene oder abhängige Gesellschaften gegeben hatte, setzte sich die Logik der Industrierevolution mit außerordentlicher Gewalt durch. Das Gewicht von 300 Jahren Unheil im Kapitalismus brach, auferlegt durch den revolutionären Voluntarismus, über einige wenige Generationen herein. In Wirklichkeit hat die von einer forcierten Industrierevolution implizierte Gewalt eine physikalische Komponente der Ausrottung, der Zerstörung von Produktionsmitteln, allgemeinem Elend, wie während der Zwangskollektivierung der Landwirtschaft in der UdSSR zwischen 1929 und 1932. Aber ein Prozess dieser Art ist nur möglich im Rahmen, außerdem, einer enormen politischen und ideologischen Gewaltanwendung. In der Geschichte des Kapitalismus wird die Gewalt, die mit gewisser böswilliger Eleganz als „ursprüngliche Kapitalakkumulation“ bezeichnet wird, nie genügend hervorgehoben, bei der es sich um nichts anderes handelt, als um die brutale Ausrottung der prä-hispanischen Bevölkerung in Amerika, um das Elend der europäischen Arbeiter im XVII. und XIX. Jahrhundert, die politische Gewalt der Kriege, in welche die weltweiten Krisen des Kapitals einmündeten. Die räumliche und zeitliche Entfernung, der gegenwärtige Überfluss, der es ermöglicht, die Vergangenheit wohlwollend zu betrachten, oder einfacher böser Wille auf theoretischen Gebiet, tragen wirksam dazu bei, die profunden Dramen zu verheimlichen, die JEDER Industrialisierungsprozess für das Bewusstsein und das Alltagsleben der einfachen Leute bedeutet. Beim Aufbau des Sozialismus war diese Gewalt der Stalinismus.


Auf diese Weise wurden riesige Menschenmassen aus der halbfeudalen Rückständigkeit in die Moderne gebracht. Die politische Gewalt, die, wie die historische Rekonstruktion zeigt, zum größten Teil gegen die führende Partei selbst gerichtet war, versuchte erfolgreich die bolschewistische Avantgarde vom rätekommunistischen Utopismus abzubringen, der den sofortigen Aufbau der Demokratie und die kommunistischen Freiheiten gepredigt hatte, um sie auf die unmittelbaren und vornehmlich pragmatischen Aufgaben der Entwicklung der Produktivkräfte und der Verteidigung gegen die externe Bedrohung zu konzentrieren. Die massenhaften Säuberungen in der UdSSR der 30er Jahre und die massive Zensur der 50er weisen in dieser Hinsicht eine außerordentlich große Ähnlichkeit mit den langen und ermüdenden Kämpfen auf, die die pragmatische Bürokratie im Stil Deng Tsiao Pings in China gegen den maoistischen Rätekommunismus führte, und sie wiederholen sich mit diversen Varianten aber aus denselben Gründen in der Mehrheit der Länder, die den Sozialismus erlebten.


Die extreme Gewalt des stalinistischen Industrialisierungsprozesses ist einfach analog der extremen Gewalt der Industrialisierungsprozesse im Allgemeinen, in England, Frankreich, Japan, wobei aber das, was die Bourgeoisie mehr oder weniger zufällig im Verlauf von 300 Jahren zustande brachte, ausdrücklich und vorsätzlich in 50 Jahren zusammengepresst wurde. Das revolutionäre Subjekt dieses Prozesses war die bürokratische Avantgarde, nicht das Volk als Ganzes, welches in eher als sein Objekt erlitt, als getriebener Akteur, Opfer und Begünstigter zugleich.


Historisch und näher betrachtet, muss man im Fall des wichtigsten dieser Prozesse, dem der UdSSR, eingestehen, dass der "forcierte" Charakter des Industrialisierungsprozesses einem strukturellen Erfordernis entsprach. Die russische Gesellschaft des Jahres 1917 wies bereits alle Anzeichen dessen auf, was wir in Lateinamerika gelernt haben, als Abhängigkeit zu erkennen. Die russische Situation zeigte diese Anzeichen nicht nur bezüglich der Struktur der inländischen Produktion, der technologischen Rückständigkeit, der Art und Weise der Eingliederung Russlands in den Weltmarkt, der Bedeutung des ausländischen Kapitals und der Kleinproduzenten. Die Abhängigkeit kommt auch im Fehlen einer allgemeinen Produktivitätsethik zum Ausdruck, in der Abwesenheit eines adäquaten Kulturniveaus für die moderne Großproduktion, im umfangreichen System kleiner Privilegien welches das Alltagsleben einer abhängigen Gesellschaft kennzeichnet, in der Vielzahl lokaler Forderungen, die die Rationalität des Ganzen in Frage stellen.


Es muss anerkannt werden, dass die Politik der NÖP aufgrund interner Probleme scheiterten, nicht nur wegen der Abweichung des Willens. Die Kleinproduzenten widersetzten sich der Rationalität des zentralen Plans. Die landwirtschaftlichen Produzenten widersetzten sich dem Vorrecht der Industrialisierung, dem Primat der Stadt über das Land. Die gleichzeitige Regulierung des Wachstums in den Städten, der neuen Konsummuster, der Industrialisierung der Landwirtschaft erwies sich als außerordentlich schwierig. Die lokalen Lobbyisten reagierten äußerst unterschiedlich auf die Initiativen der Zentralisierung.


Es muss auch eingeräumt werden, dass die Totalisierung des politischen und kulturellen Lebens 1918 begann, nicht 1930; unter Lenin, nicht unter Stalin. Die Totalisierung betraf unmittelbar nicht etwa die Rechten, die bereits im Bürgerkrieg besiegt worden waren und die übrigens zuvor nie wirklich breite Entwicklung aufzuweisen hatte, in einer Gesellschaft, in der es nur in den letzten etwa 12 Jahren vor der Revolution ein aktives politisches Leben gegeben hatte. Sie betraf eher die Linken. Sie betraf die Sozialrevolutionäre und Anarchisten an erster Stelle, danach die Linksbolschewisten und dann schließlich das Gros der bolschewistischen Partei selbst.


In den ersten Jahren hatte der heute von allen Seiten verunglimpfte Proletkult ein konsistentes und anspruchsvolles Programm zur Schaffung einer neuen Kultur, zur Schaffung eines "neuen Menschen", zu einem revolutionären Bruch mit der Vergangenheit. Die "Arbeiteropposition" innerhalb der bolschewistischen Partei selbst, verteidigte ein Programm der effektiven Demokratisierung der wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Leitungsfunktionen. Entgegen dieser Tendenzen, entgegen ihrem Mangel an Realismus, setzte sich der Pragmatismus der großen Erbauer der realen Revolution durch: Lenin, Bucharin, Stalin. Als Reaktion gegen diesen Utopismus und aufgrund des effektiven Scheiterns der NÖP begann die gesamte Parteileitung, die tatsächlich an der Spitze der Produktion stand, ihren Schwenk zum ökonomischen Gewaltmarsch und zur politischen Totalisierung. Im Rahmen dieses Schwenks hatte die Industrialisierung den Sinn, nach der materiellen Basis zu streben, ohne die jeglicher revolutionäre Traum sich als unmöglich umzusetzen erweisen würde.


Die Zwangskollektivierung wurde als Art und Weise gesehen, die Wirksamkeit zu garantieren, die von der kulturellen Basis und den lokalen Interessen erschwert wurde. Die Zentralisierung wurde als Art und Weise gesehen, das rationelle Wachstum des Ganzen abzusichern. Die politische Totalisierung hatte die Bedeutung, für jeden Aspekt des Prozesses eine "vertrauenswürdige" Leitung sicherzustellen. Die totalitäre Durchsetzung des dialektischen Materialismus über Bildung, Medien, Parteileben hatte die Bedeutung, das Bewusstsein der Bauern in die Logik der Moderne einzuführen. Der dialektische Materialismus war das Vehikel, über das die wissenschaftliche Rationalität im Verlauf weniger Generationen bei einem knappen Drittel der Weltbevölkerung eingeführt wurde: eine Kulturrevolution, beispiellos in der Geschichte der Menschheit.


Der Stalinismus ging aus alledem als Sieger hervor.Er siegte im Bürgerkrieg, industrialisierte das Land, er siegte im Zweiten Weltkrieg, er bewältigte den Wiederaufbau und verstärkte die Industrialisierung, er verwandelte die UdSSR im Verlauf einiger weniger Jahrzehnte in eine Weltmacht. Dies war ein dramatischer Entwicklungsweg, wie alle, aber ein konsistenter. Er wirkte auf den ideologischen Nationalismus ein (der sehr bald die klassischen Themen der revolutionären Kultur der Bolschewisten ersetzte), er wirkte auf den dialektischen Materialismus als einer szientistischen Modernisierungsideologie ein, auf den demokratischen Zentralismus als Mechanismus der internen Legitimierung der Macht, auf die Gleichsetzung von Staat und Partei und die Totalisierung des politischen, kulturellen, ökonomischen und zivilen Lebens. Er wirkte ein auf die forcierte und extreme Zentralisierung der Wirtschaft: UND SIEGTE. Jede Kritik des Stalinismus muss sich dieser doppelten Wahrheit annehmen: sein Erfolg und seine Verwurzelung in den strukturellen Erfordernissen des sozialistischen Aufbaus.


Auch wenn es vorzuziehen schiene, ist es kein guter theoretischer Ansatz, den Stalinismus aus dem Rahmen eines Ideals zu kritisieren, das nicht erfüllt worden wäre. Diese Kritik kann und muss als Triebkraft des politischen Willens in Richtung Zukunft angewandt werden, aber sie trägt nicht dazu bei, die Vergangenheit zu verstehen. Anstatt das Studium der Realität zu erleichtern, füllt es dieses mit neuen Frustrationen und wir neigen dazu, nach persönlicher Verantwortung zu suchen, an der wir unsere kritische Stimmung, unseren Wunsch nach Korrekturen abladen können und vergessen die strukturellen Prozesse, die es uns ermöglichen könnten, besser zu verstehen um wirksamer umzugestalten. Im Stalinismus gibt es kein verratenes Wesen, das ist einfach der Sozialismus, der wirklich existierte, der einzige, den die Menschheit aufzubauen imstande gewesen ist.


Wenn wir die allgemeine Linie von Marx' Gedankengang in Betracht ziehen, wird der Kapitalismus, indem er die Produktion authentisch universalisiert und den Widerspruch zwischen Ausgebeuteten und Ausbeutern extrem zuspitzt, potentiell zur letzten Klassengesellschaft in der Geschichte der Menschheit. Marx' Diagnose ist, dass unter dem Kapitalismus die vollständige Artikulation der Produzenten im Überfluss, wodurch der Widerspruch zwischen denen, die Arbeit ausüben, und jenen, die letztere beherrschen und sich das Produkt der Arbeit aneignen, unerträglich werden wird. Ausgehend von dieser vollständigen Artikulation und vom Überfluss hält Marx die Revolution für möglich, die zum Kommunismus führt.


Heute sind diese Bedingungen, die Marx' ursprüngliche Analyse für den Kommunismus aufstellt, außerordentlich relevant. Der entscheidende Punkt ist, dass es gerade NICHT diese Bedingungen waren, die den Rahmen für den Aufbau des Sozialismus darstellten. Anlässlich dieses Unterschieds ist es möglich, entgegen der Idee von Marx selbst, dass der Sozialismus eine einfache Vorstufe des Wachstums der Produktivkräfte darstellt, zu beginnen, darüber nachzudenken, welches der wirkliche Charakter der Gesellschaften ist, die in seinem Namen aufgebaut wurden. Es ist ohne Weiteres denkbar, dass die „Vorgeschichte“ der Menschheit noch ein paar Runden mehr zu drehen hat, bevor es gelingt, den Klassenwidersprüchen ein Ende zu setzen. Dies ist eine Tatsache, die in der Realität verifiziert werden muss. Der schlichte revolutionäre Wille genügt nicht, um es zu garantieren.


Deswegen ist es notwendig, um wieder etwas Kontakt mit der Realität aufzunehmen, zwischen Sozialismus und Sozialisierung zu unterscheiden.


Sozialismus ist ein Begriff voller Werte: Gleichheit, Gerechtigkeit, Regierung des Volkes, Arbeitervorhut. Sozialisierung ist der objektive, vom revolutionären Willen unabhängige Prozess, durch den die Industriegesellschaft zur bürokratischen Gesellschaft wird, sei es auf dem Weg der inneren Entwicklung des fortgeschrittenen Kapitalismus, oder auf dem Weg der Entfremdung des bolschewistischen Willens.


Der reale Sozialismus ist immer eine Klassengesellschaft gewesen: die Bürokratie beherrschte die gesellschaftliche Arbeitsteilung und zog Nutzen aus ihr. Das gesellschaftliche Eigentum, der demokratische Zentralismus, der dialektische Materialismus sind legitimierender und homogenisierender (und auch verhehlender) Ausdruck (nicht Ursachen) dieser Herrschaft, auf juristischer, politischer und ideologischer Ebene.


Es gibt heute keine sozialistischen Gesellschaften, und es hat sie nie gegeben. Es gibt aber doch, stattdessen, Sozialisierung und Bürokratenherrschaft. Das kann nur als Entfremdung bezeichnet werden: wir glaubten, wir könnten die Epoche des Aufbaus der Freiheit einleiten; erreicht wurde stattdessen der wirksame Aufbau einer neuen Herrschaftsform. Auf wirksame und brutale Weise wurde erreicht, was der bürgerlichen Gesellschaft auf noch brutalere, aber diffuse Weise gelang.


Der Stalinismus war in seiner eigenen Logik ein ungemein erfolgreicher Entwicklungsweg. Dieser Erfolg ist bis Mitte der 60er Jahre vollkommen sichtbar. Aber in den 60er und 70er Jahren ereignet sich in der kapitalistischen Ländern ein großer Sprung vorwärts bezüglich der technischen Basis des Kapitals, den die sozialistischen Länder damals unfähig sind, zu reproduzieren. Bezüglich dieses Sprunges ist es, dass der Sozialismus in eine Krise gerät, die natürlich infolge der kumulierten internen Kosten noch weiter zugespitzt wird.


Die Krise des realen Sozialismus unterliegt denselben Gesetzmäßigkeiten und besitzt dieselben Eigenschaften wie die großen kapitalistischen Krisen. Es ist jedoch notwendig, zwischen „zyklischen Krisen“ und „historischen Krisen“ zu unterscheiden. Die von Marx beschriebenen zyklischen Krisen ereignen sich so nur im idealen Industriekapitalismus, dem die kapitalistische Gesellschaft sich im XIX. Jahrhundert annäherte. Zuvor der Schutz, danach die Regulierung, konnten sie staatlicherseits kompensieren und das allgemeine Gesellschaftsmanagement gangbar machen. Die historischen Krisen stehen in Beziehung mit den Prozessen globalen Austauschs der technischen Basis des Kapitals und ihr Mechanismus betrifft die Beziehung zwischen der Wirtschaftsdynamik des Kapitals und den politischen und ideologischen Formen, in denen sie institutionalisiert wird. Sie finden nicht an der „ökonomischen Basis“ statt, wie erstere, sondern in der gesamten Gesellschaftsformation. Es handelt sich, im Sinne des Vorworts von 1859, um strukturelle Revolutionen.


Der Zusammenbruch des realen Sozialismus war eine historische Krise, eine Revolution in diesem letzteren Sinn. Und dass dies so ist zeigt, bis zu welchem Punkt die sozialisierten Gesellschaften und die kapitalistischen Gesellschaften immer ein und derselben gemeinsamen globalen Logik unterlagen.


Es gibt einen tieferen philosophischen Grund dafür, diese Krisen als „historisch“ zu bezeichnen. Das ist die Tatsache, dass in ihnen der Charakter der Bourgeoisie als historisches Subjekt zutage tritt. Das heißt, die Art und Weise und die grundlegenden Ursachen dafür, dass sie sich ereignen, sind nicht Ausdruck irgendwelcher natürlicher Gesetzmäßigkeiten oder Natur des Menschen. Die Gesetze, nach denen diese Revolutionen vor sich gehen, sind historische Gesetze, in dem Sinne, dass sie einen Modus der menschlichen Subjektivität ausdrücken, bei dem es sich um einen besonderen Modus handelt, das Leben zu produzieren. In der Realität und der Modalität ihrer Revolutionen erscheint die Bourgeoisie als historisches Subjekt, obschon die Entfremdung sie als bestimmten Naturgesetzen unterliegend erscheinen lässt.


Das ist wichtig, weil der Mechanismus des Widerspruchs zwischen der Entwicklung der Produktivkräfte und den gesellschaftlichen Produktionsverhältnissen, der 1859 von Marx beschrieben wurde, historisch relativiert werden kann. Es stellt sich heraus, dass er für die Formen menschlicher Arbeit charakteristisch ist, die in der modernen Gesellschaft auftreten. In den traditionellen Gesellschaften „zerrte“ die „blinde“ und spontane Entwicklung der Produktivkräfte langsam und schmerzhaft die Form der gesellschaftlichen Verhältnisse hinter sich her. In der bürokratischen Gesellschaft stehen wir vor den ersten ausdrücklichen Versuchen in der Geschichte der Menschheit, die Entwicklung der Produktivkräfte von einem bewussten Impuls in den Formen der Gesellschaftsbeziehungen hinter sich her „zerren“ zu lassen. In der klassischen modernen kapitalistischen Gesellschaft stehen wir stattdessen vor dem „blinden“, spontanen Widerspruch zwischen dem bereits für die Produktivkräfte gewonnenen Bewusstsein und der Spontaneität der Gesellschaftsbeziehungen, die sich noch als von der Natur beherrscht ansehen.


In der naturalistischen „Wildheit“ der bürgerlichen Freiheit und im totalitären „Terror“ der bürokratischen Regulierung, bringen zwei historische Subjekte ihre Eigenschaften zum Ausdruck, bei denen es sich um nichts anderes handelt, als um ihre jeweiligen Modi, sich selbst zu produzieren. Der schrille und laute Katastrophismus der bürgerlichen Wirtschaftsentwicklung und die erstickende Wirksamkeit des bürokratischen developmentalism, sind auch zwei Modi dieses Unterschieds.


Der „reale Sozialismus“, ein bürokratischer Versuch, der mit Industrialisierungsformen in Verbindung steht, die heute veraltet sind, ist unter dem Ansturm der bürgerlichen Dynamik zusammengebrochen. Die Ironie dieser Zeiten besteht jedoch darin, dass dieser revolutionäre Sprung im alten bürgerlichen Stil innerlich von seiner eigenen Niederlage zu Händen der bürokratischen Regulierung neuen Typs gezeichnet ist. Um es klar und deutlich zu sagen: nicht nur die Russen sind von den US-Amerikanern besiegt worden, sondern auch die US-Amerikaner von den Japanern.


Wir sollten jedoch hinzufügen, dass diese nationalen Identifikationen immer weniger der Realität unserer Zeit entsprechen. Die wachsende Globalisierung der Regulierung und ihre langjährigen historischen Wurzeln machen es erforderlich, dass wir eher von einem sowjetischen Stil der Industrialisierung sprechen, die innerhalb und außerhalb der Sowjetunion gescheitert ist, was in der langwährenden Krise der englischen Industrie gesehen werden kann, oder in der massiven Pleite der traditionellen Industrie der USA. Dem gegenüber ist es immer klarer, dass man von einem japanischen Industrialisierungsstil reden kann, der heute innerhalb und außerhalb Japans triumphiert, wie in der Hochtechnologieindustrie der USA, oder in Deutschland, oder auch, unter den Formen einer peripheren, abhängigen und parasitären Industrialisierung, die unter den neuen wirtschaftlichen „Tigern“ der Dritten Welt in Erscheinung getreten ist.


Wenn man eine Auswertung der Perspektiven dieser Sozialismen machen will, so wie sie wirklich Bestand gehabt haben, oder der möglichen sozialistischen Politik, die versuchen könnte, sie auf die eine oder andere Weise heraus zu retten, dann ist es wichtig, die Bedeutung ihrer scheinbaren Triumphe neu zu überdenken. Das XX. Jahrhundert, das liberal beginnt und davon ausgeht, es endet liberal, ist, in Wirklichkeit, das Jahrhundert des Sozialismus. Es wird immer offensichtlicher, dass die stalinistischen Etatismen und die keynesianischen Etatismen viel mehr gemeinsam haben, als die Unterschiede ihres politischen Stils andeuten könnten. Auf der einen und der anderen Seite muss man den gemeinsamen Faktor, auf orthodox marxistische Weise, in den Formen suchen, in denen die gesellschaftliche Arbeitsteilung beherrscht wird. Die gemeinsame Basis beider Systeme ist nichts anderes, als Bürokratenherrschaft in ihrem industrialisierenden Moment.


Von einem politischen Gesichtspunkt aus betrachtet, sind die Unterschiede zwischen den marxistischen und den sozialdemokratischen Sozialismen auch nicht entscheidend. Unter der Formel des gesellschaftlichen Eigentums oder unter den verschiedenen Formeln einer sozialen Einschränkung des Eigentums wird nach ein und demselben Ziel getrachtet, nämlich der Bourgeoisie die Willkür ihres Eigentums streitig zu machen. Die Existenz eines gemeinsamen Terrains beider Arten von Politik wird an der Einfachheit offensichtlich, mit der man sich in diesem Rahmen einen Weg des friedlichen Übergangs zum Sozialismus vorstellen kann, der von den sozialdemokratischen Prämissen ausgeht, um diese dann progressiv zu radikalisieren, bis eine Hegemonie der gesellschaftlichen Interessen über die privaten erreicht ist. Die Unterschiede zwischen den rein demokratischen und den bewaffneten Initiativen, die eher vom Widerstand der Bourgeoisie diktiert sind, oder von der relativen Rückständigkeit der sozialen Lage, die es anzugehen galt, waren aus der Ferne betrachtet geringer, im Vergleich zu dieser gemeinsamen Perspektive. Es gibt keinen wirklichen Leninisten, der nicht zugestimmt hätte, auf sozialdemokratischem Wege das zu tun, was der bewaffnete Weg versprach, wenn die Bedingungen dafür günstig zu sein schienen. Die opportunistische Kombination beider Wege war ein zentraler Bestandteil der leninistischen Politik im gesamten Jahrhundert.


Angesichts dieser auf tiefe Weise gemeinsamen Politik, haben die ästhetisch-politischen Avantgarden schon immer dem darin enthaltenen Totalisierungsprinzip misstraut. Aber ohne es jemals erreicht zu haben, wirklich eine Politik zu artikulieren, wurden diese immer wieder, wie zuvor die Romantizismen, aus denen sie stammen, reduziert auf heldenhafte, ein Zeugnis ablegende, aber unproduktive Opfer, oder auf die rein zeugnisbezogene, nur ästhetische Entfremdung der individuellen, vollkommen umerziehbaren, Marginalisierung. Diese Entfremdung, jedoch, mit ihrem permanenten Verdacht, es gäbe doch ein radikales Jenseits, die das Kontinuum der industrialisierenden Homogenität durchbricht, hat am besten den kommunistischen Geist und Willen zu konservieren vermocht, den es nun gilt, wieder zu erfinden.


Aber heute ist die produktive Grundlage all dieser Alternativen durch die technologische Fähigkeit, Differenzen zu produzieren und zu beherrschen, radikal verändert worden. In einem System, das nicht mehr homogenisieren muss, um zu beherrschen, verlieren sowohl die Utopie einer vollzogenen Homogenität, als auch die Hartnäckigkeit des einfachen Unterschieds ihren Sinn. Einerseits wird eine Herrschaft mit humanerem Antlitz möglich, bei raffinierteren Formen der Entfremdung, von denen aus die egalitären Ideale der Sozialismen als Totalitarismus erscheinen. Andererseits wird eine umfassende Administration der Differenzen ermöglicht, denen gegenüber die Brüche, die im Zeugnis ablegenden Kontext der ästhetisch-politischen Erfahrungen erfolgen, oder selbst jene, die aus der politischen Gewaltanwendung oder der fragmentierenden Ästhetik entspringen, immer Gefahr laufen, nichts weiter zu sein, als weitere Teile des Showbusiness.


Ebenso wie die bürgerliche Macht nicht im Widerspruch zu starken Staatswirtschaften steht, auf die sie sich im Gegenteil ständig gestützt hat, so steht auch die bürokratische Macht nicht im Widerspruch mit der Existenz und der ständigen Reproduktion des Unterschieds. Die Behauptung, der Kapitalismus sei reines Privateigentum und der Bürokratismus reine Trägheit der Funktionäre, beinhaltet zwei falsche und schädliche Ideologismen, die uns daran hindern, die reale Komplexität der realen Prozesse zu erkennen.


Die Bürokratenherrschaft hat nicht nur die Revolution der neuen Produktionsformen im Weltmaßstab gefördert und angeführt, sondern sie fühlt sich darin vollkommen wohl, sei es unter Beibehaltung der sozialistischen, oder unter dem Einbruch der neuen neoliberalen Ideologismen. Einmal mehr sei gesagt: im Diskurs der Akteure eines historischen Prozesses selbst werden wir weder ihre tiefere Kohärenz, noch ihre Wahrheit finden. Sowohl der Neoliberalismus, der uns von Privatinitiative, von Entwicklung des Individuums, von Einschränkung der Staatsmacht erzählt, wie auch die neuen, liberalisierenden, neo-keynesianischen Sozialismen, sprechen im Namen einer gemeinsamen Macht, deren Unterschiede mehr mit der Lokalfolklore zu tun haben, in der sich die neuen Produktionsformen entwickeln, als mit dem Inhalt ihrer historischen Handlungen.


Der Bürokratenherrschaft neuen Typs gegenüber sind die alten sozialistischen Perspektiven nicht nur administrierbar, sondern fast idealerweise funktional. Der Diskurs der Gleichheit und Billigkeit, ganz gleich ob ihm entsprochen wird, oder nicht, der Diskurs der Sozialverantwortung der Unternehmen, der Wichtigkeit der Ausbildung durch Bildung für die Eingliederung in die Arbeitswelt, ganz gleich ob sie erfüllt wird, oder nicht, sind alle der Macht einer mehr oder weniger paternalistischen Verwaltung perfekt funktional, die über die technologische Fähigkeit verfügt, eine interaktive Herrschaft voranzutreiben, wo es eine Situation gegenseitiger Abhängigkeit in Bezug auf die Beherrschten geben kann, unter der Voraussetzung, das ein Differential an Macht über die Mächte bestehen bleibt, das es gestattet, sie zu verwalten.


Es genügt also nicht, die sozialistischen Perspektiven, ob demokratisch oder bewaffnet, keynesianisch oder stalinistisch, zu reformieren, um über diese neue Herrschaft hinauszugehen. Ebenso wie die beginnende Arbeiteroppositon, in der französischen Revolution, in den bürgerlich-demokratischen Revolutionen von 1848, nichts anderes tat, als die beginnende politische Herrschaft der Bourgeoisie zu fördern, so wird heute die Integration der neuen Werktätigen in den Rahmen der sozialistischen Politik nichts anderes tun, als die Herausbildung der Bürokratenmacht zu fördern. Ebenso wie der Revolutionarismus der Handwerker von 1848, der dazu beitrug, die Herrschaft gerade jener Macht zu festigen, die sie vollkommen wegfegte, so wird heute die Eingliederung der Arbeiterkreise des alten Typs in die sozialistische Politik nichts anderes tun, als die Art von Herrschaft zu begünstigen, die gerade im Begriff ist, sie im Weltmaßstab zu beseitigen.


3. Der fortgeschrittene Kapitalismus

Ebenso notwendig, wie eine Neuauswertung des Sozialismus ist es, die tiefere Bedeutung der großen Veränderungen zu überdenken, die in den vergangenen dreißig Jahren auf dem Gebiet des Kapitalismus erfolgt sind. Dazu ist es erforderlich, sich von den Ideologismen zu entfernen, die von den unmittelbaren politischen Interessen sowohl der Neoliberalen und den erneuten Sozialisten einerseits, wie vom breiten Spektrum des Gedankenguts der Niederlage andererseits verbreitet werden.


Das Relevante ist hier der Versuch, eine grundlegende, längerfristige Einschätzung vorzunehmen, mehr als sich bei politischen und wirtschaftlichen Erscheinungen aufzuhalten, in der wiederkehrenden Haltung, im Rhythmus der Tagespolitik Siege zu verkünden oder Niederlagen zu beweinen. Die Tatsachen aufzunehmen ist wichtig, aber noch wichtiger ist es, ihre Bedeutung zu entdecken, anhand einer sinngebenden Theorie, anstatt ohne weitere Überlegungen, ausgehend von kurzfristigen Indizien, Projekte zu schmieden.


Die allgemeinen Eigenschaften dieser Bewegungen sind mehrfach angeführt worden: Verlagerung der Schwerindustrie, ja sogar der Elektronik, in die Peripherie; Verlagerung der wissenschaftlich-technologischen Kapazitäten ins Zentrum; großmaßstäbige Rationalisierung der Nutzung von Energie und Erscheinen neuer und mächtiger Datenverarbeitungsmittel; Revolution der Montagetechnik, ausgehend von wachsender Automatisierung und Robotisierung; quantitative und qualitative auf der Ebene der technischen Ausbildung und des Arbeitsklimas der Werktätigen, woraus eine Verdrängung des klassischen Typs des Arbeiters aus den dynamischsten Sektoren der Wirtschaft folgt.


Diese tiefgreifenden Veränderungen haben zur Folge, dass viele der Kritikpunkte, die sich gegen die Industrialisierungsprozesse der zweiten Hälfte des XIX. Jahrhundert und der ersten Hälfte des XX. Jahrhunderts richteten, in der Gegenwart ihre Aktualität verlieren, vor allem weil sie sich damals, mit Recht, wenngleich mit ziemlich mieser politischer Absicht, gegen die sozialistischen Entwicklungsprozesse wandten. Zusammengenommen ist es mit dieser Kritik an erster Stelle der Fall, dass sie sich auf die realen Sozialismen konzentriert, insbesondere auf die stalinistische Industrialisierung, mit Eigenschaften, die allen Prozessen gemein sind, bei denen die Industrialisierung auf derselben technologischen Basis erfolgte, wobei als Kritik am Sozialismus präsentiert wird, was in Wirklichkeit die Kritik an einem ganzen Industrialisierungsmodell ist, jenseits des politischen Anscheins. Aber auch, an zweiter Stelle, weigern sich die Kritiker, die tiefe Kontinuität zu sehen, die das Weiterbestehen der Herrschaft und der Ausbeutung bedeuten, wobei häufig die Überwindung der härtesten Züge der klassischen Industrialisierung als Garantien dafür dargestellt werden, dass die neue Gesellschaft drauf und dran ist, die Freiheit des Menschen zu realisieren, ohne auf die Formen zu achten, in denen die Diversität, die Interaktivität, die Requalifizierung wichtiger Bereiche der Arbeitskraft, die Revolution in der Kommunikation, Mittel neuer Totalisierungsformen sein können.


Die Art der Industrialisierung, die heute als klassisch oder einer mittleren technologischen Entwicklung entsprechend bezeichnet werden kann, kommt exemplarisch in den fordistischen Montagebändern zum Ausdruck, an denen große Mengen einförmiger Produkte hergestellt werden, bei relativ niedrigen Qualitätsnormen und einer mechanischen, minder qualifizierten, Integration der menschlichen Arbeit. Dieses Industriesystem tendiert zur Homogenisierung und erfordert auch Homogenisierung auf politischem Gebiet, um herrschen zu können. Die Idee einer Normalität, das Ideal gleichen Zugangs zu gleichem Konsum oder was auf philosophischer Ebene als Reduktion auf das Minimum kritisiert worden ist, sind ihm consubstantial. Die vertikale, autoritäre, normative, zentralisierte Herrschaft ist für dieses System eine Erfordernis, die aus seiner Produktionsstruktur selbst stammt.


Kontrolle, Disziplinierung, Normalität und Repression sind hier Figuren, die einander entsprechen, die sich gegenseitig voraussetzen und implizieren. Dieser homogenisierende und autoritäre Egalitarismus, der von den künstlerischen Avantgarden der 20er Jahre bezüglich des Kapitalismus kritisiert wurde, ist zur immer wiederkehrenden Karikatur des Lebens in den sozialistischen Ländern geworden, gegen die sich sowohl die neuen Liberalen, wie auch die erneuerte Linke auflehnen.


Die neuen Technologien in der Verwaltung machen es jedoch ohne Weiteres möglich, eine neue, nunmehr interaktive, Art von Krontrolle auszuüben, während gleichzeitig die Zentralisierung durch Kontrolle der Information beibehalten und sogar stark erhöht wird. Merkwürdigerweise ist die zentrale Planung heute eher möglich denn je. Es ist nicht wahr, dass die neuen Techniken eine "Demokratisierung" des Managements nach sich zögen. Die interaktive Kontrolle benötigt die operativen und intellektuellen Fähigkeiten der Kontrollierten zu ihrer Funktionsfähigkeit. Sie impliziert eine gegenseitige Abhängigkeit oder einen Schwenk der Leitungs- und Befehlsketten in Richtung Horizontalität, die, auch wenn sie manchen Technologieoptimisten durcheinanderbringen, nichts anderes tut, als einen neuen Herrschaftsmodus einzuführen, der dem klassischen Substantiell überlegen ist und nur deswegen auf glaubhafte Weise seinen befreienden Anschein zur Schau stellen kann, weil er weiterhin im Lichte solcher Technologien ausgewertet wird, die er bereits übertroffen hat.


Weder die Prozesse der Requalifizierung der Arbeit, noch die Prozesse horizontaler Interaktivität der Befehlsstruktur, bedeuten für sich selbst einen wesentlichen Schritt in Richtung einer Demokratisierung des Produktionsmanagements. Nicht nur impliziert das Problem eines demokratischen Managements eine eher politische, als technische Option, sondern auch im technologischen Charakter der neuen Medien selbst findet man das Siegel ihres Ursprungs: sie wurden geschaffen, um ein Herrschaftssystem zu übermitteln. Technisch gesehen ist es möglich, aber in Wirklichkeit geschieht das genau Entgegengesetzte: nie zuvor wir heute hat das Monopol der Information, sowie der Fähigkeit, ein globales Management umzusetzen, eine derart weitgehende Zentralisierung der Wirtschaftsführung bewirkt.


Im Grunde sind tiefe Veränderungen der Art und Weise zu arbeiten erfolgt, die auch bereits mehrfach charakterisiert worden sind. Zu den konkreten Zügen dieser hochtechnologischen Arbeit zählen:


  • die Segmentierung und Modularisierung der fordistischen Montagekette und ihre Entlokalisierung auf nationaler oder internationaler Ebene, im Stil einer allgemeinen Disaggregierung und Modularisierung der Produktionsprozesse;


  • der massive Einsatz von Informationstechnologien bei der Ausführung und Kontrolle der Produktionsprozesse, deren wichtigster Ausdruck in der Einführung rechnergestützter Schnittstellen zwischen dem Arbeiter und der Maschine besteht, die die unmittelbare Arbeit leistet, Schnittstellen, die die Durchführung riesiger Mengen physischer Arbeit durch einfache und "sanfte" Betätigung elektronischer Kommandos ermöglichen;


  • die enorme Zunahme der Arbeitsintensität in jedem Produktionsmodul, welches, durch ein Konkurrenzsystem von Angebot und Nachfrage unter den Moduln koordiniert, die Zeiten des Leerlaufs der Arbeit global auf null senken, selbst wenn lokal dieses oder jenes Modul momentan stillsteht oder nicht beansprucht wird;


  • die allgemeine Ersetzung der Linienproduktion durch ein paralleles, lokales und vernetztes Produktionssystem, in welchem das Fertigprodukt auf vielen Arbeitswegen oder Netzwerken erhalten werden kann und seine Verfügbarkeit und Qualität auf redundante Weise durch die Konkurrenz zwischen Moduln sichergestellt werden;


  • die Verlegung der Qualitätskontrolle vom Fertigprodukt in jedes einzelne der Moduln, die seine Teile herstellen, was es gestattet, die Qualität und Zuverlässigkeit des Endprodukts auf revolutionäre Weise zu erhöhen;


  • die Modularisierung der Produkte selbst (der Personalcomputer ist hierfür ein herausragendes Beispiel), wodurch es möglich wird, dass ein Produktionsnetzwerk, ein von sich aus bereits flexibles Konstrukt, das sehr unterschiedliche Fertigprodukte bereitzustellen in der Lage ist, sie außerdem als zusammenstellbare Artefakte anbieten kann und damit auf revolutionäre Weise die Konsumgelegenheiten, sowie die Möglichkeiten diversifiziert, den besonderen Bedürfnissen jedes einzelnen Konsumenten entgegen zu kommen. Eine Angelegenheit, die mit einer von der Nachfrage ausgehenden Organisation der Produktion noch weiter verstärkt wird, im Gegensatz zur klassischen Produktion, die ausgehend vom Angebot organisiert war;


  • die intensive Nutzung neuer Energieformen, energiesparender Verfahren und hochspezialisierter Werkstoffe, die für komplexere Produktionsprozesse ad hoc "konstruiert" werden. Hochgeschwindigkeitszüge mit magnetischer Aufhängung, Elektronikchips und Hochtemperatur- Supraleiter zählen zu den bemerkenswertesten Beispielen;


Die allgemeine Konvergenz der Aktivitäten in der wissenschaftlichen Forschung und der technologischen Entwicklung, deren Diffusion in die technologisch wichtigsten Produktionsmoduln, sowie die entsprechende Requalifikation der Arbeitskräfte in strategischen Produktionsbereichen. Diesbezüglich muss darauf hingewiesen werden, dass es sich weder bei der Diffusion von Forschung und Entwicklung, noch bei der Requalifikation um allgemeine Prozesse handelt. Sie sind es nicht und brauchen es nicht zu sein. In einem disaggregierten, parallelen, lokalen Produktionsnetzwerk ist ein Großteil der Arbeit repetitiv und extensiv und es kommt für diesen Teil, auf adäquate Weise, eine neue Art Taylorismus in Frage, wobei den subjektiven Variablen mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird, als im Original. Alle Träume zu einer allgemeinen Requalifikation und zu "bewussten" Arbeitern, die neben ihrer Arbeit Forschung und Entwicklung betreiben, reduzieren sich in der Praxis ausschließlich auf die mit der Integration modularer teile betrauten Segmente, die aus diesem Grund einen strategischen Charakter annehmen und deswegen natürlich entsprechend besonderen Kontrollen unterzogen werden, mittels besonderer materieller und ideologischer Stimuli.


Diese Veränderungen haben einen revolutionären Anstieg der Massivität der Konsumgüter des täglichen Bedarfs, ihrer Qualitätsstandards, ihrer Verfügbarkeit für riesige Bereiche der Weltbevölkerung zur Folge gehabt. Sie haben auch eine revolutionäre Veränderung der Zirkulationsformen der Waren zur Folge gehabt, der Vielfalt ihrer Formen und Inhalte, ob illusorisch oder nicht, des nunmehr mannigfaltig gestalteten und auf den potentiellen Konsumenten, Gruppe für Gruppe, Interesse für Interesse und bis zur individuellen Ebene abzielenden Consumer Care. Und sie haben vor allem eine revolutionäre Veränderung im Bewusstsein der in das System der modernen Produktion integrierten Werktätigen verursacht, bezüglich der möglichen Welten, die ihrem Leben einen Sinn und eine Zukunft zu geben in der Lage wären.


Das alltägliche politische Kalkül erfolgt niemals allein auf der Grundlage der gegebenen Armut oder des vorhandenen Unbehagens, immer lassen sich die Meinungen weitgehend von den möglichen Zukunftsalternativen und deren relativem Risiko leiten. Die hochtechnologische Produktion ist gekennzeichnet durch ihre enorme Kapazität zur Erzeugung und Manipulierung von Erwartungen. Wie kein anderes ideologisches System in der Geschichte der Menschheit ist sie nicht nur in der Lage, gestützt auf wichtige objektive Fortschritte den intensiven Eindruck eines aktuellen Wohlstands zu erwecken, sondern auch, verschiedene Alternativen einer besseren Zukunft anzubieten und zu verwalten, eine Zukunft mit Wohlstand und Behagen in greifbarer Nähe, beeindruckende Versprechen von Macht und Konsum, die drauf und dran sind, sich zu verwirklichen. Es spielt keine Rolle, dass diese Spekulation mit der Zukunft fiktiv ist, oder der gegenwärtige Wohlstand unvollständig und dramatisch auf Sektoren bezogen, das politisch Relevante ist ihre reale, wirksame, operierende Wirkung auf das Alltagsbewusstsein, nicht nur jener, die konsumieren, sondern selbst jener anderen, die nicht konsumieren.


Es gibt drei wahre Paradigmen der neuen verteilten Art zu arbeiten, die unbemerkt bleiben können, wenn man auf der Illusion besteht, das kapitalistische Unternehmen mit einem individuellen Eigentümer als zentrales Modell der gegenwärtigen Wirtschaftsführung beizubehalten. Eines davon ist das System der gesellschaftlichen Kommunikation, der Medien, ein weiteres ist das Internet, ein drittes ist die global betrachtete Tätigkeit der wissenschaftlichen Gemeinschaft. In diesen drei Fällen, mit unterschiedlichen Nuancen, haben wir die neuen Modelle, ausgehend von denen Überlegungen darüber begonnen werden müssen, wie eine Welt aussehen könnte, in der die Bürokratenherrschaft ihre Hegemonie über die Privateigentümer errichtet hat.


Das sind Systeme, die jeweils nicht einem einzigen Eigentümer gehören. Systeme, die selbst da, wo sie lokale Besitzer haben und Konkurrenz und Eigentum weiter eine Rolle in ihrer Verwaltung spielen, einer Gesamtlogik unterliegen, die eine Bestimmung durch das Privateigentum vollkommen transzendiert. Wenn beispielsweise vom Nachrichtenmonopol im sozialen Kommunikationssystem die Rede ist, dann genügt es nicht mehr, die Monopolstruktur des Eigentums der Medien darzulegen, obwohl dies in großem Maße real ist. Es ist außerdem notwendig, zu erklären, warum die allgemeine Agenda selbst in ihrer Diversifizierung dieselbe bleibt, auch wenn mehrere Eigentümerpole existieren. Um einen derartigen Koordinierungseffekt zu erklären, der selbst im Netzwerk in Erscheinung tritt, wo die Eigentumsstruktur weit davon entfernt ist, monopolistisch zu sein, müsste man auf die Hypothese einer allgemeine Verschwörung gegen die Unterdrückten zurückgreifen, die in den einfacheren Argumentationen der Linken aufzutreten pflegt, aber die leider unglaubhaft ist.


Die Tatsache, dass es keine exklusiven Eigentümer gibt, steht auch in Beziehung damit, dass es eine Vielzahl von Entscheidungszentren gibt und das in ihnen das Eigentum weniger wichtig ist, als Expertenmeinungen oder lokale Interessen. Es gibt in diesen Systemen kein lokalisierbares Zentrum, woraus jedoch nicht folgt, dass es absolut kein Zentrum gäbe. Man muss sich eher eine Zentrumsfunktion vorstellen, die auf verteilte Weise funktioniert und bei der es sich um eine Macht zweiter Ordnung handelt, die die Koordination der lokalen und parallelen Aktionen der vielen vernetzten Kerne leistet. Eine gemeinsame Logik, die auf verteilte Weise agiert, in der der Einfluss sich nicht wie in den klassischen Systemen fortpflanzt, sondern sich an jedem Ort regeneriert, im Zusammenspiel zwischen der Zentrumsfunktion, die das Gemeinsame bereitstellt, und den lokalen Instanzen, die ihn vermitteln.


Diese ungleiche Interaktion zwischen einem verteilt operierenden Zentrum und den lokalen Instanzen führen dazu, dass diese Netzwerke in der Lage sind, Diversität zu erzeugen. Sie sind in der Lage, die existierende Diversität aufzugreifen und ihr eine neue Bedeutung zu verleihen, sie an den gemeinsamen Esprit zu binden, ohne sie zu homogenisieren, oder lokale Diversität zu erzeugen, lokale Normalitäten, die nicht auf die klassische, einzige Normalität angewiesen sind, um sich zu legitimieren und zu operieren. Hierbei handelt es sich jedoch um eine Operation der Diversität, in der es für das gemeinsame Leben fast irrelevant ist, ob diese Diversität real und eigenständig ist, oder nur ein Anschein, eine Formsache, infolge der enormen technologischen Fähigkeit zur Produktion und Manipulation von Gegenständen und Erfahrungen gemäß ihres symbolischen Werts, eher als gemäß ihres objektiven klassischen Inhalts.


Das sind Systeme, deren gesellschaftliche Funktion über den Profit hinausgeht, oder in denen der Profit sich als parasitärer Nebeneffekt eines Mechanismus entwickelt, der ohne Weiteres auch ohne ihn funktionieren könnte, einfach finanziert von den unmittelbaren Konsumenten in direktem Austausch über dasselbe Netzwerk. Sicherlich setzt ihr Funktionieren enorme Kapitalbewegungen voraus, aber das Relevante ist, dass der Profit weder der Verursacher dieser Bewegungen ist, noch ihre wichtigste gesellschaftliche Rolle. Der Fall des Internets ist natürlich auf dieser Ebene am klarsten. Aber ich vertrete die Ansicht, dass es sich hierbei um eine tiefe Logik handelt, die mit der Herausbildung einer Herrschaftsform zu tun hat, in der sich die Rolle Privateigentümer darauf beschränkt, nur ein Teil einer breiter angelegten Herrschaft neuen Typs zu sein.


Selbstverständlich richten sich weder die Medien, noch das Internet, noch die globale wissenschaftliche Gemeinschaft in keiner Weise nach der Logik der Landesgrenzen. Und die Tatsache ist sehr wichtig, dass dies sogar als legitim und logisch empfunden wird, mit Ausnahme jener Bereiche, in denen das Bewusstsein einer klassischen Autonomie besonders stark weiterbesteht, insbesondere innerhalb der in der Defensive stehenden Nationalbourgeoisien, die gegen ihre Erdrückung durch das transnationale Kapital Widerstand leisten. Die Logik dieser Systeme scheint von einem Markt reguliert zu werden, bei dem es sich längst nicht mehr um einen lokalen Markt handelt. Hier liegt jedoch eine neue mögliche Illusion vor: es ist nicht der Markt in klassischem Sinn, der als Regulierungsmechanismus agiert. In allen diesen Fällen und in der gegenwärtigen Wirtschaftslenkung im Allgemeinen, hat der Markt einen hochgradig tautologischen Charakter. Die Bürokraten, innerhalb und außerhalb der Unternehmen, gestalten die Marktströmungen mittels der Medien und legitimieren sich anschließend selbst, wenn sie behaupten, dass ihre Entscheidungen durch den Markt reguliert werden, der von ihnen selbst vorformatiert wurde.


So stellt sich heraus, dass unter dem System der hochtechnologischen Produktion sowohl der Markt, wie auch die Demokratie, eher Legitimierungssysteme darstellen, als Systeme der Verwaltung und Regulierung. Sie legitimieren das, was bereits von einer neuen Macht aus produziert wurde, der globalen Macht, die auf verteilte Weise in jeder einzelnen lokalen Macht operiert, ausgehend von dem, was ich die Bürokratenherschaft genannt habe.


Niemand zweifelt mehr daran, dass dies alles bedeutet, dass wir einer neuen Entwicklungsphase der modernen Gesellschaft gegenüberstehen. Die klassische Logik des Kapitalismus selbst hat ihn dazu gebracht, sich innerlich umzugestalten, hat ihn im Rahmen der vollständigen Artikulation des Weltmarkts dazu gebracht, sein Wesen zu verändern. Wenn wie diese technologischen Veränderungen rückwärts, in Richtung auf ihre Wurzeln, betrachten und den Konflikt zwischen den beiden großen politischen Blöcken des XX. Jahrhunderts neu bewerten, kommt es auch hierbei zu einer wesentlichen Bedeutungsveränderung. Heute kann man erkennen, dass die vom nuklearen Patt auferlegte Koexistenz auch den Charakter des Sozialismus verändert hatte, zumindest was die alten Utopien der alten Bolschewisten betrifft. Sowohl der fortgeschrittene Kapitalismus, wie auch der reale Sozialismus, sind heute nicht das, was sie, sowohl für das klassische keynesianische, wie auch für das marxistisch-leninistische Bewusstsein zu sein schienen. Eine Sichtweise, die von der Logik einer sich herausbildenden Bürokratenherrschaft ausgeht, ermöglicht eine tiefgehende Neuauswertung der gesamten Geschichte des Kapitalismus.


Aber selbst wenn man die Dinge nach der Sichtweise des klassischen Marxismus betrachtet, ist es möglich, in der Geschichte des Kapitalismus eine zyklische Tendenz zu erkennen, in der jede neue Phase mit einer großen Neuordnung seiner technologischen Basis, der internationalen Arbeitsteilung, sowie seiner produktiven Infrastruktur einhergeht. In der jede neue Phase außerdem einen enormen Akkumulationsprozess beinhaltet, der eine Steigerung der globalen Ausplünderung zur Folge hat. Der Gewalttätigkeit der Akkumulation und der Anpassung an die neue Ordnung, die jedes Mal dramatische Folgen für die althergebrachten und peripheren Lebensweisen gezeitigt haben, folgen jedoch mächtige Expansionsprozesse, die ein Produkt der neuen Produktionslogik darstellen und mit denen relativ lange Perioden sozialer und politischer Stabilität einhergehen.


Heute stehen wir solcher Art Prozessen gegenüber. Man kann behaupten, dass zwischen 1880 und 1929 die Phase der Herausbildung des Imperialismus durchlebt wurde, dessen Logik die beiden Weltkriege mit einschließt und erklärt. Zwischen 1930 und 1970 erfolgt die Phase der Expansion und der vollständigen Artikulation dieser strukturellen Logik, die die große Stabilität der kapitalistischen Welt Europas nach dem Zweiten Weltkrieg mit umfasst und erklärt. Die 80er und 90er Jahre sind stattdessen eine neue Phase der Neuordnung des fortgeschrittenen Kapitalismus gewesen, die erstmalig wirklich im Weltmaßstab vor sich geht. Parallel mach die Welt eine entsprechende globale politische Neuordnung durch. Das ist eine tiefe Krise, nunmehr nicht nur eines politischen Modells, wie es bezüglich des Sowjetsozialismus der Fall war, sondern einer gesamten Industrialisierungsweise, die mit Rüstungswettlauf, ideologischer Konfrontation, Verschwendung von Naturressourcen, Produktion von Infrastruktur und schweren Maschinen einhergeht.


Die Veränderung der Orientierung der Produktion und die damit verbundene technologische Revolution, die sich bereits mit der Produktion für den massiven Verbrauch in den USA der 60er und 70er Jahre ankündigen und die im sowjetischen Einflussbereich erreicht werden konnten, führten schließlich zu Zusammenbruch sowohl des realen Sozialismus, wie auch der traditionellen US-amerikanischen Industrie, zugunsten Japans, der EG oder eher der transnationalisierten Wirtschaft ohne wesentlicher geographischer Basis. Der politische Zusammenbruch des Sozialismus und der massive Rückgriff auf Finanzspekulation im US-amerikanischen Einflussbereich, müssen vor dem Hintergrund dieser produktiven Neuorientierung eher als Folgen gesehen werden, denn als Ursachen.


Das ist eine globale Veränderung, in der die klassische Gestalt des monopolaren US-amerikanischen Imperialismus in einer engen Koordination der Wirtschaftspolitik der USA, Japans und der EG verschwommen worden ist, wobei die neuen Industrialisierungsformen und die damit verbundenen Modi der sozialen Schichtung in aller Welt breite Bereiche von Konsum und Entwicklung geschaffen haben, sowie umgekehrt wichtige Enklaven der Marginalität in Ländern, die bis dahin als harmonisch entwickelt galten. Es gibt über die Dritte Welt verstreute Enklaven der Ersten Welt und Zonen der Dritten Welt mitten in der Ersten. Die Unterscheidung zwischen Entwicklung und Abhängigkeit kann nicht mehr als klare geographische Grenze gezogen werden. Hierdurch wird auch die Schärfe des Begriffs der Abhängigkeit selbst beeinträchtigt. Von der einseitig ausgerichteten Abhängigkeit ist ein Übergang zu einer ungleichen gegenseitigen Abhängigkeit erfolgt, die gleichzeitig die Existenz lokaler Verhandlungsmächte und die Beibehaltung eines Nettoflusses an Gütern von den ausgebeuteten Teilen der Welt hin zu den ausbeutenden Zentren ermöglicht. Der Mythos einer multipolaren Welt verdeckt nur den gemeinsamen Geist einer globalen Regulierungsmacht, die sich gegen jedwede lokale Macht durchsetzt, ohne sie vernichten zu müssen und wobei sie sogar zur Vermittlung gebraucht wird.


Aber dieses Panorama gestattet es auch, zwei in bestimmter Hinsicht entgegengesetzten neoliberalen Mythen zu widersprechen, bei denen es sich einerseits um die radikale Verringerung der Rolle des Staats in der Wirtschaft handelt und andererseits um die allgemeine Wiedergeburt der Demokratie, ausgehend vom Zusammenbruch fast aller Diktaturen sowjetischen Stils, mit der bemerkenswerten Ausnahme Chinas, das ein viel zu guter Handelspartner zu sein verspricht, um allzu ernsthafte Beanstandungen in derart banaler Angelegenheit vorzubringen.


Auf globaler Ebene wohnen wir einem Prozess der Transnationalisierung und Verstaatlichung der kapitalistischen Wirtschaft bei. Einerseits haben die großen transnationalen Konzerne einen sehr hohen Koordinierungsgrad unter sich und mit den Staaten erreicht; sie haben ihre Macht über die Macht der Mehrheit der Nationalstaaten entwickelt; sie haben die Marktlogik in alle Ecken und Enden des Planeten gebracht, auf wirksamere und realere Weise denn je. Andererseits hat der Staat, trotz aller billigen Ideologismen der linken oder rechten Neoliberalen, im globalen Management eine Schlüsselrolle übernommen. Es kann nicht mehr, wie bis 1929, gesagt werden, die kapitalistischen Großunternehmen würden den Staat zu ihrem Gunsten "nutzen". In einer Epoche, in der die Staaten den wichtigsten Käufer darstellen, in der sie, durch ihre Beibehaltung riesiger Bürokratien, Armeen und Subsidien, einen Großteil der Kaufkraft hervorbringen, in der sie die Kreditvergabe und die Geldpolitik managen, kann man nicht mehr sagen, sie stünden schlicht im Dienst von etwas. Vielleicht ist es rigoroser, zu sagen, dass tiefe Identifizierung zwischen Unternehmen und Staaten erfolgt ist, in einem System, dessen Eigenschaften man besser als die eines qualitativ neuen Phänomens erforscht.


Dies bedeutet, dass die Behauptung einfach nicht stimmt, die Nationalstaaten hätten an wirtschaftlicher Wichtigkeit eingebüßt. Was geschehen ist, ist dass das Privateigentum als zentraler Mechanismus für die Koordinierung der Arbeitsteilung von der globalen Verwaltung, sowohl auf nationaler, wie auf internationaler Ebene, abgelöst worden ist. Der Staat verkauft sein Eigentum, aber er stärkt mehr denn je seine Fähigkeit zur Intervention und Regulierung.


Die massive staatliche Intervention in der Wirtschaftsregulierung, dir durch die neuen technischen Verwaltungs- und Kontrollmittel ermöglicht wird, zeigt dass der Etatismus nicht nur kein Mangel ist, sondern im Gegenteil die einzige Kraft, die imstande gewesen ist, Produktion und Austausch im Industriezeitalter zu rationalisieren, große Revolutionen in der Produktion hervorzubringen (wie zu Zeiten Stalins oder in Japan), oder große wirtschaftliche Umstrukturierungen durchzuführen (wie in Chile oder in den USA zu Reagans Zeiten).


Diese massive Intervention zeigt, dass die allgemeine Bürokratisierung der Wirtschaft, weit davon entfernt, eine Eigenschaft der sozialistischen Länder zu sein, eine zentrale und wesentliche Tendenz der Industriegesellschaft darstellt. Ebenso wie die landwirtschaftliche Produktion unter dem Kapitalismus nur fortbestehen konnte, indem sie sich mit dem Kapital verband und dessen Stil mit integrierte, so ist heute die kapitalistische Produktion nur in Verbindung mit der Bürokratenherrschaft und in deren Stil gangbar.


Aber die globale ökonomische Regulierung, die in der Tat sowohl ausgehend von großen Organen wie dem Währungsfond, der Weltbank oder der G7 agiert, wie auch auf der Grundlage der effektiven Operationen der großen transnationalen Wirtschaftskonglomerate, hat gleichzeitig andererseits auf radikale Weise die Autonomie und in vielen Fällen die Souveränität der Nationalstaaten eingeschränkt, in einem Prozess fortschreitenden Substanzverlusts, der sie nach und nach in wenig mehr als Übertragungsglieder, Manager und sogar Garanten der Interessen und der Politik der Globalisierung verwandelt.


Das große zur Schau gestellte Indiz ist das Wiedererstarken der Nationalismen. Dabei werden, trotzdem sie wegen ihrer enormen Auswirkungen kaum zu übergehen sind, die vielfachen überstaatlichen Integrationsprozesse auf wirtschaftlicher und selbst politischer und juristischer Ebene verschwiegen, von denen der fortgeschrittenste und bemerkenswerteste von der Europäischen Gemeinschaft dargestellt wird.


Es wird bis ins minimalste Detail unterstrichen, wie die Verliererländer und die Landstriche, die im Begriff sind, kolonisiert zu werden, sich spalten und ihre Schwächung in Bürgerkriegen auf die Höhe treiben, aber es wird verschwiegen, dass die Siegerländer sich mitten in aktiven Integrations- und Regulierungsprozessen befinden, die ihre Macht vervielfachen. Selbst die minimalsten Einzelheiten lokaler Differenzen werden herausgestellt und dabei die Realität des "Landes" als Analyseeinheit genommen, während gleichzeitig die wirksame Realität des Globalen verschwiegen oder der demagogischen Rhetorik vorbehalten wird, die erstmals auf Weltebene real und effektiv wird.


Selbstverständlich folgt aus diesem in Gang befindlichen Prozess nicht das Aufgehen der Nationalstaaten in größeren Entitäten, wie es etwa 1870 im Rahmen der deutschen und der italienischen Einheit geschah. Dieser Unterschied ist außerordentlich bedeutsam und er wirkt als Symbol vieler anderer. Während für eine technologische Basis, die homogenisieren muss, um zu herrschen, ein Staat , ein Territorium, eine Sprache, eine Kultur notwendig waren, ist für die gegenwärtige hochtechnologische Basis, die in der Diversität und durch sie zu herrschen in der Lage ist, die Vielfalt der Nationalstaaten kein Problem. Nie hat es auf der Welt derart viele Länder gegeben und nie zuvor war diese Welt derart vereint wie heute. Für die globale Macht ist der Aufbau transnationaler Entitäten das Wichtige, die als Macht über jene diversen lokalen Mächte agieren können. Das sind vielfältige Entitäten, mit unterschiedlichem Interventionsgrad, geprägt durch einen gemeinsamen Geist, der sich als Diversität konstituiert.


Ein Verschwinden der Nationalstaaten ist nicht dasselbe, als ihr Substanzverlust. Die Substanz an Autonomie, an Souveränität, an Selbstbestimmung ist es, was verloren geht, nicht die Formalitäten jener möglichen Freiheiten. Ebenso wie die absoluten Monarchien von der bürgerlichen Macht ihrer Substanz beraubt wurden, bis zu einem Grad, dass es an vielen Orten nicht einmal mehr notwendig war, sie zu beseitigen, so werden auch die Nationalstaaten in einer Kompetenzsphäre weiter bestehen, die ihnen weiterhin einen Sinn verleiht: als lokale Verwalter der globalen Regulierung. Ebenso, wie von den Königen gesagt wurde: Staaten, die regieren, aber die im Wesentlichen nicht befehlen.


Ein ähnlicher Prozess eines wesentlichen Substanzverlusts findet hinsichtlich der Demokratie statt. Aus der Wiedergeburt der Demokratie, aus ihrer Verallgemeinerung und allgemeiner Wertschätzung, folgt in keiner Weise, dass die Völker ihre reale und effektive Teilnahme an der Bestimmung der Prozesse verstärkt hätten, von denen sie betroffen sind. Wenn die Diktatur nicht nur eine Grenzform, sondern die wiederkehrende Art und Weise der Politik in der Epoche der Industrialisierung auf niedriger technologischer Ebene war, dann ist die Demokratie als Verfahren der günstigste Raum zur Übertragung und Legitimierung einer Herrschaft, die in und über das Diverse ausgeübt wird.


Nach der typisch klassischen Auseinandersetzung, in der es um Demokratie gegen Diktatur ging, ist Ratlosigkeit bezüglich der Frage eingekehrt, was getan werden muss, in einem Kontext, in dem die Demokratie kaum mehr ist, als eine legitimierende Ressource der Diktatur, die man auf allen Gebieten der Gesellschaft als vertieft empfindet.


Aber, damit dieser Substanzverlust der Demokratie stattfinden konnte, sind auch wichtige Veränderungen im Bewusstsein der arbeitenden Menschen erforderlich gewesen, die in der Tat als ihr massives Substrat agieren.


Die Besonderheiten dieser neuen Art und Weise der modernen Produktion haben qualitative Veränderungen im Bewusstsein der Werktätigen verursacht, im Charakter und den Grenzen der Marginalisierung, in der Rolle der Waffenproduktion und der Finanzspekulation. Ihr politisch bedeutendster Zug in diesem Zusammenhang ist ihr Bedarf an Überfluss, an Mustern hohen Konsums, und ihre auf diese Weise erlangte Fähigkeit, die Gesellschaft zu totalisieren.


Aus den Veränderungen der Art zu arbeiten, die in den dynamischsten Bereichen der Wirtschaft vor sich gehen, gehen geschützte, relativ komfortable Arbeitsumgebungen hervor, die in der Lage sind, einen ausgesprochen hohen Lebensstandard anzubieten. Der klassische Arbeiter wird an die Peripherie verlagert. Die Hintangestellten des Systems sind nicht mehr die unmittelbar Ausgebeuteten, sondern eher jene, die nicht integriert worden und von Beschäftigung und Konsum ausgeschlossen sind.


Aber diese Marginalität kann heute, wie oben bereits gesagt, nicht mehr geographisch begrenzt werden. Die brutale Neuausrichtung der zentralen Ökonomien hat im entwickelten Zentrum eine fast dauerhafte Marginalität geschaffen. Die mächtige Erweiterung der Produktion im Weltmaßstab hat andererseits Zonen lokalen Überflusses an der Peripherie geschaffen, die unmittelbar mit dem Produktionsstil und dem Konsum des Zentrums verbunden sind. Unsere Beziehungen mit dem Imperialismus sind nun nichts Externes mehr. Die vollständige Öffnung der Märkte hat dazu geführt, dass der Imperialismus in jedem Land real auf den neuesten Stand gebracht wurde. Entsprechend gibt es einen Prozess des Verschwindens der authentisch nationalen Bourgeoisien, das heißt, eine vollständige Artikulation des transnationalen kapitalistischen Marktes. Auch tauchen in der Dritten Welt in allen armen Ländern Enklaven innerer Entwicklung auf. Letzteres besitzt in Ländern wir unserem eine dramatische Bedeutung für die Politik, wo es gerade diese in die moderne Produktion integrierten Sektoren sind, die tatsächliche Politik machen und es vermögen, den Rest der Bevölkerung, der hintangestellt und arm sein Dasein fristet, hinter sich, ihre Interessen und Ansprüche zu bringen.


Die Marginalisierten können jedoch wegen ihrer Umstände nicht als mögliches revolutionäres Subjekt in Betracht gezogen werden. Sicherlich handelt es sich um ein "revolutionistisches" Subjekt, das imstande ist, radikale politische Veränderungsprozesse in Gang zu setzen. Aber es man muss sich vergegenwärtigen, dass für Marx die wesentliche Eigenschaft des revolutionären Subjekts nicht notwendigerweise mit dessen Armut zu tun hat, sondern mit seiner Beziehung zu den Produktivkräften, zu den dynamischsten Bereichen der Produktion. Und diese fortschreitende Kaltstellung, mit welcher die Ohnmacht der ärmsten Bevölkerungsschichten zur Durchsetzung globaler Veränderungen in der Gesellschaft bestätigt wird, muss als eine zentrale politische Tatsache erachtet werden. Vor allem hinsichtlich des klassischen marxistischen Bewusstseins.


Was die Rolle der überlebenden Rüstungsindustrie und der Finanzspekulation in dieser neuen Phase betrifft, ist es meiner Meinung nach vorzuziehen, sie als für die Akkumulationsetappe typisch zu erachten. Streng genommen brauchen weder der hochentwickelte Kapitalismus, noch der Sozialismus eine Rüstungsproduktion oder die Finanzspekulation, es sei denn, um die durch die Reartikulationskrise zeitweilig in Mitleidenschaft gezogenen Profite wiederherzustellen. Es ist ohne Weiteres zu erwarten, dass sich die Produktionssysteme in einem Kontext allgemeiner Befriedung der Weltpolitik wieder zunehmend am Massenkonsum, an einer Erhöhung des Lebensstandards ausrichten.


Hierdurch wird die Möglichkeit einer neuen Gesellschaft eröffnet, der produktivsten, der mächtigsten, der am besten verwalteten, die eine Überflussgesellschaft sein kann und es tatsächlich ist. Aber das ist nicht der wesentliche Punkt. Die wirklich wesentliche Tatsache, die zu weiteren Überlegungen verpflichtet, ist dass es sich hier um eine Gesellschaft handelt, die zu ihrem Funktionieren nicht der Armut bedarf. Sogar im Gegenteil, sie erfordert zwangsmäßig mehr Produktion und mehr Konsum. Dies ist die Tatsache, auf die ich im Text aufmerksam machen möchte. Ihre enorme Macht, ihre kulturelle Überlegenheit können durch ihre Fähigkeit unter Beweis gestellt werden, die Beschäftigung, den Konsum, die Kommunikation zu totalisieren, durch ihre Fähigkeit, die Freizeit zu verwalten, Wohlstand und Entfremdung anzubieten, Leben und Bewusstsein in und für den Überfluss zu managen. An die von dieser Macht hervorgerufene, bereits von Marcuse diagnostizierte Veränderung des kritischen Bewusstseins muss mit ernsthaften Überlegungen herangegangen werden.


Die letzten fünfzehn Jahre des XX. Jahrhunderts sind voller dramatischer politischer Ereignisse gewesen, die von den Massenmedien im öffentlichen Bewusstsein vergrößert dargestellt wurden. Enorme Hoffnungen und tiefe Gefühle der Niederlage haben unsere Fähigkeit sehr stark in Mitleidenschaft gezogen, die strukturellen Prozesse zu untersuchen, die im Schatten von so viel Begeisterung ablaufen. Das neue Jahrtausend beginnt jedoch mit einem bitteren aber gesunden Gefühl der Enttäuschung. Viele der Hoffnungen auf Demokratie sind im Verlauf der Ereignisse auf ihre realen Dimensionen reduziert worden. Die Niederlagen können bereits, es sei denn wir beharren krampfhaft auf politischem Masochismus, in anderen Farben gesehen werden.


Zweifelsohne haben in der Linken unseres Kontinents unter diesen Prozessen die Hoffnung der Perestroika und der nachfolgende Zusammenbruch des Sozialismus, sowie auf näher angesiedelte Weise die Rückkehr zur Demokratie nach den Militärdiktaturen der 70er Jahre, die größten Wirkungen gehabt. Beide Prozesse können nun bereits, nach einem Jahrzehnt oder mehr, auf wesentlich unterschiedliche Weise betrachtet werden, als unter der Euphorie, die sie damals auf der Oberfläche der Analysen hervorriefen.


Trotz allen Messianismus, mit dem sie begrüßt wurde, und trotz aller um sie gestrickten Hoffnungen, ist heute klar, dass die Perestroika kein Zusammenstoß zwischen Bürokratie und Volk, sondern eine Auseinandersetzung zwischen zwei Fraktionen der Bürokratie war, eine in Vertretung von Schwerindustrie, Ideologismus und Rüstung, sowie eine andere in Verbindung mit den fortgeschrittenen Technologien, der wissenschaftlicher Ideologie und den neuen Verwaltungstechniken. Nicht nur Yeltsin, auch die neuen "Kommunisten" stellen dies unter Beweis.


Heute ist allzu offensichtlich, dass der Zusammenbruch des Sozialismus nicht ein Sieg der Demokratie, sondern ein Triumph der liberalen Kreise innerhalb der fortschrittlichen Bürokratie über die nationalistischen, schwach mit der sozialistischen Utopie verbundenen Kräfte gewesen ist. Offensichtlich ist sogar, dass wenn wir von einem "Triumph des liberalen Sektors" sprechen, von nichts anderem die Rede ist, als von einer massiven Niederlage dieser Völker durch ihre eigenen Führer und ihre eigenen entfremdeten Hoffnungen. Das ist die Rede vom massiven Überfall der Westmächte auf ihren kumulierten Reichtum, ihre qualifizierten Arbeitskräfte, ihre Naturressourcen. Die Betonung der formal-demokratischen Öffnung unterschlägt nur das Ausmaß der Niederlage. Sie tut nichts anderes, als unseren falschen guten Gewissen als gut darzustellen, was nichts anderes ist, als der Beginn einer massiven kolonialen Ausplünderung.


Der Sturz der Diktaturen in Lateinamerika ist ebenso wenig ein Triumph der Demokratie oder der Volkskämpfe gewesen, sondern die Durchsetzung eines Rahmens zur flüssigen Gestaltung der Marktwirtschaft, der auch wieder geschlossen werden kann, wenn er sich nicht als lebensfähig erweist. Auch hier verschleiert die Betonung der demokratischen Formalitäten, bei besonderer Hervorhebung der erzielten prekären Errungenschaften, das Ausmaß der erlittenen Verluste. Dazu gehört sicherlich jegliche Hoffnung auf eine autonome, eigenständige Entwicklung. Ebenso jegliche Hoffnung auf eine ausgeglichene Entwicklung, mit Solidarität und Gerechtigkeit. Der auf parasitäre Weise durch die Einnahme einer abhängigen Position auf dem Weltmarkt erzielte erzielte wirtschaftliche Erfolg stützt nur das Vergessen und die Gleichgültigkeit gegenüber dem Drama der Millionen vom illusorischen Wohlstand Marginalisierten.


Im Allgemeinen befindet sich die Demokratie in aller Welt in voller Dekadenz. Die hohe Stimmenthaltung (USA, Polen, Kolumbien), die Verfälschung der Repräsentationsmechanismen, die Existenz von Mächten, die sich der Kontrolle durch die Öffentlichkeit entziehen (wie die Armeen oder die Zentralbanken), der Mangel an effektiver Diversität bei den politischen Vorschlägen, die extrem hohe Fähigkeit zur Manipulierung der öffentlichen Meinung, vor allem der marginalisierten Kreise, sind Beispiele dafür.


In alledem ist es sowohl zu bürgerlicher Entfremdung wie auch zu bolschewistischer Entfremdung gekommen.


Die Einen glaubten (und glauben), der Liberalismus würde sie von staatlicher Kontrolle befreien und der kreativen, freien Initiative des Einzelnen Aufschwung verleihen. Die Anderen glaubten (und glauben immer noch), dass ihre von der Bürokratie geförderten und beherrschten Industrialisierungsprozesse die Regierung durch das Volk und für das Volk bedeuteten.


Die neuen Bürokraten im kapitalistischen Lager, mit ihrer dreist prepotenten Neuen Rechten, glauben weder an die Vorzüge der Konkurrenz, noch an den realen Wert der freien Initiative; sie unterscheiden perfekt zwischen Illusion und Wirklichkeit: sie nutzen die liberale Illusion, um bürokratische Regulierung und Harmonie voranzutreiben.


Die neuen Bürokraten im sozialistischen Lager glauben weder an die Vorzüge des gesellschaftlichen Eigentums, noch an den realen Wert einer Regierung durch das Volk und für das Volk; sie verstanden es bereits, zwischen Illusion und Wirklichkeit zu unterscheiden: sie nutzen die demokratische Illusion, um eine Neuverteilung der Macht voranzutreiben.


Dem Begriff zufolge, leiden sie nicht unter der Entfremdung, in der sie leben. Die realen und tatsächlichen Entfremdeten sind die alten Bourgeois und die alten Bürokraten. Sie sind es, die weiterhin Kapitalismus und Sozialismus gegeneinanderhalten, als ob diese abstrakten Gebilde immer noch einer Realität entsprächen.


Die Neue Rechte und die Perestroika zerstörten gegen Ende der 80er Jahre auf tiefgreifende Weise die klassischen Aufstellungen der sozialen Auseinandersetzung.


Das in der Perestroika zum Ausdruck kommende Problem war kein Konflikt zwischen Bürokratie und Volk: die Auseinandersetzung fand zwischen den alten, mit der industriellen Entwicklung verbundenen Bürokraten, und den neuen Bürokraten statt, die versuchten, den wesentlichen Sprung anzunehmen, der in den 60er und 70er Jahren bezüglich der technischen Basis des Kapitals erfolgt war.


Das Problem mit dem Liberalismus der Neuen Rechten stellt sich nicht zwischen Parteigängern und Gegnern der staatlichen Intervention: es handelt sich um den Konflikt zwischen Regulierungsformen, die mit einer überwundenen Phase zusammenhängen, und solchen Regulierungsformen, die versuchen, die neue Dynamik des Kapitals zum Ausdruck zu bringen, die aus dem technologischen Sprung vorwärts hervorgeht.


Die alten Bürokraten und die alten Kapitalisten, sowie die mit diesen verbundene Bürokratie, wuchsen unter der Logik der Konfrontation und der Krise, der Armut und des ideologischen Aufmarsches auf. Theodore Roosevelt und Stalin, Franklin Delano Roosevelt und Gorbatschow: eine harte Konfrontation oder eine dynamische, aber die Feindbilder waren klar. Die neuen Bürokraten und die neuen Kapitalisten agieren auf der Grundlage der wirtschaftlichen, politischen und ideologischen Konvergenz, auf Basis der Regulierung, der Erhöhung des Konsums, sowie der illusionären Entideologisierung. Von der Konfrontation zum Frieden, von der Anarchie zur Harmonie, von der Armut zum Konsum, vom Ideologismus zur wissenschaftlichen Untersuchung, von der Feindseligkeit zum Fortschritt: die Bürokratische Gesellschaft könnte ohne Weiteres für jene sehr attraktiv sein, die sich unter Abgabe von Vorteilen kolonisieren lassen.


Wir erleben eine neue Epoche, die Welt hat ihr Vorzeichen geändert, es sind grundlegende Ereignisse geschehen, die die Geschichte der Menschheit bewegen. Keine dieser Veränderungen auf materieller Ebene sind jedoch offensichtlich. Eine der dämonischen Eigenschaften der neuen Herrschaft ist ihre Fähigkeit zur Camouflage. Es handelt sich nicht mehr nur um eine neue Klasse, die die Welt auf spontane Weise revolutioniert, wie die Bourgeoisie zu ihren besten Zeiten. Die Angelegenheit ist schlimmer. Es geht um eine alte, verstohlene Herrschaft, die bisher immer im Schatten der bürgerlichen Irrationalität stand, jenes Schattens, bei dem es sich um die moderne Vernunft handelt, und die nach mehreren Jahrhunderten der Zurechtweisung einer pubertären Kultur, die auf einem unvollkommenen, undurchsichtigen, irrationalen Markt lebt, nach und nach Bewusstsein von ihrer Macht erlangt und beginnt, sie bewusst auszuüben.


Im Unterschied zum treuherzigen hegelianischen oder marxistischen Optimismus bin ich der Ansicht, dass das Selbstbewusstsein nicht unbedingt zur Freiheit führen muss: es kann in der Tat zur absoluten Herrschaft führen, zu einer Herrschaft, die nur der unverschämteste Zynismus als Freiheit bezeichnen würde.


Der wirkliche Charakter der neuen Epoche ist weder der Aufschwung der Demokratie, noch die revolutionären Möglichkeiten der Technik oder des Überflusses oder einer neuen Wertschätzung der Privatinitiative oder des wiederentdeckten Werts "des Unterschieds". Der reale Charakter ist eher der anästhesierende Totalitarismus, die vollzogene Manipulation, die angenehme Entfremdung, der universelle Zynismus, das blendende Licht, der das Bewusstsein erstickende Überfluss, die progressive Verblödung, die galoppierende Demagogie, die Veräußerung der Ideale an den Meistbietenden oder deren Disqualifikation unter "realistischen" Vorwänden.


Die russischen oder polnischen neuen "Kommunisten", mit ihren nationalistischen Mythen und ihren kryptoliberalen Formeln sind nichts Anderes, als die Wahrheit dessen, was Sozialismus genannt wurde. Die bürokratische Gesellschaft, die früher auf ideologischen Grundlage stand, kann heute "zivilisiert" werden, sie kann zurückkehren zur "Normalität", kann sich in den Fortschritt einreihen. Im Fall der Russen kann die dramatische Alternative zwischen der von Yeltsin geförderten Ausplünderung und der von der nationalistischen Opposition hochgehaltenen "Ehre" nur zeigen, wie weit entfernt der Sozialismus immer gewesen ist und wie weit entfernt wir das ganze XX. Jahrhundert hindurch vom Traum der Bolschewisten gelebt haben.


Die Russen verteidigen das Privateigentum, die Vereinten Nationen unterstützen die Irak-Invasion, die US-Amerikaner schützen die chinesischen Kommunisten, die Deutschen interessieren sich für Europa, Europa erklärt sich zum Teil der Dritten Welt, die demokratischen Präsidenten zahlen die von den Diktatoren eingegangenen Schulden, die Sozialisten ziehen Versöhnung der Gerechtigkeit vor, die Inder senden den Russen Lebensmittel, die Russen investieren in den USA, diese lassen sich von Japan kolonisieren: eine realistische Epoche, eine jämmerliche Zeit.


4. Die Bürokratenherrschaft

a. Eine neue Macht, eine neue Klassengesellschaft

Wir leben bereits in der Epoche der vollständigen Artikulation des Weltmarkts. Die hochtechnologische Herrschaft über die Gesellschaft hat sich bis zum letzten Winkel des Planeten ausgebreitet. Aber es ist nicht die kapitalistische Produktionsweise, die diese Weltherrschaft hat Wirklichkeit werden lassen. Die vollständige Artikulation dieser Herrschaft wurde erst in der Epoche der Bürokratenmacht erreicht, das heißt, in der Epoche des transnationalisierten und regulierten Kapitals. Heute.


Die Industriegesellschaft existiert seitdem die Menschen entdecken, dass sie selbst die Produzenten der Produktivkräfte sind und unter Ausübung dieses Selbstbewusstseins die Aufgaben ihrer bewussten Entwicklung vorantreiben. Diese bewusste Entwicklung kann Industrierevolution genannt werden und, dem Begriff entsprechend, ist dies die Entwicklung, die an der Basis dessen liegt, was wir allgemein als Revolution bezeichnen. Es gibt nicht eine Industrierevolution (auch keine zwei oder drei). Die Industriegesellschaft lebt in ständiger Revolution.


Die Bourgeoisie ist die erste revolutionäre Klasse in der Geschichte der Menschheit gewesen. Die Revolution ist Teil ihrer Logik als Klasse. Aber die Produktionsweise des Lebens unentwegt zu revolutionieren ist kein exklusives Privileg, weder ein natürliches, noch ein magisches, der Privateigentümer der Produktionsmittel. Es geht eher um die Gesamtheit der Fähigkeiten, die eine ganze Epoche in der Geschichte der Menschheit kennzeichnet, die von der Kapitalistenklasse eingeleitet werden, um sie anschließend immer mehr zu verlieren.


Die Funktionen des Privateigentümers und des Technologie-Innovators fielen tatsächlich während der ersten zwei oder drei Jahrhunderte der Entwicklung der Bourgeoisie zusammen und danach de facto weiter in ihr, als Resultat der Reduktion der Aufgabe des Neuerers in den Rahmen der Lohnarbeit. Aber sowohl die zunehmende Komplexität der Leitung der Produktion, wie auch die zunehmende Komplexität der technologischen Entwicklung an sich, führen dazu, dass die Bourgeoisie progressiv die durch das Eigentumsrecht verliehene Fähigkeit verliert, nach Gutdünken auf die Schlüsselmomente der Produktionskette einzuwirken.


Die wachsende Sozialisierung der gesellschaftlichen Produktion, auf die bereits Marx hingewiesen hatte und die als fortschreitende gegenseitige Abhängigkeit aller Produzenten zu Ausdruck kommt, besitzt eine tiefere Dimension: sie hat die Formen der Kontrolle über die gesellschaftliche Arbeitsteilung verändert und hierdurch die Formen des Zugangs der verschiedenen gesellschaftlichen Sektoren zum Sozialprodukt. Daraus folgt wiederum eine Neuordnung der Klassenbeziehungen, in denen es nicht mehr eine einzige Art des Nießbrauchs gibt, die in der Lohnarbeit und im Arbeitsvertrag zum Ausdruck kommt, die herrscht und alle anderen zerstört, sondern worin sich eine andere Form herausbildet, die anfänglich in der Macht des Managements und der technologischen Innovationen zum Ausdruck kommt und mit der einfachen Form der Lohnarbeit zunehmend in Konkurrenz steht.


Ich vertrete die Ansicht, dass das Ergebnis dieses Prozesses darin besteht, dass die Sozialisierung beginnt, die Merkmale einer Produktionsweise aufzuweisen, die innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise und als Auswirkung von deren eigener Logik wachsender Komplexität inkubiert wurde. Ich behaupte, dass wir die Dynamik zwischen Kapitalismus und Sozialisierung als die Oszillation sehen sollten, die jene Gesamtheit gesellschaftlicher Produktionsbeziehungen ausmacht, die wir generisch als Industriegesellschaft bezeichnen. Der "reale Sozialismus" kann im Lichte dieser historischen Perspektive eher als ein politisches und ideologisches Epiphänomen einer Dynamik betrachtet werden, die über ihn hinausgeht: die langsame Herausbildung, innerhalb des Kapitalismus, der Gesellschaftsform, die ihm widerspricht und ihn überwindet.


Wenn wir diese übergeordnete historische Oszillation betrachten, aus der die gegenwärtige Auseinandersetzung der Hegemonien im herrschenden Klassenblock hervorgeht, sehen wir, dass der Kapitalismus seine Vorherrschaft auf der Entwicklung der Technik gründete, sie als Privateigentum und individualistische Ideologie zum Ausdruck brachte, auf der Basis der Privatinitiative und der Konkurrenz agierte, inmitten der Anarchie der Produktion und der zyklischen Krisen lebte, abwechselnd auf Liberalismus oder staatlichen Schutz gesetzt hat, je nach den an der technischen Basis des Kapitals erfolgten sprunghaften Veränderungen.


Die Bourgeoisie versuchte, ihre Legitimität in der Ideologie des Privateigentums zu begründen. Die Bürokratie, als herrschende Klasse, braucht sie nicht: sie kann Nutznießung aus dem Sozialprodukt ziehen, die Entfremdung und die Verblödung der menschlichen Arbeit verlängern, auf der Grundlage der ebenfalls ideologischen Gestalt des gesellschaftlichen Eigentums.


Die sozialisierte Gesellschaft gründet ihre Vorherrschaft auf die Kontrolle der fortgeschrittensten technischen Entwicklung, der Information und der Kommunikation. Sie hat diese Kontrolle unter den ideologischen Figuren der Verantwortung und des gesellschaftlichen Kapitaleigentums zum Ausdruck gebracht. Sie agiert auf der Grundlage der technifizierten Initiative und der allgemeinen Regulierung, sie ist in der Lage, den Markt zu kontrollieren und zu manipulieren, sowie die Krisen zu regulieren, sie bewegt sich ständig in Richtung auf die wachsende Regulierung und Totalisierung des Lebens. Der Kapitalismus konnte, nach seiner revolutionären Klasse, Bürgerliche Gesellschaft genannt werden. Die sozialisierte Gesellschaft kann als Bürokratische Gesellschaft bezeichnet werden.


Die Beziehung zwischen Kapitalismus und Sozialisierung ist eine innere Beziehung in dem Sinne, dass die Eigendynamik der Bürgerlichen Gesellschaft zur Bürokratischen Gesellschaft führt, mit oder ohne Eingriff des revolutionären Willens. Die kapitalistische Gesellschaft und jene, die als sozialistisch bezeichnet wurden, konvergieren beide zur allgemeinen Sozialisierung und zur bürokratischen Herrschaft.


Heute wissen wir, dass der kapitalistische Markt nie perfekt gewesen ist und es, ausschließlich durch die freie Konkurrenz reguliert, vielleicht auch nicht sein konnte. Einerseits ist die grundlegende Infrastruktur der Produktion immer jenseits der ökonomischen Fähigkeiten und des Interesses der Kapitalisten gelegen. Solche Fragen, wie die der Straßennetze, der ersten Navigationsysteme, der großen Bewässerungsanlagen, der modernen riesigen Energiequellen, oder der massenhaften Ausbildung der Arbeitskräfte und, im Allgemeinen, der Förderung jeder neuen Serie von Produktionsmitteln, die erforderlich sind, um die großen Sprünge vorwärts in der technischen Basis des Kapitals zu unternehmen, sind tatsächlich und zwangsweise den Staaten überlassen worden.


Andererseits hat der Markt selbst eine ständige und wachsende staatliche Intervention erfordert. Fragen wie die der Erhaltung des in Zeiten der Kapitalakkumulation dringend erforderlichen Sozialfriedens, in denen der Arbeitsmarkt zu einer schlichten Fiktion unter der realen, sichtbaren und GESCHÜTZTEN Diktatur des Kapitals wird, sprengen selbstverständlich den Rahmen der wirtschaftlichen und polizeilichen Kapazitäten der bürgerlichen Unternehmer als solchen. Ebenso der Zollschutz und im Allgemeinen die organisierte Förderung der nationalen Ausprägungen des Kapitalismus. Dazu die Regulierung der Konkurrenz, der Schutz des Eigentums der Technik, die Regulierung der Arbeitsverträge und im Allgemeinen der Beziehungen zwischen Kapital und Arbeit. Schließlich die moderne Regulierung der zyklischen Krisen durch Manipulation des Geldes, der Zinssätze und der Devisenkurse, der Preise und der Beschäftigung, der Kaufkraft und der Wachstumsraten. Die Geschichte des Kapitalismus ist, zusammengefasst, untrennbar verbunden mit der Geschichte der wachsenden Intervention des Staates in der Wirtschaft. In dieser Geschichte sind die Etappen, in denen der Staat unmittelbarer Eigentümer der Produktionsmittel ist, zufällig und in gewissem Sinne wiederkehrend. Der Staat kann ohne Weiteres seine Güter privatisieren. Nicht das Eigentum ist es, was ihm Macht verleiht, wie auch das Eigentum nicht den Ursprung der kapitalistischen Macht darstellt.


Die bürokratische Kontrolle der Staaten, die seit dem XIX. Jahrhundert ständig anwächst, wird in der keynesianischen Politik ausdrückliche Lehrmeinung und gipfelt in der Epoche des transnationalisierten Kapitals. Wenn der Fordismus ihr verdeckter Vorläufer war, so ist der Ohnismus die Form ihrer neuesten Wirksamkeit.


Dieselben herrschenden Gruppen wechseln einander ständig und in flüssiger Weise in den Führungsetagen der großen transnationalen Konzerne, der Staaten, der Armeen ab, sowie auf höchster Ebene im akademischen Leben. Dieselben Leute stellen die fiktive Diversität in Politik und Medien. Die Konvergenz von industriellem, technologischem und finanziellem Großkapital und der staatlichen Interessen wird vervollständigt: die transnationalen Konzerne bedienen sich der Staaten, die Staaten nutzen die transnationalen Konzerne. Staaten und transnationales Großkapital stellen sich zunehmend als lediglich zwei Seiten ein und derselben Medaille dar, was in noch tieferer und effektiver Weise durch die progressive Zunahme an Macht solcher zwischenstaatlicher Koordinierungsorgane unterstrichen wird, wie dem Weltwährungsfond, der Europäischen Gemeinschaft, der Weltbank oder den ökonomischen und politischen Konferenzen der großen entwickelten Länder.


Die Bürokratie benötigt bis heute nicht der politischen Macht, um ihre Klassenherrschaft auszuüben. Sie kann diese implizit ausüben, mittels unterschiedlicher Formen von Pakten mit der industriellen und Finanzbourgeoisie. Dies ist bis heute ihre konkrete Art und Weise gewesen, ihre Herrschaft auszuüben, und das könnte längerfristig weiter der Fall sein.


Es gibt nichts, weder in der Logik der Bürokratie, noch irgendeiner anderen herrschenden Klasse, was diese zur Übernahme der politischen Macht drängen würde. Die herrschenden Klassen gelangen von äußerem Druck getrieben an die politische Macht. Ihre Machtausübung hängt nicht davon ab. Sie kann von dort aus entwickelt, auf ideale Weise artikuliert werden, aber dies ist nicht Teil ihrer Eigenlogik, oder konkret, man ist nicht herrschende Klasse, weil man im Besitz der politischen Macht ist, sondern umgekehrt, man kann in den Besitz dieser Macht gelangen, wenn man herrschende Klasse ist.


Die zunehmende Irrationalität der alten herrschenden Klassen zwingt die neuen, die politische Macht ausdrücklich an sich zu reißen, trotzdem sie bereits über die materielle Macht verfügen. Die alten herrschenden Klassen sind nicht an sich irrational, sie werden es zunehmend, in demselben Maße, in dem eine neue Herrschaftslogik heranwächst und sich durchsetzt. Nach dem Verlust der materiellen Macht wird die politische Macht zu ihrer letzten Bastion und sie versuchen, von dieser Position ausgehend, die Teilhabe am Sozialprodukt durchzusetzen, die ihnen zunehmend schwerer fällt: " Es tritt dann eine Epoche sozialer Revolution ein".


Im Allgemeinen kann diese Irrationalität aufgelöst werden. Nur in ihrer extremen Form macht sie eine gewalttätige Revolution erforderlich. Weder Deutschland, noch England hatten von Gewalt geprägte Revolutionen. Noch die USA, noch Italien, noch Schweden, noch Holland, noch Japan, noch Australien. Die gewalttätige, bewaffnete, explizite, politische Revolution ist die Ausnahme, nicht die Regel. Die herrschenden Klassen wissen, im Allgemeinen, wie sie die Macht auf vernünftige Weise übertragen können, das heißt, ohne die brutale Gewalt der Vernunft, vor allem, weil sie es nicht vermeiden können. Von Sklavenhaltern zu Feudalherren, von Feudalherren zu Bourgeois, von Bourgeois zu Bürokraten: der materielle Prozess hat immer etwas Unerbittliches an sich.


Die Bürokratie sollte im Allgemeinen nicht ausdrückliche, bewaffnete, politische Revolutionen durchführen müssen. In den USA, zum Beispiel, geht der Übergang von der Herrschaft der Bourgeoisie zur Herrschaft der Bürokratie ebenso "rationell" und "friedlich" vonstatten, bzw. wird vonstatten gehen, wie der Übergang von der feudalen zur bürgerlichen Herrschaft in England.


In anderen Fällen setzt sich die Bürokratie im Verlauf gewalttätiger Erschütterungen durch, bzw. wird sie sich durchsetzen, die aber unter Umständen NICHT als Revolutionen erscheinen. Dies ist der Fall der lateinamerikanischen Diktaturen der 70er Jahre und ihrer "demokratischen" Verlängerungen der 80er. Dies ist ebenso der Fall bei der scheinbaren "Rückkehr zum Kapitalismus" in Osteuropa. Die Ersetzung klassischer Formen bürokratischer Kontrolle durch neue Formen erscheint als "kapitalistische Konterrevolution", ist also ein der "mittelalterlichen" Restauration der Monarchie im nach-napoleonischen Frankreich analoges Trugbild.


Heute wissen wir, dass wenn seit dem XIII. Jahrhundert in Europa über Religion diskutiert wurde, die Debatte in Wirklichkeit von neuen und extrem neuen Problemen handelte, aber mit alten Worten und Symbolen ausgefochten wurde.


Die bürokratische Herrschaft wird noch längerfristig die heute bereits scheinbaren, illusorischen Dichotomien von Privatinitiative und staatlicher Regulierung anrufen, oder das Dilemma von Demokratie und Diktatur, oder die zwischen der Freiheit des Einzelnen und den sozialen Interessen, oder zwischen privatem und gesellschaftlichem Eigentum bestehende Spannung, oder den Unterschied zwischen der Rettung des Besonderen und der Unterordnung unter eine Homogenisierung. In einer Epoche, in der jeder der ersten Termini dieser Dichotomien ganz einfach fiktiv sind oder von den zweiten auf strukturell neue Weise erstickt wurden, verlieren diese Dichotomien als solche ihren Sinn.


Die Privatinitiative ist nur unter der Vorherrschaft einer immer stärkeren Regulierung durchführbar und sinnvoll. Die manipulierten Demokratien, mit ihrer extrem hohen Stimmenthaltung, mit ihrer Rotation identischer Parteien, sind in der Praxis Diktaturen. Die persönliche und auf anderer Ebene die lokale oder nationale Autonomie und Freiheit verlieren jeglichen Sinn angesichts der Manipulation der primären Sozialisierung und des Netzwerks einer ungleichen gegenseitigen Abhängigkeit. Das gesellschaftliche Eigentum ist eine Spitzfindigkeit, die das von der Bürokratie direkt verwaltete Eigentum verhehlt und die diese jedoch, mit Ausnahme extremer Situationen, nicht zur Ausübung ihrer macht benötigt: es könnte sehr wohl alles "privatisiert" werden, ohne die bürokratische Macht als Ganzes zu erschüttern. Die Rettung des Lokalen oder Besonderen, des "Unterschieds", ist lächerlich in einer Situation, in der geeignete technische Mittel zur Verfügung stehen, um die Diversität zu manipulieren und sie auf diesem Wege in eine Illusion zu verwandeln.


Die bürokratische Herrschaft wird auf zwei grundlegenden Ebenen ausgeübt: auf der Ebene des unmittelbaren Produktionsmanagements und auf der Ebene des globalen Wirtschaftsmanagements. Über Jahrhunderte hinweg vermochte es die Bourgeoisie, durch ihre Beherrschung der Technik, die sie ständig umwälzte, die gesellschaftliche Arbeitsteilung zu bestimmen und von ihr zu profitieren. Diese Beherrschung der Technik fand auf juristischer, politischer und ideologischer Ebene ihren Ausdruck in der Figur des Privateigentums und der entsprechenden Form der Lohnarbeit.


Die wachsende Komplexität des Produktionsmanagements, sowohl auf technischer, wie auf administrativer Ebene, sowohl was den Umfang, wie auch was die Intensität angeht, hat die Eigentümer zunehmend von der unmittelbaren und effektiven Kontrolle der Produktionsmittel getrennt. Die bürokratische Kontrolle tritt hier ausgehend von der Entwicklung der Produktivkräfte als eine objektive Notwendigkeit in Erscheinung: der Techniker, der Wissenschaftler, der Berater, der Experte, der Manager. Das ist eine ganze soziale Schicht, die sich langsam aus einer beherrschten in eine herrschende verwandelt. Und zwar auf unorganische, ungleiche Weise, ohne ein effektives Bewusstsein von sich selbst. Das ist ein Prozess, der sich kaum vom Aufstieg der Bourgeoisie innerhalb der feudalen Logik des XI. und XII. Jahrhunderts unterscheidet.


Die beiden Bereiche der objektiven Macht der Bürokratie befinden sich auf der Ebene des Produktionsmanagements und auf der Ebene der globalen Wirtschaftsleitung. Aber die bürokratische Gesellschaft reproduziert sich jenseits ihrer Ursprungs- oder Machtbereiche. Es gibt über den der Technokraten in Betrieb und Wirtschaft weiteren Bürokratismus. Die Dynamik des Kapitalismus, mit seinen ständigen und revolutionären Steigerungen der Produktivität, hat die unmittelbar mit der Herstellung materieller Konsumgüter beschäftigte gesellschaftliche Arbeitskraft einerseits fortwährend verringert, und andererseits versucht, die Überproduktionskrisen durch eine Steigerung des Konsumniveaus zu regulieren. Hierdurch ist die immer mehr strukturellen Charakter annehmende Notwendigkeit entstanden, "künstliche" Kaufkraft in dem Sinne zu schaffen, dass diese nicht mehr nur dem Zusammenspiel von produktiver Arbeit, Lohnentgelt und entsprechendem Konsum entspringt, sondern direkt und ausdrücklich der Erfordernis entspricht, den vertrieb der Produktion sicherzustellen. Die Rüstungsindustrie, die riesenhaften sozialen Systeme der sozialen Sicherheit, die enormen Investitionen in Forschung und Entwicklung, können in dieser Perspektive betrachtet werden.


Aber andererseits hat dies unter einem gesellschaftlichen Gesichtspunkt zu einem revolutionären Anwachsen jenes Teils der aktiven Bevölkerung geführt, der sich jenen Tätigkeiten widmet, die gerne als "Dienstleistungen" bezeichnet werden, zu denen noch weitere enorme Kontingente hinzukommen, die durch die verschiedensten Systeme der Subvention ihrer wirtschaftlichen Position in der Gesellschaft von der unmittelbaren Produktion von Gütern abgelenkt werden. Riesige Staatsbürokratien, enorme Armeen, riesige Studentenmassen, enorme Massen von Rentnern, Unterstützung beziehenden Arbeitslosen, oder sogar Unterbeschäftigten, durch hochkomplizierte indirekte Subventionssysteme, die faktisch agieren, ohne sich auf eine bewusste Politik zu stützen.


Jenseits der Macht und der Herrschaft wird die gesamte Gesellschaft infolge dieser dritten Ursprungsquelle der Bürokratie als Klasse bürokratisiert. In der Feudalepoche konnte jeder unternehmungslustige Mensch in irgendeinem Maße "Ritter" sein, vom König bis zum Pagen. In der bürgerlichen Gesellschaft haben alle in irgendeinem Maße "Bourgeois" sein können, von Rockefeller bis zum Zeitungsverkäufer oder Altpapiersammler (Mikrounternehmer!). In gleicher Weise können in der bürokratischen Gesellschaft alle Bürokraten sein, vom Präsidenten der Weltbank bis zum Aufseher eines Abendgymnasiums. Große und kleine Bürokraten, effiziente und ineffiziente, mächtige und bedeutungslose, geniale oder, allgemein, mittelmäßige, mit Macht ausgestattet, um das Leben vieler oder weniger zu stören, ersetzbar durch Computer oder unersetzbar.


Drei Quellen für die Bürokratie: der Techniker, der globale Manager, der endemische Bürokrat. Alle Aspekte der modernen Gesellschaft füllen sich mit den charakteristischen Zeichen der bürokratischen Art, zu managen.


Kleinlichkeit, Formalismus, Berufsneid, Verteidigung kleiner Garantien, die Stupidität dessen, was nur funktioniert, weil es funktionieren muss, chronische Ineffizienz bei der Arbeit und vertuschte Lügen im Produktionsbericht, Fahrlässigkeit und Unwahrheit überschwemmen das akademische, wissenschaftliche, staatliche, militärische und zivile Leben.


Aber fast nie auf katastrophale Weise. Die Beschaffenheit des Systems ist so, dass die Dinge im Allgemeinen funktionieren müssen: viele Menschen könnten ihren Arbeitsplatz verlieren, wenn das nicht so wäre. Die Folge ist nicht ein allgemeiner und verheerender Stillstand, sondern eher ein unorganisches, irrationales Kriechtempo, das dann und wann hier oder dort einsetzt: ein Atommeiler, der schmilzt, ein hochmoderner Kampfjet, der bei seinem ersten Kampfeinsatz abgeschossen wird, ein Raumteleskop, das nicht funktioniert. Große aber kurze Skandale, die, soweit alles funktioniert, schnell unter den Teppich gekehrt werden können.


Und dazu, das kleine Drama der alltäglichen Fahrlässigkeit und Ineffizienz: der Computer, der zu viel kassiert, die Straßen, die bei jedem Regen überflutet werden, die Erledigung, die sich in die Länge zieht, die abgeschaltete Ampel. Und weiter, das allgemeine Schmarotzertum: gefälschte Promotionen, die nur der Ausschmückung des Lebenslaufs dienen, Militärs, die nie in den Krieg ziehen (es sei denn, gegen das eigene Volk), oder die ihn zeitnah verlieren, Funktionäre, die die Arbeit anderer rechtfertigen, die als Rechtfertigung ihrer eigenen dient, Entwicklungshilfe, die in tausenden privater Taschen versickert.


Obwohl es wohl anders aussieht, versuche ich nicht, die bürokratische Gesellschaft schlechter dastehen zu lassen, als andere Klassengesellschaften. Ich könnte hier die menschenfeindlichen Bestialitäten aufzählen, die von der Bourgeoisie als freie Initiative bezeichnet werden, oder die ständigen Erniedrigungen der herrschaftlichen Systeme, oder den absoluten Despotismus des Sklavenhalter-Monarchen. Aber das ist nicht der entscheidende Punkt. Es geht vielmehr darum, zu zeigen, wie die bürokratische Gesellschaft von einer ihr eigenen Misere gekennzeichnet ist, die auf natürliche Weise aus der Form hervorgeht, wie sie ihre Herrschaft ausübt und reproduziert.


Ob eine Klassengesellschaft schlechter oder besser ist, als eine andere, ist keine subjektive Frage; sie kann es nicht sein, da selbst jene Gesellschaftsformen, die uns am abartigsten vorkommen, in der Lage gewesen sind, solche Ideologien hervorzubringen, die sie für ihre eigenen Teilnehmer verständlich und akzeptabel scheinen lassen. Nur im Lichte der Möglichkeit einer anderen Realität wird die erlebte Realität unerträglich. Um es irgendwie zu sagen: nur aus dem "Jenseits".


Die Bourgeoisie schuf das Gespenst einer finsteren, despotischen und irrationalen mittelalterlichen Gesellschaft. Ungeachtet der Tatsache, dass die Bourgeoisie einen Großteil ihrer eigenen Monstrositäten der Vergangenheit zugeschrieben hat (das typische Beispiel hierfür ist die Inquisition), gibt es gute Gründe dafür, dieser Darstellung zu misstrauen. (Ohne deswegen die Feudalepoche herauszuretten oder zu entschuldigen). Die Feudalepoche ist finster bezüglich der bürgerlichen Kultur, nicht in Bezug auf sie selbst. Sie ist irrational bezüglich der von der modernen Produktion eingeleiteten neuen Logik. Sie ist despotisch für den Bourgeois oder für den Leibeigenen aus bürgerlicher Sicht, aber sie ist es nicht in dem Maße für den Leibeigenen, so wie er sich selbst sieht.


Dasselbe Problem entsteht, wenn man die Vorzüge der bürgerlichen Gesellschaft mit denen der bürokratischen vergleicht, mit Ausnahme eines Aspekts: die bürokratische Gesellschaft erweist sich, wie die mittelalterliche, als totalitär in ihrem Anspruch auf universelle Harmonie. Die bürgerliche Gesellschaft stellt, im Gegenteil, ihren widersprüchlichen und katastrophalen Charakter schamlos zur Schau.


Unter diesem Vorbehalt, der sich zum Zeitpunkt einer subjektiven Betrachtung als kritisch erweist, können wir die Kritik des bürokratischen Protektionismus an der bürgerlichen Barbarei verstehen. Dies ist in der Praxis äußerst relevant, denn darin werden wir die reale Kritik einer Gesellschaftsformation an einer anderen vorfinden, das heißt, die Kritik des Bürgerlichen, die nicht ausgehend von Prinzipien oder Utopien angestellt wird, sondern ausgehend von der, ob freiwillig oder nicht, etablierten konkreten Situation.


Dies ist relevant, weil wir dann die Wirklichkeit der bürokratischen Herrschaft mit der von ihr ausgeübten Kritik vergleichen können, sowie mit unseren Utopien, das heißt, wir könne uns dann fragen, ob sie das, was sie zu überwinden vorgeben, auch tatsächlich überwinden und wie, ob sie das was sie zu erreichen vorgeben auch tatsächlich erreichen und wie. Und auch, andererseits, ob unsere eigenen Utopien wirklich mit dem repressiven Kontinuum brechen, oder ob sie lediglich populistische Erweiterungen der Kritik sind, die von der bürokratischen Kontrolle im Verlauf ihrer Klassenauseinandersetzungen an der Bourgeoisie geübt wird.


Vielleicht ist dieser Punkt besser verständlich, wenn wir die historische Analogie betrachten, die die Position der Arbeiterbewegung bezüglich der bürgerlichen Utopie betrifft. Praktisch gesehen, tut die Arbeiterbewegung nichts anderes, als sich die bürgerliche Utopie anzueignen, das heißt, sie fordert nicht anderes, als das, was die Bourgeoisie selbst anzustreben vorgibt und die Irrationalität und Spontaneität ihrer Praxis sie zu erreichen hindert. Indem sie so vorgeht, tut die Arbeiterbewegung nichts anderes, als sich in die Logik der bürgerlichen Herrschaft zu integrieren: all ihre Bestrebungen könnten im Grenzfall innerhalb desselben repressiven Kontinuums erfüllt werden, in dem Maße, in dem es rationalisiert wird, in dem es gezwungen wird, seiner eigenen Logik zu folgen. Die Arbeiter fordern mehr Konsum, für die Bourgeoisie ist die Erhöhung des Verbrauchs nichts anderes, als die Bestätigung ihrer eigenen Logik. Hierdurch lässt sich nicht nur die progressive Assimilation der Arbeiterbewegung in das etablierte System erklären, ihre progressive Assimilation unter die reformistische und parlamentaristische Politik, sondern auch ihr natürliches Bündnis mit der Bürokratenherrschaft. Ebenso wie die Bourgeoisie vor Zeiten die Bauern gegen die Großgrundbesitzer bewaffnete, ebenso wie sie diese unter ihren Utopien organisierte, so nimmt nun die Bürokratie, ob sie es weiß oder nicht, zugunsten der Interessen der Arbeiterbewegung Stellung und richtet sie unter ihren Idealen von Rationalität, Ordnung und Fortschritt aus.


An dem, was die bürokratische Gesellschaft an der bürgerlichen kritisiert, kann man die wirkliche Utopie erkennen, das heißt, jene Utopie, die sie effektiv beseelt, im Unterschied zu jener, die sie in ihrem Diskurs vorgibt. Davon ausgehend können wir die operierende Utopie konfrontieren, das heißt, den realen Diskurs und das Leben selbst, die reale Operation. Und wir werden andererseits auch unsere eigene reale Utopie konfrontieren können, unsere Vorgehensweise, die Anordnung und die Zielrichtung unserer konkreten Forderungen, um zu prüfen, ob wir wirklich auf ein Ende des Klassenkampfes abzielen, oder ob wir einfach zusätzliches Wasser auf die Mühlen der bürokratischen Herrschaft leiten, die auch ohne uns mit Sicherheit in der Lage sein wird, ihren eigenen Krieg zu gewinnen.


Diese Gegenüberstellungen können einen guten Ausgangspunkt für eine Kritik der neuen Macht darstellen und vor allem für eine Kritik des fehlenden Bewusstseins, mit dem unser Voluntarismus ihr entgegentritt.


Die bürokratische Gesellschaft ist jedoch die mächtigste und subtilste der Geschichte. Ihre umfassende und abstrakte Rationalität ist ihre Macht. Sie verfügt nicht nur über Armeen von Militärs, sondern außerdem über Armeen von Journalisten, Armeen von Psychologen, Armeen von Publizisten, die sie eisern im tiefsten Inneren des Alltagslebens stützen. Der Totalitarismus der wissenschaftlichen Vernunft, die überwältigende Macht des Hedonismus und der körperlichen Schmeichelei, die monströse Absurdität der Beherrschung und Verdummung aller durch alle, erreichen in ihr ihren Ausdruck vom Feinsten.


Die Macht der bürokratischen Gesellschaft erreicht ihren eigentlichsten und wirksamsten Ausdruck in ihrer technologischen Fähigkeit, die Diversität zu manipulieren, um so eine illusorische Diversität zu erzeugen, um eine interaktive Zentralisierung der Kontrolle beizubehalten, die die lokalen Unterschiede der verschiedenen verwalteten und beherrschten Sektoren in Rechnung stellt. Im Unterschied zur klassischen Herrschaft in der Industriegesellschaft, die die Herrschaft durch Homogenisierung, durch Nivellierung der Unterschiede, durch anwachsende Uniformierung der Produkte, der Verhaltensweisen, der Bestrebungen ausübte, kann die bürokratische Gesellschaft innerhalb und vermittels der Diversität herrschen. Durch sie werden die sozialen Akteure als reine, der Macht der globalen Verwaltung hilflos ausgelieferte Individuen versprengt, oder in standardisierte Subjektklassen, die den Herrschaftsmustern funktional entgegenkommen.


Angesichts dieser Macht wiederholt die oppositionelle Kritik erneut ihre klassische Entfremdung: sie vermag es nicht, den utopischen Horizont der Gesellschaft zu verlassen, die sie vernichten will. Als der Kapitalismus in der Lage war, Homogenisierung anzubieten, forderte die Volksbewegung just Gleichheit, einheitlichen Zugang zum Konsum, Massenprodukte, materielle Forderungen. Jetzt, da die fortgeschrittenen Industriegesellschaften über genügend technologische Kapazitäten verfügen, um die Diversität zu manipulieren, fordert die sich selbst für radikal haltende Kritik just die Anerkennung des Lokalen, des Andersartigen. Während die Kritik sich im Lokalen auflöst, ist die Macht immer noch eins. Eine, die die Versprengung zu manipulieren versteht.


Das traurige Spektakel der Entfremdung der verschiedenen Segmente der Volksbewegung im Verlauf des XX. Jahrhunderts muss uns eine tiefe Lehre sein. Die Abfolge wiederholt sich: Volksfront, revolutionärer Versuch, Konsenspolitik; liberaler Feminismus, radikaler Feminismus, Feminismus des Andersseins; modernisierende Theologie, Theologie der Befreiung, Theologie der Versöhnung; kritische Theorie, revolutionäre Theorie, kommunikative Rationalität; liberaler Ökologismus, radikaler Ökologismus, pragmatischer Ökologismus. Versöhnung, Anderssein, Konsens, kommunikative Rationalität, Pragmatismus, das sind heute einige der Namen des manipulierten Zerfalls, der neuen Szene der Entfremdung des kritischen Denkens.


Die Macht der Bürokratie entstammt (wie keine andere) nicht der Politik, sondern der Position, die sie als Klasse in der Arbeitsteilung einnimmt. Die Politik, in modernem Sinne als Bürgerübung, oder in einem beliebigen anderen Sinn, ist ein Raum, in dem eine bereits existierende Macht artikuliert wird (oder eine, die existieren will). Ausgehend von dieser Artikulation, bei der es sich übrigens nicht um die einzig mögliche handelt, konsolidieren die herrschenden Klassen die Macht, die sie von der materiellen Basis der gesellschaftlichen Verhältnisse aus aufgebaut haben, und üben sie formell aus. Der Raum der modernen Politik ist das Ergebnis, nicht der Ursprung, der modernen Gesellschaftsbeziehungen. Benötigt die Bürokratie diese Macht, um ihre Hegemonie durchzusetzen? Nein. Braucht sie diese, um sie zu konsolidieren, das heißt, um ihre Herrschaft zu legitimieren und formell auszuüben? Ja.


Im Grunde besteht hier die uralte Unterscheidung im gramscianischen Unterschied zwischen Hegemonie und Regierung. Gramsci war der Erste, der den Gedanken äußerte, eine herrschende Klasse könne hegemonisch sein, ohne bereits die Regierung der Gesellschaft inne zu haben. Bei der Konstruktion der modernen Hegemonien ist die Schlacht um den Raum der Politik im Allgemeinen die letzte gewesen, die offen ausgerufen und entschieden wurde. Abgesehen, naturgemäß, vom revolutionären Willen, dessen Charakter und Neuigkeit gerade darin bestehen, sich die Umkehrung dieses Prozesses vorzunehmen. Aber Eines ist, dass der revolutionäre Wille sich vorgenommen haben mag, das Gesellschaftliche, ausgehend von der Politik, bewusst zu gestalten, und etwas Anderes ist die Frage, ob es tatsächlich so geschehen ist. Ich behaupte, dieser Wille ist ständig von der Kraft der Effektivität übertroffen worden ist und aus dieser Erfolglosigkeit der Politik stammen zum großen Teil seine Entfremdungen.


Konkret vertrete ich die Auffassung, dass die Bürokratenmacht ihre Hegemonie ohne Wissen der bürgerlichen Politik aufgebaut hat, indem sie letztere langsam untergrub und in der Tat begann, sie vollkommen jeglichen Inhalts zu entleeren. Es gibt vielfältige Prozesse, die diese Hypothese stützen. Die erste davon ist die allgemeine Dekadenz der Vertretungsmechanismen. Die „Ernüchterung“ hinsichtlich der Demokratie, bei der es sich um nichts anderes handelt, als um die Erfahrung ihrer Wirkungslosigkeit. Der wachsende Klientelismus und die Mechanismen der Selbstverewigung der politischen Eliten. Die wachsende Manipuliertheit der Vertretungsfiktion. Der Konflikt zwischen Experten und Bürgern in allen wichtigen öffentlichen Entscheidungen. Aber darüber hinaus besteht der zweite in der Dekadenz der Bürgerschaft an sich. Die fortschreitenden Begrenzungen der Freiheit des Einzelnen. Der Zerfall und die Manipulation der Autonomie des Bewusstseins. Der Niedergang der Erfahrung der persönlichen Autonomie.


Wie jede andere moderne Herrschaft kann die bürokratische Diktatur in der Form einer Diktatur oder in der Form einer Demokratie ausgeübt werden. Die Erfahrung zeigt, dass diese zweite Möglichkeit wirksamer ist, um die Herrschaft zu konsolidieren, um sie in die Legitimität zu kleiden, die sie operativ werden lässt. Die Grundlage dieser Wirksamkeit besteht im klassischen Ideal der Moderne darin, dass ein gesellschaftlicher Konsens herrscht, der sie stützt. Im Fall der Bürokratie braucht dieser Konsens nicht real zu sein. Ihre Legitimität kann ausgehend von ihrer technologischen Fähigkeit artikuliert werden, auf fiktive Weise gesellschaftlichen Konsens herzustellen, durch tatsächliche politische Demobilisierung, durch die starke Fiktion eines gesellschaftlichen Dialogs, welche die Manipulation verhüllt, die ungleiche gegenseitige Abhängigkeit der politischen Akteure. Der gegenwärtige „Konsens“ zur Wirtschaftspolitik in Chile ist ein gutes Beispiel für etwas, das zu einer allgemeinen Erscheinung werden kann. Der „Konsens“, der anlässlich des Terrorismus aufgebaut werden kann, oder anlässlich der chronischen Ineffizienz des Sozialismus, sind weitere Beispiele. Das sind Fälle von „Konsens“, die eine tiefe politische Wirkung haben, aber die grundlegend weder im Bereich der Politik konstruiert wurden, noch sich auf ihn stützen.


b. Minimale Fragen und Einwände

Man könnte in diesem Zusammenhang fragen: Können sich die Politiker der Bürokratie widersetzen? Ich glaube, solch eine Frage ist grundsätzlich falsch. Die Politiker sind Teil der Bürokratie. Die Politik hat sich immer innerhalb des Spiels der Legitimierungen der Macht abgespielt. Wenn die Bürger dazu übergehen, mit oder ohne Organisation Politik für sich selbst zu betreiben, dann erscheinen sie einfach als Umstürzler.


Die Frage, ob die Bürger sich der Bürokratie widersetzen können, muss auf zwei sehr unterschiedlichen Ebenen beantwortet werden. Zuerst eine empirische Frage: Existieren die Bürger? Zweitens eine Sache des Willens: selbst wenn sie nicht existieren, sie müssen es. Nur ausgehend von dieser zweiten Prämisse kann die erste real werden. In der bürokratischen Gesellschaft muss das mögliche revolutionäre Subjekt konstruiert werden. Es existiert nicht auf natürliche Weise und tritt auch nicht spontan auf. In Wirklichkeit, wenn wir tiefere Überlegungen zu dieser Frage anstellen, kann ein revolutionäres Subjekt nie auf natürliche und schon gar nicht auf spontane Weise auftreten.


Entfaltet sich die Bürokratenherrschaft, ohne auf Widerstand zu stoßen? Ich bin der Ansicht, dass man sich, um ernsthaft zu antworten, im Allgemeinen nach der Art und Weise fragen muss, in der eine globale Lebensweise eine andere nach und nach ersetzt. Wenn die Analyse an der Oberfläche des Politischen innehält, denkt man als ob die Subjekte des Widerstands als konstituiere, autonome und bewusste Subjekte existieren würden. Meiner Meinung nach ist dies nur in einem sehr späten, fast terminalen Stadium der Fall, während des Prozesses der Konsolidierung einer neuen Macht.


Lebensweisen etablieren sich allgemein ohne Wissen des Einzelnen und selbst ihrer eigenen Akteure. Nur im Zyklus ihres Höhepunkts, wenn die Hegemonie Regierung zu werden trachtet, erscheint die ihnen zugehörige „Politik“. Die Bourgeoisie entwickelte ihre Hegemonie über einen Zeitraum von mindestens vierhundert Jahren bevor sie in der modernen Demokratie die ihr eigene politische Form fand und in den Industriearbeitern auf das Subjekt eines möglichen Widerstands.


Vor Beginn der Politik im eigentlichen Sinne des Wortes ist das, was man „Widerstand“ zu nennen pflegt, nicht anderes, als die dramatische Geschichte der Fragmentierung, des Sinnesverlusts, des Wahnsinns und der Kriminalität, der von der neuen Wirksamkeit überwältigten Gesellschaftskreise. Gelegentlich bewusst, gelegentlich gewalttätig, immer mit prekärer Organisation, ist dieser „Widerstand“ nur das Erleben des Todes des Überwundenen.


In der linken Kritik, vor allem auf dem Gebiet der Geschichte, findet man oft in dieser Beziehung eine kuriose mediävistische Nostalgie. Die Chroniken der unendlich vielen Episoden der Niederlage sind eins ums andere Mal mit exquisitem Detail beschrieben worden. Die Kommunen auf dem Land in England oder in den mittelalterlichen Städten, das Amerika des XVI. Jahrhunderts, die ständigen Niederlagen der abhängigen Gemeinschaften. Diese Vergangenheit von Solidarität und Kampf wird als pädagogisch wertvoll erachtet und es wird unweigerlich auf dessen Wiederauferstehung oder Reproduktion durch Analogie gewartet. Die Nostalgie kleidet die Chronik der Niederlage in das Gewand der „Politik“. Einmal mehr gegen allen gesunden Menschenverstand glaube ich, dass es sich hierbei um eine schlechte Nostalgie und eine schlechte Vorstellung von Politik handelt. Die einzige nützliche Nostalgie ist die, die sich der Zukunft zuwendet. Die in die Vergangenheit gerichtete Nostalgie ist schön, aber ihrem Ästhetizismus reicht es nicht zur Schönheit, die nur von realem Kampf verliehen werden kann, und ihr Hauch bringt dem Willen nur die versteckte Nachricht der Resignation.


Für eine nicht messianische Perspektive, die nicht ihre Kraft auf einer heldenhaften Vergangenheit schöpft, die wiederkehren sollte, ist ein anderer Widerstandsbegriff erforderlich. Es muss anerkannt werden, dass nur dann wirklich von Widerstand die Rede sein kann, wenn er aus dem Bewusstsein kommt, das heißt, wenn Widerstand leisten und für eine neue Welt eintreten zusammenfallen. Oder auch, wenn sich die politische Komponente des Widerstands gegen die existentielle Komponente durchgesetzt hat.


So gesehen, glaube ich, dass die Bürokratenherrschaft sich nach und nach durchgesetzt hat, ohne praktisch auf Widerstand zu stoßen. Die allgemeine Tendenz der kapitalistischen Wirtschaft zur Finanzspekulation und zum hochtechnologisch gesteuerten Kapital zeigen den geringen Widerstand der Bourgeoisie. Ebenso wie die feudale Grundbesitzer-Aristokratie ihre von der bürgerlichen Hegemonie unterworfene führende Stellung durch politische Pakte für gegenseitigen Beistand zu verlängern vermochte, so verlängert auch heute der bürgerlich-bürokratische Pakt die kapitalistische (Illusion einer) Regierung.


Sicherlich können wir erneut die unendlich vielen Chroniken des fragmentären Widerstands gegen die neue globale Industrialisierung nacherzählen, mit ihren Mustern von Integration und Marginalisierung und mit ihren unabänderlichen Niederlagen. Ich schlage vor, dass wir, statt in jedem dieser fragmentären Bereiche die messianische Gemeinschaft unserer Träume zu suchen, ernsthaft die Bedingungen untersuchen, unter denen der Wille in der Lage ist, ein revolutionäres Subjekt aufzubauen.


Zu dieser Frage kann ich mindestens folgendes sagen: wenn jemand die Revolution durchführen kann, dann sind dies die arbeitenden Menschen. Sie sind es konkret und auf materielle Weise, die in der Lage sind, die gesellschaftliche Arbeitsteilung zu beherrschen. Man muss zwischen Revolutionarismus und Revolution unterscheiden. Die Stadt kann nur von innen eingenommen werden. Von der Marginalisiertheit aus kann eine Revolution (immer weniger) angestoßen, aber nicht durchgeführt werden.


Eine etwas beängstigendere Frage ist, ob es in der Bürokratenherrschaft innere Widersprüche gibt, die ihr Ende herbeiführen können. Hier ist das Problem erneut die Tiefe, mit der wir die Frage angehen.


In einem wesentlichen Sinn hat sie, wie alles, Widersprüche, und diese werden ihr Ende herbeiführen. Dass eine Gesellschaftsformation überwunden wird bedeutet jedoch nicht unbedingt, dass sie sich in die verwandelt, die wir uns wünschen. Der Fall des Kapitalismus ist der offensichtlichste. Ich vertrete die Ansicht, dass die Überwindung des Kapitalismus in der Tat zu einer neuen Klassengesellschaft führt. Das muss nicht und musste nicht so sein. Die historische Notwendigkeit ist nicht deterministisch. Aber es ist eine Tatsache. Die Frage ist dann nicht, ob die bürokratische Gesellschaft überwunden werden wird (sie wird es), sondern ob wir sie in die Gesellschaft verwandeln können, die wir wollen.


Es lohnt sich, in dieser Beziehung daran zu erinnern, welche Art Situationen als Widersprüche des Kapitalismus eingestuft wurden. Einerseits jene struktureller Art: der tendenzielle Fall der Profitrate, die Tendenz zur monopolistischen Konzentration des Kapitals, die Tendenz zu zyklischen Überproduktionskrisen, die alle miteinander in Verbindung stehen. Andererseits jene politischen oder gar ethischen Charakters: die absolute und relative Verarmung, der Widerspruch zwischen der Interessen der Produktion und den Bedürfnissen des Konsums, die Fetischisierung der Ware und des Kapitals.


Heute ist augenfällig und kann als empirische Erkenntnis erachtet werden, dass keiner dieser Widersprüche von der kapitalistischen Gesellschaft zur kommunistischen geführt hat und auch nicht führen wird, wenngleich es sich um Mechanismen handelt, die am progressiven Aufbau der bürokratischen Hegemonie mitgewirkt haben. Es ist ebenso offensichtlich, dass der revolutionäre Wille nur ausgehend von diesen Widersprüchen ins Spiel gebracht werden konnte.


Es gibt in dieser Hinsicht in der leninistischen Tradition eine klassische Unterscheidung zwischen objektiven und subjektiven Bedingungen des revolutionären Bewusstseins. Ich schlage vor, die Termini dieser Unterscheidung mit dem Zweck zu ändern, die Macht der Effektivität über das Bewusstsein zu unterstreichen. Es ist besser, zwischen strukturellen und existenziellen Bedingungen des Willens zu unterscheiden. Selbstverständlich sind alle Bedingungen objektiv (auch die subjektiven). Was ich unterstreichen möchte ist, dass es der Wille ist, der ein Bewusstsein in revolutionäres Bewusstsein verwandelt.


Mit strukturellen Bedingungen des Willens bezeichne ich die Widersprüche, die ein System hat und unter denen es seinen Begriff nicht erreichen kann, sondern zu Ersatzformationen gezwungen wird und sich in die Lage versetzt, überwunden zu werden. Im Falle des Kapitalismus ist der Eingriff des Staats in den Konflikt zwischen Kapital und Arbeit klar eine Ersatzformation dort, wo die angebliche Transparenz und regulierende Wirksamkeit des Marktes einfach nicht funktioniert. In diesem Fall ist der wirkende strukturelle Widerspruch die Tendenz zum Ungleichgewicht, die aus dem hohen Grad an Planung der Produktion im Gegensatz zur Unkenntnis und Anarchie des Marktes resultiert.


Eine strukturelle Kritik der Bürokratenherrschaft würde es erfordern, Widersprüche dieser Art aufzufinden, nämlich solche, die ihre Durchsetzbarkeit innerlich in Frage stellen. Ich traue mich, mindestens Folgende vorzuschlagen. Die bürokratische Utopie erfordert vollständige Kenntnis der gesellschaftlichen Aktionen, ihrer Ursachen und möglichen Auswirkungen. Nur auf diese Weise könnte das Ideal der allgemeinen Regulierung ihren Begriff erreichen. Diese Erkenntnis wird jedoch von effektiven Eventualitäten stark in Mitleidenschaft gezogen. Dies hat zur Folge, dass die Bürokratie gezwungen ist, ihre Handlungen in Ausflüchten und Ersatzlegitimierungen forciert zu rationalisieren, mit denen sie die Bresche zwischen ihrem Wissen und der Realität zu schließen vermag. Aber dieser Rahmen eines substitutiven Wissens, dessen Funktion es ist, der Handlung (ideologische) Kohärenz zu verleihen, wendet sich just gegen den Anspruch, die Realität zu beherrschen, von dem aus er geschaffen wurde. Das bürokratische Management verwickelt sich auf diese Weise in eine Spirale von Illusionen und Selbsttäuschungen, die es verwundbar und zu Krisen geneigt werden lassen.


Es ist jedoch wichtig, zwei Punkte zu klären. Erstens, diese „zyklische Überinformationskrise“ ist von sich aus ebenso wenig wie die anderen klassischen Krisen in der Lage, das System zu stürzen. Aber sie machen es verwundbar, vor allem gegenüber jenen, die die Zerstörung des Informationsüberschusses demokratisch kontrollieren und ihn von der Realität unterscheiden könnten.


Zweitens, wenn ich von effektiven Eventualitäten spreche, beziehe ich mich nicht auf unkontrollierbare Zufälle oder irgendeine Freiheitsmystik. Insbesondere weil in der bürokratischen Gesellschaft die Illusion von Freiheit und Autonomie stark manipuliert ist und reformistische Trugbilder aller Art erzeugt und weiter erzeugen wird. Ich beziehe mich einfach auf die Tatsache, dass die bürokratische Gesellschaft sich auf einem realen chaotischen historischen Terrain installiert, das sie unter großem Aufwand wird „zivilisieren“ müssen, um die von ihr erforderte informationelle Klarheit zu erlangen, ein Terrain, das außerdem von sich aus Effekte der Überinformation und informationellen Entfremdung produziert. Es ist in diesem Zusammenhang nützlich, an die Verzerrungen zu erinnern, die die reale Installation des kapitalistischen Marktes in einer historischen Welt voller Unterschiede und Ungleichmäßigkeiten für seine Artikulation bedeutete. Oder, um es kurz zu sagen, daran zu erinnern, dass der kapitalistische Markt niemals transparent gewesen ist und dass der liberale freie Umlauf immer nur als Modell, auf dem Papier, existent gewesen ist.


Aber selbst wenn die strukturellen Bedingungen die Grundlage bilden, sind es nur die existenziellen Bedingungen, die den Willen in Bewegung setzen können.


Als existenzielle Bedingungen des Willens bezeichne ich jene Bedingungen, die der konkreten Lebenssituation der Individuen oder kleiner Kerne der gesellschaftlichen Subjektivität entstammen. Im Kapitalismus sind die Armut und die vielfältigen Folgen der Hintansetzung die wesentlichen Bedingungen. Und unter den Bourgeois, die Sinnlosigkeit und der Mangel an authentisch menschlicher Anerkennung. Ich schlage andeutungsweise vor, dass unter den Integrierten in der bürokratischen Gesellschaft die wichtigste Bedingung, die den revolutionären Willen anzustoßen in der Lage ist, in der allgemeinen Mittelmäßigkeit des Lebens besteht. Und unter den Marginalisierten, die Erfahrung der permanenten Täuschung der manipulierten Diversität.


Ebenso wie in der bürgerlichen Gesellschaft ein Widerspruch zwischen Bereicherung und Verarmung besteht, gibt es in der bürokratischen Gesellschaft, die mit hohem Konsumniveau und radikaler Marginalisierung funktioniert, einen Widerspruch zwischen dem vom Konsum versprochenen utopischen Inhalt und der allgemeinen frustrierenden Erfahrung, die unter den Marginalisierten radikal ist und unter den Integrierten nicht offen ausgesprochen, in beiden Fällen aber manipuliert.


Ebenso wie in der bürgerlichen Gesellschaft die Philantropie einen Bereich anbot, in dem man einen Teil der auf sich geladenen Schuld durch eigennützige Mildherzigkeit wiedergutmachen konnte, so bieten in der bürokratischen Gesellschaft die vom Showbusiness geförderte und gesteuerte Gewalt und Verschwendung einen Bereich zur Linderung der allgemeinen Frustration. Ebenso wie die Philanthropie eine eigennützige Güte darstellt, so handelt es sich in der postmodernen Gesellschaft um eine mittelmäßige Gewalttätigkeit, die die Welt nicht verändert, die nicht in großem Maßstab zerstört, die aber eine mikroskopische, schnell erreichte, kurzlebige, aber effiziente Fiktion von Allmacht und Autonomie ermöglicht, eine leere Gewalt.


Ich bin der Auffassung, dass man in dieser Art von Problemen nach einer neuen Entfremdungstheorie suchen muss, die Marx' klassische Theorie erweitert und ergänzt und als Grundlage einer möglichen Politik dienen kann. Ich glaube, in dieser Theorie sollte die Fetischisierung der Subjektivität eine ebenso zentrale Rolle spielen, wie bisher der Warenfetischismus.


Wird die bürokratische Herrschaft unvermeidlich das neue revolutionäre Subjekt erzeugen? Nein. Auch der Kapitalismus erzeugte es nicht. Eines ist die Frage, ob strukturelle und existenzielle Bedingungen für die Konstituierung eines revolutionären Subjekts vorliegen, eine ganz andere ist, dass diese Bedingungen auf das Bewusstsein treffen. Ein revolutionäres Subjekt ist nicht gegeben, es wird geschaffen. Es kann nur aus einer Anstrengung des Willens und des Bewusstseins entstehen. Eine Anstrengung, in welcher Hinsicht? Hinsichtlich unserer eigenen Produktion, die uns gegenüber nur deswegen als „gegeben“ dasteht, weil wir sie nicht beherrschen.


In diesem Sinne ist es angebracht, zu präzisieren, was wir unter revolutionär verstehen sollten. Marx' Aussage ist bekannt, der zufolge „die Bourgeoisie ... in der Geschichte eine höchst revolutionäre Rolle gespielt [hat]“. Das Wesentliche an der Idee von Revolution ist nicht, dass es eine radikale Veränderung gibt (es muss sie geben), oder politische Gewaltanwendung (es könnte auch keine geben), sondern dass das, was von dieser radikalen Veränderung betroffen ist, die Art und Weise ist, das Leben gesellschaftlich zu produzieren. Und dies ist eigentlich das, was „Gewalt“ genannt werden sollte, mit oder ohne „Erstürmung des Winterpalasts“.


Zusätzlich zur Unterscheidung zwischen Revolutionarismus und Revolution ist es notwendig, zwischen struktureller Revolution (in der Welt der Produktion) und politischer Revolution zu unterscheiden. In gramscianischen Begriffen liegt der Unterschied zwischen dem, was auf der Ebene des Aufbaus von Hegemonie geschieht, und dem, was auf der Ebene der Regierung vor sich geht.


Eine revolutionistische soziale Eskalation ist in der Lage, Regierungen zu stürzen, aber sie ändert nichts Wesentliches an den hegemonischen Beziehungen, das heißt, sie verändert nicht die Welt der gesellschaftlichen Produktion, so sehr sie dazu dienen kann, diesen Wandel zu initiieren. Ein klarer Fall dieser Art ist das Verhältnis zwischen der Revolution von 1910 – 1920 und der Konsolidierung des abhängigen Kapitalismus in Mexiko.


Eine strukturelle Revolution (an sich) ist jene, die grundlegend die Produktionsweise betrifft und von ihr aus die Veränderungen in der juristischen und politischen Sphäre auslöst. Dies ist klar der Fall des Kapitalismus oder des gramscianischen Übergangs von der Hegemonie zur Regierung. Meiner Meinung nach ist dies auch der Fall der stalinistischen Revolution zwischen 1928 und 1938.


Eine politische Revolution (an und für sich) muss beide Prozesse, den politischen und den strukturellen, ausgehend von der Ausübung des bewussten Willens auslösen. Dies war der (gescheiterte) Traum der bolschewistischen Revolution zwischen 1917 und 1927. Und dies ist, denke ich, der Begriff einer kommunistischen Revolution, an den Marx dachte.


Ist der Durchbruch der bürokratischen Hegemonie mit Gewalt verbunden oder nicht? Ist das Ende der Ära der modernen Revolutionen gekommen?


Die Konstituierung der bürokratischen Hegemonie ist, wie zuvor die der bürgerlichen Hegemonie, extrem gewalttätig, einschließlich physischer Gewalt, und wird es weiterhin bleiben. Eine andere Frage ist, ob sich diese Gewalt als politische Gewaltanwendung äußert oder nicht. Die radikalen in England im XVIII. und XIX. Jahrhundert stattgefundenen Veränderungen sind Beispiel der bürgerlichen Entwicklung, die Geschehnisse in Japan seit 1868 sind hierfür ein Beispiel im Fall der Bürokratie.


In diesem Sinne glaube ich, dass ein Gutteil der marxistischen Tradition im Spiegelbild der französischen und der russischen Revolutionen gelebt hat und weiterhin lebt. Man erwartet, auf fast messianische Weise, eine „Erstürmung der Bastille“ oder einen „Sturm auf den Winterpalast“. Ein genaues Datum und ein genauer Ort werden geehrt: der 26. Juli, der Platz der Revolution, usw.


Ungeachtet der Tatsache, dass ich für solche heiligen Mythologien großen Respekt uns Zuneigung empfinde, ist es wahr, dass die Realität sehr viel banaler ist. Und auch berührender, tiefer, dichter, voller Inhalt. Die einzige wirklich erfolgreiche russische Revolution ist die Stalins, nicht die Lenins. Die Wahrheit über die französische Revolution sind weder die Jakobiner, noch der Terror, sondern die Konsolidierung des Kapitalismus. England brauchte nichts weiter als den Kopf eines Königs, Japan nichts weiter als die Ablösung einer Dynastie, damit ihre politischen Prozesse sich der tiefen Revolution anglichen, die ausgehend von der Welt der Arbeit erfolgt war. Die USA benötigte nicht mehr, als die progressive Idiotisierung seiner Bürger, um von der kapitalistischen Hegemonie zur Bürokratenherrschaft überzugehen.


Ist das Ende der Ära der modernen Revolutionen gekommen? Nein. Was zu einem Ende kommen muss ist die Illusion, ein Putsch gegen die Regierung sei bereits eine Revolution. Der revolutionäre Wille muss sich der strukturellen Revolution bemächtigen und sie in eine politische Revolution verwandeln.


Eine andere Frage ist, ob die Bürokratie beim Aufbau ihrer Hegemonie in der Form eines emanzipatorischen Ideals an die Interessen der gesamten Menschheit appelliert. Ich glaube, sie tut dies tatsächlich. In dieser Hinsicht bin ich der Auffassung, dass der ökologische Zynismus der großen Konzerne für die bürokratische Ideologie repräsentativer ist, als der nihilistische Opportunismus der postmodernen Philosophen. Letzterer dient nur dazu, mit den Idealen der Moderne aufzuräumen, ersterer dient stattdessen für den Aufbau. Maturana und Flores sind nützlicher, als Derrida und Boudrillard.


Man muss jedoch verstehen, dass dieses emanzipatorische Ideal neuen Typs, dieses Vorhaben, "das Projekt der Aufklärung zu vollenden", nicht unter den klassischen Schlüsseln des Reduktionismus und der Homogenisierung operiert, sondern unter den Fahnen der Diversität und des diskursiven Pluralismus. Dies ist außerordentlich wichtig, denn wenn man diese Rationalisierung der neuen Herrschaft kritisieren will, ist es nicht das Wichtigste, für sie von Neuem ein Reduktionsprinzip zu finden, oder ein nivellierendes Ethos, sondern umgekehrt, gerade nach den Schlüsseln zu suchen, von denen aus es ihr unmöglich gemacht wird, sich als Macht auf die Diversität zu stützen.


Dies ist ein Punkt, an dem sich die Kritik der postmodernen Linken gewaltig irrt. Sie versuchen weiter, die postmoderne Macht so zu kritisieren, als ob es sich um eine moderne, lediglich aufgeklärte Macht handeln würde. An dieser Stelle ist es, wo meiner Meinung nach solche Ideen, wie die der repressiven Toleranz, der Manipulierung der Diversität, der ungleichen gegenseitigen Abhängigkeit, der informationellen Entfremdung, nützlicher sein können, als die ewige Dekonstruktion einer Vernunft, die nicht mehr als Eine erscheint (obwohl sie es sein mag) und sich ihrer Diversität brüstet.


Von wo aus wird die Diversität manipuliert, wenn es nicht vom Staat aus ist? Das mit dem vorigen zusammenhängende Problem ist hier die Rolle der Politik im Rahmen der Legitimierung der Bürokratie. Ich habe die Auffassung vertreten, dass die Klassenherrschaft nicht in der Politik ihren Ursprung hat und sich ohne diese entwickeln kann. Bedeutet dies, dass die Politik zum Verschwinden bestimmt ist? Ich glaube, dieses Problem insgesamt muss historisiert werden. Wird die moderne Politik zum Aussterben tendieren? Ja. Wird die Politik verschwinden? Nein.


Einerseits ist es wahr, dass der Staat eine wichtige Rolle bei der Entwicklung der bürokratischen Hegemonie gespielt hat. Und er hat diese Rolle gerade deswegen in dem Maße spielen können, wie er auch das Zentrum der bürgerlichen Politik gewesen ist. Aber in einer Gesellschaft, die imstande ist, die Diversität zu manipulieren, bräuchte dies nicht unbedingt weiter so zu sein. Ich glaube, die Politik im liberalen Stil wird noch geraume Zeit weiter existieren, wenngleich sie fortschreitend ihren Inhalt und ihre Macht verlieren wird. Oder um es härter auszudrücken, sie wird zunehmend zu einem weiteren Teil des Showbusiness werden.


Wenn wir uns dann also fragen, von wo aus die Manipulation erfolgt, müssen wir die Antwort eher in den transnationalen Konzernen und in der übernationalen Organen der globalen Regulierung suchen, anstatt in der formellen Politik. Die Politiker bestimmen in immer geringerem Maße. Die Legitimität der Macht hängt immer weniger von ihnen ab, es sei denn, was ihre dekorative Funktion betrifft, wie in den "großen westlichen Demokratien".


Auch wenn dies die Tatsachen sind, bedeutet dies natürlich nicht, dass dies wünschenswert wäre. Weit von einer minimalistischen oder instrumentalistischen Konzeption der Politik entfernt, schlage ich im genauen Gegenteil vor, die Tugenden der liberalen politischen Utopie zurückzugewinnen... und über sie hinauszugehen, in Richtung Humanisierung und Selbstbewusstsein.


Andererseits, jedoch, muss die Frage selbst analysiert werden. Von wo aus wird manipuliert? Ich glaube, diese Frage enthält etwas grundsätzlich Falsches. Um zu verstehen, warum, könnte man eine andere analoge Frage stellen: Von wo aus findet sich die Bourgeoisie auf dem Markt ein? Diese Frage erscheint seltsam, aber dies ist doch die analoge Frage. Das Problem ist, das wir gewohnt sind, zu denken, Bürokraten gäbe es an eine einzigen Ort, im Staat. Dagegen wissen wir ohne Weiteres, dass es Bourgeois an vielen Stellen gibt, sagen wir, in jedem Industriebetrieb oder jeder Bank. Dies ist jedoch aus zwei grundlegenden Gründen eine schlechte Angewohnheit. Erstens, weil hier dir Funktion mit dem Ort verwechselt wird. Zweitens, weil der relevanteste Teil der bürokratischen Hegemonie nicht notwendigerweise in Staat zu finden ist, selbst wenn es sich hierbei um einen historisch realen Fall handelt.


Selbstverständlich gibt es Orte, von denen aus die Regulierung stattfindet, die ich, wertemäßig gesehen, als Manipulation bezeichne. Wie weiter oben behauptet, findet diese vor allem innerhalb der großen transnationalen Konzerne statt. Aber dies ist nicht die wesentliche Frage. Das Relevante ist, dass die Regulierung die bürokratische Funktion par excellence darstellt.


Vielleicht sollte man einen letzten Aspekt dieses Problems ausdrücklich hinterfragen. Wird etwa ausgehend von den Nationalstaaten manipuliert? Immer weniger. Ich bin der Auffassung, dass die Realität der Nationalstaaten sich in vollem Niedergang befindet, ebenso wie die liberale Demokratie und die Autonomie des Individuums. Der Nationalismus, der sich im Aufschwung zu befinden scheint, ist nichts anderes, als Nostalgie der Vergangenheit, die die realen Globalisierungsprozesse verschleiert. Die Sowjetunion und Jugoslawien teilen sich auf... um kolonisiert zu werden. Europäische Gemeinschaft und Nafta integrieren sich... um die innere Kolonisierung zu verbessern. Ob Trennung oder Vereinigung, die Globalisierung ist der wirkliche Inhalt.


Ist der Staat ein Epiphänomen der Aktivität der Bürokraten? Nein. Der Staat ist eine Aufgabe mehr, im Rahmen dieser Tätigkeit. Aber selbst wenn es sich nur um ein Epiphänomen handeln würde, sehe ich nicht ein, warum das als Einwand zu gelten hätte. Und wenn er es wirklich wäre, dann was? Wäre dann die Realität einem Irrtum anheim gefallen? Ist dies ein Reduktionismus der Politik? Der modernen Politik, ja, der bürokratischen "Politik", nein.


Leitet sich die Theorie der Bürokratenherrschaft aus einer linearen Vorstellung der modernen Entwicklung ab? Nein. Die Metapher der linearen Entwicklung, vom Zentrum hin zur Peripherie, wurde bereits im Verlauf der Diskussionen zu den Abhängigkeitstheorien überwunden. Die Moderne ist, von Anfang an und ungeachtet der Zufälle ihrer Ausdehnung, ein globales Phänomen. Es gibt keine mehr oder weniger entwickelten Länder. Es gibt Länder, die ihre Entwicklung im Einklang mit und aufgrund der Tatsache entwickelt haben, dass es Länder gibt, die ihre Unterentwicklung entwickelt haben. Die Theorie der Bürokratenherrschaft ist eine globale Theorie, deren Zweck es ist, einen globalen historischen Moment zu erklären. Der Unterschied zwischen Entwicklung und Marginalisierung ist kein geographischer Unterschied, er geht quer durch jedes Land, jede Stadt, jede Tätigkeit, durchzieht den gesamten Planeten.


Bereits Weber hätte als definitorische Eigenschaft des modernen Kapitalismus die Anwendung des theoretischen Wissens auf die Produktionstechnik genannt. Bedeutet dies ein Dementi der Theorien, die ihre Gültigkeit auf der Neuheit dieser Tatsache gründen? Trotzdem die mögliche "Neuheit" dieser Tatsache mich ziemlich wenig interessiert, ist es mir doch wichtig, folgenden Unterschied bezüglich Weber anzuführen. Während er behauptet, die Anwendung der theoretischen Erkenntnisse auf die Produktionstechnik sei ein Charakteristikum der Moderne, vertrete ich die Ansicht, dass das Charakteristische der Postmoderne vielmehr die Legitimierung der Produktionstechnik durch theoretische "Erkenntnis" ist.


An diesem Punkt treffen die erkenntnistheoretische Überlegung zum Verhältnis zwischen Wissen und Macht mit der politischen Überlegung zur Bürokratenherrschaft aufeinander. Aus der Ersteren und einmal mehr im Widerspruch zum gesunden Menschenverstand ist es meiner Meinung nach möglich, die allgemeine Idee zu schöpfen, dass das Wissen nichts anderes ist, als der Diskurs der Macht. Ich werde es ausdrücklicher sagen: es ist nicht so, dass wir in der Besitz von Macht kommen, weil wir etwas über die Realität wissen, sondern weil wir Macht haben sagen wir, wir wüssten etwas. Der Diskurs, der Wissen genannt wird, artikuliert die Macht, weder erzeugt er sie, noch macht er sie möglich. Aus der zweiten, der politischen Überlegung, kann man meines Erachtens behaupten, dass diese allgemeine Beziehung erst unter der bürokratischen Herrschaft historisch real und effektiv, ausdrücklich und sichtbar wird.


Auch ist schließlich allgemeine Kritik an der Klassenanalyse geübt worden, die an der Basis einer Theorisierung dieser Art liegt. Die Klassenanalyse, die die Burokratenmacht als neuen Herrschaft postuliert, sei (a) eine einfache Analogie; (b) abstrakt; (c) unwirksam; (d) reduktionistisch.


Es ist wichtig, trotz aller im Rahmen der herrschenden intellektuellen Moden angenommenen mentalen Gewohnheiten zu erkennen, dass diese vier Kritiken voneinander unabhängig sind, dass sie nicht auseinander folgen müssen und dass sie keinerlei Beweiskraft besitzen, so beeindruckend sie auch scheinen mögen.


Selbstverständlich sagt die Tatsache, dass eine Hypothese durch (einfachen oder komplizierten) Analogieschluss aufgestellt wird, überhaupt nichts zu deren möglicher Wahrheit, Zweckmäßigkeit oder Adäquatheit aus. Selbst wenn eine Analogie zu einem falschen Referenten aufgebaut wird, muss das Resultat nicht unbedingt falsch sein, denn die Analogiepunkte, die für die erste Situation ungeeignet waren, müssen es für die zweite nicht auch sein.


Ebenso kann das Wort "abstrakt" an sich schwerlich eine Kritik darstellen, es sei denn, es wird ausdrücklich als Adjektiv verwendet (en welchem Fall es dies auch nicht ist). Die Allgemeine Relativitätstheorie oder die neoklassischen Wirtschaftstheorien sind hochgradig abstrakt und niemandem würde der Gedanke kommen, zu sagen, das sei ihr Mangel. Sicherlich sagt der Abstraktionsgrad nichts über ihre Operativität aus, wie die Präzisen Experimente beweisen, die sich aus der Relativitätstheorie ableiten, oder die scharf definierte Wirtschaftspolitik, die aus den neoklassischen Wirtschaftstheorien folgen. Es gibt keinerlei logische Verbindung zwischen Abstraktheit und Operativität. Es sei denn, man versteht unter Abstraktion schlicht die Weigerung, die möglichen Konsequenzen einer abstrakten Theorie zu entwickeln.


Nicht einmal die Aussage, eine Theorie sei "unwirksam", kann ein wirklich ernsthafter Einwand hinsichtlich ihrer Wahrheit, Adäquatheit oder Zweckmäßigkeit sein. Es sei den, selbstverständlich, man definiert den Wahrheitscharakter über die Wirksamkeit, eine Epistemologie, die schon geraume Zeit als verdächtig gilt. Unter Umständen ist die Beschwerde viel einfacher und vielleicht wird von uns nur allgemein gefordert, dass aus der Theorie Konsequenzen folgen, die in der Praxis umgesetzt werden können und die Realität irgendwie verändern. Aber wenn es darum geht, kann man gerade nicht behaupten, die Klassentheorie sei "unwirksam", selbst nicht in ihrer reduktionistischen Version. Dass aus ihr "Operationen" abgeleitet wurden, die uns nicht gefallen, oder die wir für gescheitert halten, bedeutet keineswegs, sie seinen nicht wirksam gewesen.


Und der Reduktionismus braucht schließlich für sich selbst kein Mangel zu sein, es sei denn, es wird spezifiziert, welche schädlichen Wirkungen es sind, die ihn unzweckmäßig werden lassen. Die Wahrheit ist, dass es äußerst schwierig wäre, eine nicht reduktionistische wissenschaftliche Theorie zu finden oder gar zu formulieren, es sei den, natürlich, man versteht darunter die einfache chaotische, hierarchielose Aufzählung von Faktoren, die tatsächlich, mit Sicherheit, äußerst wenig wirksam wäre.


Die von mir vorgeschlagene Theorie der Bürokratenherrschaft ist per Analogie konstruiert worden, aber nicht ausgehen von einem Klassenreduktionismus, und wenngleich sie mit der Praxis kontrastiert werden muss, brauch sie nicht unbedingt "wirksam" zu sein, und obwohl sie abstrakt sein mag (ich behaupte, sie ist es) oder reduktionistisch (ich behaupte, sie ist es nicht), sagt das nicht darüber aus, ob sie mehr oder weniger nützlich ist, oder wahr, oder zweckmäßig.


Alle diese Fragen führen uns zum theoretischen Problem, welche Formulierung des Marxismus wir als Grundlage dafür verwenden, die bisher aufgeführten diagnostischen Thesen glaubhaft zu untermauern. Oder, um diesen Punkt noch mehr zu unterstreichen, welche glaubhafte Formulierung des Marxismus die in diesen Antworten implizit vorhandene Politik glaubhaft macht.


Diesem Grundlagenproblem widme ich das nächste Kapitel, um danach erneut zur möglichen Polemik zurückzukommen, die aus dieser Position hervorgeht.